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Die Wunden des Völkermords bleiben
Aus SRF News vom 10.07.2020.
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Von Srebrenica in die Schweiz «Die ganze Welt sah zu, aber unternahm nichts»

Familie Muminović verlor beim Völkermord in Bosnien Ehemann und Vater. Erinnerungen an verheerende Tage im Juli 1995.

Den 11. Juli 1995 wird Hata Muminović nie vergessen: «Es war wie ein Weltuntergang.» Zusammen mit ihren beiden kleinen Kindern und Tausenden weiteren Menschen steht sie am Stützpunkt der UNO-Schutztruppe in Potočari, einige Kilometer nördlich des ostbosnischen Städtchens Srebrenica.

Die Sonne brennt. Die bosnisch-serbischen Truppen von General Ratko Mladić stehen kurz davor, in der Stadt einzumarschieren. Nun suchen die Muslime aus Srebrenica Schutz bei den Blauhelm-Soldaten.

Vater Ismet Muminović ist nicht bei seiner Familie. Er hat sich wenige Stunden zuvor von ihr verabschiedet. Zusammen mit Tausenden anderen Männern versucht er, zu Fuss durch die Wälder in die rund 100 Kilometer entfernte und von bosnisch-muslimischen Truppen kontrollierte Stadt Tuzla zu fliehen.

Die Männer ahnen, dass ihnen nichts Gutes bevorsteht. «Ich weiss, dass mein Vater ein rot-weiss kariertes Hemd anhatte, als wir uns verabschiedeten», erinnert sich seine damals achtjährige Tochter Emina. «Und er war sehr stolz auf mich, weil ich gute Noten in der Schule hatte.» Es ist das letzte Mal, dass sie ihren Vater sieht.

Mutter Hata und Emina Muminović stehen nebeneinander
Legende: Hata (links) und Emina Muminović kamen nach dem Bosnienkrieg in die Schweiz und leben heute in Luzern. SRF | Christina Brun

Rund zwei Jahre zuvor war die Familie Muminović nach Srebrenica gekommen. Der UNO-Sicherheitsrat hatte die Stadt und die umliegenden Orte, darunter auch Potočari, zu einer von sechs Schutzzonen in Bosnien-Herzegowina erklärt.

Wie Tausende weitere muslimische Bosniaken aus umliegenden Ortschaften suchten auch die Muminovićs hier Zuflucht vor dem Kriegsgeschehen und den serbischen Truppen, die die Gebiete rund um Srebrenica unter Kontrolle hatten. «Wir mussten einen Ort finden, der sicher war», sagt Hata Muminović. «Nur in Srebrenica haben wir eine Chance gehabt.»

Das Leben in der Schutzzone ist hart. Sie wird von den bosnisch-serbischen Truppen belagert. Die bosnisch-muslimischen Truppen in der Stadt händigen einen Teil ihrer Waffen den UNO-Blauhelm-Soldaten aus. Diese sind jetzt für die Sicherheit der Bewohnerinnen und Bewohner der Enklave verantwortlich.

Immer wieder schlagen Granaten ein, Hilfskonvois mit Nahrungsmitteln werden regelmässig gestoppt, bevor sie die Schutzzone erreichen. Und auch Unwetter setzen den Geflüchteten zu.

Ein solches Ereignis einfach auf die Seite legen – das geht nicht.
Autor: Emina MuminovićSrebrenica-Überlebende

Emina Muminović besucht ab dem Sommer 1994 die erste Klasse. Schule ist dann, wenn gerade keine Granaten fallen. Für Emina ist das normal, sie kennt es nicht anders: «Mein Erinnerungsvermögen begann, als der Krieg begann.»

Sie erinnert sich an den blauen Bus, mit dem die Lehrer von Srebrenica in ihr Schulhaus nach Potočari fuhren, und mit dem sie und ihre Freundinnen manchmal mitfahren durften. «Ich weiss noch, wie ich voller Stolz zuhause erzählte, dass die Bustüren von alleine aufgingen.» Sie erinnert sich auch an den Kiosk neben dem Schulhaus, wo Schokolade in der Auslage lag, die sich niemand leisten konnte.

