Chat-Protokoll:
Müssen wir über soziale Medien, Glücksspiel-Apps und KI-Algorithmen ähnlich sprechen wie über Drogen – weil sie nicht nur abhängig machen können, sondern gezielt so gestaltet werden, dass Menschen möglichst lange konsumieren?
Gundula Barsch: Zumindest sollten die Mechanismen hinter diesen Programmen bekannt gemacht und Wege und Hinweise entwickelt werden, wie die User sich dazu verhalten können. Schwierig finde ich allerdings, wenn schnell mit dem Verweis auf Sucht/Abhängigkeit auf eine Krankheit verwiesen wird. Damit verbleibt das Problem bei einem vulnerablen Menschen und lässt diesen mit den Algorithmen nicht nur allein, sondern entlastet durch Verweis auf Erkrankung auch von Verantwortung.
Guten Tag, wie hoch sind aktuell die Erfolgsaussichten von LSD-unterstützten Therapien bei Depressionen? Was sagen die aktuellsten Studien? Freundliche Grüsse
Joel Bellmont: Guten Tag und herzlichen Dank für die Anfrage. Aktuell laufen verschiedene Studien mit Psychedelika wie zum Beispiel LSD und die ersten Erkenntnisse sind gerade bei mittel- und schwergradigen Depressionen vielversprechend. So sollen zum Beispiel die Symptome laut einer Studie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel deutlich nachweislich gesenkt werden und die Wirkung hält bei einer einzelnen Sitzung bis zu 12 Wochen an. Die individuellen Erfolgsaussichten sind aber von sehr unterschiedlichen, persönlichen Faktoren abhängig, und insofern lässt sich die Frage nach den generellen Erfolgsaussichten nicht so einfach beantworten.
Sollte es verpflichtende Drogentests für Politiker oder andere Personen in besonders verantwortungsvollen Ämtern geben – ähnlich wie in manchen Berufen?
Gundula Barsch: Tests werden ein problematisches Verhalten nur bedingt verhindern, sondern fordern eher dazu auf, sich um Wege um das Absolvieren eines Tests herum und/oder dessen Verfälschung zu bemühen. Erfolgreicher ist m. E. eher, dass innerhalb der sozialen Bezüge mehr Aufmerksamkeit in Bezug auf schwierige Verhaltensweisen stattfindet und entsprechende Tendenzen auch angesprochen werden können. In der Regel hat sich bei fast allen publik gewordenen Fällen von Drogenkonsum durch Politiker im Nachgang herausgestellt, dass die unmittelbar Mitarbeitenden dazu längst eine Einschätzung hatten.
Wenn Alkohol heute neu entdeckt würde – mit seinem bekannten Suchtpotenzial, den gesundheitlichen Folgen und den gesellschaftlichen Kosten –, würde er überhaupt noch legal zugelassen werden?
Ivo Krizic: Wahrscheinlich nicht, oder zumindest nicht ohne strenge Auflagen. Alkohol ist eine der schädlichsten Substanzen, die wir kennen. Er kann in die Abhängigkeit führen, schädigt die Organe, ist an vielen Unfällen und Gewalttaten beteiligt und verursacht enorme gesellschaftliche Kosten. Dass Alkohol legal ist, hat wenig mit seinem Schadenspotenzial zu tun und viel mit Geschichte, Kultur und Wirtschaft. Das macht die Drogenpolitik insgesamt schwierig, weil die Grenze zwischen legal und illegal nicht nach wissenschaftlichen Kriterien gezogen wurde.
Guten Tag. Hat eine Abhängigkeit von Social Media und/oder Marihuana einen negativen Einfluss auf das Empfinden von emotionaler Tiefe? Freundliche Grüsse
Joel Bellmont: Grundsätzlich können Abhängigkeiten sich negativ auf das eigene Wohlbefinden auswirken, da sich bei einer Abhängigkeit vieles um die damit verbundenen Auslöser (Social Media/Cannabis) dreht. Nichtsdestotrotz sind Abhängigkeiten und die damit verbundenen psychischen und sozialen Auswirkungen sehr individuell und lassen sich nicht so generell beantworten. Gerade bei Jugendlichen gibt es aber Anzeichen, dass sich sowohl Social Media als auch Cannabis bei sehr intensivem Konsum (Dauer bzw. Potenz) negativ auf die Hirnentwicklung auswirken kann.
Hat der «Krieg gegen Drogen» mehr Schaden angerichtet als der Drogenkonsum selbst? Wenn ja, warum hält die Politik daran fest? In diesem Zusammenhang: Sollten psychedelische Substanzen wie Psilocybin oder LSD unter ärztlicher Aufsicht schneller für Therapien zugelassen werden, auch wenn sie als Freizeitdrogen illegal bleiben?
