Kokain – eine Droge, die man mit Exzess und teuren Partys in Verbindung bringt. Mit Ausgang und Wochenende – und nicht unbedingt mit einem geregelten Alltag. Doch Kokain ist in der Schweiz längst im Berufsleben angekommen. Damit beschäftigt sich eine neue Studie von «Sucht Schweiz» im Auftrag der Stiftung Jobema. Sie zeigt: Besonders verbreitet ist Kokainkonsum in der Gastronomie, in der Baubranche und in der Kunst- und Unterhaltungsszene. Warum, erklärt Co-Autor Frank Zobel.
SRF: Die Studie hat den Fokus auf den Alltags- und Arbeitskontext gelegt. Warum?
Frank Zobel: Wir kennen den anderen Teil ziemlich gut: die sogenannte Crack-Krise, also die Leute, die Kokain rauchen. Auch das Nachtleben. Deshalb wollten wir ins Berufsleben schauen. Dafür haben wir eine Literaturübersicht gemacht. Da fallen einige Berufe auf, bei denen man sieht: Da wird mehr konsumiert.
Kokain ist eine sehr toxische Substanz: fürs Herz, für den Kreislauf und für die psychische Gesundheit.
Sie erwähnen die Gastronomie, das Bauwesen, die Kultur- und Unterhaltungsbranche. Warum wird in gewissen Berufsgruppen besonders viel konsumiert?
Oft sind das Branchen, in denen mehr Männer arbeiten. Das ist ein Risikofaktor. Ausserdem lange Schichten und Stress. Und: Wenn sich die Leute zusammentun und den Konsum normalisieren. Wenn man sagt: «Okay, wir haben Stress, ist ja normal, dass wir Kokain nehmen. Dann können wir effizienter oder kreativer sein.»
Ist es das, was die Studie mit «funktionalem Konsum» meint?
Ja. Kokain ist eine ziemlich gefährliche Droge, weil sie es erlaubt, Sachen zu tun, die man sonst nicht schaffen würde. Man kann länger arbeiten, man fühlt sich kreativer. Und gleichzeitig ist es eine sehr toxische Substanz: fürs Herz, für den Kreislauf und für die psychische Gesundheit.
Es gibt dieses Klischee von koksenden Bankerinnen und Bankern. Dass Kokain vor allem in der Finanzwelt verbreitet wäre. Ist das nur ein Klischee?
Früher war Kokain sehr teuer. Heute ist das nicht mehr der Fall. Auch ein Bauarbeiter kann sich Kokain leisten, es ist nicht nur eine Droge der Elite. Und das hat auch wirklich die Welt des Kokains geändert. Das sorgt dafür, dass heute in einem viel breiteren Milieu konsumiert wird.
Die Botschaft dahinter ist: Sie haben sicher um sich herum Leute, die Kokain konsumieren. Sie sehen es wahrscheinlich nicht.
Es gibt also eine zunehmende Normalisierung, könnte man meinen. Unterschätzen viele Menschen einfach das Risiko?
Ja. Aber da muss man berücksichtigen: Es sind zwar immer mehr Menschen, aber es bleibt eine Minderheit. Heute konsumieren wahrscheinlich irgendwo zwischen 1 und 3,5 Prozent der Bevölkerung Kokain. Deshalb muss man gezielt auf die Leute zugehen – in den Milieus, in denen die Gefahr lauert.
Ein wichtiger Punkt der Studie ist, dass viele Konsumierende sozial integriert sind und eben auch berufstätig. Warum ist das so relevant?
Das ist auch deshalb relevant, weil man so mit den Klischees brechen kann. Heute kann jeder Kokain konsumieren. Aber man sieht es meistens nicht. Meistens merkt man es nur dann, wenn die Person wirklich grosse Probleme entwickelt, also gesundheitliche oder finanzielle Probleme, weil sie dauernd konsumiert. Die Botschaft dahinter ist: Sie haben sicher um sich herum Leute, die Kokain konsumieren. Sie sehen es wahrscheinlich nicht.
Das Interview führte Vanessa Ledergerber.