«Wir wollen unsere rote Linie aufzeigen»

Für die Schwulenorganisation Pink Cross hat der Churer Bischof mit seinen streitbaren Aussagen über Homosexuelle eine Grenze überschritten: Sie zeigt den Kirchenmann heute an. Denn die Art, wie Huonder alttestamentarische Bibelzitate in unsere Zeit übersetze, sei potentiell gefährlich.

Bischof Vitus Huonder in Chur, Aufnahme vom 9.3.2015 Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Kritik an Huonders Aussagen zur Homosexualität wird nicht kleiner. Im Gegenteil. Keystone

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Gleiche Rechte für alle?

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Der Streit um die Aussagen des Churer Bischofs Vitus Huonder über Homosexualität geht in die nächste Runde: Der Schwulenverband Pink Cross reicht heute bei der Staatsanwaltschaft Chur Strafanzeige gegen den Bischof ein. Damit, so schreibt Pink Cross auf seiner Website, reagiere der Verband auf die homophoben Aussagen des Bischofs, die öffentlich zu Verbrechen aufforderten.

Bischof Huonder hatte vor rund einer Woche an einem Kongress im deutschen Fulda einen Vortrag über die biblischen Grundlagen von Ehe und Familie gehalten und dabei unter anderem diese Bibelstellen aus dem Levitikus, dem 3. Buch Mose, zitiert:

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Zur Person

Zur Person

Bastian Baumann ist Geschäftsleiter von Pink Cross. Die Organisation wurde 1993 als neue umfassende Dachorganisation der Schweizer Schwulen gegründet.

Was will Pink Cross mit der Anzeige gegen Bischof Huonder erreichen?

Bastian Baumann: Wir wollen unsere rote Linie aufzeigen. Wir erleben immer wieder Konflikte mit Kirchenvertretern – seit Jahrzehnten, ja sogar seit Jahrhunderten. Für uns hat sich Bischof Huonder mit seinen Aussagen zu stark positioniert.

Bischof Huonder ist ein Kirchenmann; er zitiert in seinem Vortrag lediglich einschlägige Stellen aus dem Alten Testament. Er ruft aber nicht zur Verfolgung Homosexueller auf. Was soll denn gesetzeswidrig an einem Bibelzitat sein?

Ein Kirchenvertreter darf aus der Bibel zitieren. Auch wir erachten die Meinungs- und Religionsfreiheit als sehr wichtig. Huonder zitiert aber nicht nur, er interpretiert. Er sagt etwa: «Das Wort Gottes muss uns prägen, wir müssen unser Leben danach gestalten.» Oder auch: «Mehr Kenntnis brauchen wir nicht, um den damit verbundenen Auftrag zu erkennen.» Das sind implizierte Aufforderungen, die Bibel wörtlich zu leben. Und das erscheint uns sehr gefährlich. Bischof Huonder ist eine Autorität für mehrere Hunderttausend Katholiken, die ihr Handeln dann möglicherweise danach auslegen.

Bischof Huonder hat im Nachhinein eine Klarstellung gemacht: Er wolle Homosexuelle nicht herabsetzen. Sie glauben ihm nicht?

Wie kann man von «nicht herabsetzen» sprechen, und gleichzeitig sagen, es sei ein Gräuel und Blut soll auf sie kommen? Das widerspricht sich sehr stark. Für uns ist Huonders Klarstellung eine Schutzbehauptung. Zudem ist eine Entschuldigung, die gleichzeitig sagt, die Kirche müsse Mitleid mit Homosexuellen haben, für mich keine Entschuldigung. Das ist eine weitere Diffamierung.

Bischof Huonder sagte in seinem Vortrag in Fulda auch, der Glaube könne Menschen mit homophiler Neigung eine Hilfe sein, auf den rechten Weg zurückzufinden:

Empfinden Sie diese Äusserung als Herabsetzung?

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Klage eingereicht

Bei der Bündner Staatsanwaltschaft ist eine Strafanzeige einer Privatperson gegen Bischof Vitus Huonder eingegangen. Diese wirft dem Kirchenmann eine öffentliche Aufforderung zu Verbrechen oder zur Gewalttätigkeit vor.

Ich bin ein bisschen irritiert davon. Die Kirche und Bischof Huonder sagen immer, man akzeptiere Homosexuelle, wenn sie ihre Neigung nicht ausleben. Man wird also nur akzeptiert, wenn man sich verändert und sich selber unterdrückt. Das ist ein Lebensmodell, das mir widerstrebt. Die Kirche vergisst dabei: Die Bibelstellen sind viele Jahre alt. Man hatte damals das Wissen nicht, dass Homosexualität nicht frei gewählt wird, sondern angeboren ist. Ich hoffe, dass sich die Kirche an die heutigen Gegebenheiten anpasst. Wie sie sich etwa auch beim Thema Frauen langsam bewegt.

Das Gespräch führte Erich Wyss.