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Probleme wegen Grenzwerten in der Wasserversorgung
Aus Schweiz aktuell vom 06.02.2020.
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Verbotenes Chlorothalonil Grenzwerte überschritten – «Wir liefern trotzdem»

Die Wasserversorger schlagen Alarm. Sie müssen Wasser liefern, bei dem die Grenzwerte nicht eingehalten werden.

Seit Anfang Jahr ist das Pflanzenschutzmittel Chlorothalonil verboten. Mit diesem Schritt wurden sämtliche Abbaustoffe des Fungizids als relevant eingestuft. Konkret heisst das: Sämtliche Abbaustoffe dürfen den Grenzwert von 0.1 Mikrogramm pro Liter Trinkwasser nicht überschreiten.

Für die Wasserversorger ist diese Tatsache Fluch und Segen zugleich. Einerseits stehen sie ein für einen besseren Ressourcenschutz beim Grund- und Trinkwasser. Andererseits müssen sie die Qualität – auch auf Druck des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit BLV – einhalten.

Einschätzung von Inlandredaktor Stephan Weber

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Fakt ist: Seit dem Verbot von Chlorothalonil sind die Grenzwerte für dessen Abbauprodukte neu festgelegt worden und es werden Stoffe überprüft, die bislang als «nicht relevant» eingestuft wurden. Das ist gut so. Denn die EU Behörden hatten Chlorothalonil letztes Jahr als «wahrscheinlich krebserregend» eingestuft.

Fakt ist auch: Die Wasserqualität hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Da sind sich die Wasserversorger grösstenteils einig. Man überprüft lediglich mehr Stoffe, bei tieferen Grenzwerten. Doch die Wasserversorger stehen unter Druck. Von Seiten Bund, der die neuen Grenzwerte festgelegt hat, und von Seiten der Bevölkerung.

Das alles in einem Jahr, in dem gleich zwei Volksinitiativen zum Trinkwasser für politische Spannung sorgen – und für Emotionen. Sie sind legitim, denn es geht um ein wichtiges Gut. Doch darf man nicht vergessen: Die Wasserqualität ist stabil und das dürfte künftig so bleiben. Mit einer – zugegeben nicht unwesentlichen – Einschränkung. Die Wasserversorger dürften bei diesen Vorgaben des Bundes kaum darum herum kommen, in Aufbereitungsanlagen zu investieren. Das geht in die Millionen. Die Diskussion darüber, wer das bezahlen soll, steht ganz am Anfang.

In den letzten Wochen spitzte sich die Lage zu. Immer mehr Wasserversorger mussten Grundwasserbrunnen schliessen, weil die Grenzwerte überschritten waren. Nun sagen auch Trinkwasserlieferanten, dass sie Grenzwerte nicht mehr einhalten können.

Mittellandkantone besonders betroffen

Wenn der zulässige Höchstwert geringfügig überschritten sei, würden sie das Wasser weiterhin liefern, sagt Andreas Hirt vom Trinkwasserlieferant Energie Service Biel: «Wir können das Lebensmittelgesetz nicht mehr einhalten. Wir müssen Massnahmen suchen, um wieder lebensmittelkonform zu sein.»

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Legende: In mindestens 12 Kantonen dürften die Grenzwerte im Grundwasser überschritten sein. In den Kantonen Bern, Solothurn und Schaffhausen liegen konkrete Zahlen vor, wie viele Menschen betroffen sind. SRF

An wie vielen Orten die Messwerte des Trinkwassers zu hoch sind, war bislang nicht bekannt. Die «Berner Zeitung» machte nun jedoch publik: Im Kanton Bern ist das Problem grösser als bislang angenommen – rund 178'000 Menschen konsumieren Trinkwasser, welches die Vorgaben nicht erfüllt. In den letzten Tagen und Wochen informierten die Kantone Aargau und Solothurn mit ähnlichen Zahlen. Im Kanton Zürich schätzt der zuständige Kantonschemiker Martin Brunner, dass in rund 50 Prozent der Trinkwasserfassungen die Grenzwerte überschritten sind. Weitere Kantone werden in den nächsten Wochen informieren.

