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Ihre Fragen zum Faktencheck «Wie können Privatpersonen Fakten selbst checken?»

Was ist Fakt und wie erkenne ich Fakes? Irreführende Inhalte können immer einfacher erstellt und schneller verbreitet werden. Wie behält man da den Überblick? Die beiden Faktenchecker Ivano Somaini und Matthias Heller haben von 10:30 bis 12 Uhr Ihre Fragen live im Chat beantwortet.

Fachpersonen im «Club»-Chat

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Legende: SRF

Matthias Heller
Mitglied Netzwerk Faktencheck
SRF

Ivano Somaini
Social Engineer und OSINT-Spezialist
Compass Security Schweiz AG

Chat-Protokoll:

Warum strebt man nicht an, dass der Faktencheck durch die Browser erfolgen muss? In totalitären Staaten werden die ins Netz gestellten Beiträge sofort eliminiert, wenn sie dem Regime zuwider laufen. Es geht also. Wer etwas ins Netz stellen will, müsste m.E. , wie bei einer Zeitungs-Redaktion, sich ausweisen müssen.

Ivano Somaini: Ein verpflichtender Faktencheck auf Browser-Ebene würde die Macht der Browser-Hersteller massiv ausweiten und ihnen eine zentrale Gatekeeper-Rolle für Informationen geben. Damit würden wenige private Akteure darüber entscheiden, was sichtbar ist und was nicht. Meinungsfreiheit und Informationszugang sollten jedoch nicht von einer zentralen Instanz abhängig sein, die festlegt, was «wahr» oder «falsch» ist. Genau diese Zentralisierung ist problematisch, auch wenn sie technisch machbar wäre. Stattdessen braucht es dezentrale Mechanismen: Medienkompetenz, Transparenz über Quellen, unabhängige Faktenchecks und die Möglichkeit, Informationen kritisch zu hinterfragen. Eine offene Gesellschaft lebt davon, dass Wahrheit nicht verordnet wird, sondern im offenen Diskurs überprüfbar bleibt.

Wäre es nicht sinnvoll, die Faktenchecks jeweils live bzw. die Schritte der Überprüfung transparent zu machen, statt nur zu sagen: «Das ist Fake und das ist Fakt»?

Ivano Somaini: Ja, es gibt Faktenchecker, die sehr transparent erklären, wie ihr Prüfprozess aussieht und warum etwas als falsch, irreführend oder unbelegt eingestuft wird. Genau diese Nachvollziehbarkeit ist ein zentrales Qualitätsmerkmal seriöser Faktenchecks. Gute Faktenchecks beantworten immer diese Fragen: Was genau wird behauptet? Welche überprüfbaren Fakten gibt es dazu? Welche Quellen wurden genutzt und warum sind sie glaubwürdig? Wo liegen Unsicherheiten oder Graubereiche? Warum lautet das Urteil genau so und nicht anders? Und wichtig: Sie schreiben nicht einfach «Fake!», sondern legen offen, wie sie zu dieser Einschätzung kommen.

Wie gut erreichen Faktenchecks in der heutigen Zeit die Menschen? Bis etwas debunked wurde, sind ja schon hundert neue Falschmeldungen in die Sozialen Medien gespült worden. Lähmt Sie das manchmal?

Matthias Heller: Falschnachrichten sind meist sehr gute Geschichten, die uns faszinieren und die wir gerne mit unserem Umfeld teilen. Sie geben zu reden, werden geliked, kommentiert und weiterverbreitet. Was unser Interesse weckt, wird von den sozialen Plattformen meist weiter gepusht. Der Faktencheck oder die Tatsachen dazu sind meist weniger spannend, vielleicht fast schon langweilig im Vergleich zur Falschnachricht. Daher verbreiten sie sich meist auch weniger schnell oder weniger gut. Das kann frustrierend sein, es ist und bleibt einem aber ein Anliegen die Userinnen und User aufzuklären.

Reicht ein einzelner Faktencheck aus oder braucht es mehrere Quellen?

Ivano Somaini: In der Regel braucht es mindestens zwei unabhängige Quellen, um eine Aussage belastbar zu prüfen. Typisch für einen soliden Faktencheck sind drei bis fünf Quellen. Bei komplexen oder strittigen Themen gilt: Je mehr qualitativ hochwertige und unabhängige Quellen, desto besser.

Wie geht ihr mit Aussagen um, die technisch korrekt, aber irreführend sind?

Ivano Somaini: Ein Faktenchecker sollte nicht nur prüfen, ob ein einzelner Satz technisch korrekt ist, sondern auch den Kontext berücksichtigen. Denn Aussagen können aus dem Zusammenhang gerissen oder so verkürzt werden, dass sie einen falschen Eindruck vermitteln und irreführend sind. Deshalb bewerten Faktenchecker zunehmend, welche Vorstellung beim Publikum entsteht. Nicht die Frage «Ist jeder Satz für sich korrekt?» steht im Mittelpunkt, sondern «Welche Realität wird hier suggeriert?»