Gundula Barsch: Diese Schadensabwägung kann ich nicht verrechnen. Klar ist aber, dass aus dem Gesamtbild, in dem nicht nur die physische, soziale und psychische Verelendung der Konsumenten gesehen wird, sondern die grosse politische Bühne in den Blick gerät, auf der es bis heute immer auch unmittelbar militärisch geführte «Drogenkriege» , Einschränkungen von persönlichen Freiheiten, Beschneidungen von Menschenrechten, Ausbeutung von Kindern usw. gibt. Dann ist überdeutlich, dass eine Verbots- und Kriminalisierungspolitik national und international Schäden auf allen Ebenen der Gesellschaften anrichtet. Zu diesen Schäden gehört auch, dass hochwirksame psychoaktive Substanzen für wichtige Behandlungen ausgeschlossen bleiben. Aktuellstes Beispiel ist «Cannabis als Medizin», das erst nach langen Kämpfen und bisher sehr zaghaft den Weg zurück in die Behandlung findet. Hier wird auch sehr gut beobachtbar, dass eine Nutzung innerhalb der Medizin immer flankiert werden muss durch legale Zugangswege für den Genusskonsum, weil ansonsten die Gefahr entsteht, dass Ärzte zu Dealern in Weiss gemacht werden.
Ist es ethisch vertretbar, dass Unternehmen mit KI unsere Aufmerksamkeit, Einsamkeit und Impulse monetarisieren – während der Staat bei illegalen Drogen hart reguliert, digitale Süchte aber oft laufen lässt?
Gundula Barsch: Wenn IT-Unternehmen mit ihren Tools problematische Anwendungen entwickeln, dann zeigt das immer auch das Versagen einer Gesellschaft an, die solchen Entwicklungen freien Lauf lässt. M. E. gibt es keinen technischen Automatismus, wie und in welche Richtung sich Technik entwickelt, sondern sowohl Technikentwicklung als auch Technikanwendung sind soziale Prozesse, die als solche auch verstanden und beeinflusst werden sollten. Dabei spielen Bildungsprozesse, Aushandlungsprozesse und soziale Vereinbarungen (z. B. wann und wo und was im Internet in Form von Höflichkeitsnormen und Etikette) und der Schutz funktionaler Äquivalente, die es in unserer Kultur schon immer gab und die in der Gefahr stehen, abgewählt und diskriminiert zu werden (z. B. Musik machen, Lesen, Sport, soziale Gemeinschaft), eine zentrale Rolle. An deren Weiterentwicklung ist wiederum das Gemeinwesen in seiner ganzen Breite zu beteiligen … Altersgrenzen und Sanktionierungen, versprechen kurzfristige Effekte, solange, bis Work-around-Strategien gefunden sind.
Gibt es Empfehlungen, wie man das Thema am besten mit den eigenen Kindern im Pubertätsalter bespricht? Sollte man vor Drogen warnen oder es lieber gar nicht so gross machen? Ich habe einfach Sorge, dass schon ein einziger Kokain-Trip eine Sucht/Abwärtsspirale auslöst, wie in dem Buch Kokainjahre von Marina Jung.
Joel Bellmont: Wir empfehlen, möglichst offen und auf Augenhöhe mit Jugendlichen über das Thema zu sprechen. Erfahrungsgemäss machen sich Jugendliche sehr viele Gedanken über den Konsum von legalen und illegalen Substanzen, vor allem wenn sie diese selbst konsumieren. Aber häufig begegnen sie den Themen auch indirekt, indem in ihrem Umfeld konsumiert wird und sie die Effekte des Konsums feststellen. Und sie dabei zu begleiten und mit ihnen Fragen und Unsicherheiten zu besprechen, hilft deutlich besser, als das Thema zu verschweigen. Sollten Sie unsicher sein, wie Sie ein solches Gespräch führen können, oder haben Sie grundsätzliche Fragen zum Thema Substanzkonsum, gibt es verschiedene Anlaufstellen und Webseiten, die hilfreiche Informationen und Tipps zur Verfügung stellen. Was man sagen kann, ist, dass man beim Sprechen über Substanzen niemanden dazu anregt, diese zu konsumieren.