Ein Jahr nach Eminas Einschulung steht Ratko Mladić im Juli 1995 in Potočari und verteilt Süssigkeiten an die Kinder. Auch Eminas kleinen Bruder nimmt der General zur Seite und will ihm Schokolade geben. Doch er nimmt sie nicht an.

Mladić fragt ihn, wo sein Vater sei, und ob dieser eine Waffe dabeihabe. Eminas Bruder schweigt. Es ist der 12. Juli und Hata Muminović entscheidet sich, nun doch mit ihrem Sohn und ihrer Tochter in einen der Busse zu steigen, die Mladićs Truppen für die Frauen, Kinder und Alten bereitgestellt haben – obwohl sie nicht sicher sein kann, ob der Bus sie wirklich wie versprochen in den muslimisch kontrollierten Teil Bosniens fahren wird. Sie will nur weg von hier.

Die UNO-Blauhelme haben Mladićs Truppen nichts entgegenzusetzen, ihr Ruf nach umfassender Luftunterstützung durch die Nato wird nicht erwidert. Die UNO-Truppen ergeben sich praktisch kampflos, die vermeintliche Schutzzone wird zur Falle.

Nicht alle Männer haben sich zu Fuss auf die Flucht in Richtung Tuzla gemacht. Viele suchen Schutz beim UNO-Stützpunkt. Mladićs Soldaten trennen sie von den Frauen und Kindern. Die Männer, darunter auch Jugendliche, werden abgeführt und an zahlreichen Tatorten in der Umgebung ermordet.

Auch die Marschkolonne, in der sich Ismet Muminović befindet, wird gejagt und beschossen. Das Massaker dauert tagelang. Am Ende werden mehr als 8000 Männer vermisst. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag hat das Grauen von Srebrenica 2001, Link öffnet in einem neuen Fenster und in mehreren weiteren Urteilen in den Jahren danach als Völkermord klassifiziert.

Auch Ismet Muminović kommt nie in Tuzla an, wo seine Familie Unterschlupf in einer Garage gefunden hat. Immer wieder erreichen Männer die Stadt, denen die Flucht aus Srebrenica gelungen war, erinnert sich seine Tochter Emina. «Doch er war nie dabei.»

Hass würde nur den Boden für etwas in der Zukunft legen, das wieder nicht gut wäre.
Autor: Emina MuminovićSrebrenica-Überlebende

1997 – zwei Jahre nach dem Krieg – hilft ein Cousin des Vaters der Familie, in die Schweiz zu kommen. Der Asylprozess führt die Muminovićs durch die ganze Schweiz. Von Genf ins St. Galler Rheintal und schliesslich nach Emmenbrücke (LU). Mutter Hata findet Arbeit als Putzkraft und bringt so sich und die beiden Kindern über die Runden. Die Familie fasst Fuss in der Schweiz, wird eingebürgert.

Tochter Emina besucht das Gymnasium und liest viel über den Krieg in Bosnien. Ihre Erinnerungen an die Zeit in Srebrenica verarbeitet sie mithilfe eines Therapeuten und in ihrer Maturaarbeit.

Doch von ihrem Vater fehlt noch immer jede Spur. «Ich habe schon gewusst, dass die Chancen gegen null sind, dass er noch lebt – aber die Hoffnung gibt man nie auf», sagt sie. «Ich konnte mich noch ein paar Jahre an seine Stimme erinnern – doch irgendwann verflog auch diese Erinnerung.»

Erst im Februar 2009 – Emina studiert bereits an der Universität Zürich – werden die Überreste ihres Vaters in einem Massengrab gefunden. Anhand von DNA-Proben wird er identifiziert und auf dem Friedhof in Potočari beigesetzt.

