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André Regli: «Wir sind nur ein kleines Teilchen im Puzzle dieser Welt»
Aus Regionaljournal Zentralschweiz vom 21.12.2021.
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Zurück in der Heimat Ex-Botschafter Regli: «Wir Schweizer sind genügsam geworden»

36 Jahre vertrat André Regli die diplomatische Schweiz im Ausland – zuletzt als Botschafter in Portugal. Ein Gespräch.

André Regli widmete sein berufliches Leben der schweizerischen Diplomatie. Ab 1985 arbeitete er im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA – unter anderem als Botschafter in Chile und Brasilien. Seit Oktober ist er pensioniert und wohnt wieder in seinem Heimatdorf Andermatt. Im Gespräch schaut er zurück und erzählt, wie die vielen Jahre im Ausland seine Sicht auf die Schweiz verändert haben.

André Regli

André Regli

Ehemaliger Botschafter

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Regli hat seine Karriere beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA in den 1980er-Jahren begonnen und arbeitete da unter anderem auf der Personalabteilung oder im Rechtsdienst. Ab 2005 besetzte er verschiedene Posten als Botschafter: in Chile, der Tschechischen Republik, Brasilien und zuletzt in Portugal. Seit Oktober 2021 ist er in Pension. Regli kommt aus Andermatt im Kanton Uri.

SRF News: Sie haben während Ihrer langen Karriere in verschiedenen Ländern auf vier Kontinenten gearbeitet. Gibt es eine Destination, die Ihnen besonders gefallen hat?

André Regli: Ich war lange in Lateinamerika tätig. Dies ist ein Kontinent, den man wirtschaftlich und politisch oft vergisst, doch der wunderschön ist, mit vielen netten Leuten. Das hat mich immer angezogen.

Zwei Männer mit Anzügen
Legende: André Regli (rechts) im Juli 2005 mit dem damaligen chilenischen Aussenminister Ignacio Walker. Es kam zur diplomatischen Krise zwischen den beiden Ländern, weil die Eidgenossenschaft den ehemaligen chilenischen Widerstandskämpfer Patricio Ortiz Montenegro vorläufig aufgenommen hatte. Keystone

Zuletzt waren sie Botschafter in Portugal, wo Ihre Arbeit von der Coronapandemie geprägt war. Wie war das?

Nebst dem Erdbeben in Chile (2010: Über 500 Tote) war es die Situation, die mich am meisten gefordert hat. Die letzten beiden Jahre meiner Karriere hätte ich mir anders vorgestellt. Wegen Corona wurde die diplomatische Arbeit praktisch auf null zurückgefahren.

Wir in der Schweiz sind viel individualistischer veranlagt. Es soll nicht sein, dass die Regierung von oben herab eine Impfung befiehlt.
Autor: André Regli Ehemaliger Botschafter

Stattdessen stand im Vordergrund: Die administrative Arbeit, die Betreuung von Schweizerinnen und Schweizerin in Portugal oder von Portugiesen, die aus der Schweiz in ihr Heimatland zurückreisen wollten. Das Telefon schellte zeitweise tagelang. Es war eine unangenehme und schwierige Zeit.

Aus unserer Sicht überrascht die hohe Impfquote in Portugal. Fast 90 Prozent sind vollständig geimpft, in der Schweiz sind es knapp 67 Prozent. Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?

Einerseits lernte man in Portugal aus den Fehlern, die man im vergangenen Jahr begangen hatte. Als die Regierung kurz vor Weihnachten alles öffnete, standen die Ambulanzen danach Schlange vor den Spitälern. Andererseits haben die Portugiesen ein grosses Vertrauen in die Regierung.

Ambulanzen stehen Schlange
Legende: Bilder, die um die Welt gingen: Aufgrund der Corona-Infektionen standen vor dem grössten Spital in Lissabon zeitweise ein Dutzend Ambulanzen Schlange. Januar 2021. Reuters

Wir in der Schweiz sind dagegen viel individualistischer veranlagt. Es soll nicht sein, dass die Regierung von oben herab eine Impfung befiehlt. Das mag ein Grund sein, weshalb sich relativ viele Leute nicht impfen lassen. Für mich ist das unverständlich. Es geht hier nicht nur um einen selbst, sondern um die gesamte Gesellschaft.

Nun sind Sie pensioniert und leben seit Oktober dieses Jahres wieder in Andermatt, wo Sie aufgewachsen sind. Wie hat sich die Schweiz verändert?

Ganz grundsätzlich ist die Schweiz ein fantastisches Land. Was unsere Vorfahren und auch wir geleistet haben, um dieses Land so lebenswert zu machen, das ist fantastisch. Ich war immer froh, unser Land vertreten zu dürfen. Ich stelle jedoch auch fest, dass wir in letzter Zeit etwas genügsam geworden sind und das Gefühl haben, wir bräuchten die anderen nicht.

Vielleicht geht es uns zu gut, um daran zu denken, dass wir nur ein kleines Teilchen im Puzzle dieser Welt sind.
Autor: André Regli Ehemaliger Botschafter

Als könnten wir alle Probleme der Welt allein lösen. Ich spreche etwa die Europapolitik, die Flüchtlingspolitik oder das Gesundheitswesen an. Vielleicht geht es uns zu gut, um daran zu denken, dass wir nur ein kleines Teilchen im Puzzle dieser Welt sind.

Ist dieser Ort noch Heimat für Sie?

Ich kannte mehrere Botschafter, die wenige Monate vor der Pensionierung noch immer nicht wussten, wo sie sich niederlassen sollten. Das ist eine triste Vorstellung. Mir selbst war immer klar, dass ich zurückkomme. Heimat ist für mich der Ort, wo man sich wohlfühlt und wo man Wurzeln hat. Da mein Partner Brasilianer ist, werden wir aber sicher auch ein paar Monate pro Jahr in Brasilien verbringen.

Das Gespräch führte Thomas Heeb.

SRF 1, Regionaljournal Zentralschweiz, 20.12.2021, 17:30 Uhr;

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