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Sucht bekämpfen: Ana will mit ihrer Geschichte anderen betroffenen Familien Mut machen, sich Hilfe zu suchen.
Aus Regionaljournal Basel Baselland vom 24.02.2021.
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Suchtgefahr wegen Corona «Ich habe Angst, dass mein Mann wieder zu harten Drogen greift»

In der Pandemie betäuben sich suchtgefährdete Menschen häufiger mit Drogen. Eine Betroffene erzählt von ihren Sorgen.

Im ersten Moment klingt die Geschichte von Ana und ihrem Mann wie eine Märchenbeziehung. Mit 16 haben sie sich in der Schule kennengelernt und ineinander verliebt. Unterdessen sind sie seit über 20 Jahren verheiratet, haben zwei kleine Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Die Familie lebt in einem Vorort von Basel.

Es war nicht immer nur schön, aber wir haben uns füreinander entschieden.

«Wir kennen uns schon unglaublich lange und haben viel zusammen erlebt», erzählt Ana. «Es war nicht immer nur schön, aber wir haben uns füreinander entschieden.» Ana ist modisch gekleidet, trägt einen eleganten Wintermantel, dazu einen Hut. Die 42-Jährige wirkt aufgestellt und redet offen über ihre Geschichte.

Pandemie verstärkt Suchtgefahr

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Pandemie verstärkt Suchtgefahr
Legende: Keystone

Untersuchungen von Sucht Schweiz zeigen, dass die Pandemie Auswirkungen auf das Suchtverhalten hat. Besonders gefährdet seien Menschen, die zuvor schon Mühe hatten, ihr Verhalten zu kontrollieren.

Deutlich mehr Anfragen bei Beratungsstellen

Wegen Corona fallen viele Strukturen weg, die Freizeitaktivitäten sind enorm eingeschränkt. Schnell ist der regelmässige Griff zur Flasche oder dem Joint passiert. Im Corona-Winter haben sich so zum Beispiel die Anfragen bei der Basler Suchthilfe – im Vergleich zu einem «normalen» Winter – beinahe verdoppelt.

Schätzungsweise 250'000 Menschen sind in der Schweiz laut Sucht Schweiz alkoholabhängig.

In Wirklichkeit heisst sie aber nicht Ana. Sie möchte anonym bleiben. Auch, weil ihr Leben oft alles andere war als wie in einem Märchen. Mit ihrer Geschichte will Ana anderen betroffenen Familien Mut machen, sich Hilfe zu suchen. Sie ist darum bereit, offen von ihrer Situation zu berichten.

Er hat wirklich alles genommen. Kokain, Heroin, einfach alles.

Zusammen mit ihrem Mann ist Ana nach den Balkankriegen in die Schweiz gekommen. Das war in den 1990er-Jahren. Sie haben sich eine neue Existenz aufgebaut und immer gearbeitet, wie Ana betont. Doch irgendwann, nachdem sie ihre Heimat verlassen hatten, verfiel ihr Mann den Drogen. «Er hat wirklich alles genommen. Kokain, Heroin, einfach alles.»

Sie hätten aber immer zusammengehalten und gegen die Sucht gekämpft. Dank mehrerer Therapien sei ihr Mann von den Drogen weggekommen. Und während der letzten elf Jahre sei er auch clean gewesen, sagt Ana. Ihre Augen leuchten, wenn sie von den beiden Kindern und den Erfolgen bei der Arbeit erzählt. «Es ist sehr gut gelaufen. Bis Corona gekommen ist.»

Der Schock kam im Sommer, nach dem ersten Shutdown. Ana habe zu Hause Zigaretten gefunden und ihren Mann zur Rede gestellt. Ab und zu trinke er Bier und rauche Zigaretten, war die Antwort. «Ich war extrem wütend und enttäuscht. In diesem Moment habe ich das Vertrauen verloren.» Ein Vertrauen, dass sie sich zusammen mit ihrem Mann mit viel Durchhaltevermögen aufgebaut hatte.

