Wie lieben wir heute, wie in Zukunft? Monogam, in offenen Beziehungen oder polyamor? Sind alternative Beziehungsformen eine Chance auf mehr Freiheit und Sicherheit oder eine Überforderung, die das Beziehungsleben komplizierter macht?
Das Q&A-Protokoll:
1. Ist Polyamorie ein zukunftstaugliches Konzept?
2. Wie lassen sich Kinder/Familie damit vereinbaren?
3. Wie lange bleibt es bezüglich der Eifersucht ein «Aushalten», respektive kann man es lernen?
4. Wie kann man mehrere Partner*innen im Fokus behalten und beiden gerecht werden?
Tamara Altermatt:
- Es gibt nicht eine Antwort – und das ist vielleicht die ehrlichste Aussage dazu. Polyamorie stellt eine Frage, die unsere Zeit dringend braucht: Was erwarten wir eigentlich von einer Liebesbeziehung – und ist diese Erwartung realistisch? Die Idee, dass ein einziger Mensch alle unsere emotionalen, sozialen und intimen Bedürfnisse erfüllen soll, ist historisch betrachtet relativ jung. Und sie steht unter Druck. Die Forschung zeigt: Polyamore Beziehungen erzeugen nicht automatisch mehr oder weniger Zufriedenheit als monogame. Was zählt, ist nicht die Struktur, sondern die Qualität – Vertrauen, Kommunikation, emotionale Sicherheit. Polyamorie macht diese Qualitäten nur sichtbarer, weil sie weniger Raum lässt, sie zu umgehen. Zukunftstauglich ist Polyamorie dort, wo Menschen bewusst und informiert wählen – nicht aus Flucht vor Nähe oder aus dem Wunsch, Schmerz zu vermeiden, sondern aus echtem Interesse an einer anderen Art zu lieben.
- Wie lässt sich Familie/Kinder damit vereinbaren? Ehrlicher als viele denken – und komplexer als manche hoffen. Kinder brauchen keine bestimmte Familienform. Was sie brauchen, ist Stabilität, Verlässlichkeit und das sichere Gefühl, geliebt zu werden. Das kann in vielen Kontexten entstehen – auch in polyamoren. Forscherin Elisabeth Sheff hat über Jahre polyamore Familien begleitet und beschreibt, dass Kinder in solchen Konstellationen oft von einem erweiterten Netz an Bezugspersonen profitieren: mehr Fürsorge, mehr Perspektiven, weniger Druck auf einzelne Elternteile. Was hingegen schwierig wird – in jeder Familienform – sind ungelöste Konflikte zwischen Erwachsenen, emotionale Instabilität oder häufige Brüche in den Beziehungen. Was Kinder in polyamoren Familien brauchen: Klarheit darüber, wer zu ihrer Familie gehört, altersgerechte Ehrlichkeit – ohne Überforderung, Eltern, die ihre eigenen Themen nicht durch die Kinder tragen.
- Eifersucht: Ich denke, das ist weder Schicksal noch ein Charakterfehler, sondern ein Wegweiser. Eifersucht ist zutiefst menschlich. Sie ist neurobiologisch verankert, evolutionär entstanden und kein Zeichen von Schwäche. Wer sie «einfach wegdrücken» möchte, wird merken, dass sie sich anderswo wieder meldet – manchmal lauter. Was langfristig hilft, ist nicht das Aushalten, sondern das Verstehen: Was genau entsteht in mir, wenn Eifersucht auftaucht? Verlustangst? Das Gefühl, nicht zu genügen? Diese Fragen führen oft tiefer als erwartet – und das ist wertvoll, unabhängig vom Beziehungsmodell. In polyamoren Kontexten begegnet man ausserdem dem Begriff Compersion – die Freude, die entsteht, wenn man sieht, wie ein geliebter Mensch in einer anderen Beziehung aufblüht. Das ist keine Selbstverständlichkeit, aber es ist erlernbar – wenn die eigene innere Sicherheit wächst. Eifersucht verliert nicht unbedingt ihre Präsenz. Aber sie kann ihre Dominanz verlieren – wenn man beginnt, ihr zuzuhören, statt sie zu bekämpfen.