Foto von Kleiderresten
Legende: Die sterblichen Überreste von Ismet Muminović wurden 2009 entdeckt und identifiziert. Im Bild die Überreste seiner Kleider, die im Massengrab gefunden wurden. SRF | Christina Brun

Mehr als 7000 Opfer wurden bisher in zahlreichen Massengräbern rund um Srebrenica gefunden und identifiziert, mehrere Hundert gelten noch immer als vermisst. Auf dem Friedhof von Potočari ragen heute Tausende von weissen Grabsteinen aus der Erde. Und jedes Jahr am 11. Juli werden neue Gräber ausgehoben, um die neu identifizierten Opfer zu begraben.

Emina Muminović kann sich auch 25 Jahre später nicht erklären, wie es dazu kommen konnte. «Das Härteste ist eigentlich, dass die ganze Welt zusah, aber nichts unternahm.» Sie arbeitet heute in leitender Funktion in der IT-Abteilung einer Bank und kann ruhig über den Juli 1995 reden.

«Ich habe mich damit abgefunden, dass dies ein Teil meiner Vergangenheit ist», sagt sie. «Aber es einfach auf die Seite legen – das geht nicht.» Ihr ist wichtig, dass Srebrenica nicht vergessen geht. Und: «Diejenigen, die das getan haben, vor allem diejenigen, die das angeführt haben, sollen bestraft werden.»

Radovan Karadžić, der politische Führer der bosnischen Serben während der Kriegsjahre, und sein General Mladić wurden vom Strafgerichtshof in Den Haag für ihre Verbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Fall Mladić läuft noch ein Berufungsverfahren. Die Bestrafung der Täter sorge bei ihr für eine Art Erleichterung, sagt Emina Muminović. Hass verspüre sie nicht. «Das würde nur den Boden für etwas in der Zukunft legen, das wieder nicht gut wäre.»

Echo der Zeit, 08.07.2020, 18:00 Uhr

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25 Kommentare

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  • Kommentar von Christoph Petermann  (Julian67)
    Ein Kriegsverbrechen, ohne jeden Zweifel! Dass im Kontext des Bosienkrieges jedoch nur die Serben gebrandmarkt werden, ist mehr als tendenziös. DieBosniaken waren nicht NUR Opfer sondern auch Täter - Islamisten aus der ganzen Welt kämpften an ihrer Seite - die Bevölkerung ganzer bosnisch-serbischer Dörfer wurde umgebracht, Frauen vergewaltigt, Männer geköpft. Relativiert dies Sebrenica? Nein! Aber die Einseitigkeit, mit der im Westen über die Rolle der Serben berichtet wird, ist nicht korrekt.
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  • Kommentar von Angela Nussbaumer  (Angela N.)
    Was ich mich immer wieder frage bezüglich der begangenen Kriegsverbrechen im Balkankrieg: wie viele der Verbrecher sind damals in unser Land gekommen, als Flüchtlinge, als Menschen, die hier Aufnahme fanden? Von einer Frau aus dem Balkan hörte ich, das meiste der Kleider-, Essens-, Spielsachenpakete, die hier bereitgestellt und ins Kriegsgebiet gefahren wurden, hätten sich die Verbrecher unter den Nagel gerissen. Jene, die die Sachen wirklich brauchten, hätten nichts davon gesehen.
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  • Kommentar von Wilfred Scheidegger  (Ville Frayde)
    WAS haben wir daraus gelernt???
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    1. Antwort von Manuela Fitzi  (Mano)
      Was müssen wir daraus gelernt haben? Haben wir jemals Genozid betrieben? Nein. Haben wir die Schutzsuchenden aufgenommen? Ja. Haben wir uns aus diesem Konflikt sonst ausgehalten? Ja. Was also müssen wir noch daraus gelernt haben?
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    2. Antwort von Wilfred Scheidegger  (Ville Frayde)
      Kriminelle, Vergewaltiger, Gewalttätige und sonstige, mit Pferdestreicheltherapien und ( juristischen) Samthandschuhen zurück ins Leben schicken, wo auch immer... Technik verbessern wir, Menschen nicht!
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