Fehlende Strukturen und traumatische Erinnerungen

Ana betont, dass ihr Mann nie zu Hause konsumiere. Die Kinder würden nichts mitbekommen und der Alltag funktioniere. Ihr Mann würde sich auch nie beklagen. Trotzdem plagen Ana Sorgen: «Ich habe Angst, dass er auch wieder zu schweren Drogen greift.»

In diesem Moment habe ich das Vertrauen verloren.

Wieso ihr Mann nach der langen Abstinenz zu Tabak und Alkohol griff, ist Ana nicht ganz klar. Sie glaubt, dass es wegen Corona ist. Die Pandemie sei fordernd gewesen. Ihrem Mann wurde vorübergehend Kurzarbeit verordnet. Die Kinder waren immer zu Hause. Und weil die Fitnesscenter zu bleiben, könne ihr Mann keinen Sport mehr treiben.

«Ich bin sicher, dass ihn die Situation belastet. Wie alle sucht er auch nach einem Ausweg, einer Ablenkung.» Er wolle aber nicht darüber reden. «Ich habe meinen Mann noch nie weinen sehen. Er behält die Emotionen für sich», sagt Ana und betont, dass ihr aber trotzdem klar sei, was ihn beschäftigt. Denn für das Ehepaar sei Corona weit mehr als eine unangenehme Pandemie.

Hilfe bei Suchtproblemen

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Sucht Schweiz, Link öffnet in einem neuen Fenster ruft dazu auf, sich in der aktuell sehr belasteten Situation Rat zu holen und Hilfe zu beanspruchen, wenn man die Kontrolle über seinen Konsum verloren hat.

  • Gratisnummer: 0800 104 104 (Dienstag bis Donnerstag 9:00 bis 12:00)
  • Email:praevention@suchtschweiz.ch

Denn mit der Pandemie seien auch alte, längst vergessen geglaubte Erinnerungen wieder hochgekommen, berichtet Ana. Die Bilder von geschlossenen Grenzen, Hamsterkäufen und Menschen, die sich zu Hause verschanzten, hätten sie an ihre Jugend erinnert. An die Zeit, als der Krieg das Paar aus der jugendlichen Idylle gerissen hatte.

«Eine Kämpferin lässt sich nicht unterkriegen»

«Das war schwierig», sagt Ana und meint, dass sie nicht weiter darauf eingehen wolle. Auch, weil ihr Mann nicht mehr über die Zeit reden möchte. Trotz der Sorgen will sich Ana ihre Zuversicht nicht nehmen lassen: «Entweder man kämpft und geht weiter oder man bleibt sitzen. Ich bin eine Kämpferin.»

Regionaljournal Basel, 18.02.2021, 17:30 Uhr

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Katica Öri  (Katiöri)
    COVID ist keine Ursache für mehr Gewalt, Drogen usw. Die Ursachen sind schon vorher vorhanden. Leider werden solche Menschen zu lange ihm Schutz genommen und deshalb finden sie immer wieder eine Ausrede wieso sie das Problem nicht deutlich angehen. Eine Ultimatum jedoch konsequent durchgesetzt wäre einen ersten Schritt. Jedoch halten sich fast keine daran, somit bleiben die Probleme vorhanden.
  • Kommentar von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
    Das Problem ist eigentlich das geschlossene Fitnesscenter. Die Frau sollte ihrem Mann ein Fitnessprogramm, das in der Natur, auch bei Dunkelheit, absolviert werden kann, zusammenstellen.
    1. Antwort von Felix Raschle  (Der Unglückliche)
      Habe ich schon lange, es nennt sich Stirnlampe!
    2. Antwort von Freija Fahrni  (FFahrni)
      Es gibt viele tolle andere Möglichkeiten, sich draussen zu Bewegen... anstelle des Indoor-Fitnessprogramms....Sparringpartner/innen können helfen, dass es im Kalender ein fixer „Sport-Termin“ bleibt... und man nicht bei den kleinsten Widrigkeiten des Wetters oder der Faulheit halber nicht „spörtlen“ geht :)