Können Drogen Menschen mit psychischen Problemen helfen, oder schaden sie mehrheitlich? Eine Bekannte von mir konsumierte lange Cannabis, danach CBD, jetzt gar nichts mehr. Sie sagt, ihr gehe es jetzt viel besser. Eine andere Bekannte konsumiert medizinisch verschriebenes Cannabis und fühlt sich seither besser, es beruhigt sie. Ich frage mich, ob es mir auch helfen könnte, bin aber grundsätzlich ängstlich in Bezug auf Drogen.
Gundula Barsch: Grundsätzlich gilt, dass Menschen mit psychischen Störungen und psychiatrischen Erkrankungen keine psychoaktiven Substanzen konsumieren sollten, weil damit Auslöser für eine Verschlimmerung der psychischen Situation oder ein Rückfall nach einer Besserung eintreten können. Dennoch machen einige Menschen bei ihrem Probierverhalten im Freizeitbereich die Erfahrung, dass eine Besserung in bestimmten Symptombereichen möglich wird. Klinische Studien belegen, dass dahinter tatsächlich reale Behandlungsergebnisse stehen können. Allerdings verlangt eine solche Entscheidung eine komplizierte Abwägung verschiedener Aspekte der Situation der konkreten Personen, denn was in einem Fall passgerecht erscheint, kann in einem anderen Fall fatale Folgen haben. Insofern sollten Behandlungsstrategien mit psychoaktiven Substanzen besser mit entsprechend ausgebildeten Fachärzten entwickelt und umgesetzt werden. Wenn Sie selbst eigentlich innerlich schon eher Unsicherheit und Besorgnis in Bezug auf diesen Schritt bemerken, dann sollten Sie diesen Weg erst einmal besser nicht gehen, denn dann funken Ihnen ja Ihre inneren Ängste bei der Entwicklung eines Therapieerfolgs immer dazwischen.
Nikotin ist die grösste Droge. Warum sind die Zigaretten so günstig in der Schweiz? Und warum rauchen Schweizer mehr als in anderen Ländern? Danke
Ivo Krizic: Nikotin ist eine der am stärksten abhängig machenden Substanzen, die wir kennen. Trotzdem gehört die Schweiz im europäischen Vergleich zu den Ländern mit der schwächsten Tabakregulierung. Laut dem Bericht «Tobacco Control Scale 2025» belegt sie Platz 36 von 37 europäischen Ländern. Die Schweiz ist laut diesem Bericht ein bevorzugter Standort der internationalen Tabakindustrie, hat trotz einzelner jüngerer Gesetzesanpassungen weiterhin Gesetze mit erheblichen Schlupflöchern und hat als quasi einziges Land in Europa die Tabakkonvention der WHO bis heute nicht ratifiziert. Höhere Preise sind eines der wirksamsten Mittel, um den Konsum zu senken, besonders bei Jugendlichen. Während viele Länder Tabaksteuererhöhungen als zentrales Instrument der öffentlichen Gesundheit einsetzen, folgt die Schweiz nicht dem Tempo der fortschrittlichen Länder in der Tabakprävention. Was zunehmend Sorgen bereitet, ist ausserdem der Anstieg bei E-Zigaretten, besonders unter Jugendlichen. Wir sprechen hier auch von «Candyfizierung» der Nikotinprodukte, mit fruchtigen Aromen, bunten Verpackungen und tiefen Preisen. Das scheint kein Zufall, sondern eine gezielte Strategie zu sein, um junge Menschen anzusprechen.
Guten Tag, unser Sohn (27) konsumiert Koks und Marihuana. Seit einem halben Jahr wohnt er übergangsmässig wieder bei uns zu Hause, und wir versuchen, ihn aufzufangen. Wir haben ihn auch finanziell bei Mahnungen unterstützt und ihn vor Betreibungen so gut es ging geschützt. Mit ihm haben wir die Abmachung getroffen, dass er sich bei einer Klinik melden und einen Entzug angehen muss, jedoch schwindelt er uns diesbezüglich immer wieder an – bis jetzt hat offenbar kein Termin stattgefunden, den nächsten hat er uns in zwei Wochen in Aussicht gestellt. Sein Zimmer sieht aus wie eine Abfallhalde, an die Hausarbeiten trägt er trotz Zusagen nicht bei. Seine Arbeitsstelle hat er noch, jedoch wissen wir, dass er auch dort angezählt ist. Die Familiensituation ist dadurch immer wieder sehr stark belastet – meine Frau redet davon, dass wir ihn an einem Punkt auch vor die Tür setzen müssen. Für mich geht dieser Schritt nicht, da ich denke, dass dann die ganze Situation völlig eskaliert und er weiter abstürzt. Immerhin haben wir noch einigermassen den Draht zu ihm. Ich bin am Zerbrechen … Gibt es eine Stelle, an welche wir uns als betroffene Eltern wenden können? Auch in Konstellation zu dritt. Vielen Dank für Ihre Hilfe
Joel Bellmont: Ihre Situation hört sich sehr anstrengend und belastend an. Es gibt tatsächlich verschiedene Anlaufstellen für Angehörige von abhängigen Personen, und ich würde Ihnen dringend empfehlen, sich Unterstützung in dieser hochkomplexen Situation zu holen. Wir erleben immer wieder in solchen oder ähnlichen Konstellationen, dass Angehörige eine riesige Last auf sich nehmen und häufig sehr lange warten, bis Sie Unterstützung einfordern. Aber gerade weil die Situation für Angehörige und im Speziellen Eltern zusätzlich belastend ist, ist es zusätzlich angezeigt, sich diese Hilfe zu holen, um mit der Situation umgehen zu können und nicht selbst in Schwierigkeiten zu geraten. Falls Sie Hilfe bei der Suche nach einer geeigneten Anlaufstelle benötigen, können Sie sich auch beim Drogeninformationszentrum (DIZ) der Stadt Zürich melden.
