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Unfaire Arbeitsverträge: Schuldenfalle für Versicherungsberater
Aus Kassensturz vom 08.10.2019.
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Unfaire Arbeitsverträge Schuldenfalle für Versicherungsberater

Das Wichtigste in Kürze

  • In verschiedenen Branchen werden tiefe Basislöhne und Provisionen ausbezahlt. Hier besteht für den Arbeitnehmer das Risiko einer Verschuldung.
  • Ein Berater der Allianz Versicherungen hat zum Beispiel mit diesem Lohnmodell nach zwei Jahren einen Schuldenberg von 20'000 Franken angehäuft.
  • Für den Arbeitsrechtsexperten Thomas Geiser ist allerdings fraglich, ob der Berater die Schulden zurückzahlen muss. Denn der Arbeitgeber habe auch eine Fürsorgepflicht.
  • Der Generalagent entgegnet auf Anfrage von «Kassensturz», er habe seine Pflichten wahrgenommen.

In der Versicherungsbranche sind tiefe Fixlöhne und die Vorauszahlung von Provisionen gang und gäbe. Die grosse Gefahr: Solche Lohnsysteme können dazu führen, dass sich Arbeitnehmer verschulden.

Genau das ist A.B. (Name der Redaktion bekannt) passiert. Er arbeitete bei der Generalagentur der Allianz-Versicherungen in Schaffhausen. Als er nach zwei Jahren kündigte, sass er auf einem Schuldenberg von 20'000 Franken. Die Ursache: Sein Arbeitsvertrag als Kundenberater im Aussendienst.

Der Generalagent entschädigte A.B. wie folgt:

Lohnrechnung
Legende: SRF

Der grösste Teil des Lohnes, die Provisionen, bekam der Berater als Vorschuss ausbezahlt. A.B. ging davon aus, dass er Abschlüsse und Provisionen in der Höhe tätigen könnte. Doch aus den Provisionsvorschüssen wurden Schulden gegenüber seinem Arbeitgeber, ein sogenannter «Minussaldo» entstand.

Arbeitsvertrag ist zulässig

Thomas Geiser, ehemaliger Professor für Arbeitsrecht, sagt, Arbeitsverträge mit einem hohen Anteil an Provisionen seien zulässig. Aber: «Voraussetzung ist, dass damit ein angemessenes Entgeld erzielt werden kann.»

Der Berater kritisiert, er habe mehrmals einen grösseren Kundenbestand und ein eigenes geografisches Gebiet gefordert – erfolglos. «Kassensturz» kennt weitere ehemalige Kundenberater dieser Agentur, die während ihrer Tätigkeit Schulden anhäuften und zurückzahlen mussten.

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Arbeitsrechtsexperte Thomas Geiser: «Es ist fraglich, ob der Arbeitnehmer dieses Geld zurückbezahlen muss.»
Aus Kassensturz vom 08.10.2019.
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Arbeitgeber trägt Mitverantwortung am Minussaldo

Arbeitsrechtsexperte Thomas Geiser verweist auf die Fürsorgepflicht von Arbeitgebern. Seiner Meinung nach ist es fraglich, ob A.B. die Summe zurückzahlen muss: «Ich gehe davon aus, dass der Arbeitgeber eine grosse Mitverantwortung an diesem Minus trägt, folglich muss er seinen Anteil leisten.»

Der Generalagent der Allianz Versicherungen schreibt, er habe seine Pflichten wahrgenommen und: «In der grossen Mehrheit werden in unserer Generalagentur Provisionen erzielt, die mindestens dem Provisionsvorschuss entsprechen [...]. Provisionsvorschüsse sind bei Aussendienstmitarbeitenden, die davon Gebrauch machen, geschätzt. Diese glätten im Normalfall das erfolgsabhängige Einkommen.» Offen bleibt, ob er auf der Rückzahlung der 20'000 Franken besteht.

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Leena Schmitter, Gewerkschaft Unia: «Diese Lohnsysteme sind problematisch»
Aus Kassensturz vom 08.10.2019.
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Lohmodelle mit Basislohn und Provision verbreitet

Lohnmodelle mit einem tiefen Basislohn und Provision sind nicht nur in der Versicherungsbranche verbreitet, sondern auch im Detailhandel oder in Coiffeursalon-Ketten. Leena Schmitter, Sprecherin der Gewerkschaft Unia, kritisiert: «Die Angestellten haben so keinen garantierten Lohn.» Das unternehmerische Risiko werde auf die Mitarbeiter abgewälzt. Dazu kommt, dass beim Provisions-Vorschuss die Gefahr besteht, dass ein sicheres Einkommen vorgetäuscht wird.

«Kassensturz» hat bei grossen Versicherungen nachgefragt: Zahlen Sie Provisionen als Vorbezug aus? Fordern Sie einen Minussaldo zurück?

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Studiogespräch mit Serge Gnos, Gewerkschaft Unia
Aus Kassensturz vom 08.10.2019.
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20 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Peter Rubi  (Rubihp)
    Vorschüsse sind immer schlecht.
    Auch bei einem normalen Lohn.
    GAV verhindern aber auch „Günstige Nebenjobs“, für die sich reguläre Löhne einfach nicht rechnen. Es gibt Leute, welche gerne auch für weniger eine einfache Arbeit übernehmen möchten. Doch gemäss Arbeitsgesetz ist das nicht erlaubt. Ausser „Familienangehörige“. Und da sind CH-Kleinstfamilien benachteiligt. Darum gibt‘s viele Kebab, Pizzerias, Coiffeure, etc, welche in unfairem Wettbewerb stehen zu CH-Geschäftsbetreibern
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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Die meisten Versicherungen erlauben es den Generalagenten, Vorschüsse auf Provisionen auszuzahlen und bei einem Minus zurückzufordern. Bei tiefem Fixlohn besteht ein Schuldenrisiko. Diese Versicherungsunternehmen sollten sich schämen. Ihnen geht es nur um den Profit, dem Arbeitnehmenden wird die finanzielle Existenz geraubt. Beschämender geht es nicht. Jeder der eine Verischerung abschliessen will sollte sich diese betreffen Versicherungen merken - keine weitere Ausbeutung durch solche Betriebe.
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  • Kommentar von Stephen Schmid  (Stephen)
    Im Verkauf wird das unternehmerische Risiko leider allzu oft auf die Angestellten
    abgewälzt. Dies geschieht auch in bekannten schweiz. Vorzeigeunternehmen. Von einem solchen wurde mir ein Verkaufsgebiet zugeteilt, worin sich die "alte"
    Aussendienstkraft, Verkaufsleitung, 2 Key-Accounter, Firmenleitung und das Telefonmarketing bereits seit Jahren den Markt "strittig machten". Am letzten Tag der Probezeit wurde ich entlassen. Man hat sich die Zusammenarbeit anders vorgestellt, hiess es.
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