- Mehreren Partnern gerecht werden – wie? Indem man «gerecht werden» neu definiert. Es geht nicht darum, allen gleich viel Zeit zu geben oder gleich intensive Gefühle zu empfinden. Verschiedene Beziehungen haben verschiedene Qualitäten – und das ist keine Schwäche des Modells, sondern seine Stärke, wenn man es annehmen kann. Was Menschen in gelingenden polyamoren Beziehungen beschreiben: ehrliche, tiefe Kommunikation – nicht nur über Fakten und Termine, sondern über emotionale Zustände, Bedürfnisse und Grenzen. Das ist anspruchsvoll und gleichzeitig ausserordentlich beziehungsfördernd. Realistische Selbstwahrnehmung – emotionale Kapazität ist endlich. Wer das akzeptiert, kann authentischer geben als jemand, der sich überdehnt und dann erschöpft zurückzieht. Jede Beziehung in ihrer eigenen Würde – keine Verbindung als Kompensation für eine andere führen, sondern jede um ihrer selbst willen pflegen. Regelmässige Reflexion – sowohl allein als auch mit den Partnern: Wie geht es uns? Was brauchen wir? Was hat sich verändert?
Was gibt es alles für Sexualitäten?
Tamara Altermatt: Sexualität ist viel mehr als eine Kategorie, sie ist ein mehrdimensionales Erleben, das sich aus verschiedenen Ebenen zusammensetzt: Sexuelle Orientierung (wen begehre ich?) reicht von hetero-, homo-, bi-, pan- über asexuell bis demisexuell – und vieles dazwischen. Romantische Orientierung (wen liebe ich?) muss nicht mit dem Begehren übereinstimmen – jemand kann z.B. asexuell und trotzdem tief romantisch empfinden. Beziehungsmodelle (wie lebe ich es?) umfassen Monogamie, Polyamorie, offene Beziehungen, Relationship Anarchy und mehr. Sexuelle Ausdrucksformen (wie erlebe ich es?) reichen von Vanilla über BDSM und Kink bis zu tantrischen oder autoerotischen Zugängen. Geschlechtsidentität (wer bin ich?) ist eine eigene Dimension – von cis und trans bis non-binary oder genderfluid. Die Wissenschaft zeigt: Sexualität ist biologisch mitgeprägt, kulturell geformt und biografisch entwickelt. Sie ist keine Wahl, kein Fehler – und sie darf sich im Leben verändern. Die wichtigste Frage ist nicht, in welche Kategorie man passt, sondern: Was fühlt sich für mich stimmig, ehrlich und lebendig an? Zusammengefasst ist Sexualität also kein einfaches Entweder-oder, sondern ein mehrdimensionales Erleben. Die Forschung – von Kinsey über Masters & Johnson bis zur modernen Sexologie – zeigt: Sexualität lässt sich nicht in wenige Schubladen pressen. Sie umfasst Anziehung, Identität, Verhalten und Erleben – und diese vier müssen nicht übereinstimmen.
Ich date primär den gleichen visuellen Typ und frage mich, ob ich mir davon zu stark den Verstand vernebeln lasse, da er andere Frauen ausschliesst, die vielleicht charakterlich besser zu mir passen würden. Das finde ich auch unfair gegenüber den Frauen selbst. Kann man das ändern oder ist es «normal», dass das Visuelle immer erst das «Einfallstor» ist/sein muss?