Was spricht gegen die Einnahme von Psychedelika? Gibt es Erfahrungswerte, welche Personen von der Einnahme Abstand nehmen sollten? Ich denke hier an latente Psychosen und Ähnliches. Wie können Privatpersonen ihr persönliches Risiko abwägen und sich für oder gegen die Einnahme entschliessen? Z. B. wissen die meisten Menschen nicht, ob sie eine latente psychische Krankheit in sich tragen. Dennoch sprechen Statistiken eher für ein niedriges Gefahrenpotenzial bei Psychedelika im Vergleich zu Alkohol und Cannabis. Kann von einer Grundrobustheit ausgegangen werden, wenn z. B. Alkohol gut vertragen wird und Cannabis nur im Übermass eine leichte Paranoia auslöst? Danke.
Joel Bellmont: Psychedelika-Erfahrungen können je nach dem sehr herausfordernd und beängstigend sein und erfordern eine Auseinandersetzung mit dem Konsum. Wenn man für diese Auseinandersetzung nicht bereit ist, sollte man dann Konsum sicher eher lassen. Und dann ist deutlich vom Konsum von Psychedelika abzuraten, wenn psychische Erkrankungen im familiären Umfeld bekannt sind, da diese auf eine persönliche Vorbelastung hindeuten. Aber auch wenn keine solche Vorbelastungen bekannt sind, empfiehlt es sich, sich langsam an die jeweiligen Substanzen heranzutasten und erste Erfahrungen in niedrigen Dosierungen zu sammeln. Und dies auch dann, wenn man mit Cannabis und Alkohol wenig negative Erfahrungen gemacht hat, da Psychedelika ein anderes Wirkprofil aufweisen, also anders im Hirn ihre Wirkung entfalten.
Weshalb ist oder wird MDMA nicht legalisiert?
Gundula Barsch: Wie viele psychoaktive Substanzen hat auch MDMA, also das, was gemeinhin unter Ecstasy firmiert, seinen Weg aus dem Medizinschrank in den Freizeitbereich gefunden und ist gerade dabei, auch den Weg zurück in den Medizinschrank anzutreten. Tatsächlich hätte eine Teillegalisierung z. B. für erwachsene Personen den Effekt, dass die Kontrolle dieser Substanz in Bezug auf Qualität und Dosierung zu einem Standard werden könnte und die Jagd nach immer neuen und in ihren Folgen immer schwieriger abschätzbaren Designer-Substanzen, mit denen sich Verbote umgehen lassen, ausgebremst und vielleicht sogar eingestellt wird. M. E. würde dies aber voraussetzen, dass intensiv an einer Drogenkonsumkultur gearbeitet wird, die mit Wissen, Konsumritualen sowie kulturellen Vereinbarungen unter Konsumenten (Set) und bei den Konsumgelegenheiten (Setting) Hilfe und Unterstützung bietet, um mit den kurz- und langfristigen Risiken, die auch dieser Konsum hat, umzugehen.
