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Jean Ziegler zu Fidel Castro «Wir haben eine Autoritätsfigur, einen Ratgeber verloren»

Neun Mal hat alt SP-Nationalrat Jean Ziegler Fidel Castro persönlich getroffen. Er war der einzige UNO-Sonderberichterstatter, den das Regime empfangen hat.

SRF: Wie war Fidel Castro im persönlichen Umgang?

Jean Ziegler: Im persönlichen Kontakt war er ein echter Kubaner. Ein unglaublich herzlicher und temperamentvoller Mensch. Kaum sass man ihm in der Villa Flores gegenüber, fragte er nach dem Befinden der Familie. Das waren immer die ersten Fragen, die er stellte. Er war sehr neugierig auf die europäische Linke. Neugierig darauf, was mit der sozialistischen Internationalen passiert. Da hat er sich immer über die fehlende Solidarität geärgert. Europa war für ihn sehr wichtig als dritter Weg zwischen den Blöcken. Diesen dritten Weg hat er sein Leben lang gesucht.

Castro hat auch die Schweiz sehr geliebt. Das hab ich gespürt.
Autor: Jean Ziegleralt SP-Nationalrat

«DOK» zu Fidel Castro

Anlässlich des Todes von Fidel Castro zeigt SRF 1 am Sonntag, 27.11.2016, um 15:10 Uhr den Dokumentarfilm «Fidel Castro - Ein Leben für die Revolution».

Castro hat auch die Schweiz sehr geliebt. Das hab ich gespürt. Er war zweimal in der Schweiz, hat zum Beispiel das Greyerzerland besucht, die Käsefabrikation. Er war sehr beeindruckt von der direkten Demokratie. Er hat sie nicht genau verstanden und hat mir immer wieder Fragen dazu gestellt. Ich habe ihm dann Dokumente darüber mitgebracht.

Es ist eine grosse Tragödie, dass er gestorben ist, obschon er ein schönes Alter erreicht hat. Wir haben eine Autoritätsfigur, ein Schiedsrichter innerparteilicher Konflikte, eine Referenz verloren. Er war zudem für andere Staatspräsidenten in Südamerika ein unabdingbarer Ratgeber in politischen Entscheidungen.

Fidel Castro setzte aber auch Dissidenten in Haft und Dissidenten starben. Er führte das Land in die Isolation und Armut. Sie haben ihn immer in Schutz genommen. Warum?

Sie haben Unrecht mit der Isolation und der Armut. Im Gegenteil. Kuba ist die solidarischste Nation überhaupt. Ich habe das als UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung erlebt: Kubanische Ärzte sind überall bei den Ärmsten in der Welt – in Bangladesch, in der Mongolei, im Niger, in Guatemala. Kuba ist aus der Armut herausgekommen, der Rassismus ist verschwunden. Kuba ist allerdings keine Demokratie, es gibt eine Einheitspartei. Aber es gibt Prioritäten im Leben. Bertolt Brecht hat gesagt: Ein Wahlzettel macht den Hungrigen nicht satt.

Castro ist der letzte grosse Revolutionär. Richtig?

Das soll man nicht sagen – nein nein. Die Völker machen die Revolution. Aber klar, einen Fidel Castro gibt es nicht alle fünf Jahre. Aber er ist nicht der letzte grosse Revolutionär. Was die Völker der Welt wollen, ist der Aufstand des Gewissens. Alle wollen wie Menschen leben können.

Das Gespräch führte Isabelle Jacobi.

Jean Zieglers neun Treffen mit Fidel Castro

Wohl kein anderer Schweizer hatte so oft Kontakt zu Fidel Castro wie der emeritierte Soziologieprofessor und alt SP-Nationalrat Jean Ziegler. Er war der einzige UNO-Sonderberichterstatter, den das Regime empfangen hat. Noch im Juni sprach Ziegler im Staatsfernsehen. Insgesamt neun Mal hat Ziegler Fidel Castro zwischen Ende der 60er-Jahre und 2006 getroffen. Einige Male war Ziegler bei ihm zuhause. Letztmals war der 82-jährige Ziegler im Juni dieses Jahres in Kuba. Ein Treffen mit Castro kam wegen dessen Gesundheitszustand nicht zustande. Dafür wurde Ziegler eingeladen, im Staatsfernsehen eine Rede zu halten. Fidel war kein enger Freund von Ziegler. Seine Beziehung zu Fidel sei die eines linken, anti-imperialistischen Intellektuellen aus Europa zu einem Revolutionsführer gewesen, so Ziegler.
Legende: Video «Castro hat das Elend besiegt» abspielen. Laufzeit 0:51 Minuten.
Aus Tagesschau vom 26.11.2016.

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48 Kommentare

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  • Kommentar von Schölu Schöpfer (Schoelu)
    Einmal mehr gibt SRF einem Linksradikalen Kommunisten eine überdurchschnittlich grosse Blattform. Einem der aktivsten Gegner der Demokratie und der Schweiz sowieso. Würde dieser Ziegler die Schweiz regieren, bliebe allen Freiheitsliebenden Menschen nur noch die Flucht in ein gemässigteres Land, wie z.B. Russland, China oder auch Kuba und so. Er ist intelligent und sehr aktiv, aber dieser Mann ist einfach..., ich nenne es mal "nicht sonderlich Vertrauenswürdig".
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  • Kommentar von Edi Steinlin (stoni)
    Der völlig naive, uneinsichtige Ziegler würde gut in den Vatikan passen.
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  • Kommentar von B Mich (Mich B)
    Die freundlichste Bezeichnung, die man Hrn. Ziegler zurechnen kann, ist eine grausame Naivität. Schade, dass er trotz fortgeschrittenem Alter nicht zu einer gewissen Reife gekommen ist.
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