Der Schweizer Botschafter Olivier Bangerter wurde zusammen mit seinem Team unter Gefahr aus Teheran evakuiert. Im Tagesgespräch berichtet er über Tage mit bis zu 150 Explosionen, «schwarzem Regen» und diplomatischer Arbeit im Ausnahmezustand.
Herr Bangerter, Sie wurden aus Teheran evakuiert. Wie muss man sich den Kriegsalltag für die iranische Bevölkerung vorstellen? Seit Kriegsbeginn gab es in der Provinz Teheran täglich 150 bis 200 Explosionen. Bombeneinschläge, Raketen. Das ist heftig und ein grosser psychischer Druck für die Menschen.
Gibt es ein Alarmsystem, das die Bevölkerung warnt? Nein. Der erste Alarm ist die erste Explosion. Man bringt sich in Sicherheit, wenn man den Eindruck hat, dass etwas passieren könnte, oder wenn es schon passiert ist.
Das Risiko hat den Nutzen einer Präsenz überstiegen.
Wie hat sich die Stadt verändert? Es hatte viel weniger Verkehr auf den Strassen. Viele Läden waren geschlossen. Nur Bäckereien, Apotheken und kleine Supermärkte hatten offen. Nach Angriffen auf Öl-Depots war die Luft tagelang trüb. Es gab schwarzen Regen, der Flecken auf dem Boden hinterliess.
Andere westliche Botschaften sind noch offen. Warum hat die Schweiz entschieden zu gehen? Weil das Risiko den Nutzen einer Präsenz überstiegen hat. Das ist keine wissenschaftliche Entscheidung. Wenn Mitarbeitende verletzt oder getötet worden wären, würde man uns zu Recht fragen: Warum seid ihr nicht früher gegangen?
Irgendwann werden die Parteien wieder reden müssen, und dann ist die Schweiz bereit.
Was bedeutet es praktisch, eine Botschaft zu schliessen?
Man muss sicherstellen, dass nichts Heikles zurückbleibt. Keine sensiblen Dokumente, keine elektronischen Daten. Einen Server zerstört man zum Beispiel mit einem Hammer. Das ist nicht lustig, denn man zerstört sein eigenes Arbeitswerkzeug. Für uns war das hart.
Die Schweiz ist als Schutzmacht der USA Briefträgerin zwischen den USA und Iran. Ist der Kommunikationskanal noch offen? Ja, der Kanal wurde regelmässig genutzt, auch in Momenten hoher Spannung. Selbst jetzt, von der Schweiz aus, stehe ich mit amerikanischen und iranischen Ansprechpartnern in Kontakt. Irgendwann werden die Parteien wieder reden müssen, und dann ist die Schweiz bereit.
Wer sind Ihre Ansprechpartner, nachdem zahlreiche ranghohe Vertreter getötet wurden?
Die meisten meiner Gesprächspartner sind noch da. Als Botschaft baut man ein breites Netzwerk in verschiedenen Gremien auf. Das System funktioniert weiterhin; getötete Personen werden ersetzt.
Hinter geschlossenen Türen kann man viel klarer sein als in öffentlichen Statements.
Kritiker sagen, mit den guten Diensten für den Iran stärke die Schweiz ein brutales Regime. Als Botschafter habe ich mehrmals mit hochrangigen Behörden die Frage der Repression diskutiert. Sehr direkt, hinter geschlossenen Türen. Dort kann man viel klarer sein als in öffentlichen Statements. Mit diesem direkten Dialog können wir etwas bewirken.
Wann kehren Sie nach Teheran zurück? Das hängt vom Krieg ab. Es kann schnell gehen, es kann aber auch lange dauern. Aber wir haben den groben Plan für die Rückkehr schon am Tag nach der Abreise entwickelt. Wir können mit einem kleinen Team relativ rasch wieder operationell sein.
Das Gespräch führte Simone Hulliger