Grüezi. Gemäss Fachstudie soll LSD gegen Depressionen eingesetzt werden. In welcher Form und in welcher Dosis soll diese Substanz verabreicht werden? Gehe ich davon aus, dass Normalkonsumenten von LSD, was die Psyche betrifft, darauf völlig unterschiedlich reagieren, sei es euphorisch, so wie «horrormässig», so kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht erklären, wie dieser Einsatz wirken soll. MfG
Gundula Barsch: Der Rückgriff auf LSD bei psychischen Störungen und psychiatrischen Erkrankungen hatte vor allem in den 1960er und 70er Jahren eine breite Anwendung, die mit intensiver Forschung begleitet und auch angeleitet wurde. Karl Friedrich Leuner könnte für Sie eine interessante Quelle sein, von der aus Sie sich den Einsichten dieser Zeit nähern können. Schon damals wurde aber klar, dass sich jedes substanzfixierte Denken dazu verbietet, der Patient eben nicht mit LSD als Medikament allein gelassen werden darf, sondern die Behandlungen in einem hoch kontrollierten Setting stattfinden müssen, in denen die Behandler stetig präsent sind, den Verlauf dieser Sitzung gut vorbereiten, begleiten und ggf. intervenieren können, wenn sich überraschend schwierige Situationen und Entwicklungen einstellen. LSD war also schon immer eine Behandlung, die niemals in eine Dauermedikation überleitete, sondern ein Medikament, dessen Einnahme sich auf ausgewählte und gut vorbereitete Sitzungen beschränkte und auch genauso sorgfältig nachbereitet wurde. Diese Erfahrungen prägen auch die Therapieangebote, die gegenwärtig beispielsweise in Berlin angeboten werden.
Was weiss man jetzt eigentlich über die Effektivität der Entkriminalisierung aller Drogen, wie sie z. B. in Portugal vor vielen Jahren verordnet wurde? Hat sich das Projekt bewährt? Was können wir daraus und aus vergleichbaren Projekten lernen?
Ivo Krizic: Das portugiesische Modell gilt in der Fachwelt weitgehend als Erfolg. Portugal hat im Jahr 2001 den Besitz aller Drogen für den Eigenkonsum entkriminalisiert. Wer mit kleinen Mengen erwischt wird, kommt vor eine Kommission aus Fachleuten, nicht vor ein Strafgericht. Als Folge sank die drogenbedingte Sterblichkeit, die HIV-Infektionen unter Drogenkonsumierenden gingen stark zurück, und die Zahl der Inhaftierten wegen Drogendelikten nahm deutlich ab. Gleichzeitig stiegen die Behandlungsraten, weil Menschen ohne Angst vor Strafe Hilfe suchen konnten. Wichtig ist, dass Portugal im Zuge der Entkriminalisierung gleichzeitig massiv in Behandlung, soziale Reintegration und Schadensminderung investierte. Entkriminalisierung mit begleitenden Gesundheits- und Sozialmassnahmen scheint somit erfolgversprechend. Darauf deutet auch das Gegenbeispiel Oregon, wo man 2020 einen ähnlichen Schritt unternahm, aber die nötigen Strukturen nicht aufgebaut wurden. Die Probleme nahmen zu und Oregon hat die Entkriminalisierung 2024 wieder rückgängig gemacht.
Wie steht es um das Strecken von Drogen mit Fentanyl? In den USA scheint das ja eine wichtige Rolle bei den steigenden Fentanyltoten gespielt zu haben. Wie sieht der Prozentsatz in der Schweiz aus? Und wäre es dann vielleicht eine gute Idee, möglichst alle Drogen zu legalisieren bzw. zu entkriminalisieren und zu regulieren, um eine solche «Epidemie» verhindern zu können?
Joel Bellmont: Glücklicherweise sind wir in der Schweiz bis anhin von sogenannten hochpotenten synthetischen Opioiden, zu denen Fentanyl gehört, verschont geblieben. Aufgrund des umfassenden Anbauverbots von Schlafmohn in Afghanistan, dem Hauptproduktionsland von Heroin, kann es sein, dass diese Substanzen in Zukunft auch in Europa als Ersatzprodukte von Heroin eine Rolle spielen werden. Dazu wurde zum Beispiel in Zürich ein Massnahmenplan für synthetische Opioide entwickelt, um auf diesen Fall vorbereitet zu sein. Und Sie haben recht: Eine Regulierung von solchen Substanzen würde eine deutliche Steigerung der Produktsicherheit bringen und viele negative Effekte eines Schwarzmarktes beheben.
Grüezi, danke für diese Fragerunde. Meine eigene Sucht beschäftigt mich schon seit einer Weile. Ich komme einfach nicht von Cannabis weg. Mein Konsum begann 2019, und seitdem kiffe ich mehr oder weniger regelmässig (längste Pause war ±3 Monate). Habt ihr Tipps, was bei einem Stopp am besten hilft? Wenn ich kein eigenes Gras habe, dann geht das ganz gut. Das Problem ist aber, wenn ich mit anderen Leuten unterwegs bin. Sobald ich weiss, dass jemand Gras dabei hat und es gekifft wird, schaltet mein Hirn komplett ab und ich gebe nach. Ich würde gerne wissen, ob es irgendwelche Strategien gibt, die in solchen Situationen helfen.
