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Tiefere Löhne als die Männer Sind die Frauen selbst schuld?

Klarer sagen, was sie wollen: So der Tipp des obersten Arbeitgebers. Die oberste Business-Frau widerspricht.

Legende: Audio Lohnungleichheit: Alle stehen in der Pflicht abspielen. Laufzeit 4:32 Minuten.
4:32 min, aus Echo der Zeit vom 28.02.2018.

Der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern beträgt im Schnitt 18 Prozent. Ein grosser Teil davon lässt sich dadurch erklären, dass Frauen häufiger Berufe ausüben, die schlecht bezahlt sind, oder dass sie seltener zum Kader gehören.

Es bleibt aber ein Lohnunterschied von 7,4 Prozent, der durch solche Faktoren nicht erklärbar ist. Erfahrungen aus der Arbeitswelt zeigen, dass Frauen in der Regel weniger fordernd auftreten.

Unerklärlicher Lohnunterscheid

Die Zahlen des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann: Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern, Link öffnet in einem neuen Fenster

Frauen verlangen weniger oft mehr Lohn

Das bestätigt auch Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt. Er ist Verwaltungsratspräsident der Winterthurer Burckhardt Compression Holding AG und blickt auf 30 Jahre Erfahrung in der Maschinenindustrie zurück. Rund 10- bis 15-Mal habe er erlebt, dass eine Frau mehr Lohn verlangte, sagt er. Bei Männern sei es «deutlich mehr» gewesen.

Das mag damit zu tun haben, dass nur wenige Frauen in der Maschinenindustrie arbeiten. Vogts Beobachtung deckt sich aber mit jener vieler Chefs und Chefinnen: Weibliche Angestellte treten leiser und weniger fordernd auf.

Sind die Frauen selber schuld?

«Nein, die Frauen sind nicht selber schuld an den tieferen Löhnen», stellt Vogt fest. Doch zugleich empfiehlt er: «Die Frauen müssen einfach noch besser artikulieren, was sie wollen.»

Die Frauen müssen einfach noch besser artikulieren, was sie wollen.
Autor: Valentin VogtArbeitgeberpräsident

Das sei einfacher gesagt als getan, meint Elisabeth Bosshart. Als Präsidentin des Verbandes Business and Professional Women Switzerland hat sie ebenfalls reichlich Erfahrung in der Wirtschaftswelt.

Rollenbilder machens den Frauen schwer

Sie bestätigt zwar, dass Frauen in der Regel weniger Ansprüche erheben als Männer. Aber sie macht dafür die Rollenbilder verantwortlich. «Vorurteile, die davon ausgehen, wie ein weiblicher Lebenslauf und wie ein männlicher auszusehen haben. Vorurteile, die Verhalten von männlichen und weiblichen Personen anders werten und beurteilen.»

Laut Bosshart fügen sich sowohl Frauen wie auch Männer dem Verhalten, das die Gesellschaft von ihnen erwartet – und fordern dieses von ihren Mitmenschen auch ein.

«Mannweiber» mit «Haaren auf den Zähnen»

Schere eine Frau aus und verhalte sich nach Mustern, die als männlich gälten, würde sie abgestraft. «Das spiegelt sich einerseits in so Worten wie ‹Mannweib› oder ‹Haare auf den Zähnen› wider.» Das seien typische Attribute, die man bei einem Mann nie höre. «Bei ihm würde es heissen, er sei verhandlungssicher, durchsetzungsstark, hartnäckig», sagt Bosshart. Dasselbe Verhalten werde also völlig unterschiedlich beurteilt.

Schert eine Frau aus und verhält sich nach Mustern, die als männlich gelten, wird sie abgestraft.
Autor: Elisabeth BosshartPräsidentin des Berufsfrauen-Netzwerks

Geschäftsfrauen, die es in der Wirtschaft bis nach ganz oben geschafft haben, weisen ebenfalls auf dieses Dilemma hin. So schrieb Facebook-Spitzenkaderfrau Sheryl Sandberg: Als Frau über den Lohn zu verhandeln, sei wie auf hochhackigen Schuhen rückwärts durch ein Minenfeld zu gehen.

Bosshart beschreibt es so: Frauen müssten in der Geschäftswelt sowohl die Männer- wie auch die Frauensprache lernen. «Sie können aber auch beide Sprachen. Und das ist ein grosser Vorteil, den Frauen dadurch im Berufsleben haben.»

Lohnlücke schliesst sich ...

Viele Frauen meistern diesen Spagat, wie der Arbeitgeberpräsident betont. Er hält die Diskussion um Rollenbilder für veraltet, wie er sagt. «In dem Unternehmen, in dem ich tätig bin, nehme ich das nicht so wahr. Ich stelle fest, dass sich die Leute so geben, wie sie sind, und auch so ihre Ziele erreichen.»