Tamara Altermatt: Dass du dir bereits darüber bewusst bist , dass du «den gleichen visuellen Typ» hast, zeigt, dass du darüber reflektiert bist – eine gute Ausgangslage, um damit zu arbeiten! :) Zur Normalität: Ja, das Visuelle ist evolutionär das erste Filtersystem – das Gehirn entscheidet in Millisekunden, bevor der Verstand überhaupt eingeschaltet ist. Einen «Typ» zu haben, ist menschlich und weitverbreitet. Du bist also in guter Gesellschaft. Aber – und das ist entscheidend: Anziehung ist nicht statisch. Sie ist zu einem grossen Teil erlernt und konditioniert – durch frühe Erfahrungen, Vorbilder, erste Verliebtheitserlebnisse. Was sich einmal als «attraktiv» ins Nervensystem gebrannt hat, wiederholt sich. Das ist keine Schwäche, das ist Neurologie. Die sexologische Perspektive: Der Sexologe John Money prägte dafür den Begriff «Lovemap» – eine Art innere Landkarte, die sich in der Kindheit und Jugend entwickelt und beschreibt, was wir als erotisch, anziehend und begehrenswert erleben. Diese Landkarte enthält visuelle Merkmale, aber auch Gerüche, Stimmen, Verhaltensweisen, emotionale Qualitäten. Der visuelle «Typ» ist also nur ein Ausschnitt eines viel komplexeren unbewussten Musters. Anziehungscodes – und ihre Veränderbarkeit: Was die Sexologie und Bindungsforschung gemeinsam zeigen: Anziehung funktioniert über konditionierte Reiz-Reaktions-Muster. Diese sind real, messbar – und nicht unveränderlich. Der Mechanismus dahinter ist klassische Konditionierung: Bestimmte visuelle Merkmale wurden wiederholt mit positiven emotionalen Erlebnissen verknüpft, bis das Gehirn sie automatisch als «attraktiv» codiert. Durch neue, positive Erfahrungen mit anderen Reizen können sich diese Codes erweitern – nicht löschen, aber ergänzen. Die Forschung spricht hier von «attraction flexibility», besonders ausgeprägt bei Frauen, aber grundsätzlich bei allen Menschen vorhanden. Kann man es ändern? Nicht nur durch Willenskraft – aber durch bewusste Erweiterung. Konkret heisst das: Menschen eine Chance geben, bevor das Urteil gefällt ist. Anziehung kann wachsen – durch Gespräche, durch Humor, durch das Gefühl, wirklich gesehen zu werden. Die Neurobiologin Lucy Brown und der Anthropologe Helen Fisher zeigen in ihrer Forschung, dass Dopamin, Oxytocin und Vasopressin – die neurochemischen Träger von Anziehung und Bindung – auch durch emotionale Nähe und positive Erlebnisse aktiviert werden, nicht nur durch visuelle Reize. Anders gesagt: Anziehung kann auch entstehen, nicht nur vorhanden sein. Zum Fairness-Gedanken: Der ist schön – aber pass auf, dass du daraus keine Verpflichtung machst. Du schuldest niemandem Anziehung. Was du tun kannst: offenbleiben, länger hinschauen, weniger schnell aussortieren. Und unbedingt: neugierig bleiben! :)
Gibt es gesicherte Studien dazu, ob Menschen in monogamen oder polyamoren Beziehungen glücklicher sind?
Tamara Altermatt: Ja, die gibt es tatsächlich: Die wohl solideste Forschung dazu stammt von Amy Moors (Chapman University) und Kolleg:innen. Ihre Studien (u.a. 2017, 2021) zeigen: Menschen in konsensuell nicht-monogamen Beziehungen – also Polyamorie, offene Beziehungen etc. – berichten von vergleichbarer Beziehungszufriedenheit, Vertrauen und Commitment wie Menschen in monogamen Beziehungen. Kein Modell «gewinnt». Eine Studie von Rubel & Bogaert (2015) im Archives of Sexual Behavior bestätigt: Zufriedenheit hängt stärker von Kommunikationsqualität und emotionaler Sicherheit ab als von der Beziehungsstruktur selbst. Conley et al. (2013) fanden zudem, dass polyamore Menschen häufiger über tiefes Vertrauen und offene Kommunikation berichten – was jedoch auch daran liegen kann, dass dieses Modell diese Fähigkeiten schlicht stärker erfordert. Ich finde das spannend, sehe jedoch auch, dass die Forschung in ein paar Aspekten noch nicht so gut ist: Die meisten Studien arbeiten mit Selbstselektion – Menschen, die Polyamorie leben, haben sich bewusst dafür entschieden, was Ergebnisse verzerrt. Langzeitstudien fehlen weitgehend. Die Stichproben sind oft jung, gebildet, westlich – also wenig repräsentativ. Und sind wir ehrlich: «Glück» ist schwer messbar und kulturell geprägt. In a Nutshell: Es gibt keinen Beleg dafür, dass ein Modell das andere in Sachen Glück übertrifft. Was sich jedoch konsistent zeigt: Übereinstimmung zwischen gelebtem und gewünschtem Modell ist entscheidend. Wer Monogamie lebt, aber Polyamorie möchte – oder umgekehrt – leidet. Die Struktur ist weniger wichtig als die Passung zur eigenen Identität und den eigenen Bedürfnissen.
