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Schweiz Wie unser Nachbar die Energiewende stemmt

Die Schweiz und Baden-Württemberg sind sich sehr ähnlich: Gleiche Fläche, gleich grosse Bevölkerung, gleicher Stolz auf die Arbeitsmoral – aber in Sachen Energie ticken sie anders. Das zeigte sich beim Besuch des baden-württembergischen Energieministers in der Schweiz.

Windräder auf einer Hügellandschaft im Schwarzwald.
Legende: Windenergie feiert in Baden-Württemberg, wie hier im Schwarzwald, Hochkonjunktur. Keystone

Man hört ihn kaum, den Elektrolastwagen, der beim neuen Coop-Verteilzentrum in der Nähe von Lenzburg eine Runde dreht. «Es ist super, dass Coop hier Pionierarbeit leistet und bereits mehrere solcher Lastwagen in Betrieb hat», sagt der baden-württembergische Energieminister, Franz Untersteller, nach dem Aussteigen: «Zum ersten Mal bin ich in einem elektrisch betriebenen LKW gesessen. Ich glaube, das ist die Zukunft».

Weniger «super» findet es der Grünen-Minister, wenn er auf die alten Kernkraftwerke in seiner Nähe angesprochen wird. Nach Fukushima hätten sie die genau angeschaut und seien zum Ergebnis gekommen, dass speziell das französische AKW Fessenheim und das schweizerische AKW Beznau in Deutschland nicht mehr am Netz sein dürften: «Sie entsprechen in etwa den acht Anlagen, die bei uns unmittelbar nach Fukushima vom Netz gegangen sind», so Untersteller.

AKW fordern Millionenentschädigungen

Nach deutschen Sicherheitsmassstäben wäre Beznau also längst vom Netz. Dafür ist Untersteller, der grüne Realo-Politiker, jetzt konfrontiert mit Schadenersatzforderungen von den deutschen Kernkraftwerkbetreibern. 260 Millionen Euro fordert das Energieunternehmen EnBW vom Staat wegen dem schnellen Aus – bisher unterlag der Energiekonzern vor Gericht.

«Ich bin nach wie vor sehr guter Dinge, dass auch der weitere Gerichtsweg zeigen wird, dass EnWB keinerlei Ansprüche geltend machen kann», sagt Untersteller – und lässt sich von Coop das nächste Projekt erklären, bei dem es um das Verladen von Lastwagen auf die Bahn geht.

Radikale Energiewende – mit Vorbildcharakter?

Walter Steinmann, Direktor des Schweizer Bundesamtes für Energie, steht daneben. Was sagt er zum deutschen Weg der Energiewende? «Baden-Württemberg und Berlin haben 2011 radikale Schritte beschlossen.» Radikal ist der deutsche Weg tatsächlich. Trotzdem schaut Steinmann mit grossem Interesse ins nördliche Nachbarland.

Denn während hierzulande dieses Jahr genau eine Windkraftanlage ans Netz gehen wird, sind es in Baden-Württemberg 120. Der Ausbau ist rasant. Trotzdem fehlt mit dem Abstellen der AKW Strom. Gehen in wenigen Jahren auch die letzten AKW vom Netz, muss Baden-Württemberg die Hälfte des Stroms importieren.

«Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, sind wir auf die enormen Kapazitäten angewiesen, die wir in Norddeutschland im Wind-on-shore-Bereich ausgebaut haben, und die wir künftig auch off-shore ausbauen müssen», sagt Untersteller.

Aber dazu müssen neue Hochspannungsstrassen von Nord nach Süd gebaut werden. Derzeit streiten sich Baden-Württemberg und Bayern darum, wo die verlaufen sollen. Niemand will die Strommasten.

Grenzüberschreitender Wissenstransfer

Auch mit der Schweiz gibt es zahlreiche offene Fragen. Es geht etwa um das Atommüllendlager an der deutschen Grenze und generell um die Frage, wie man trotz blockierter Gespräche mit der EU im Strombereich zusammenarbeiten kann.

Deshalb treffen sich Baden-Württemberg und die Schweiz einmal im Jahr, wie der Schweizer Amtsdirektor Steinmann sagt: «In verschiedenen Gebieten können wir lernen, zum Teil können sie lernen.» Der Austausch zwischen Baden-Württemberg und der Schweiz soll deshalb – trotz unterschiedlicher Geschwindigkeiten – weiter geführt werden.