Eigentlich gebe es praktisch keinen Unterschied mehr zwischen Frauen- und Männerlöhnen, der auf Vorurteile zurückzuführen sei, betont Vogt. Deshalb lehnt der Arbeitgeberverband obligatorische Lohnanalysen ab.

Die Grenzen von Lohnstudien

Eine vom Arbeitgeberverband in Auftrag gegebene Studie zeigt, wo die Grenzen der aktuellen Lohnstudien sind und welche Faktoren sie nicht berücksichtigen. Welcher Anteil des Lohnunterschiedes weiterhin unerklärt bleibt, beantwortet sie aber nicht. Weiter zu der Studie, Link öffnet in einem neuen Fenster

... aber nur langsam

Verschiedene internationale Studien weisen aber darauf hin, dass die unerklärte Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen in der Schweiz konservativ geschätzt wird. Eine neue Studie der EU-Statistikagentur Eurostat schätzt ihn auf 9,9 Prozent, also ein bisschen höher als das Bundesamt für Statistik es tut.

Was stimmt ist, dass die Lohnlücke zwischen Mann und Frau abnimmt. Sie tut es aber sehr langsam. Sie tritt auch weiterhin bereits beim Berufseinstieg auf, wenn keine Unterschiede an Erfahrung zwischen Frauen und Männer feststellbar sind.

Frauen und Männer in der Verantwortung

Lohnanalysen seien deshalb eben doch sinnvoll, sagt das Schweizer Berufsfrauen-Netzwerk Business and Professional Women. Um das Problem an der Wurzel zu packen, müssten aber Männer und Frauen sich ihr Rollenverständnis, ihre Vorurteile vor Augen führen und hinterfragen, so Bosshart. Das benötige aber den Willen – und weiterhin viel Zeit.

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33 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Ich zitiere den Genderspezialisten der SVP, Thomas Burgherr, Nationalrat (Facebook, 28.2.2018): «Wir schreiben das Jahr 2018. Frauen und Männer sind vor dem Gesetz, der Wirtschaft und der Gesellschaft gleichgestellt. Ich bewege mich in allen drei Ebenen aktiv und nehme für mich in Anspruch dies beurteilen zu können» (dann ein selbstironische Smiley - immerhin!). Solange im Parlament derart inkompetente Leute sitzen, wundert mich gar nix.
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  • Kommentar von markus kohler (nonickname)
    Man sollte auf sämtliche Forderungen der Feministinnen eingehen. Warum auch nicht mehr Ferien für Frauen, 2 Jahre Mutterschaftsurlaub für jedes Kind. Dann Steuerfreiheit für alle Frauen, alle Ausbildungsplätze werden primär an Frauen vergeben etc. Es muss ein so arges Ungleichgewicht geschaffen werden bis klar wird, dass die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht keine Vorrechte definiert, weder für Männer, aber auch nicht wie dies die Feministinnen gerne hätten für Frauen.
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Niemand will Vorrechte. Aber für die Gleichberechtigung und damit Einhaltung der Bundesverfassung wäre es schon langsam Zeit.
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  • Kommentar von Urs Dupont (udupont)
    Es stimmt einfach schlicht nicht, dass Frauen weniger als Männer verdienen, wenn die Vergleiche basierend auf der effektiven Leistung gemacht würden. Bei allen Lohnvergleichen wird bewusst ausgeblendet, dass Frauen viel öfters als Männer Teilzeit arbeiten. Würde dies berücksichtigt, wäre das Resultat in vielen Branchen umgekehrt. Würden Frauen bei tieferem Lohn gleich viel oder mehr leisten, würden sie massenhaft Männer verdrängen und es bräuchte Männer- und keine Frauenquoten.
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    1. Antwort von Alex Bauert (A. Bauert)
      Es werden Löhne von Männern und Frauen in vergleichbaren Tätigkeiten verglichen. Teilzeit: Wer so arbeitet, fehlt weniger wegen Krankheit, Zahnärztin, Weiterbildung und leistet so insgesamt mehr pro Zeiteinheit!
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    2. Antwort von Urs Dupont (udupont)
      Herr Bauert, woher haben sie diese Info? Meine persönliche Erfahrung und auch so wie ich entsprechende Statistiken aus unserem Betrieb in Erinnerung habe, ist es genau umgekehrt! Wenn Sie recht hätten, würde jeder Chef lieber zwei 50% arbeitende Frauen als ein 100% er anstellen, insbesonders dann, wenn die Lohnsumme von zwei 50%er angeblich auch noch tiefer wäre. Dann würde es auch mit Sicherheit keine Quoten für Frauen sondern eine für Männer brauchen.
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    3. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Wenn Ihre eigene Erfahrung das grössere Gewicht hat als sämtliche Wissenschaftliche Untersuchungen, befinden wir uns nicht mehr beim Diskutieren von Fakten sondern beim Austausch von Gefühlen. Da können wir uns auch darüber unterhalten ob der Samichlaus in Lappland oder im Schwarzwald wohnt. Vielleicht könnten wir Rudolf fragen, was er dazu meint.
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