In einem Live-Chat haben die Experten Gabriela Hug, Martin Koller und Lukas Gutzwiller Ihre Fragen zur Energieversorgung beantwortet. Die fünf wichtigsten Erkenntnisse.
Warum wird trotz hoher Kosten weiterhin in Kernkraft investiert?
Es sei sehr schwierig einzuschätzen, wie viel es kosten würde, in der Schweiz ein neues Kernkraftwerk zu bauen, erklärt Gabriela Hug, ETH‑Professorin am Departement für Informationstechnologie und Elektrotechnik. «Es ist nicht möglich, die Kosten oder auch die Baudauer von anderen Ländern eins zu eins zu übernehmen, da die Rahmenbedingungen anders sind.»
Genau wegen dieser Unsicherheiten reichten die Bandbreiten der möglichen Kosten und der Baudauer von tief bis hoch, erklärt sie weiter. «Der Vorteil der Kernkraft liegt darin, dass mit einem Kernkraftwerk sehr viel Energie erzeugt werden kann. Aber sie hat eben auch viele Nachteile – etwa, dass Uran benötigt wird oder wegen der Entsorgungsproblematik des Abfalls.»
Welchen Einfluss haben die steigenden Ölpreise auf unsere Strompreise?
Martin Koller, Chefökonom und Strategiechef der Axpo, erklärt, dass der direkte Einfluss gering sei, da nur sehr wenig Strom durch Ölkraftwerke erzeugt werde. Indirekt gebe es jedoch einen Einfluss. «Oft sind es dieselben Ereignisse, die Öl und Gas verteuern, und je nach Anwendung könne Öl auch durch Gas ersetzt werden (und umgekehrt), sodass sich Preisbewegungen zwischen diesen beiden Rohstoffen angleichen.»
Warum investiert die Schweiz trotz Sommer‑Solarüberschuss nicht stärker in Speichertechnologien – und welche Lösungen sind relevant?
Mit dem Gesetz für eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien sollten insbesondere auch die Wasserspeicher ausgebaut werden, sagt Lukas Gutzwiller, Fachspezialist Sektorkopplung/Monitoring beim Bundesamt für Energie.
«Das sind die wichtigsten Energiespeicher in der Schweiz, da sich der Untergrund eher weniger für Gas- und Kavernenspeicher eignet. Aber auch dort gibt es Projekte.»
Sind erneuerbare Energien unabhängig von geopolitischen Risiken?
Laut Gabriela Hug haben erneuerbare Energien den Vorteil, dass sie – sobald die Technologie einmal installiert ist – keine zusätzlichen Primärressourcen benötigen. «Das ist bei nicht erneuerbaren Energien wie Gas-, Kohle- oder Kernkraftwerken oder bei Öl für Autos, Heizungen et cetera nicht der Fall. Dort braucht es ständig Nachschub an Primärressourcen.»
Sie fügt an, dass gerade bei Uran, Öl und Gas die geopolitische Lage einen grossen Einfluss habe. Sie erklärt weiter, dass sich durch eine Elektrifizierung – etwa durch E‑Autos und Wärmepumpen – der Primärenergiebedarf stark reduzieren lasse, weil diese insgesamt deutlich weniger Energie benötigten als Benzinautos und Ölheizungen.
Wie lange reichen die Pflichtlager – und wann würde der Bundesrat sie freigeben?
Der Betrieb der Pflichtlager erfolge über https://www.carbura.ch/ und werde durch das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung begleitet, antwortet Lukas Gutzwiller. Weiter schreibt er: «Die Pflichtlager werden bei einer kritischen Versorgungssituation freigegeben, aber nicht einfach bei steigenden Preisen.»
Kritische Versorgungslagen gebe es beispielsweise, wenn der Rheinpegel tief sei und gleichzeitig die Bahnstrecke in Süddeutschland unterbrochen sei. Auch ein Ausfall der Pipeline zur Raffinerie Cressier im Kanton Neuenburg könnte ein Problem darstellen.