Ich bin nicht in der Lage, Sex zu haben, es fühlt sich ekelhaft an, ich fühle mich dabei wie ein kleines Kind und will einfach nur wegrennen. Das habe ich mit 16 gemerkt in der ersten Beziehung, die dann auch wegen meiner Unfähigkeit zu Ende ging, obwohl sonst alles gestimmt hat. Und ich habe es wirklich versucht, mich dazu zu zwingen, 5 Jahre lang, fast jeden zweiten Tag, aber mein damaliger Freund sagte, es sei so klar, dass ich es nicht will, dass es ihm dann natürlich auch keinen Spass gemacht hat, und es sei unsexy, wenn ich anfange zu weinen. Ich bin jetzt 30 und kann Sex immer noch nicht aushalten. Ich dachte, der Grund könnte Missbrauch als Kleinkind sein, zu früh, um mich direkt daran zu erinnern, und habe versucht, eine Traumatherapie anzufangen, aber der Psychiater sagte, es ist möglich, dass ich einfach so bin seit Geburt, und meine Gefühle sind kein Beweis für Trauma. Kann es sein, dass er recht hat? Dass manche Menschen einfach mit so einem Defekt geboren werden? Es fällt mir schwer, das zu akzeptieren, dass ich einfach alleine leben muss, und es gibt nicht mal einen Grund oder etwas, das ich ändern oder verbessern kann.
Daniel Arnold: Vielen Dank für Ihre Offenheit. Was Sie beschreiben, ist ein zutiefst belastender Weg, und es ist vollkommen nachvollziehbar, dass Sie nach Antworten suchen. Zunächst ist es mir wichtig, eines festzuhalten: Sie haben keinen Defekt. Sie sind nicht mit einem Fehler geboren worden. Was Sie beschreiben – das Gefühl, weglaufen zu wollen, das Empfinden von Ekel oder das Weinen – sind sehr deutliche Signale Ihres Körpers. Wenn man sich über Jahre hinweg dazu zwingt, Sexualität auszuhalten, die sich nicht gut anfühlt, speichert das Nervensystem Sex als eine Bedrohung ab. Es ist verständlich, dass unter solchem Druck keine Lust entstehen kann. Wo kein positiver Reiz ist, gibt es nichts, worauf man sich freuen könnte. Hier sind einige Gedanken dazu: Der Begriff der «Unfähigkeit»: Sie sind nicht unfähig. Ihr Körper reagiert aktuell mit Schutzmechanismen auf eine Situation, die er als schmerzhaft oder bedrohlich erlebt hat. Das Wort «Unfähigkeit» legt nahe, dass etwas kaputt ist – doch Ihr Körper versucht, Sie eigentlich nur zu schützen. Sexualität neu entdecken (ohne Druck): Ein möglicher Weg könnte sein, die Sexualität erst einmal ganz für sich selbst zu erkunden, völlig unabhängig von den Erwartungen eines Partners. Gibt es körperliche Elemente, die sich schön anfühlen? Das können ganz «kleine» Dinge sein: Umarmungen, das Halten der Hände, sanfte Berührungen der Haut oder Selbstbefriedigung. Es geht darum, erst einmal Sicherheit im eigenen Körper zu finden. Lust ist kein Muss: Es ist wichtig zu wissen: Man muss keine Freude an Sex haben. Eine Entscheidung gegen Sexualität ist eine legitime Entscheidung, die absolut in Ordnung ist. Wenn Sie für sich feststellen, dass Sie ohne Sex glücklicher leben, ist das kein Defekt, sondern eine persönliche Grenze, die Respekt verdient. Lust kann man lernen: Falls Sie sich dem Thema dennoch annähern möchten, ist es möglich, Schritt für Schritt zu lernen, wie man Lustvorgänge im Körper versteht und Erregung aufbaut. Der entscheidende Punkt dabei ist jedoch: Das geschieht immer im eigenen Tempo und unter strikter Wahrung der eigenen Grenzen. Nichts darf gegen das eigene Gefühl erzwungen werden. Ob ein frühes Trauma vorliegt oder nicht, lässt sich oft nicht abschliessend klären – aber Ihre Gefühle heute sind real und sie sind Ihre Wahrheit. Es lohnt sich, einen Weg zu suchen, auf dem Sie sich in Ihrem Körper wieder sicher und wohl fühlen, ganz egal, wie dieser Weg am Ende aussieht.
