Thomas Held: «Eine Expo stärkt die regionale Identität»

Die «Expo 2027» nimmt langsam Gestalt an. Landesausstellungen wie die «Landi 39» hatten einen starken Einfluss auf die nationale Identität. Thomas Held, der ehemalige Direktor der Denkfabrik Avenir Suisse, erklärt, was bei den heutigen Ausstellungen im Vordergrund steht.

Schweizer Landesausstellungen

SRF News: Welcher Teil der letzten Landesausstellung im Jahr 2002 ist Ihnen in Erinnerung geblieben im Zusammenhang mit der Schweizer Identität?

Thomas Held: Was mir eher in Erinnerung geblieben ist, sind skulpturale Teile der Ausstellung, beispielsweise die begehbare Wolke oder der Pavillon von Jean Nouvel auf dem Murtensee.

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Thomas Held

Thomas Held

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Thomas Held ist Soziologe und Unternehmensberater. Von 2001 bis 2010 war er Direktor der Denkfabrik Avenir Suisse. Er war Mitglied der Jury der Expo-Mitmachkampagne und der Expo-Architekturjury für die Landesausstellung im Jahre 2002.

Was bedeuten solche Ausstellungen für die Schweizer Identität?

Solche Ausstellungen haben für die Regionen eine grosse Bedeutung – also für die regionale Identität. Bei einer Landesausstellung oder anderen grossen Projekten geht es immer auch um eine Geldverteilung des Bundes. Das ist eine austarierte und komplizierte Angelegenheit, bei der keine der involvierten Regionen zu kurz kommen darf.

Eine Landesausstellung ist vergleichbar mit der ganzen Innovationspark-Diskussion. Dies war ursprünglich eine Idee zur Umnutzung des Flughafens Dübendorf. Mittlerweile gibt es mehrere Innovationsparks über die ganze Schweiz verteilt. Die Ostschweiz ist übrigens bis jetzt noch nicht berücksichtigt worden. Erst gestern hat Bundesrat Johann Schneider-Ammann im Ständerat gesagt, dass man auf eine Projekteingabe der Ostschweiz warte. Denn sonst sei die Geldverteilung nicht ausgewogen. Bei einer Landesausstellung ist dies ein wesentlicher Aspekt.

«  Die «Landi 39» war immer wieder ein identitätsstiftender Bezugspunkt »

Thomas Held
Ex-Direktor Avenir Suisse

Sie meinen den regionalen Aspekt?

Ja, der regionale Aspekt im Zusammenhang mit der Vergabe von Bundesmitteln. Das ist vergleichbar mit einer Olympiade oder einer Europameisterschaft. Denn damit verbunden ist der Auf- oder Ausbau einer Infrastruktur, so dass die Region davon profitiert. Bei der letzten Landesausstellung wurde dies mit dem Bau der neuen Hochgeschwindigkeits-Bahnlinie am Bieler- und Neuenburgersee ersichtlich. Dieser praktische Aspekt ist immer eine Motivation der Kantone, sich an einem solchen Anlass zu beteiligen.

Wie sieht es bei weiter zurückliegenden Landesausstellungen mit der Schaffung von Identität aus?

Die Landesausstellung 1939 kannte ich in meiner Kindheit nur aus den Erzählungen der Eltern. Trotzdem: Die «Landi 39» war immer wieder ein identitätsstiftender Bezugspunkt.

Die «Expo 64» in Lausanne erlebte ich als Gymnasiast. Auch diese Landesschau hatte einen sehr starken Einfluss auf mich, aber nicht im Sinne von identitätsstiftend sondern eher politisierend. So wurden bei dieser Ausstellung mit dem Film «siamo italiani» von Alexander J. Seiler unter anderem erstmals Immigrationsfragen thematisiert.

Die letzte Expo war eher interessant auf Grund des Entstehungsprozesses. Denn es zeigte sich, wie schwierig es ist, so eine Ausstellung zu realisieren. Hier stand der Identität stiftende Aspekt nicht mehr so im Mittelpunkt.

Es hat also eine Veränderung stattgefunden?

Die ersten Landesausstellungen hatten klar einen identitätsstiftenden Charakter. Bei den neueren hat eine Veränderung stattgefunden. Planerische, architektonische, künstlerische und städtebauliche Fragen traten mehr in den Vordergrund. Das habe ich bei meiner Arbeit bei der «Expo 02» gesehen. Und dies ist auch bei der Jury des Konzeptwettbewerbs für die «Expo 2027» wieder der Fall. Sie setzt sich einerseits aus Städtebauern, Planern und andererseits aus Regierungs- und Nationalräten zusammen. Man kann sich also vorstellen, wie dies in diesem Jury-Prozess abläuft.

Sind solche Ausstellungen im Zeitalter von Internet, Facebook & Co. überhaupt noch zeitgemäss?

Es hat keinen Sinn, Bildschirme aufzustellen und die Besucher zu zwingen, Dinge anzuschauen, die sie auch zu Hause oder auf dem Smartphone betrachten können. Daher muss sich eine Landessausstellung vom Showcharakter distanzieren, also nicht einfach irgendeine verrückte Maschine präsentieren, wie dies früher der Fall war. Heute muss es einerseits in Richtung Veranstaltung und andererseits in Richtung Kunst gehen. Die digitale Welt ist im Vorfeld bei der Vermarktung und der Kommunikation wichtig – danach nicht mehr.

«  Der schweizerische Aspekt liegt in der gerechten, sinnfälligen Verteilung von Ressourcen »

Thomas Held
Ex-Direkor Avenir Suisse

Aber sind sie noch zeitgemäss?

Das Wort zeitgemäss würde ich in diesem Zusammenhang nicht verwenden. Eine solche Ausstellung kann nach wie vor eine gewisse Wirkung erzeugen insbesondere für die Region. Eine Landessausstellung ist eine zeitlose schweizerische Form. Der schweizerische Aspekt liegt in der gerechten, sinnfälligen Verteilung von Ressourcen. Alle haben etwas davon. Die Ausstellung findet nicht nur an einem Ort statt, sondern es gibt verschiedene Schauplätze.

Das Gespräch führte Richard Müller.