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Der Wandel von den Verkehrsstrassen zu temporären Spielstrassen
Aus Regionaljournal Zürich Schaffhausen vom 27.07.2021.
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Umnutzung von Quartierwegen Jubel und Frust: Idee von autofreien Strassen nimmt Fahrt auf

Das Experiment, im Sommer Wege für den Verkehr zu sperren, geht in Zürich und Basel vorwärts. Doch es gibt Widerstand.

Pingpong-Spielen oder im Liegestuhl-Sitzen mitten auf der Strasse? Das ist für die Bevölkerung der Stadt Zürich während der Sommerferien möglich. Bis zum 20. August sind erstmals drei Quartierstrassen rund um die Uhr autofrei. Wo sonst Fahrzeuge über den Asphalt rollen, stehen Hochbeete oder Sitzbänke. Anwohnerinnen und Nachbarn können sich treffen, Kinder spielen.

Viele Anwohner sind begeistert, wie eine spontane Umfrage bei der umgenutzten Konradstrasse im Zürcher Kreis 5 zeigt. «Es ist das Schönste, was uns passieren konnte», schwärmt ein Mann, «die Strasse ist richtig lebendig». Andere bezeichnen das Projekt der Stadt Zürich als «mutig» oder «cool». Doch auch an kritischen Stimmen fehlt es nicht.

«Die Sperrung ärgert die Autofahrer», schimpft ein älterer Herr. Und abends werde es wegen der Leute auf der Strasse lauter. Die Quartierbevölkerung leide aber schon tagsüber unter dem Baulärm im Viertel. «Da brauchen wir abends nicht noch zusätzlichen Krach.» Bereits im Vorfeld des Projektes «Brings uf'd Strass!» sorgte dieser Aspekt für Unmut.

Ursprünglich wollte das städtische Tiefbauamt fünf Quartierstrassen sperren. Doch an zwei Orten erhoben die Ansässigen Einsprachen gegen die Pläne. Bei der Ankerstrasse im Zürcher Ausgehviertel befürchteten sie zusätzlichen Abfall und Lärm. Der Vorwurf kam auf, die Stadt wolle die Quartierbevölkerung gegen ihren Willen bespassen.

Geht die Zürcher Aktion wie in Bern weiter?

Die Beschwerden hatten Erfolg, die Stadt Zürich begrenzte ihre Sommeraktion auf drei Strassen. Den Vorwurf der Quartierbevölkerung weist Roger Muntwyler vom Tiefbauamt aber zurück. Bespassung sei nicht das Ziel gewesen. Vielmehr hätten die Leute die Möglichkeit, die Strassen nach ihren Wünschen zu nutzen: «Mitten in der Stadt und direkt vor der Haustür.»

Vom Echo der Bevölkerung ist es nun abhängig, ob das Projekt weitergeführt wird wie beispielsweise in der Stadt Bern. Schon seit mehreren Jahren ist an Sommer-Wochenenden eine Strasse im Länggass-Quartier für den Verkehr gesperrt. Heuer kam ein zusätzlicher Abschnitt im Lorraine-Quartier hinzu.

Stadt Bern will autofreie Zonen ausdehnen

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Legende: Teile des Länggass-Quartiers waren in der Vergangenheit auch am jährlichen autofreien Sonntag ohne Verkehr. Keystone
  • Seit 2018 ist eine belebte Strasse im Berner Länggass-Quartier über den Sommer autofrei.
  • Ab Mitte August bis Ende September wird die Mittelstrasse jeweils am Donnerstag- und Freitagabend temporär gesperrt. Der Verkehr wird umgeleitet.
  • Seit Juni ist erstmals in diesem Jahr auch eine weitere kleine Quartierstrasse im Lorraine-Quartier gesperrt – jeweils übers Wochenende ab dem späten Abend.
  • Bern möchte solche autofreien Zonen auf gewissen Abschnitten über den Sommer in allen sechs Stadtteilen einführen. Das Vorhaben ist derzeit in der Planung und soll schrittweise ausgebaut umgesetzt, heisst es bei der Verkehrsdirektion auf Anfrage.
  • In diesem Jahr sei aber noch keine weitere Strasse für die temporäre Sperrung vorgesehen.