Wie spricht man offen über sexuelle Wünsche, ohne den Partner zu verletzen?
Tamara Altermatt: Das ist eine der mutigsten und gleichzeitig zärtlichsten Fragen, die man in einer Beziehung stellen kann – denn sie zeigt: Ich will ehrlich sein, und ich will dich dabei nicht verletzen. Das ist schon die halbe Miete. Ich möchte ein paar ganz konkrete Tools geben: Vorneweg: Ja, es ist für die meisten Menschen nicht einfach! Sexuelle Wünsche zu äussern bedeutet, sich zu zeigen. Wirklich zu zeigen. Das macht verletzlich – weil Ablehnung hier nicht nur «nein» bedeutet, sondern sich anfühlen kann wie: «Ein Teil von mir ist nicht willkommen.» Das ist neurobiologisch erklärbar: Scham und sexuelles Erleben sind im limbischen System eng miteinander verdrahtet. Wer das versteht, hört auf, sich für seine Hemmungen zu schämen.
- Zeitpunkt und Rahmen wählen: nicht im Bett, nicht direkt nach dem Sex und nicht im Streit. Sondern in einem ruhigen, verbundenen Moment, wenn beide offen und entspannt sind. Das Gespräch verdient einen guten Rahmen.
- Von sich sprechen, nicht vom anderen: Nicht «Du machst nie...» – sondern «Ich merke, dass ich mir manchmal wünsche...» Ich-Botschaften öffnen Türen, wo Vorwürfe sie schliessen.
- Neugier statt Forderung: Wünsche als Einladung formulieren, nicht als Erwartung. «Ich würde gern mal ausprobieren – wie klingt das für dich?» lässt dem anderen Raum, ehrlich zu antworten.
- Auch nach den Wünschen des anderen fragen: Offenheit ist keine Einbahnstrasse. Wer erzählt, was er sich wünscht, und dann auch wirklich neugierig auf den anderen ist, schafft Gegenseitigkeit – und die ist das Fundament erotischer Verbindung.
- Ablehnung entkoppeln von Zurückweisung: Wenn ein Wunsch nicht geteilt wird, ist das kein Urteil über die Person. Sexualpädagogisch gesprochen: Consent ist kein Liebesthermometer. «Das möchte ich nicht» und «Ich liebe dich» können problemlos gleichzeitig wahr sein. Ich finde auch das Ja/Nein/Vielleicht-Spiel sehr gut: Der mutigste erotische Satz ist oft der einfachste: «Darf ich dir etwas erzählen, was ich mir wünsche?» (Da gibt’s auch Karten dazu, z. B. Beziehungskarten.ch etc.) Ich empfehle sehr, regelmässig über Sexualität, Wünsche und Grenzen zu sprechen, um die Themen zu normalisieren und eine «sexuelle Gesprächskultur» zu entwickeln.
Wie finde ich heraus, was ich wirklich will – und nicht nur, was «normal» ist?
Daniel Arnold: Das ist eine wunderbare, sehr neugierige und offene Frage. Um herauszufinden, was man wirklich will, hilft oft ein kritischer Blick auf das, was wir gemeinhin unter «normal» verstehen. Man könnte provokativ fragen: Ist es normal, monogam in einer heterosexuellen Beziehung zu leben und Sex ausschliesslich in der Missionarsstellung zu haben? Wenn wir uns umschauen, zeigt sich nämlich ein völlig anderes Bild: Sexualität ist ein enorm weites, buntes und kreatives Feld. Sie ist weniger ein feststehender Zustand als vielmehr eine Reise, auf der man sich selbst immer wieder neu entdecken darf. Um den eigenen Wünschen auf die Spur zu kommen, hilft es, sich mit der eigenen Selbsterkundung zu befassen. Man kann sich fragen, was einem gefällt, wenn man ganz für sich ist, wie man sich gerne berührt oder welche Fantasien im Kopf auftauchen. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass eine Vorliebe oder eine Fantasie auch eine Fantasie bleiben darf – nicht alles, was uns im Kopf erregt, müssen wir auch in die Tat umsetzen. Zudem spielt die Frage eine Rolle, ob man im Leben überhaupt den sicheren Raum hat, um Dinge auszuprobieren, und ob man das im Moment überhaupt möchte. Sexualität und sexuelle Lust beginnen immer bei einem selbst und können durch eine andere Person oder auch mehrere Personen erweitert und bereichert werden. Der wichtigste Kompass dabei ist das eigene Wohlbefinden. Es geht darum, in sich hineinzuspüren, ob man sich in einer Situation sicher fühlt. Nur wenn man die eigenen Grenzen wahrnimmt und respektiert, entsteht der nötige Freiraum, um echte, eigene Wünsche von äusseren Erwartungen zu unterscheiden.