Kantonschemiker Kurt Seiler hat bereits im Sommer 2019 eine breit angelegte Studie zum Thema Chlorothalonil im Trinkwasser gemacht. Schon damals warnte er vor den Abbaustoffen. Dass nun seit Anfang Jahr alle Abbauprodukte des Fungizids als relevant eingestuft sind, verschärfe die Lage so Seiler. Die Kantone seien in der Pflicht, die Wasserversorger und Gemeinden zu unterstützen. Seiler rechnet schweizweit mit bis zu 1 Million Menschen, die Trinkwasser konsumieren, bei welchem die Grenzwerte überschritten sind.

Wasser weiterhin trinkbar

Das Bundesamt für Umwelt Bafu erklärte jüngst gegenüber Radio SRF, dass man in mindestens 12 Kantonen davon ausgeht, dass die zulässigen Grenzwerte in den Grundwasserfassungen überschritten sind. Die Konzentrationen können dabei an einzelnen Messstellen um mehr als Faktor 10 über dem Grenzwert liegen. Die Berner Umweltdirektion teilte heute mit, dass der Genuss von Trinkwasser nach wie vor unbedenklich sei, es bestehe keine erhöhte Gefahr für die Gesundheit. Dennoch, für den Berner Kantonschemiker Otmar Deflorin klar: «Das hier ist ein Weckruf.»

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Millioneninvestitionen für Wasserversorger
Aus 10vor10 vom 31.01.2020.
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Die Wasserversorger stehen unter Druck. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit BLV gibt den Versorgern maximal zwei Jahre Zeit, um das belastete Trinkwasser wieder zu säubern. Viele Versorger planen daher, schon jetzt in Aufbereitungsanlagen zu investieren. Doch das kann in die Millionen gehen. Doch Kantonschemiker Otmar Deflorin warnt: «Man muss längerfristig schauen, wie man in Infrastrukturen investieren will. Es muss nachhaltig sein, es darf keine Schnellschüsse geben.»

Schweiz Aktuell, 06.02.2020, 19:00

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Urs Siegenthaler  (Siggismund)
    Als Bauer, (Ernährer) kommt man sich mittlerweile schon etwas blöd vor.
    0.1 PPM pro Liter Trinkwasser als Grenzwert.... so weit so gut.
    1919, vor 100 Jahren, betrug die Lebenserwartung der CH Bev.ölkerung, 47 Jahre!
    2020 per dato, betrug dieselbe 84 Jahre. Welch ein Fortschritt.
    Der Mensch ist allerdings als Baumuster nur für ein Alter von 50 Jahren ausgelegt!
    Unglaublich, was die ärztliche Kunst, incl. der hemmungslose Einsatz der Medizinalchemie alles fertiggebracht haben.
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  • Kommentar von Mike Steiner  (M. Steiner)
    Politikern und libertären Wirtschaftsturbos die Zusammenhänge zwischen Wachstum, Versorgung und Umweltproblemen transparent zu machen, war eigentlich noch nie so anschaulich und einfach wie heute. Erstaunlich, ja unerträglich, dass man immernoch massenweisen Marginalisierungsargumenten und Abreden ausgesetzt ist. Zementieren wir das Lehrstück vorerst mal in der Trinkwasserinitioative, dann haben wir eine Chance, das Steuer herumzureissen! Ansonsten man uns weiterhin lächelnd beiseite wischt.
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  • Kommentar von Daniel Keller  (d.keller)
    Der Grenzwert liegt bei 1 Gramm pro 10 Mio. Liter Wasser! Der tägliche Konsum von 10 Liter dieses Wassers über ein Jahr, ist was die Krebsgefahr anbelangt, vergleichbar mit dem Rauchen einer Zigarette pro Jahr.
    Wenn beim Verkehr die gleichen Vorgaben gelten würden was krebserregende Schadstoffe aus Verbrennungsmotoren, Reifenabrieb, Bremsstaub, etc. betreffen, wären unsere Strassen leer!
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    1. Antwort von Olivier Dombas  (mod)
      Leute, die NICHT handeln, weil es "noch andere Probleme auf der Welt gibt", sind Zyniker. Wir können nicht alle Probleme auf einmal lösen, aber wir könnten ja mal beim Grundwasser anfangen.
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    2. Antwort von Ludwig Zeier  (Louis)
      @Daniel Keller 
      Ihr Vergleich betrifft eine Substanz mit Ihren Metaboliten. Aber es gibt noch tausend andere Substanzen und Ihre Metabolite aus der Landwirtschaft in unserem Trinkwasser. Ehrlicher wäre die Krebsgefahr des ganzen Giftcocktails zu bestimmen.
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