Gibt es Themenbereiche, die besonders häufig von Desinformation betroffen sind?

Ivano Somaini: Besonders betroffen von Desinformation sind Politik, Kriege, Klima, Gesundheit, und Wirtschaft. Überall dort, wo Emotionen, Unsicherheit und komplexe Sachverhalte zusammentreffen, ist Desinformation besonders wirksam.

Welche einfachen Schritte können Privatpersonen anwenden, um Fakten selbst zu checken?

Matthias Heller: Ein erster Schritt bei der Überprüfung ist der Plausibilitätscheck: Kann das wirklich stimmen? Was sagt mir mein Bauchgefühl? Man sollte das Gesehene oder Gelesene immer kritisch hinterfragen. Fallen mir Widersprüchlichkeiten auf? Dann schaue ich meist auf den Kontext. Gibt es weitere Quellen, die das mir Gezeigte bestätigen oder habe ich nur eine Quelle? Wer ist überhaupt der Absender? Hat der Absender bestimmte Interessen? Dann schaue ich mir die Videos oder Fotos noch genauer an und achte auf Details. Stimmt der Ort und passt dieser zum Ereignis? Stimmen Merkmale, wie die Umgebung, Strassenschilder oder passt die Kleidung der Leute zur aktuellen Jahreszeit? Hier helfen dann vor allem Kartendienste oder Tools wie Street View. Nach der Lokalisierung suche ich weitere vertrauenswürdige Quellen. Gibt es weitere mir bekannte und vertrauenswürdige Quellen, die über dasselbe Ereignis berichten.

Welche Tools oder Webseiten empfehlen Sie zur Faktenprüfung?

Matthias Heller: Bekannte Webseiten, die Faktenchecks durchführen, sind Mimikama oder Snopes. Bellingcat machen viele Investigativ-Recherchen. Da findet man auch Links zu verschiedenen OSINT-Tools, die auch wir vom Netzwerk Faktencheck bei SRF für unsere Überprüfungen nutzen.

Kommt es vor, dass auch Sie Fehler machen beim Factchecking und so Desinformationen verbreiten?

Ivano Somaini: Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Faktenchecks sind immer eine Abwägung: Wie kritisch ist die Aussage, wie viele unabhängige Quellen lassen sich finden und wie gut können diese überprüft werden, um das Risiko möglichst klein zu halten. Trotz aller Sorgfalt arbeiten hier Menschen, und Fehler können passieren. Seriöse Faktenchecker sind sich dessen bewusst und setzen alles daran, dass dies so selten und so unwahrscheinlich wie möglich bleibt, unter anderem durch transparente Methodik und Korrekturen, wenn Fehler erkannt werden.

Was machen Sie, wenn SRF aus Versehen Fakenews verbreitet?

Matthias Heller: Unser Ziel ist es keine Fakenews zu verbreiten, da hinter Fakenews immer eine bestimmte Absicht dahinter steckt. Bei SRF arbeiten aber auch nur Menschen und Fehler können passieren. Wenn dies der Fall ist, werden diese transparent kommuniziert und berichtigt. Man findet sie online hier: https://www.srf.ch/srf-korrekturen Weiter hat unser Publikum jederzeit die Möglichkeit, unsere Angebote bei der Ombudsstelle zu beanstanden.

Wird es in Zukunft überhaupt noch möglich sein, Wahrheit klar von Fälschung zu unterscheiden?

Ivano Somaini: Wahrheit wird nicht verschwinden, aber sie wird anstrengender. Entscheidend sind künftig Kontext, Quellen und kritisches Denken, nicht der erste Eindruck. Medienkompetenz wird dabei zu einem immer wichtigeren Skill und sollte, meiner Meinung nach, bereits im frühen Alter gezielt gefördert werden.

Wie effektiv sind Faktenchecks überhaupt? Im Netz lese ich dann immer wieder, dass Faktenchecker ja auch voreingenommen und gekauft sind. Glauben Sie, blasphemisch gefragt, dass Ihre Arbeit Impact hat?

Matthias Heller: Seriöse Faktenchecker zeigen auf und machen transparent, wie sie bei ihrer Arbeit vorgegangen sind. Weiter geben sie ebenfalls an, für welches Medium sie arbeiten und es gibt die Möglichkeit, sie zu kontaktieren – Stichwort Impressum. So ist sichergestellt, dass die Nutzer die Möglichkeit haben die Faktenchecker zu kontaktieren und auf mögliche Fehler hinzuweisen.

Inwiefern hat sich ihre Arbeit verändert, seit das Erstellen von Fakenews mit KI viel einfacher geworden ist?

Ivano Somaini: Durch KI ist Desinformation schneller, günstiger und überzeugender geworden. Faktenchecker prüfen heute nicht nur Inhalte, sondern auch Herkunft, Kontext und Verbreitungsmuster. Technische Analysen und OSINT spielen dabei eine deutlich grössere Rolle als früher. Kurz gesagt: Die Arbeit ist komplexer, schneller und technischer geworden.