Ich (38) bin seit 4 Monaten in einer angehenden Beziehung mit meiner Ex-Freundin (33), mit welcher ich vor 15 Jahren für 2 Jahre zusammen war. Wir verstanden uns gut, nur es waren schwere Zeiten (beide in Ausbildung, Militär etc.), sodass es unweigerlich zum Bruch kam. Heute haben wir mehr Zeit füreinander und verstehen uns gut. Jedoch kommt sie aus einer 8-jährigen Beziehung und geniesst gerade ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Ich respektiere ihren Freiraum. Sie mag es, mit mir zu kuscheln und auch Sex zu haben bzw. nur schon meine Nähe. Wir bewegen uns immer weiter auf uns zu in Richtung Beziehung, ohne es zu benennen. Da wir offen über alles reden können und uns so gut verstehen, hat sie mir erzählt, dass sie am Samstag in einen Swingerclub geht. Ich weiss nicht, wie ich damit umgehen soll. Es verletzt mich sehr. Sie sagte aber, dass es ihr nichts bedeute und sie es aus Spass tue. Ich bin immer noch etwas Besonderes für sie. Ich habe ihr einfach erklärt, dass ich es ihr weder verbieten könne, noch ihre Freiheit einschränken möchte. Aber weil sie mir sehr viel bedeutet (gegenseitig), tut es in meinem Herzen weh. Ich liebe sie nach wie vor und sie mag mich auch. Sie sagt selbst, dass es sich nah an einer Beziehung anfühlt. Wie soll ich mit der Situation umgehen? Bin ich einfach zu altmodisch?
Ursina Donatsch: Sagen Sie ihr, dass Sie gerne über den Stand Ihrer Verbindung reden möchten. Und dann auch darüber, wie viel Verbindlichkeit und wie viel Freiraum Sie einander geben möchten. Es ist wichtig, dass Sie Ihre Gefühle mitteilen können. Es geht nicht um vorschreiben oder verbieten, sondern darum, gegenseitig zu verstehen, was die Ängste und Unsicherheiten sind. So können Sie miteinander herausfinden, was Sie brauchen, um sich sicher zu fühlen. Und wenn Sie miteinander zum Schluss kommen, dass Swingerclub-Besuche möglich sein sollen, dann finden Sie heraus, was beide vorher und nachher brauchen, damit es stimmig ist.
Ist die Vorstellung, dass eine einzige Person alle emotionalen und sexuellen Bedürfnisse erfüllen soll, realistisch oder eher ein gesellschaftliches Ideal?
Tamara Altermatt: Das darf sich natürlich jede*r selbst beantworten. Das Ideal, dass eine einzige Person alle emotionalen und sexuellen Bedürfnisse erfüllt, ist historisch gesehen relativ jung – und psychologisch betrachtet ziemlich anspruchsvoll. Früher übernahm ein ganzes soziales Netz das, was wir heute von einer einzigen Beziehung erwarten. Die Bindungsforschung zeigt: Menschen brauchen grundsätzlich mehrere Bezugspersonen. Und die Sexologie ergänzt, dass Vertrautheit und Begehren in natürlicher Spannung stehen – tiefe Sicherheit dämpft Erotik oft, das ist Physiologie, kein Versagen. Das bedeutet nicht, dass die Paarbeziehung scheitern muss. Aber sie gedeiht besser, wenn wir aufhören, sie zu überladen, und bewusst auch Freundschaften, Gemeinschaft und andere Räume nähren.
