Ungenügender Risikoausgleich vermasselt der Assura das Geschäft

Für junge, gesunde Menschen, die bisher von tiefen Prämien profitiert haben, steigen die Krankenkassenbeiträge zum Teil stark. Ein Grund dafür ist der neue Risikoausgleich. Auch die viertgrösste Krankenkasse der Schweiz muss ihre Prämien deshalb teilweise stark erhöhen.

Über 10 Prozent steigen die Prämien der Grundversicherung in manchen Kantonen für Versicherte der Westschweizer Krankenkasse Assura. Vor allem junge Versicherte, die einer hohen Franchise zugestimmt haben, sind vom Anstieg betroffen. Für die Assura, wie auch für andere Billig-Krankenkassen, sind die Jungen, die man in den letzten Jahren stark umworben hatte, zu teuer geworden, sagt Generaldirektor Eric Bernheim. «Wir müssen mehr Risikoausgleich einzahlen, als die Jungen einbringen.»

Der Risikoausgleich ist jener Betrag, den Krankenkassen in einen Fonds einzahlen müssen, welche überdurchschnittlich viele «gute Risiken», also junge, gesunde Versicherungsnehmer in ihrem Portefeuille haben. Das Geld im Topf kommt dann Kassen zugute, die viele ältere und kranke Versicherte haben.

Geschäftsmodell auf falscher Grundlage

Dieser Risiko-Betrag war vom Parlament zunächst so tief angesetzt geworden, dass es sich für Billig-Anbieter wie die Assura dennoch lohnte, die Jungen mit starken Prämienrabatten anzulocken. Das sei aus Sicht von Versicherern wie der Assura lukrativ gewesen, sagt Stefan Felder, Professor für Gesundheitsökonomie an der Uni Basel: «Es war ein Geschäftsmodell auf der Grundlage eines ungenügenden Risikoausgleichs. Das haben die Versicherer ausgenutzt. Bis heute hat das gut funktioniert.»

Dann aber haben die eidgenössischen Räte den Risiko-Ausgleich revidiert. Bereits 2015 kam eine erste Erhöhung auf die Billig-Anbieter zu. Bei der Prämienplanung für hat die Assura den Kostensprung unterschätzt. Dazu kam ein weiteres Problem: Für die 200'000 neuen Versicherten mussten deutlich höhere Gesundheitsleistungen bezahlt werden, als ursprünglich angenommen. Am Ende des Jahres musste die Assura fast 300 Millionen aus den Reserven in die Grundversicherung einschiessen. Durch die rechtzeitige Prämienerhöhung soll so etwas nun aber nicht mehr passieren, sagt Bernheim: «Ausser der Preis der Leistungen, die man von uns erwartet, würde bis Ende Jahr ganz anders werden.» In so einem Fall rechne er mit einem ausgeglichenen oder sogar leicht positivem Ergebnis.

Mit anderen Ideen günstig bleiben

Trotz der neuen Situation will die Assura aber nicht zu einer normalen Krankenkasse werden. Sie will wo immer möglich am unteren Ende der Prämienskala bleiben. Es wird ihr laut Gesundheitsökonom Felder auch nichts anderes übrigbleiben, wenn sie die wechselwilligen Versicherten nicht wieder verlieren will. Durch den neuen Risiko-Ausgleich würden einige Billig-Konkurrenten verschwinden, erklärt Felder: «Helsana hat bereits reagiert und zwei ihrer Kassen geschlossen. Es ist interessant zu sehen, wie die Groupe Mutuel reagiert. Sie hat mehrere solcher Kassen.»

Doch der Preiskampf werde von den anderen Krankenkassen weitergeführt. Um möglichst günstige Prämien anbieten zu können, müssten Kassen wie Assura eben andere Möglichkeiten finden, um Kosten einzusparen. Felder ortet diese zum Beispiel in besseren Leistungsverträgen mit den Ärzten und Spitälern.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • FOKUS: Die Billigkassen werden teuer

    Aus 10vor10 vom 26.9.2016

    Besonders hohe Prämienaufschläge müssen Versicherte in sogenannten Billigkassen hinnehmen. Über eine halbe Million Versicherte stehen zudem vor einem Zwangswechsel ihrer Kasse, weil diese fusioniert oder ganz aufgelöst wird. «10vor10» berichtet über die Missstände in unserem Gesundheitswesen.