Wie kann ich überprüfen, ob das, was SRF als Fakt darstellt, den Fakten entspricht?

Matthias Heller: SRF macht immer transparent, woher die Informationen stammen. Wir halten uns dabei an unsere publizistischen Leitlinien, welche man online findet. Unsere Informationen basieren entweder auf glaubwürdigen Quellen oder auf dem Zwei-Quellen-Prinzip. Jede Information muss durch zwei voneinander unabhängige Quellen bestätigt werden, bevor eine Nachricht publiziert wird. Unsicherheiten oder unklare Quellenlage kommunizieren wir deutlich. In der Schweiz gibt es weitere zahlreiche seriöse Medien. Daher ist ein Abgleich mit weiteren Medien immer sinnvoll um sich noch breiter und vielfältiger zu informieren.

Wie muss man mit den Aussagen von Kriegsparteien umgehen? Wie unterscheiden Sie zwischen Propaganda und Fakenews?

Matthias Heller: Wir halten uns grundsätzlich an die Publizistischen Leitlinien. Unsere Nachrichten basieren entweder auf seriösen Quellen oder bei weniger bekannten Quellen auf dem Zwei-Quellen-Prinzip. Im Falle von Aussagen von Kriegsparteien ist dies sehr schwierig und die Quellenlage meist unklar. Diese Unsicherheit machen wir transparent, indem wir kommunizieren von welcher Seite oder Partei wir bestimmte Aussagen haben. Je nach Region hilft uns unser Netz an Korrespondentinnen und Korrespondenten vor Ort, die Lage zusätzlich einzuschätzen.

Wie erklären Sie sich, dass so viele Menschen den Lügen der US-Regierung blind glauben? Ist seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit ein noch gründlicherer Faktencheck gefordert?

Ivano Somaini: Viele Menschen glauben staatlichen Aussagen, weil Regierungen traditionell als autoritative und vertrauenswürdige Quellen wahrgenommen werden. In Krisenzeiten kommt hinzu, dass einfache, klare Erklärungen emotional entlastend wirken und Unsicherheit reduzieren. Gleichzeitig verstärken soziale Medien, Polarisierung und Echo­kammern die Tendenz, Informationen ungeprüft zu übernehmen, wenn sie das eigene Weltbild bestätigen. Unabhängig von der jeweiligen Regierung gilt deshalb: Je grösser die politische Macht und die gesellschaftliche Wirkung einer Aussage, desto sorgfältiger muss sie überprüft werden.

Warum wird Moralismus nicht von Faktenchecking klarer segregiert?

Ivano Somaini: Faktenchecking soll sich auf überprüfbare Aussagen stützen, nicht auf moralische Bewertungen. In der Praxis ist die klare Trennung jedoch schwierig, weil viele öffentliche Aussagen Fakten, Wertungen und politische Ziele miteinander vermischen. Moralismus schleicht sich oft dort ein, wo Faktenchecker Kontexte erklären oder Folgen einordnen müssen. Das ist nicht automatisch falsch, birgt aber das Risiko, dass Einordnung als Werturteil wahrgenommen wird. Seriöse Faktenchecker versuchen deshalb, Fakten, Kontext und Meinung transparent zu trennen: Überprüfbare Aussagen werden geprüft, moralische oder politische Bewertungen klar als solche gekennzeichnet. Wo diese Trennung unscharf wird, leidet das Vertrauen. Die kurze Antwort ist: weil die Trennung schwierig, aber notwendig ist

Wie erkennen Sie KI-Video- und Bildfälschungen, und wie gehen Sie damit um, dass diese Methoden in 2 bis 3 Jahren vermutlich nicht mehr funktionieren werden?

Matthias Heller: Wir versuchen uns stetig weiterzuentwickeln, sind uns aber auch bewusst, dass unsere Arbeit Grenzen hat. Die KI entwickelt sich rasend schnell. So konnte man KI-Videos vor ein paar Monaten noch relativ einfach an Merkmalen, wie zu viele Finger oder Zähne bei Menschen erkennen. Solche KI-Fehler sind mittlerweile fast komplett ausgemerzt. Aktuell können es je nachdem noch physikalische Unstimmigkeiten sein, die auf KI hinweisen. Als Beispiel vielleicht Menschen, die durch Pfützen gehen, aber nicht nass werden. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis die KI auch solche Fehler nicht mehr macht.

Fakt oder Fake? – Die Themenwoche bei SRF

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SRF Thema
Legende: SRF

Ab dem 26. Januar 2026 beleuchtet SRF das Thema Fake News eine Woche aus verschiedenen Blickwinkeln – mit Reportagen, Recherchen und Faktenchecks zu aktuellen Themen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Alle Inhalte finden Sie hier auf der Übersicht zur Themenwoche «Fakt oder Fake?».

Club, 27.01.2026, 22:25 Uhr ; 

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