Joel Bellmont: Es gibt tatsächlich verschiedene Strategien, wie das Verlangen nach Konsum reduziert oder angepasst werden kann. Diese sind aber sehr individuell und lassen sich nicht so gut in diesem Rahmen behandeln. Ich kann Ihnen deshalb entweder das Online-Programm auf canreduce.at empfehlen. Oder alternativ können Sie sich auch beim Drogeninformationszentrum (DIZ) der Stadt Zürich melden. Wir können dann Ihre Fragen bei einem Vor-Ort-Termin detailliert besprechen oder mit Ihnen schauen, wo Sie Unterstützung erhalten können.
Wie viel Verantwortung trägt die Gesellschaft für Sucht – Armut, Einsamkeit und psychische Erkrankungen – und wie viel Eigenverantwortung trägt der Einzelne? Und warum investieren Staaten Milliarden in Strafverfolgung, aber vergleichsweise wenig in Prävention und Suchthilfe?
Gundula Barsch: Tatsächlich hat Günter Amment, ein in den 1980er und 90er Jahren sehr bekannter Drogenforscher, einmal formuliert: «Die Gesellschaft hat die Drogenprobleme, die sie verdient.» Damit stellte er heraus, dass es zum einen eine grosse Errungenschaft war, Sucht/Abhängigkeit als Krankheit zu verstehen, sie also auch medizinisch zu behandeln, die Menschen also aus dem Gefängnis zu holen und Hilfen oft ohne Kostenbeteiligung zugänglich zu machen. Er stellte damit aber auch heraus, dass es viel zu einfach ist, Drogenprobleme nun in die alleinige Verantwortung des «kranken» Einzelnen zu delegieren und damit eine Medizinalisierung eines sozialen Problems voranzubringen. Allerdings verwies auch er darauf, dass sich eine Gesellschaft nicht aus der Verursachung und Verantwortung stehlen kann, indem sie Übeltäter strafverfolgt und wegsperrt oder Therapie und Beratung vorhält, sodass das Problem im besten Fall nicht mehr sichtbar ist. In die Aufmerksamkeit geriet, dass aus der Gesellschaft heraus viele Impulse gesetzt werden, die übermässigen Konsum geradezu einfordern: Immerhin lebt die Marktwirtschaft genau von permanentem Konsum, weshalb auch der Umgang mit psychoaktiven Substanzen in genau diese Muster eingewoben ist. Und er stellte auch heraus, dass das Drogenverbot daran wesentlich beteiligt ist, dass der Umgang mit psychoaktiven Substanzen nicht gelernt werden kann, sondern dieser Prozess bereits in Drogenkonsumbezüge delegiert ist, die oftmals auch problematische Rollenmodelle, Forderungen und Strategien vermitteln. M. E. nimmt kein Mensch psychoaktive Substanzen, damit er süchtig/abhängig wird und es ihm schlecht geht, die Ziele sind ganz andere und in der Regel nachvollziehbar. Der Umgang mit psychoaktiven Substanzen ist allerdings nicht trivial, sondern fordert vom Konsumenten eine Menge an Wissen, Fähigkeiten und Skills ab. Sich diese anzueignen, gehört in die persönliche Verantwortung, die von einem drogenmündigen Konsumenten wahrgenommen und umgesetzt werden muss.