Welche psychologischen Voraussetzungen oder Persönlichkeitsmerkmale helfen Menschen dabei, polyamore Beziehungen langfristig stabil und erfüllend zu gestalten, und woran merkt man, dass dieses Beziehungsmodell eher nicht zu einem passt?
Ursina Donatsch: Ein gutes Selbstwertgefühl ist hilfreich und die Fähigkeit, die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen zu spüren, sie wahrzunehmen und dem Gegenüber zu kommunizieren. Sie merken, dass ein offenes Modell nicht zu Ihnen passt, wenn Sie keinen Gewinn für sich darin sehen, keinen Reiz, keine Neugier und vor allem kein Bedürfnis/Wunsch haben, ausserhalb der Beziehung andere Kontakte zu pflegen.
Wie kann man lernen, Eifersucht nicht nur zu kontrollieren, sondern wirklich zu verstehen und vielleicht sogar als Hinweis auf eigene Bedürfnisse zu nutzen?
Tamara Altermatt: Spannend an der Eifersucht ist ja, sich zu fragen: «Was möchte sie mir sagen?», statt «Wie werde ich sie los?». Eifersucht ist kein Feind – sie ist ein Alarmsignal des Bindungssystems und eines der informationsreichsten Gefühle, die wir kennen. Wer bereit ist, hinzuschauen, findet darin einen ehrlichen Spiegel der eigenen Bedürfnisse. Was Eifersucht wirklich fragt: Hinter ihr stecken meist konkrete Bedürfnisse – nach Zugehörigkeit, Sicherheit, Wertschätzung oder Nähe. Die entscheidende Verschiebung ist: weg von «Was macht mein Partner falsch?» – hin zu «Was zeigt mir dieses Gefühl über mich?» Was ich aus der Praxis weiss, was hilft: Innehalten statt sofort reagieren. Das Gefühl unter der Eifersucht decodieren – ist es Angst, Scham, Trauer? Dann dieses Bedürfnis direkt ansprechen, statt die Eifersucht selbst zum Thema zu machen. Und wer die eigene Bindungsgeschichte kennt, versteht oft, warum bestimmte Situationen so stark triggern – Eifersucht ist häufig ein Echo früherer Erfahrungen. Was ich auch spannend finde: der Gegenpol. In der Polyamorie spricht man von Compersion – der Fähigkeit, sich über die Freude des Partners zu freuen. Das ist kein Ziel für alle, aber als Richtung wertvoll: weg vom Besitzdenken, hin zu echter Verbundenheit. Paare, die lernen, Eifersucht offen und neugierig zu besprechen, erleben danach oft tiefere Intimität – weil echte Verletzlichkeit echte Verbindung schafft.
Kann man mehrere Menschen gleichzeitig gleich stark lieben?
Daniel Arnold: Das ist eine Frage, die sehr viele Menschen beschäftigt, und die Antwort darauf ist so individuell wie die Liebe selbst. Grundsätzlich ist es absolut möglich, tiefe Emotionen für mehrere Menschen gleichzeitig zu empfinden, und das auch in einem sehr ausgeglichenen Umfang. Das menschliche Herz hat keine fest begrenzte Kapazität für Liebe – so wie wir mehrere Kinder, Geschwister oder Freunde gleichzeitig und gleich stark lieben können, ist dies auch im romantischen Bereich möglich. Ein polyamores Beziehungsmodell, in dem solche multiplen Bindungen bewusst gelebt werden, kann für viele sehr bereichernd sein. Es bringt jedoch oft auch spezifische Herausforderungen mit sich. Damit solche Beziehungsmodelle gelingen, ist es entscheidend, dass alle Beteiligten sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse sehr gut kennen. Es erfordert eine besonders ehrliche und funktionierende Kommunikation sowie klare Absprachen, damit sich niemand übergangen fühlt. Letztlich muss ein solches Modell für alle Beteiligten stimmig sein. Es kann jedoch auch sein, dass man in diesem Prozess merkt, dass die Polyamorie für einen selbst kein passendes Beziehungsmodell ist. Das ist absolut legitim. Es geht am Ende nicht darum, einem Ideal oder einem Trend zu folgen, sondern herauszufinden, ob man Exklusivität braucht, um sich sicher zu fühlen, oder ob die Öffnung eine Bereicherung darstellt. Entscheidend ist, dass die gewählte Form zum eigenen Wohlbefinden und zu den persönlichen Grenzen passt.
