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Krebsmedikamente: Wenn der Preis grösser als der Nutzen ist
Aus Rundschau vom 20.11.2019.
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Teurer Preis – geringe Wirkung Studie zeigt Missstand bei Krebsmedikamenten

  • Die Professorin Kerstin Noëlle Vokinger zeigt in ihrer Studie, dass zwischen dem Preis und dem Nutzen von Krebsmedikamenten fast nie ein Zusammenhang besteht.
  • Vokinger fordert, dass der Preis zum Wohle der Patienten und Prämienzahler den Nutzen besser widerspiegeln müsse.
  • Der Verband Interpharma kritisiert das aktuelle Preisfestsetzungs-System. Es berücksichtige den Nutzen nur beschränkt.
  • Klare Worte dagegen vom Bundesamt für Gesundheit: Die Preise von Krebsmedikamenten seien grundsätzlich zu hoch.

Die Professorin der Schnittstelle Recht und Medizin der Universität Zürich, Kerstin Noëlle Vokinger, hat die zugelassenen Krebsmedikamente in Europa und den USA auf ihr Kosten-Nutzen-Verhältnis untersucht. Vokinger kommt zum Schluss: Zwischen dem Preis und dem Nutzen von Krebsmedikamenten besteht grundsätzlich keine Korrelation, also kein klarer Zusammenhang.

Die Wissenschafterin gegenüber der «Rundschau»: «Es gibt Medikamente, die einen hohen Nutzen und einen tiefen Preis aufweisen. Aber umgekehrt auch Medikamente, die einen tiefen Nutzen und einen hohen Preis haben. Dann gibt es Medikamente, welche für die gleiche Indikation einen ähnlichen Nutzen haben können, aber einen völlig unterschiedlichen Preis.»

Hoher Preis, geringer Nutzen

Professorin Vokinger hat mit einem Team von WissenschafterInnen der Uni Zürich und der US-Universität Harvard den Nutzen von Krebsmedikamenten verifiziert. Es wurden dabei Faktoren wie verlängerte Lebensdauer, Dauer bis zum Tumorwachstum, Verträglichkeit oder Lebensqualität berücksichtigt.

Die «Rundschau» hatte Einblick in die Ergebnisse, die am amerikanischen und europäischen Onkologie-Kongress präsentiert wurden und bald in einem Wissenschafts-Magazin veröffentlicht werden. Ein Vergleichsbeispiel aus der Studie zum Prostatakrebs: Das Medikament mit geringem Nutzen ist monatlich rund 1800 Franken teurer als das Medikament mit hohem Nutzen. Ähnliche Beispiele finden sich etliche.

«Es geht um das Patientenwohl»

Die Studie, die von der Krebsforschung mitfinanziert wurde, zeigt weiter: 60 Prozent der untersuchten Medikamente in der Schweiz weisen einen geringen Nutzen auf. Viele davon figurieren in der Studie unter den teuersten.

Wissenschafterin Vokinger sagt, man sehe auch im Alltag, dass teuer nicht immer besser bedeute. «Hier aber geht es um die Gesundheit, etwas sehr Essenzielles für den Patienten. Im Sinne des Patientenwohls plädiere ich dafür, dass man den klinischen Nutzen bei der Preisfestsetzung der Medikamente besser berücksichtigt.»

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Vokinger: «Klinischen Nutzen beim Preis besser berücksichtigt»
Aus News-Clip vom 19.11.2019.
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Interpharma hat eine andere Sicht

René Buholzer, Geschäftsführer des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen, Interpharma, erstaunt es nicht, dass die Studie der Uni Zürich eine mangelnde Korrelation zwischen Preisen und Nutzen feststellt. Das aktuelle Preisfestsetzungs-System berücksichtige den Nutzen nur beschränkt.

Buholzer plädiert für ein breiteres Nutzenverständnis: «Nicht nur der therapeutische Wert eines Medikamentes muss eine Rolle spielen, sondern auch dessen indirekter, gesellschaftlicher Nutzen. Etwa wenn ein Patient früher aus dem Spital kommt oder schneller wieder am Arbeitsplatz ist.» Ein solches Nutzenverständnis müsste stärker im Preis reflektiert werden.

BAG kritisiert Pharmaindustrie

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Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Bern will die Studie nicht direkt kommentieren. Ryan Tandjung, Leiter Abteilung Leistungen Krankenversicherung beim BAG, räumt aber ein, die Preise von Krebsmedikamenten seien heute zu hoch.

«Die hohen Preisforderungen der Pharmaindustrie stellen das Sozialsystem vor grosse Herausforderungen. Es darf nicht sein, dass eine Pharmafirma mit Medikamenten von geringem Nutzen den Gewinn maximiert - auf Kosten der Steuer- und Prämienzahler», so der BAG-Chefbeamte.

Für Vokinger wäre das keine sinnvolle Lösung: «Wenn wir den therapeutischen Nutzen noch weiter fassen, diesen aber nicht konkret bestimmen, besteht die Gefahr, dass die Preise noch stärker in die Höhe getrieben werden.» Angaben dazu lägen bei der Zulassung häufig zudem nicht vor.

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René P. Buholzer verteidigt an der «Rundschau»-Theke die Preispolitik der Pharma-Firmen
Aus Rundschau vom 20.11.2019.
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24 Kommentare

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  • Kommentar von E. R. Röthlisberger  (sodeli)
    Frau Vokinger sollte mit dem Prix Courage ausgezeichnet werden.
    Die uneingeschränkte Unterstützung in der Arbeit von Frau Vokinger durch die Bundesstellen sind angesagt. „Bremser“ ausmisten.
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  • Kommentar von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
    2) Ähnlich könnte für die Bestimmung der Patentdauer die Wirksamkeit miteinbezogen werden. Anreize für die Medikamentenentwicklung sollten vermehrt von der Verbesserung der Lebensqualität der Patienten abhängen.
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  • Kommentar von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
    Anpassung der Richtlinien mit stärkerer Berücksichtigung der Wirksamkeit für die Festlegung der Preise wäre dringend nötig um das Gesundheitssystem zu optimieren. Wenn die Pharmaindustrie mehr Gewinne erzielen kann, wenn die Medikamente wirksamer sind und gleichzeitig unwirksame Goldesel im Stall ausgemistet werden, wird sich die Forschung und Entwicklung dementsprechend neu ausrichten müssen. Ansonsten wird einfach mehr Geld in die ' Weiterentwicklung' unwirksamer Blockbuster gesteckt.
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