Guten Tag. Ich habe bei meinem Sohn Snus im Schulthek entdeckt. Er ist jetzt 15 Jahre alt und kommt in die 3. Sekundarschule. Ein Bekannter hätte ihn überredet, es zu nehmen … Ich blieb ruhig, musste mich zuerst selbst über Snus informieren und redete mit ihm über Snus. Er hatte eigentlich keine Ahnung und hat einfach mitgemacht. Das hat mich etwas schockiert … Sagt er bei allem einfach ja? ... Gibt es über die gängigsten Drogen einen Kurzfilm, was sie bewirken, was sie mit dem Körper machen? Wir schauten in der Schule die Kinder vom Bahnhof Zoo. Das war für mich sehr schockierend. Wäre das auch eine Option, einen solchen Film mit ihm zu schauen? Wie denken Sie darüber? Freundliche Grüsse
Joel Bellmont: Sie sind sicher auf dem richtigen Weg, wenn Sie mit Ihrem Sohn im Austausch sind. Dieser Austausch wird Ihren Sohn dabei unterstützen, auch in Zukunft selbstbestimmte (Konsum-)Entscheidungen zu treffen. Vielleicht können Sie ja auch gerade das mit ihm besprechen? Generell ist die Jugendzeit auch ohne die von Ihnen erwähnten Herausforderungen eine spezielle Zeit für Jugendliche. In aller Regel finden Jugendliche äusserst gut durch diese Zeit. Und indem Sie interessiert am Leben von ihm teilnehmen, ist das Risiko sehr gering, dass Sie etwas verpassen. Vom Schauen von Kinder vom Bahnhof würde ich eher abraten, da sich die Lebensrealität Ihres Sohns vermutlich deutlich von der der Kinder im Film unterscheidet. Was aber ein sinnvoller Weg sein könnte, wäre, mit Ihrem Sohn zum Beispiel auf Youtube Filme zum Thema Snus zu schauen und den Inhalt dann auch gleich zusammen zu besprechen. Am besten schauen Sie sich die Filme im Voraus an und suchen sich ein passendes Video heraus.
Wie stehen Sie zu der Aussage: «Wir werden Menschen nie vollständig vom Drogenkonsum abhalten können. Deshalb sollten wir sie dabei unterstützen, möglichst sicher zu konsumieren, und ihnen gleichzeitig niederschwellige Ausstiegsangebote direkt zugänglich machen.» Teilen Sie diese Einschätzung, und wenn ja, warum? Wie wäre das moralisch, politisch, als Gesellschaft, medizinisch und als Privatperson zu verantworten, wenn dann jemand noch Geld damit verdienen könnte, aber dann alle diese Probleme an anderen Orten gelöst werden müssen?
Gundula Barsch: Ehrenwerte Forschungen, z. B. zur Maslowschen Bedürfnispyramide, gehen davon aus, dass Menschen ein natürliches Bedürfnis nach Rausch haben. Schon kleine Kinder zelebrierten eine unbändige Freude daran, so schnell gedreht zu werden, dass ihnen kurzfristig schwindlig wird. Aus sehr alten Kulturen kennt man diverse Arten, wie in der Gemeinschaft Zeit und Raum eingeräumt wurden, um sich gemeinschaftlich in den Rausch zu bringen – ob nun durch psychoaktive Substanzen, Trommelmusik, Tanzen u. a. Techniken. In unseren modernen Gesellschaften wird der Rausch weitgehend negativ bewertet und aus dem gesellschaftlichen Leben ausgesperrt. Er bahnt sich aber doch seinen Weg in den Lebensalltag, auch über Substanzen, die stark überteuert sind, weil sie sich nur über illegale Märkte beschaffen lassen. Bestimmte Subkulturen entdecken allerdings den Rausch wieder für sich und schaffen dafür Zeit und Raum – die Techno-Jugendkultur zelebriert mit dem Setting der Dance-Halls, den Lichtshows und den lang anhaltenden Rhythmen, zu denen getanzt wird, wesentliche Methoden, um sich in Rausch und Ekstase zu bringen. Unübersehbar wird dabei auch auf psychoaktive Substanzen zurückgegriffen, die aber von der Mehrheit der Beteiligten nicht in den Alltag hinübergenommen werden. In diesen Bezügen wird deutlich, dass es in der heutigen Gesellschaft Orte und Zeiten geben kann, in denen Rausch ausgelebt werden kann. Und in diesen Bezügen haben sich sogar Initiativen entwickelt, die diese Events auch mit Information und Anleitung begleiten und verhindern, dass aus diesen Auszeiten problematische Entwicklungen entstehen, die schwerwiegende Hilfen benötigen. Natürlich verdienen in Hilfeangeboten Menschen mit ihrer Arbeit auch Geld, aber das sollte sich eine humane Gesellschaft leisten können.
Guten Tag! Warum schafft es die Schweiz nicht, Cannabis zu legalisieren? Man schenkt das ganze Geld der Drogenmafia, anstatt selbst gute Qualitätsware zu verkaufen. Kein Streckmittel und Einnahmen, die die Schweiz gut gebrauchen könnte. Der gleichen Meinung bin ich auch bei härteren Drogen. Viele Süchtige werden nicht krank von der Droge selbst, sondern von den Streckmitteln.