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45 Kommentare

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  • Kommentar von Willi Meier (wm)
    Hallo! Warum wird ständig behauptet, die Schweiz sei das Schlusslicht bei alternativen Energien? Es wird konsequent ausgeblendet, dass wir seit vielen Jahrzehnten ungefähr zwei Drittel (!) der gesamten Elektrizität aus Wasserkraft gewinnen. Wenn man das berücksichtigt, ist die Schweiz plötzlich nicht das Schlusslicht, sondern steht an erster Stelle! - Dass Wasserkraft plötzlich nicht mehr rentiert und durch Braunkohle ersetzt wird, ist der wahre Skandal!
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    1. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Abgesehen davon, dass etliche Länder einen höheren erneuerbaren Stromanteil als die Schweiz haben. Während Deutschland seinen erneuerbaren Stromanteil verfünffacht hat, hat ihn die Schweiz in den letzten Jahrzehnten stetig reduziert. Auch hat die Schweiz im Gegensatz zu vielen anderen Ländern keine eigenen Treib- und Brennstoffe (abgesehen von etwas Holz). Die AKW und die Auslandsbeteiligungen der Schweizer Stromkonzerne sind übrigens tatsächlich nicht rentabel - nicht deren Wasserkraftwerke.
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    2. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Die Wasserkraftwerke produzieren übrigens mindestens gleich viel Strom wie früher auch bezahlen wir gleich viel für den Strom und dürfen den Stromanbieter nicht wählen. Der Grund weshalb die Schweiz überhaupt Kohlestrom importiert, liegt daran, dass die alten AKW häufiger ausfallen und die Schweizer Stromkonzerne seit Jahren den Ausbau von erneuerbaren Energien bekämpft und gleichzeitig in fossile Kraftwerke im Ausland investiert haben (womit sie inzwischen riesige Verluste eingefahren haben).
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  • Kommentar von Ramon Gfeller (Tachy0n)
    Bei Windenergie von "sauberem" Strom zu reden ist Augenwischerei. Bei der Herstellung werden tonnenweise der problematischen seltenen Erden verbraucht. Eine Windturbine schreddert hunderte Vögel und Fledermäuse im Jahr. Der Schattenwurf und der niederfrequente Lärm sind extrem störend, nicht nur für Menschen. Wegen der Durchmischung der Luftschichten steigen die Nachttemperaturen bodennah um mehrere Grad! Die Netzstabilität muss nach wie vor von konventionellen Kraftwerken sichergestellt werden.
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    1. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Seltene Erden sind häufiger als Uran und die meisten Windkraftanlagen verwenden gar keine seltenen Erden. Tatsächlich kann bei moderner WKA ausgeschlossen werden, dass von Menschen wahrnehmbarer Infraschall erzeugt wird. Der Infraschall in einem Auto ist rund hundert mal so hoch wie der in der Nähe einer WKA. WKA benötigen im Gegensatz zu konventionellen Kraftwerken tatsächlich weniger teure Reservekraftwerke (weil sie nicht plötzlich ausfallen). Haben Sie diese Räubergeschichten vom Ölscheich?
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    2. Antwort von Willy Gruen (wgruen)
      Ramon Gfeller, bitte mal wieder auf den Boden kommen. Windturbinen sind keine Hochfrequenzrotoren, sondern drehen sehr langsam. Jede Flugzeugturbine ist gefährlicher für Vögel als eine Windturbine. Schattenwurf spielt so gut wie keine Rolle, da sie nicht in Wohngebietsnähe aufgestellt werden. Lärm? Ist das jetzt ihr Ernst? Und die Luft wird vom Wind durchgemischt, nicht von den Windturbinen. Bitte bei Fakten bleiben.
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    3. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Tatsächlich würde der Ersatz fossilen Energien durch Windenergie Millionen von Vögeln retten. Denn der Lebensraum der Vögel als auch von Fledermäusen wird durch den Abbau der fossilen Ressourcen und die Verbrennung von fossilen Energien eingeschränkt. Zudem sind viele Lebewesen durch den Klimawandel gefährdet, welche durch die Verbrennung fossiler Energien verursacht bzw. beschleunigt wird.
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  • Kommentar von Thomas Steiner (Thomas Steiner)
    Es ist langsam echt peinlich, wie die bürgerliche Mehrheit anstatt in die Zukunft zu investieren sich lieber von den Lobbyisten der Stromkonzerne kaufen lässt. Es hat nicht lange gedauert, schon machen diese Konzerne massive Verluste, weil sie lieber Politiker geschmiert als auf den Markt reagiert haben. Wie wenn es nicht schon genug schlimm wäre, als eines der reichsten Länder rückständig in Sachen Energie zu sein, möchte die SVP sogar noch über die Energiewende abstimmen. Korruption pur!!!
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