Die Stadt Wil im Kanton St. Gallen muss sparen. Für 2026 ist ein Minus von rund fünf Millionen Franken vorgesehen. Gespart werden soll auch bei den Schulen, erklärt Donat Ledergerber, Leiter des Departements Bildung und Sport: «Ab der dritten Klasse werden die Klassen am Nachmittag nicht mehr betreut, wenn eine Lehrperson kurzfristig krankheitsbedingt ausfällt.»
Bis anhin wurden die Kinder so lange betreut, wie sie laut Stundenplan Unterricht gehabt hätten. Die Eltern seien nun entsprechend informiert worden, dass sich die Kinder bei Krankheitsfällen von Lehrpersonen über einen freien Nachmittag freuen dürften. Weniger Freude haben die Eltern. Arbeiten beide Elternteile, sind Kinder in solchen Fällen alleine zu Hause.
Bei Eltern gehen Wogen hoch
In den Elternforen sei die Neuerung heftig diskutiert worden. Viele Eltern hätten Mühe mit der Regelung, sagt Jehona Islami, Präsidentin der Elternvereinigung aller Wiler Schulen: «Ein wesentliches Problem ist die Kurzfristigkeit. Kommt die Nachricht am Tag davor oder erst am Morgen, bleibt keine Zeit für eine Notfalllösung.»
Tina Steyn, die Mutter einer Tochter im Primarschulalter, schlägt in die gleiche Kerbe: «Die Sparmassnahmen braucht es, klar, aber es gibt bestimmt effektivere und familienfreundlichere Optionen.»
Die Stadt stellt sich auf den Standpunkt, dass die meisten Familien mit dem neuen Regime umgehen könnten. Ohnehin hätten Primarschulkinder maximal zwei Lektionen Unterricht, die wegfallen. Für diese Zeit fänden auch berufstätige Eltern Hilfe von Nachbarn oder Verwandten.
Als alleinerziehende Mutter spreche ich damit wohl vielen Mamis und Papis aus dem Herzen.
Der Zuständige Donat Ledergerber sagt: «Uns bleibt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wichtig. Wir glauben nicht, dass diese mit den Neuerungen tangiert wird.»
Ganz so einfach sei es aber nicht, sagt Mutter Tina Steyn: «Es ist sowieso schon eine endlose Organisation. Durch diese Massnahme brauchen wir noch mehr Flexibilität. Das setzt noch mehr Druck auf die Eltern auf. Als Alleinerziehende spreche ich damit wohl vielen Mamis und Papis aus dem Herzen.»
Stadt findet Ausfall vertretbar
Man nehme die Sorgen der Eltern ernst, heisst es von der Stadt. Es komme eher selten vor, dass Lehrpersonen kurzfristig ausfallen. Fällt eine Lehrerin oder ein Lehrer länger aus, werde ab dem zweiten oder dritten Tag eine Stellvertretung organisiert.
Ein Kind in Ausnahmefällen früher nach Hause zu schicken, sei vertretbar, sagt Donat Ledergerber: «Wir sind klar der Meinung, dass Kinder ab der dritten Klasse solche Stunden alleine verbringen können.» Das sieht die Präsidentin der Elternvereinigung, Jehona Islami, anders. Es gäbe Kinder, die Angst haben, alleine zu Hause zu bleiben.
Sparauftrag wird durchgesetzt
In Einzelfällen könne die Stadt aushelfen. Man wolle niemanden hängen lassen. «Falls es Kinder gibt, die Hilfe benötigen, bieten wir Hand. Diese Kinder können in anderen Klassen betreut werden. Aber ganze Klassen doppelt betreuen, das geht nicht.»
Die Stadt Wil will mit dieser neuen Regelung 90'000 Franken im Jahr einsparen. Für die alleinerziehende Mutter Tina Steyn wird hier am falschen Ort gespart: «Man sollte dies nicht auf dem Rücken der Kinder austragen.»
Rechtlich ist die Stadt Wil auf der sicheren Seite. Im Kanton St. Gallen gilt die Weisung: Unterricht darf während der Blockzeiten nicht ausfallen, also vormittags. Da ist eine durchgehende Betreuung vorgeschrieben. Am Nachmittag nicht.