Zum Inhalt springen
Inhalt

Neues Berufsbild Zwischen Assistenzarzt und ärztlicher Assistenz

Legende: Audio Care-Koordinatoren sollen Ärzte von Administration entlasten abspielen. Laufzeit 04:07 Minuten.
04:07 min, aus Echo der Zeit vom 25.07.2017.
  • Schweizer Ärztinnen und Ärzte arbeiten oft bis zu zwölf Stunden am Tag.
  • Nur gerade 90 Minuten davon verbringen sie laut einer Studie beim Patienten.
  • Weil immer mehr Ärzte wegen dieser hohen Belastung durch administrative Arbeiten frustriert sind, überdenken immer mehr Spitäler ihre internen Strukturen.
  • Das Spital Thun und die Insel in Bern setzen spezielle Koordinatoren ein, die sich um Administratives kümmern und den Ärzten so mehr Zeit für Patienten verschaffen.

Seit die Spitäler mit Fallkostenpauschalen abrechnen, müssen Behandlungen und Medikamente ganz genau erfasst werden. Eine komplizierte und aufwändige Abrechnung, sagt Jürg Unger von der Schweizer Ärzteverbindung FMH: «Dies kann nicht mehr eine einfache Bürokraft erfassen. Das braucht spezielles Wissen.» Spezielles Wissen, das die Assistenzärzte mitbringen. Und so sitzen diese dann stundenlang am Computer, statt am Patientenbett zu stehen.

Da die Assistenzärzte früher leicht verfügbar waren, hat man nicht lange nachgedacht und immer gesagt, ‹das macht jetzt der Assistenzarzt›.
Autor: Jürg UngerSchweizer Ärzteverbindung FMH

Wie eine umfassende Studie an den Spitälern Lausanne und Baden jüngst zeigte, sind es nur gerade 90 Minuten pro Tag, die Assistenzärzte direkt beim Patienten verbringen. Simon Frey ist Assistenzarzt am Kantonsspital Baden. Er leitete die Untersuchung dort. Seiner Meinung nach ist der Handlungsbedarf offensichtlich: «Man sieht, dass man die Zeit für Administration und Informationsbeschaffung zum Teil delegieren könnte, an Personen, die nicht ärztlich ausgebildet sind.»

Mit Traditionen brechen, Aufgaben neu verteilen

Auch Jürg Unger von der FMH plädiert dafür, dass die Aufgabenteilung in den Spitälern überdacht wird. «Es gibt eine Tradition in der Medizin. Da die Assistenzärzte früher leicht verfügbar waren, hat man nicht lange nachgedacht und immer gesagt, ‹das macht jetzt der Assistenzarzt›.» Die Zeiten hätten sich aber stark geändert: «Unsere Assistenzärzte werden zu einer raren Ressource, die man sorgfältig einsetzen muss.» Deshalb müsse man sich jetzt genau überlegen, wo und wie man sie im Berufsalltag entlasten könne.

Care-Koordinatoren sind direkt am Patientenbett, sie kommen mit auf Visite und sie nehmen die Aufträge direkt von den Ärzten entgegen.
Autor: Marina WertliProjektleiterin am Inselspital

Auch die klassische Arbeitstrennung zwischen Arzt und Pflege müsse aufgebrochen werden, und ergänzt werden durch eine neue Funktion, die sich auf die Administration konzentriert, so Unger weiter. Tatsächlich denken mehrere Schweizer Spitäler an einem neuen Berufsbild herum – oder haben es schon eingeführt. Thun etwa, Baden oder das Inselspital in Bern. In letzterem hat man nach einem Pilotprojekt nun drei sogenannte Care-Koordinatorinnen eingeführt.

Entlastung durch 80 Prozent weniger Büroarbeit

Die Aufgaben der speziell ausgebildeten Care-Koordinatorinnen gingen weit über jene einer normalen Arztsekretärin hinaus, so Projektleiterin Maria Wertli. «Sie sind direkt am Patientenbett, sie kommen mit auf Visite und sie nehmen die Aufträge direkt von den Ärzten entgegen.» Die Rückmeldungen der Ärzte in Bern seien sehr positiv: «Wir haben unsere Assistenzärzte befragt, und sie haben uns zurückgemeldet, dass sie einen sehr grossen Teil ihrer administrativen Aufgaben – fast 80 Prozent davon – abgeben konnten. Sie fühlten sich stark entlastet.»

Fast 80 Prozent weniger Administration – das gibt sehr viel mehr Spielraum, um sich um den Patienten zu kümmern, statt um dessen Akten. Dass die Spitäler vermehrt auf sogenanntes nicht-ärztliches Personal setzen, sei schweizweit ein Trend, sagt Wertli. Die Bezeichnungen unterscheiden sich: Care-Koordinatorin, «Residents Assistant» oder klinische Assistenz.

Kosten und Nutzen noch nicht systematisch erfasst

Die Idee dahinter ist aber überall die gleiche: Die Ärzte von der Administration entlasten. Zwar entstehen dadurch zusätzliche Stellen im Spital. Dennoch könnten die neuen Strukturen dazu beitragen, Kosten im Gesundheitswesen einzusparen – weil die Behandlungszeit im Spital sinkt und weil die Care-Koordinatorinnen günstiger sind als die Ärzte.

Das Berner Inselspital plant eine systematische Kostenerhebung. Eine Schätzung zum Sparpotenzial oder einem möglichen Kostenanstieg gibt es aber noch keine.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

5 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Beat. Mosimann (Beat.)
    Kommunikation, unter den Ärzten, Assistentsärzten u. Care-Koordinatorin darf nie unterschätzt werden. Das wird in jedem Fall Kosten senken. Es nützt im Patient gar nichts wenn der Arzt sich länger beim Patienten aufhält, dafür sind die Angehörigen zuständig. Ich als Patient, fühle mich sicherer betreut, wenn nicht nur ein Arzt, über mein medizinisches Problem handelt. Duch Care-Koordinatorin, dadurch folg ein grösserer Blickwinkel u. mehr Sichtweisen, ev. wird sogar den ganzen Menschen erkennt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Tim Buesser (TimBue)
    Anstelle des Bestrebens eines Abbaus der fragwürdigen Über-Administration wird diese nun mit neuem Berufsbild zementiert und weiter ausgeweitet. Nur noch mehr Administratoren anstellen, das bewirkt mit Garantie eine Ausdehnung dieser, diese neuen Administratoren sorgen schon dafür, dass es ohne sie nicht mehr gehen wird. Und dann fragt man sich in Politik, wieso Krankenkassenprämien laufend steigen…
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Jan Naef (jan.n)
    Wenn ich bedenke dass man auch heute noch in den grossen Spitälern bis zu 7h auf dem Notfall warten muss, dann könnte diese vorgehensweise die Wartezeit massiv verringern. Bleibt nur noch abzuwarten ob es dadurch tatsächlich zu einer Kostensenkung, oder doch wieder zu einer Steigerung kommt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      stimmt, aber hier im Kanti werden sie nach der Schwere des Notfalls eingeteilt Herr Naef.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Charles Halbeisen (ch)
      Meine Schwester hatte schon vor Jahren in einem Spital in Texas erlebt, dass man einen Patienten mit gebrochenem Arm weggeschickt hatte, weil er nicht die rechte Versicherung hatte. Ich hoffe, dass wir keine solchen Zustände haben werden.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen