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Schweiz Teures MS-Medikament: Bald kommen Krankenkassen billiger davon

Rund 24'000 Franken pro Jahr kostet eine Behandlung mit dem MS-Medikament Tecfidera. Billiger ist ein Medikament mit identischen Wirkstoff, das Apotheken herstellen: Es kostet 2053 Franken. Bis jetzt durften die Krankenkassen nur das teure bezahlen. Das soll sich ändern, wie «10vor10» berichtet.

Legende: Video FOKUS: Alte Wirkstoffe neu verpackt abspielen. Laufzeit 6:07 Minuten.
Aus 10vor10 vom 20.08.2015.

2014 wurde das Medikament Tecfidera des Pharmakonzerns Biogen in der Schweiz zugelassen. Eine Behandlung mit dem Medikament gegen die Nervenkrankheit Multiple Sklerose ist allerdings teuer: Pro Jahr kostet sie 24‘031 Franken.

Schon länger erhältlich ist ein von Apotheken hergestelltes Medikament mit identischem Wirkstoff – zu einem deutlich tieferen Preis: Die Jahresbehandlung mit den Apotheken-Pillen kostet 2‘053 Franken, ein Zwölftel des Biogen-Produkts. Doch seit der Zulassung von Tecfidera dürfen die Krankenkassen das günstigere Medikament offiziell nicht mehr vergüten. Dies dürften sie erst dann, wenn der Wirkstoff auf die sogenannte Arzneimittelliste mit Tarif aufgenommen wird.

Eine Packung des Medikaments Tecfidera steht neben einer Dose mit Pillen des alternativen Medikaments
Legende: Die Stiftung Patientenschutz würde es begrüssen, wenn das billigere Medikament vergütet würde. SRF

Antrag immer noch hängig

Ein entsprechender Antrag ist seit über einem Jahr beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) hängig. Und dies, obwohl das BAG im letzten Herbst mitteilte, der Entscheid würde innerhalb von drei Monaten fallen. Doch passiert ist nichts.

Gemäss Sprecher Daniel Bach waren die Abklärungen komplizierter als angenommen. Jetzt kommt Bewegung in die Sache, wie Daniel Bach gegenüber «10vor10» erklärt: «Wenn es läuft, wie wir uns das vorstellen, werden wir den Wirkstoff per 1. Januar 2016 auf die Arzneimittelliste nehmen.» Das heisst gemäss Bach, dass das – günstigere – Medikament der Apotheken ab dann von den Krankenkassen vergütet werden kann.

Wirkung per Zufall entdeckt

Tecfidera und das Medikament der Apotheken haben denselben Wirkstoff: Dimethylfumarat (DMF): Dieser wurde ursprünglich zur Behandlung von Schuppenflechten eingesetzt. Durch ein Zufall entdeckten Ärzte, dass DMF bei Patienten mit Multipler Sklerose die Anzahl der Krankheitsschübe verringern kann.

Seither stellen diverse Apotheken Präparate mit DMF her. Der Pharmakonzern Biogen kaufte sich die Lizenzen für den bewährten Wirkstoff und kam so zu einem Medikament gegen Multiple Sklerose.

«Das kann kein Apotheker»

Die Forderung, Dimethylfumarat auf die Arzneimittelliste mit Tarif aufzunehmen, stösst bei der Pharmaindustrie auf Ablehnung. Thomas Cueni, Generalsekretär des Pharmaverbands Interpharma, sagt: «Die Forderung hat nur einen Hintergrund: Man möchte Geld sparen. Dadurch ist man bereit, Kompromisse einzugehen bei der Patientensicherheit.»

Die Wirkungen und Nebenwirkungen seien nur bei Tecfidera untersucht worden, sagt Cueni: «Die Firma hat eigens für das Medikament magensaftresistente Mikrotabletten entwickelt. Das kann kein Apotheker in der gleichen Art.»

«Mehrere Jahre Erfahrung»

Anders beurteilen Apotheken den Sachverhalt. Der Berner Apotheker Silvio Ballinari verkauft die DMF-Tabletten gegen Multiple Sklerose. Er betont, seine Medikamente seien sicher: «Unser Produkt ist magensaftresistent. Und wir haben seit mehreren Jahren Erfahrungen mit Patienten.»

Margrit Kessler, GLP-Nationalrätin und Präsidentin der Stiftung Patientenschutz, begrüsst die geplante Aufnahme des Wirkstoffs auf die Arzneimittelliste: «Das ist ein grosser Schritt.» Kessler hat im Parlament mehrere Vorstösse zu diesem Thema eingereicht. Für sie ist jetzt entscheidend, dass Ärzte und Spitäler auch auf das günstigere Präparat setzen.

7 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    Diese Gewinn-Kultur führt langfristig dazu, dass man besser nichts kauft und in nichts investiert. Schrittweise wird so die Wirtschaft abgeklemmt. Der Bund und die Wirtschaft sollte daher aus Eigeninteresse hohe Gewinnmargen abstrafen. Blos, das was unseren Exportüberschuss noch am Leben erhält, bzw. das Einknicken der Industrie kompensiert, ist die Pharamindustrie, Uhren, Juwelierwaren und Präzisionsinstrumente. Und wenn diese auch einbrechen sieht es für uns noch düsterer aus.
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  • Kommentar von Hans Knecht, Torny
    Weis nicht wo die Medienleute so leben, aber in anderen Branchen sind so Wucherpreise seit dem Ende des kalten Krieges normal. Mal wird dem Kunde von Ersatzteilen die Preiserhöhung mit "der Unterlieferant gibt es nicht mehr, wir mussten einen neuen suchen", oder mit "wir haben nicht mehr die alten Lehren und Maschinen für dieses Fertigungsverfahren" usw. begründet.Und weil das alle machen hat der Kunde keine andere Wahl als die saftigen Preise zu zahlen und an den Endnutzer weiter zu verrechnen.
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  • Kommentar von René Balli, Biel
    Was die Pharmalobby hier bietet ist Raub am hellichten Tag. Passt gut zu den 2 Millionen chronisch Kranken welche unser "gutes" Gesunheitssystem produziert hat. Wie wärs mit mehr Prävention und weniger Symptombekämpfung? 80% unserer Gesundheitskosten werden durch Wohlstandskrankheiten verursacht. Diese Zahlen wurden gestern veröffentlicht und die Reaktion war: "Wir brauchen mehr Geld für die chronisch Kranken". Wir werden immer kränker dafür aber das Gesundheitssystem immer "besser" und teurer.
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