Auch in der Stadt Basel bewegt ein ähnliches Experiment die Gemüter. Die SP-Politikerin Salome Bessenich fordert mit einem Vorstoss im Kantonsparlament gewisse autofreie Strassen während der Ferien. Zum einen gäbe es viele Kinder, die im Sommer draussen spielen möchten. Gleichzeitig sei der Verkehr in der Ferienzeit sowieso reduziert.

Laut Bessenich bietet es sich an, einzelne Strassen im Gundeli, im Unteren Kleinbasel oder im St. Johann für den Verkehr zu sperren. «Ich stelle mir vor, dass während dieser begrenzten Zeit nur Anwohnerinnen und Anwohner sowie das ansässige Gewerbe durchfahren könnten.»

Restaurantbesitzer und Coiffeure wehren ab

Gerade Gewerbetreibende sind aber skeptisch. «Wir haben im Sommer ohnehin schon wenige Passanten», sagt eine Restaurantbesitzerin im Rosentalquartier stellvertretend. «Wenn während sechs Wochen keine Autos durchfahren, haben wir ein grösseres Problem». Bessenich ist sich des Interessenskonfliktes bewusst. Doch diese Angst solle dem Experiment nicht im Weg stehen, findet sie. «Meine Hoffnung ist, dass man etwas ausprobiert und evaluiert, was funktioniert hat und wo es Änderungen braucht.»

Vertreter verschiedenster Parteien haben den Vorstoss bereits unterschrieben. Voraussichtlich im Herbst debattiert der Grosse Rat darüber. Vielleicht gibt es also bald auch schon in Basel temporäre Pingpong-Tische und Liegestühle auf der Strasse.

Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 24.07.2021;

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72 Kommentare

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  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Kleine Schweiz - Maxi-Überbevölkerung - Maxi- Verkehrs-Chaos!!
    Motorfahrzeug-freie Städte = ein logisches JA, da das Verkehrschaos gesamtschweizerisch behandelt und endlich verbessert werden muss!
    Sukzessive Reduktion der Überbevölkerung!
    Verkehrsreduktion "gesamtschweizerisch": Förderung von "Mobility sharing", Busfahr-System-Einführung auf A-Bahnen!
  • Kommentar von Silvia Wimmer  (silvia wimmer)
    Herr v. Känel bezeichnet unten das Autofahren als eine einer bestimmten Gruppe von Menschen gemässen "Lebensform". Die Anhänger dieser Lebensform sollten sich klarmachen, dass sie ja in grösserem Umfang auf die Stadtbewohner einwirken, als dies umgekehrt die Stadtbewohner den Autofahrern gegenüber tun. Der Autofahrer beansprucht und bestimmt mit seinem Gefährt wie niemand sonst den öffentlichen Raum, weswegen sich ein Ausgleich rechtfertigt und zudem ökologisch sinnvoll ist.
    1. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      Schön, allerdings stellt sich dann schnell einmal die Frage, wer den ganzen öffentlichen Raum finanziert. Wohl kaum die Steuerzahler der Stadt Bern, die ja kaum 31'000.- steuerbares Einkommen haben. Davon lässt sich die Infrastruktur weder hinsichtlich der Investitionen, noch hinsichtlich des Betriebs finanzieren. Die Stadt ist auf die Besteuerung des Mehrwerts, der in Unternehmen geschaffen wird, meist von Mitarbeitern, die pendeln - mit MIV und ÖV - angewiesen.
  • Kommentar von Tobias Feller  (toebelr)
    Spannend, dass es wieder die Gewerbler sind, welche nicht realisieren, wie viel mehr Passanten statt ein paar Parkplätze bringen. In den Niederlanden gab es von Beizern und Ladenbesitzern in den 70er/80ern Morddrohungen gegen Politiker, die das Auto eindämmen wollten. Heute reissen sich die Geschäfte und Beizer um einen Platz an einer autofreien Strasse. Etwas mehr Weitsicht wäre schön.
    1. Antwort von Beat Stocker  (BeaSt)
      Es steht jedem Gewerbetreibenden frei, seine Bestellungen am Stadtrand abzuholen oder Lieferzuschlag zu bezahlen.
    2. Antwort von Walter Freiburghaus  (sophisticated)
      @Stocker:.....was die Produkte automatisch teurer macht. Aber mir händ da Gäld, gell!