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Beerdigungen in Zeiten von Corona
Aus Rendez-vous vom 03.04.2020.
abspielen. Laufzeit 05:07 Minuten.
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Trauern in Zeiten von Corona «Verpasste Trauer kann man nicht so einfach nachholen»

Beisetzungen sind nur noch im kleinen Kreis möglich. Die Situation ist zusätzlich belastend für die Hinterbliebenen.

In Zeiten der Bedrohung durch das Coronavirus ist Abstandhalten das Gebot der Stunde. Besonders schwer fällt dies, wenn es um das endgültige Abschiednehmen geht. Beerdigungen sind nur noch im engsten Familienkreis erlaubt – die Trauer mit und in der Gemeinschaft ist massiv eingeschränkt.

Pfarrerin Christine Schmid und Pfarrer Bernhard Jungen.
Legende: Pfarrerin Christine Schmid und Pfarrer Bernhard Jungen: Auch die beiden Seelsorger sind mit neuen Herausforderungen konfrontiert. ZVG

Pfarrerin Christine Schmid aus der Berner Vorortsgemeinde Bolligen und Pfarrer Bernhard Jungen aus der Nachbargemeinde Ittigen sagen beide: Die Situation ist für die Trauernden sehr belastend. Christine Schmid kann es noch immer kaum fassen: «Es hätte auch kein Mensch gedacht, dass es am Sonntag keinen Gottesdienst mehr gibt. Plötzlich ist alles über den Haufen geworfen. Ich hätte das nie für möglich gehalten.»

Ich merke, dass feine Gesten nun umso intensiver wahrgenommen werden.
Autor: Bernhard JungenPfarrer aus Ittigen

Eine Abdankung im kleinen Kreis – nicht selbst gewählt, sondern verordnet. Ohne Freunde oder Bekannte. Plötzlich fehle da etwas, das vorher noch da war, sagt Pfarrer Bernhard Jungen. Die Gemeinschaft fehle, die Anteilnahme von vielen, die einen Menschen ein Leben lang begleitet haben.

Er sagt, es würde bei vielen Trauerfeiern eine grosse Lücke entstehen: «Bei Leuten, die einen grossen Kreis von Freunden, Verwandten und Bekannten gehabt haben, da will dieser grosse Kreis auch Abschied nehmen. Verpasste Trauer nachzuholen, ist nicht so einfach wie wir denken.»

Was bedeutet der «enge Familienkreis»?

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Beerdigungen sind im Artikel 6 der Covid-19-Verordnung 2, Link öffnet in einem neuen Fenster des Bundesrats geregelt. Wörtlich heisst es darin, dass «Beerdigungen im engen Familienkreis» vom Veranstaltungsverbot ausgenommen sind.

Dieser enge Familienkreis wird jedoch nicht genau definiert. Die Auslegung bestimmen die Kantone, Bistümer und Landeskirchen selbst.

Klar ist, dass das Verbot von Menschenansammlungen von über fünf Personen nicht grundsätzlich anwendbar ist. Sicher zum engen Familienkreis dazu gehören Ehepartnerinnen, Lebenspartner, Kinder, Geschwister oder Eltern.

Die reformierte Landeskirche geht davon aus, dass zehn bis 20 Teilnehmende eine angemessene Anzahl sei – für eine Beerdigung am Grab. Die Landeskirche ergänzt, das Ausweichen in die Friedhofskapelle oder in die Kirche sollte nur im Ausnahmefall, zum Beispiel wegen meteorologischer Bedingungen, erfolgen.

Christine Schmid findet es grundsätzlich nicht entscheidend, wie viele Leute an einer Trauerfeier teilnehmen. «Egal, wie viele es sind, es gibt eine unglaubliche Kraft, wenn man zusammensteht und Abschied nimmt.» Nun seien die Leute, die anwesend sein können, umso mehr gefordert – oder auch umso präsenter.

Video
Anders Abschied nehmen
Aus 10vor10 vom 30.03.2020.
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Auch die Abwesenden sind anwesend

Man dürfe auch nicht vergessen, dass viele Trauernde an Beerdigungen teilnehmen, auch wenn sie nicht vor Ort seien. Auch diese würden die Trauerfeier mittragen, «und zünden vielleicht zu Hause eine Kerze an.»

Es ist immer persönlich, auch jetzt mit den Einschränkungen.
Autor: Christine SchmidPfarrerin aus Bolligen

Christine Schmid hat zum Zeitpunkt des Gesprächs Anfang April bereits zwei Abdankungen mit den Einschränkungen abgehalten. Bei beiden hätten die Trauernden die Situation akzeptiert und gemeinsam mit ihr das Beste daraus gemacht. Jede Trauerfeier sei anders: «Es ist immer persönlich, auch jetzt mit den Einschränkungen.»

Bernhard Jungen fügt an, Seelsorge sei immer das Reagieren auf eine Situation. «Nun ist es halt diese Situation, auf die wir reagieren müssen.» Schwierig sei das Fehlen von Berührungen, so Jungen weiter. Die Hand reichen zum Kondolieren geht ebenso wenig wie die Umarmung zum Trösten.

Beerdigung Italien.
Legende: Auch in Italien sind die Beerdigungen in Zeiten des Coronavirus ganz anders als sonst – wie hier in Brescia. Keystone

«Ich merke jedoch, dass feine Gesten nun umso intensiver wahrgenommen werden.» Eine Verbeugung, ein Blick oder ein Winken würden dem Gegenüber signalisieren: «Ich bin dir verbunden, ich bin dir nahe.» Und diese Gesten seien nun wichtig, so Bernhard Jungen.

Soll man die Trauerfeier im grossen Kreis nachholen?

Viele planen nun, zuerst im kleinen Kreis Abschied zu nehmen und dann später noch eine grössere Trauerfeier abzuhalten. Pfarrer Bernhard Jungen findet dies problematisch: «Man sollte nicht zu intensiv an die Zukunft denken. Niemand weiss, wo wir dann stehen und was wir für Bedürfnisse haben.»

Christine Schmid sagt, so etwas könne jedoch durchaus Sinn ergeben. Je nach Situation könne es helfen, später noch eine Art Dankesfest abzuhalten, zu dem man alle einlädt, die kommen wollen. Auch das könne eine neue Form des Abschiednehmens sei, die die Zeit von Corona hervorbringe.

Rendez-vous, 03.04.2020, 12:30 Uhr

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Franz Ruchti  (Balou007)
    Übertragung der Trauerfeier via Livestream könnte allenfalls eine Lösung sein.
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  • Kommentar von Alex Volkart  (Lex18)
    Es ist ein sehr gefährlicher Trend der sich schon länger leider abzeichnet. Ein Toter hatte in seinem davor gelebten Leben nicht nur Angehörige, sondern auch Bekannte, einen Freundeskreis, usw. Alle sollten die Gelegenheit haben sich angemessen zu verabschieden. Angehörige sollten bei der Beerdigung an den Verstorbenen denken, nicht an sich selbst. Nie wäre es mir bei der Beerdigung meines Vaters in den Sinn gekommen Teile seines Umfeldes auszuschliessen.
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  • Kommentar von Stefan Küttel  (Diakonia76)
    Betreffend grossem Kreis zum Abschied nehmen, bin ich einverstanden: Aber auch ohne Corona geht derTrend immer mehr in die Richtung Abschied nur im engsten Kreis und dem Ausschluss all jener, die nicht dazu gehören und auch trauern. Und auf der anderen Seite ist ja bei sehr alten Leuten oft auch niemand mehr da, der noch kommen könnte.
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