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«Die Unsicherheit während der Pandemie müssen wir aushalten.»
Aus Regionaljournal Zentralschweiz vom 23.11.2020.
abspielen. Laufzeit 11:33 Minuten.
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Umgang mit der Pandemie Philosoph: «Corona strapaziert die Toleranz»

Corona ist in aller Munde. Kaum ein Gespräch, welches nicht vom Umgang mit der Pandemie handelt. Die Meinungen der Leute gehen dabei oft weit auseinander. Weshalb ist das so und was macht die Corona-Pandemie mit der Gesellschaft? Eine Spurensuche des SRF-Redaktors Thomas Heeb mit dem Philosophen Rayk Sprecher.

Rayk Sprecher

Rayk Sprecher

Philosoph

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Rayk Sprecher ist 1975 geboren und in Chemnitz aufgewachsen. Er ist freischaffender Philosoph und seit 2003 an der Universität Luzern tätig. Zwischen 2007 und 2015 war er Fakultätsmanager der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Ab 2016 war er in derselben Funktion für den Aufbau der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät mitverantwortlich.

SRF News: Unser Umgang mit der Pandemie ist sehr unterschiedlich. Die einen sind vorsichtig, halten alle Regeln ein. Die anderen nutzen die Freiheiten, gehen locker mit den Vorschriften um. Zwischen diesen beiden Lagern gibt es immer grössere Verhärtungen. Woher kommt das?

Rayk Sprecher: Das liegt ganz wesentlich an der allgemeinen Unsicherheit. Diese Unsicherheit gibt es auf verschiedenen Ebenen. Da ist einerseits die wissenschaftliche Frage: Was hilft überhaupt? Dann die Frage: Welche Regeln folgen daraus? Die stellt sich die Politik. Und die dritte Frage ist: Was heisst das für mich? Was soll ich genau tun? Diese Unsicherheit müssen wir aushalten, da wir ja erst jetzt lernen, was es bedeutet, in einer Pandemie zu leben.

Wenn jeder oder jede recht haben will, ist dann die gegenseitige Toleranz in Gefahr?

Sie wird zumindest strapaziert. Ich glaube aber, dass die Toleranz innerhalb einer Freundschaft auch einiges aushält. Toleranz ist ja das Aushalten von Meinungen, die ich eigentlich nicht teile.

Ich glaube, dass die Toleranz innerhalb einer Freundschaft einiges aushält.
Autor: Rayk SprecherPhilosoph

Wenn aber beide Seiten finden, dass diese andere Meinung begründet ist, dann kann man sie ja auch stehen lassen.

Man entdeckt in diesen Zeiten auch an sich selbst kleinliche Seiten, wenn man zum Beispiel merkt, dass im Bus jemand die Maske nicht trägt.

Da muss man unterscheiden, welche Regeln betroffen sind. Es gibt die rechtlichen Regeln, die gegeben sind, und an die wir uns alle halten sollen. Das funktioniert so wie bei einer roten Ampel. Da kann ich ja auch nicht entscheiden, ob ich das gut oder schlecht finde. Dazu gehört im Moment auch die Maske.

Dann gibt es noch die eher moralischen Regeln: Wie viele Menschen treffe ich? Oder gehe ich mehrmals in der Woche ins Restaurant? Da brauchts Austausch und Gründe, wo man wechselseitig aushandeln muss, was richtig ist.

Mir hat jemand schon gesagt, er glaube nicht mehr an die Wissenschaft. Aber für mich ist genau das ein Unterschied: Wissen und Glauben.

Philosophisch kann man sagen, dass Wissen auch nur aus berechtigten Gründen Geglaubtes ist. Insofern sehen wir jetzt auch, dass die Wissenschaft keine eindeutigen, immer übereinstimmenden Aussagen treffen kann und auch da eben gelernt wird. Es ist zu viel verlangt, eine eindeutige Auskunft zu wollen. Wir sollten mit dem, was die Wissenschaft tut, mitlernen.

Was ist denn mit dem viel zitierten «gesunden Menschenverstand»?

Der gesunde Menschenverstand ist schon etwas, was es gibt. Allerdings muss sich dieser auf Wissen berufen können. Er ist nicht bloss eine Meinung oder eine Haltung. Er sollte sich auf etwas wissenschaftlich Geprüftes stützen können.

Jetzt kommen bald die besinnlichen Tage. Corona-Diskussionen an Weihnachten mit der Verwandtschaft, sofern die Feierlichkeiten möglich sind, sind vorprogrammiert. Wie soll man sich da verhalten?

Das pauschal zu sagen, ist schwierig. Ich glaube schon, dass es Situationen gibt, in denen man die Diskussion um des lieben Friedens Willen lassen sollte. In anderen Fällen geht es aber auch darum, wie wir als Gesellschaft miteinander leben wollen. Das muss man nicht nur auf der grossen Bühne diskutieren, sondern auch auf der kleinen. Insofern kann das auch durchaus in besinnlichem Rahmen möglich sein.

Das Gespräch führte Thomas Heeb.

Regionaljournal Zentralschweiz, 22.11.2020, 17:30 Uhr;

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77 Kommentare

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  • Kommentar von Martina Degonda  (mardeg)
    Toleranz ist ein wichtiger Wert für eine Gesellschaft. Zurzeit erlebe ich vieles als Schwarz-Weiss und mir fehlen die Grautöne. Ich finde Corona ein grosses Problem und unterschätze auch die gesundheitlichen Folgen keineswegs. So halte ich mich an alle Massnahmen. Trotzdem bin ich kritisch, da Gesundheit für mich auch die psychischen und sozialen Folgen miteinschliesst. Für viele Menschen ist es eine sehr schwierige Zeit und ich erachte einen umfassenderen Diskurs als wichtig.
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  • Kommentar von Michel Ebinger  (Michel Ebinger)
    Nicht Corona, sondern die Corona-Massnahmen
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  • Kommentar von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
    Soviel ich weiss sind an den epidemiologischen Modellen, die mit einzuschränkenden Begegnungsmöglichkeiten rechnen, weder Soziologen noch Psychologen noch Ethiker beteiligt. Soviel ich weiss ursprünglich nicht mal Ökonomen. Die deutsche Leopoldina hat einen gezielten Schutz der Risikogruppe auch aus moralischen Gründen (,diskriminierend') im Vorfeld abgelehnt. Dass man die Chancen und Möglichkeiten von enabling strategies im Angesicht des Sturms hinreichend geprüft hat, steht zu bezweifeln.
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    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Pardon, war als Antwort auf R. von Wartburg (übernächster Beitrag) gemeint.
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