«Wenn Schweden das kann, wird die Schweiz das auch schaffen»

Bundesrätin Doris Leuthard informiert sich in Schweden über die dortige Energiewende. Beide Länder seien in vielen Bereichen vergleichbar, sagt sie. Deshalb helfe es manchmal, in der Schweiz mit den schwedischen Verhältnissen zu argumentieren.

Schweden und die Schweiz werden auf der Welt gern verwechselt. Tatsächlich gibt es Ähnlichkeiten zwischen den beiden Ländern – aber auch Unterschiede: Das skandinavische Land hat mit knapp zehn Millionen fast zwei Millionen Einwohner mehr als die Schweiz, ausserdem ist Schweden flächenmässig zehn Mal so gross wie unser Land.

Nichtsdestotrotz besucht Energieministerin Doris Leuthard das Land, um sich mit Vertretern der schwedischen Regierung über die Energiepolitik auszutauschen. SRF-Korrespondent Bruno Kaufmann hat in Stockholm mit der Bundesrätin über ihre Eindrücke gesprochen.

SRF News: Ein Thema ihrer Gespräche waren die radioaktiven Abfälle aus den AKW. Was läuft in punkto Tiefenlager in Schweden anders als in der Schweiz?

«Bei den Gebäudestandards ist die Schweiz top»

4:28 min, aus SRF 4 News aktuell vom 09.09.2016

Doris Leuthard: In der Schweiz sind wir immer noch in der Phase, dass wir in einem Beteiligungsprozess der Betroffenen einen Standort suchen. Schweden hat diesen Standort bereits definiert. Das Land ist dabei – ebenfalls in einem Partizipationsprozess – konsequent nach der Vorgabe vorgegangen, die selber produzierten Atomabfälle auch im eigenen Land zu entsorgen. In Sachen Bürgerpartizipation konnten wir durchaus von Schweden lernen.

Ein wichtiger Teil der Energiewende ist der Wohnungsbau. Sie haben ein Quartier in der Nähe von Stockholm besucht, das auf innovative, intelligente Stromnetze setzt. Was ist Ihnen von dem Besuch geblieben?

Imponierend war die Umwandlung eines Industrie- in ein Wohngebiet. Rein architektonisch war ich weniger beeindruckt. Was Gebäudestandards angeht, ist die Schweiz wahrscheinlich top. Dafür machen die Schweden bei den intelligenten Stromzählern vorwärts, die sind überall vorgeschrieben. Jeder kann seinen Stromverbrauch damit ständig kontrollieren, Fernwärmesysteme werden zum Heizen, im Sommer auch zum Kühlen verwendet. Wirklich spannend ist das System der Abfallentsorgung mittels direkter Rückführung ins Fernwärmenetz. Hier ist uns Schweden voraus.

Sie treffen nun mehrere schwedische Minister. Wo können diese etwas von der Schweiz lernen?

AKW, davor weiden Schafe. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auch Schweden ist nach wie vor auf Atomenergie angewiesen. Keystone

Bei der Energieeffizienz steht die Schweiz viel besser da als Schweden. Der Pro-Kopf- und auch der Gesamtverbrauch in Schweden ist viel höher als bei uns. Das betrifft sowohl den Gebäude- als auch den Verkehrsbereich. Das hat unter anderem auch mit dem dichten Netz des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz zu tun.

Wird es Ihnen der Besuch hier in Schweden erleichtern, die Menschen in der Schweiz von der Energiewende zu überzeugen?

Bei den Minister-Kontakten geht es vor allem um den Austausch. Darum, zu erfahren, welche Massnahmen Schweden ergriffen hat und welche Erfahrungen man damit gemacht hat. In vielen Bereichen ticken die beiden Länder sehr ähnlich und es ist sehr interessant zu erfahren, was funktioniert und was nicht. Auch sind Teile der Schweizer Wirtschaft gegenüber der Energiewende immer noch skeptisch. Da hilft es mir mit den schwedischen Verhältnissen zu argumentieren: Hier werden hohe Abgaben auf fossilen Energieträgern erhoben, und trotzdem brummt die Wirtschaft – wenn man auf die Wachstumszahlen schaut, sogar besser als in der Schweiz. Da muss ich dann schon sagen: Wenn Schweden das kann, wird die Schweiz das wohl auch schaffen.

Das Interview führte Bruno Kaufmann in Stockholm.