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Umweltsünder bezahlen nicht Trittbrettfahrer stören den Elektrorecycling-Kreislauf

Die Schweizerinnen und Schweizer sind Musterschüler im Umgang mit ihren alten Elektrogeräten: Sie entsorgen 95 Prozent aller Elektrogeräte fachgerecht, wenn diese ihren Dienst getan haben. Aber Trittbrettfahrer bringen das System aus dem Gleichgewicht.

Sabine Krattiger hat es kommen sehen. Und tatsächlich: Auf den Lastwagen, die dieser Tage bei ihrem Recyclingbetrieb in Regensdorf vorfahren, war ein Gerätetyp besonders häufig vertreten. «Es waren wieder sehr viele Flachbildschirme dabei», stellt die Geschäftsführerin der Immark AG fest. Der Grund: Viele haben auf die Fussball-WM hin ihren alten Fernseher ausrangiert und einen neuen gekauft.

Aufwändige Handarbeit

Das bedeutet viel Aufwand, denn einen Flachbildschirm zu rezyklieren ist mit viel Handarbeit verbunden. Wegen der Schadstoffe müssen die 100 Angestellten der Firma die Bildschirme, aber auch zahlreiche andere Geräte, in mühsamer Kleinarbeit von Hand aufbrechen und auseinandernehmen. Das macht das Rezyklieren teuer.

Sabine Krattiger vor Wand
Legende: Für den Recycling-Aufwand wird die Firma von Sabine Krattiger, Geschäftsführerin der Immark AG, entschädigt. SRF

Zwar verdient ein Betrieb wie jener von Sabine Krattiger Geld, weil er die gewonnenen Materialien wie Kupfer oder Kunststoff weiterverkaufen kann. Aber für den Aufwand, die Geräte fachgerecht von Schadstoffen zu befreien, ist sie auf eine andere Geldquelle angewiesen.

Der Topf leert sich

Dieses Geld kommt aus dem Topf der vorgezogenen Recycling-Gebühr (vRG). Diese Gebühr zahlen die Kunden, wenn sie ein neues Elektrogerät kaufen – einen Föhn, einen Staubsauger, eine Waschmaschine. Das System ist eine freiwillige Branchenlösung; die allermeisten Anbieter haben sich angeschlossen. In den vergangenen 20 Jahren hat das Geld gereicht, aber weil immer mehr Geräte ohne die Gebühr verkauft werden droht sich das zu ändern.

Ganze Küchen von jenseits der Grenze

Grund dafür sind zum Beispiel Grossbaustellen in Grenznähe. Andreas Röthlisberger, Präsident der Stiftung SENS, die einen Teil der Gebühren verwaltet, sagt: «Gehen Sie einmal in den Grenzkantonen auf Baustellen, wo ganze Blöcke saniert werden. Sie werden staunen, wie viele ausländische Unternehmer sie da antreffen, die ganze Küchen einbauen». Die Geräte kommen direkt aus dem Ausland, eine Recycling-Gebühr bezahlt niemand. Aber entsorgt werden die Geräte dereinst trotzdem in der Schweiz.

Andreas Röthlisberger steht neben Müll
Legende: Andreas Röthlisberger, Präsident der Recycling-Stiftung SENS, stört sich an Firmen, die sich um die Abgabe scheren. SRF

Ein anderes Problem sind private Einkäufe im Ausland – sei es online oder direkt mit dem Auto. Und schliesslich gibt es eine Anzahl Läden in der Schweiz, die bei der freiwilligen Lösung nicht mitmachen.

Coop und Co. haben genug

Das alles macht den Geldstrom dünner, der in den Recycling-Topf fliesst, so dass unterdessen alle Beteiligten – von den Läden, über die Sammelstellen bis zu den Verwertern – Handlungsbedarf sehen.

In dem Markt für Elektronik- und Elektrogeräte ergeben sich signifikante Wettbewerbsnachteile für diejenigen, welche das System mitfinanzieren.
Autor: IG Detailhandel Schweiz

Besonders Druck machen die Grossverteiler. Die IG Detailhandel, in der Coop, Migros, Denner und Manor zusammengeschlossen sind, beklagt auf Anfrage: «In dem hart umkämpften Markt für Elektronik- und Elektrogeräte ergeben sich dementsprechend signifikante Wettbewerbsnachteile für diejenigen, welche das System mitfinanzieren».

Bleibt nur das Vollobligatorium?

Wegen dieser zunehmenden Unzufriedenheit ist inzwischen das Parlament aktiv geworden. Der Bundesrat soll sich eine Reform des Elektro-Recyclings überlegen, so dass möglichst alle sogenannten Trittbrettfahrer auch zur Kasse gebeten werden. Das zuständige Bundesamt für Umwelt liebäugelt dem Vernehmen nach mit einem Vollobligatorium. Das hiesse, in der Schweiz würden alle Verkäufer, online oder im Laden, verpflichtet mitzumachen. Und die Importeure aus dem Ausland müssten die Gebühr ebenfalls erheben.

Elektroschrott auf Haufen bei Immark AG
Legende: Telefone, Computer, Drucker: Elektroschrott in der Halle der Immark AG wartet auf den Schredder. SRF

Nur: die Betreiber des heutigen, freiwilligen Systems finden das Obligatorium eine schlechte Idee. Sie verlören den Einfluss auf das System und könnten nicht mehr wie heute Höhe und Verteilung der Gebühren aushandeln und festlegen.

Der Preis eines heissen Sommers

Darum wird das Seilziehen um eine neue Lösung hinter den Kulissen noch eine Weile weiter gehen. Und Sabine Krattiger muss sich in der Zwischenzeit mit kurzfristigeren Problemen beschäftigen. Sie muss gefasst sein auf eine andere Geräteflut: «Letztes Jahr hatten wir einen heissen Sommer, also stiegen reihenweise Klimageräte oder Kühlschränke aus.» Kommt es wieder so weit, heisst es wieder: Dienstpläne anpassen.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Christian Weber (CWeb)
    Leider ist zu befürchten, dass man hier - wie beim Glücksspielgesetz - mit protektionistischen Massnahmen über das Ziel hinausschiessen wird. Der Vorschlag vom letzten Herbst, dass ausländische Onlinehändler die Gebühr über eine Kontaktperson in der Schweiz entrichten müssten: Für Amazon kein Problem, für Händler von Nischenprodukten hingegen untragbar. Eine Abwicklung über die Post kann ich mir auch nicht vorstellen. Bei den "Bearbeitungsgebühren", die sie uns jetzt schon verrechnen...
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  • Kommentar von Henriette Rub (ehb)
    Solange Elektogeräte mit "Verfalldatum" gebaut werden, müssen deren zu viele nach zu kurzer Zeit entsorgt werden. Ein Kühlschrank zB müsste eigentlich 10 bis 14 Jahre seinen Dienst tun. Bei Elektronik sieht es vor Allem bei Druckern (Laser vor Allem) sehr kritisch aus.
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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Es geht um Verantwortungs-Übernahme für die Produktion sämtlicher "Abfälle", welche in jedem Land produziert werden und die Selbstentsorgung dieser! Einsicht zur Umsicht und weniger Abfall-Produktion generell und prophylaktisch.
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