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Wenn die Grenze durch ein Hotel verläuft
Aus Rendez-vous vom 27.05.2020.
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Zweigeteiltes Hotel im Jura «Die Grenze hat für uns eine völlig neue Dimension bekommen»

Auf der Grenze im Waadtländer Jura steht ein Hotel. Die Umstellung wegen Corona ist nur ein Kapitel in dessen Geschichte.

«Wir sind vor dem Hoteleingang auf Schweizer Seite, gleich neben dem Grenzübergang, die Kontrollen sind strikt. Deshalb nehmen wir die Abkürzung durch das Hotel auf die französische Seite», sagt Alexandre Peyron. Er führt das Hotel Franco-Suisse zusammen mit seiner Schwester.

Seit 1921 steht das Hotel auf der Grenze, mit einem Eingang in der Schweiz und einem in Frankreich, mit zwei Adressen und zwei Telefonnummern.

Der Hotelier Alexandre Peyron auf der Grenze, in seinem Hotel.
Legende: Lange Familientradition: Der Hotelier Alexandre Peyron auf der Grenze, in seinem Hotel. SRF

Peyron hat die Grenze bis zur Corona-Pandemie vor allem als ein Kuriosum erlebt. Die Gäste konnten ein Zimmer mit einem Doppelbett buchen, das halb in der Schweiz, halb in Frankreich liegt.

Verschieden strenge Massnahmen

Nun aber sei die Grenze plötzlich omnipräsent: «Wir stehen nun genau auf der Grenze. Sie hat für uns eine ganz neue Dimension bekommen. Sie macht die unterschiedlichen Massnahmen deutlich, mit denen Frankreich und die Schweiz versuchen, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.»

Als französisch-schweizerische Doppelbürger hätten sie auf der französischen Seite das Hotel nur mit einer Selbstdeklaration verlassen dürfen. Auf Schweizer Seite gebe es weniger Einschränkungen und es werde mehr an die Eigenverantwortung appelliert, so Peyron.

Treffen an der Grenze

An der Rezeption auf der französischen Seite des Hotels zeigt der Hotelier einen Eintrag im Gästebuch. Es sind Dankesworte eines schweizerisch-französischen Liebespaars. Er habe zwei Verliebten geholfen, sich im Hotel zu treffen, erzählt Peyron.

Die Französin sei illegal angereist, sie hätte die mehreren Hundert Kilometer nicht fahren dürfen. Überhaupt sei das Hotel auf französischer Seite geschlossen, nur auf Schweizer Seite sei es offen. Diese romantische Tat erfülle ihn mit Freude.

Grossvater war ein Held

Viel heldenhafter sei jedoch sein Grossvater gewesen. Peyron verweist auf Fotos und Diplome an den Wänden: Anerkennungen von General de Gaulle und vom israelischen Staat. Denn während des 2. Weltkrieges hatte Max Arbez französischen Widerstandskämpfern und Juden zur Flucht in die Schweiz durch das Hotel verholfen.

Im Speisesaal erhält die mobile Trennwand entlang der Grenze während der Coronakrise eine neue Bedeutung. Auf der französischen Seite hat Peyron für seine Kinder, seine Nichten und Neffen ein Schulzimmer eingerichtet. Auf der Schweizer Seite werden die Hotelgäste verköstigt.

Verhandlungen mit Algerien

Der Speisesaal diente auch schon hochrangigen politischen Verhandlungen: «Hier wurden 1961 die Vorverhandlungen für die Verträge von Evian geführt, die das Ende des Krieges zwischen Frankreich und Algerien besiegelten.»

Dieser einzigartige Ort sei dafür prädestiniert gewesen: «Die französischen Diplomaten betraten den Speisesaal von Frankreich aus, die algerischen Vertreter via die Schweiz.»

Geschichte des Hotels geht weiter

Auch Drehscheibe für Schmuggler war das Hotel in der Vergangenheit immer wieder. Alkohol oder Zigaretten wechselten früher hier die Seite. Verschmitzt lacht Peyron auf die Frage, wie es heute mit dem Schmuggeln sei.

Er habe überhaupt keine moralischen Gewissensbisse. Gesichtsmasken seien in der Schweiz inzwischen gut erhältlich, in Frankreich sei dies anders. So gebe er einem Nachbarn auf der französischen Seite ab und zu eine Maske.

Er sei stolz, in der aktuellen Situation Geschichte zu schreiben, sagt Peyron. Die Pandemie ist nur ein weiteres Kapitel in der bewegten Geschichte des Hotels Franco-Suisse.

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Rendez-vous vom 27.05.2020, 12:30 Uhr

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Theres Schmid  (Theres Schmid)
    Wenn man im Hotel logiert und man das Auto auf den Parkplatz stellen möchte. Muss man über die französiche Grenze, denn der Parkplatz liegt hinter dem Hotel auf der französischen Seite.
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  • Kommentar von Christoph Stadler  (stachri)
    Für diejenigen die wissen wollen wie es zu dieser kuriosen Grenze gekommen ist: Die Schweiz und Frankreich stritten sich um das strategisch wichtige Dappental. Es wurde schliesslich ein Gebietsaustausch vereinbart. La Cure war zuerst ein rein französisches Dorf. Der südliche Teil fiel nach dem Gebietsaustausch an die Schweiz. Beim Vertragsabschluss wurde bestimmt, dass Gebäude die bis zur Ratifizierung beider Staaten erstellt werden, die Grenzziehung nicht beeinflussen und stehen bleiben dürfen.
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  • Kommentar von Nico Basler  (Bebbi 1)
    Lucelle im Kanton Jura ist auch so ein Fall. Da geht die Grenze auch mitten durch Gärten und Häuser. Die Grundbesitzverhältnisse sind noch verworrener. Da mischen neben einigen Privaten, die Gemeinden Lucelle F, Pleigne CH, das Domkapitel des Bistum Strasbourg, das Katharinenheim Basel, das kantonale Forstamt Jura und die Christoph Merian Stiftung mit. Und dann gibt es noch die binationale Stiftung der Freunde des Lac Lucelle.
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    1. Antwort von Christoph Stadler  (stachri)
      @Herr Basler: Ihr Bericht ist nicht ganz richtig. Bei der noch heute gültigen Grenzziehung wurden damals zwar Grundstücke zwischen Frankreich und der Schweiz aufgeteilt, aber (zumindest heute) werden keine Gebäude von der Grenze durchschnitten. Dies ist sehr gut auf dem Geo-Portal des Kantons Jura zu sehen.
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