Ivo Krizic: Die Frage beschäftigt viele, und zurzeit gibt es mehrere Entwicklungen im Bereich der Cannabis-Regulierung. Seit 2023 laufen in mehreren Städten wissenschaftlich begleitete Pilotprojekte, in denen eingeschriebene Erwachsene, die bereits Cannabis konsumieren, die Substanz legal über zugelassene Abgabestellen beziehen können. Die Ergebnisse sollen Auskunft über die Auswirkungen von verschiedenen Regulierungsmodellen geben. In Lausanne wird ein nicht profitorientiertes, auf den Gesundheitsschutz ausgerichtetes Verkaufsmodell getestet, das erste vielversprechende Ergebnisse zeigt. Hierzu gehören: weniger Schwarzmarktkonsum (und damit weniger Gefahr von verunreinigtem Stoff), eine Abnahme beim Konsum und mehr Kontakt zum Gesundheitssystem. Ein ebenfalls auf den Gesundheitsschutz ausgerichtetes Cannabisproduktegesetz, das eine breitere Regulierung ermöglichen soll, ist derzeit in parlamentarischer Beratung. Es hängt von den politischen Entwicklungen ab. Bei härteren Drogen ist die Debatte komplexer. Auf der einen Seite argumentieren Befürworter, dass eine Regulierung Qualitätskontrollen ermöglichen, den Schwarzmarkt schwächen und den Zugang zu Hilfe erleichtern würde. Auf der anderen Seite ist beispielsweise Kokain deutlich risikoreicher als Cannabis, mit hohem Abhängigkeitspotenzial und schweren Gefahren für die Psyche und die körperliche Gesundheit.
Immer mehr neue psychoaktive Substanzen werden chemisch leicht verändert, sodass sie teilweise nicht sofort unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, aber eine ähnliche oder sogar stärkere Wirkung haben. Welche gesundheitlichen Risiken bringt dieser Trend mit sich, und wie können Gesetzgebung, Prävention und Gesundheitswesen sinnvoll darauf reagieren?
Joel Bellmont: Was Sie beschreiben, ist leider tatsächlich ein Nebeneffekt eines illegalisierten Marktes. Sobald eine Substanz verboten wird, taucht eine leicht abgeänderte Substanz auf dem Markt auf. Für die Konsument*innen bedeutet dieser Wettlauf der Produzenten gegen das Gesetz leider meist eine deutliche Erhöhung der gesundheitlichen Risiken, da der Weg häufig zu immer riskanteren Substanzen führt. Für die Schadensminderung, die Prävention und das Gesundheitswesen bedeutet die aktuelle Situation eine stetige Anpassung an die Marktveränderungen.
Wieso wird beim Konsum von illegalen Substanzen nicht durchgegriffen? Man muss nicht lange suchen und man findet Leute, die konsumieren, und welche, die verkaufen. Die Polizei unternimmt nichts. Würde es für den Konsum eine Freiheitsstrafe und für den Handel eine noch stärkere Freiheitsstrafe geben, dann würde man es sich zweimal überlegen. Ohne Konsequenzen steigt nur die Konzentration im Abwasser, sprich: Das heutige Konzept von Prävention hat versagt.
Gundula Barsch: Die von Ihnen geforderte Strategie, für den Konsum Freiheitsstrafen auszusprechen und den Verkauf von Drogen noch härter zu bestrafen, ist genau die Herangehensweise, die seit den 1950er Jahren mit neuen Suchtgesetzen von fast allen westlichen Ländern umgesetzt wurde. Dies hat jedoch nicht dazu geführt, dass das Thema «schwierige Konsumformen mit drastischen Auswirkungen für Einzelne» aus dem gesellschaftlichen Leben verschwunden ist. Die Drogen wandern immer mit, sogar bis in die Gefängnisse, die, obwohl umzäunt und stark bewacht, verlässliche Beschaffungsorte für Drogen sind. Insofern gilt: Nicht mehr von dem nicht Erfolgreichen, sondern tatsächlich neue Ansätze zu entwickeln. Der Umgang mit bestimmten Substanzen ist nicht trivial, sondern hat viele anspruchsvolle Voraussetzungen. Insofern sind die neuen Strategien so angelegt, durch Wissen, Information, Befähigung und den Zugang zu qualitativ kontrollierten Substanzen, deren Verkauf mit Preisen, die keine Folgeprobleme in Form von Finanznot, Beschaffungskriminalität und Beschaffungsprostitution initiieren, die Entwicklung von Drogenproblemen möglichst einzuhegen und denjenigen, die an der Herausforderung eines passgerechten Konsums scheitern, möglichst schnell Hilfe und Unterstützung geben zu können, sodass diese Probleme nicht eskalieren und sich zu einem kaum noch auflösbaren Knäul aufstauen.