Sind offene Beziehungen erst im späteren Alter sinnvoll? Ich bin 22 und mir wurde von einer älteren Person gesagt, dass ich keine offene Beziehung eingehen soll, da es etwas für ältere Menschen ist.
Ursina Donatsch: Auf keinen Fall. Das hat überhaupt nichts mit dem Alter zu tun. Ich habe viele sehr junge Klient*innen in der Praxis. Es kommt darauf an, was für ein Modell Sie leben oder allenfalls auch einfach mal ausprobieren möchten. Falls ausprobieren, dann bitte achtsam und schrittweise. 😁 Das ist die Haupterkenntnis aus meiner Erfahrung als Therapeutin und was ich auch eingehend in meinem Buch beschreibe.
Ich und mein Freund sind schon lange (seit 7 Jahren) zusammen und unser Sexleben ist ziemlich monoton geworden. Wie kann ich ihn am besten darauf ansprechen, ohne zu fordernd zu wirken?
Tamara Altermatt: Vorweg: Ich denke, Lust auf Veränderung muss nicht als Vorwurf verstanden werden, sondern absolut auch als Liebeserklärung an die Beziehung. :) Zuerst: Das ist normal. Sexuelle Lebendigkeit in Langzeitbeziehungen braucht aktive Pflege – sie ergibt sich nicht von selbst. Das zeigt die Forschung eindeutig. Es ist kein Versagen, sondern ein Entwicklungsthema. Wie du es ansprechen kannst: nicht im Bett und nicht im Streit, sondern in einem ruhigen, verbundenen Moment. Und dann nicht als Kritik, sondern als Einladung und Neugier: «Ich merke, dass ich Lust hätte, gemeinsam Neues auszuprobieren – wie geht es dir damit?» Das signalisiert: Ich spreche über uns, nicht über dein Versagen. Ein konkretes Hilfsmittel: die Yes/No/Maybe-Liste – beide füllen unabhängig voneinander aus, was sie interessiert, neugierig macht oder ausschliesst – und vergleichen danach. Das macht das Gespräch leichter, reduziert Scham und öffnet Türen, die sonst vielleicht verschlossen bleiben. Der wichtigste Gedanke: Dass du das Gespräch suchst, ist kein Zeichen, dass etwas kaputt ist – es ist ein Zeichen, dass dir die Beziehung wichtig genug ist, um sie lebendig zu halten und dich selber authentisch zu zeigen.
Wie viele polyamore Menschen gibt es in der Schweiz? Wechseln solche Menschen irgendwann wieder zurück in monogame Beziehungen?
Ursina Donatsch: Aus neusten Umfragen und Studien sind das ca. 2–3 % der Bevölkerung. Ja, das kann durchaus sein, dass Menschen wieder monogame Beziehungen leben, nachdem sie polyamor gelebt haben. Ich erlebe es aber eher so, dass ein Beziehungsmodell nicht statisch ist, sondern viel mehr je nach Phase, Alter, Partnerperson und persönlichen Umständen ein Modell besser passt als das andere.
Inwiefern verändert sich Sexualität im Laufe einer langen Beziehung, und wie können Paare damit umgehen, wenn Leidenschaft und Verlangen mit der Zeit abnehmen oder sich unterschiedlich entwickeln?
Daniel Arnold: Sexualität ist kein statischer Zustand, sondern ein sich stetig verändernder und wandelbarer Prozess. In langen Partnerschaften ist es völlig normal, dass man sich irgendwann in sehr eingespielten Mustern wiederfindet. Man kennt sich und das Gegenüber so gut, dass viele Abläufe fast automatisch geschehen – dabei kann jedoch der Reiz oder eben das Verlangen verloren gehen. Wenn Sex zur Gewohnheit wird, schwindet oft die Neugierde, die am Anfang so elektrisierend war. Um damit umzugehen, hilft ein schönes Bild: Man kann sich die gemeinsame Sexualität wie einen Spielplatz vorstellen. Wenn man dort immer nur die gleiche Schaukel benutzt, verliert man irgendwann die Lust, den Spielplatz überhaupt noch zu betreten. Es braucht Mut und Offenheit, diesen Ort mit neuen Augen zu betrachten und gemeinsam andere Abläufe auszuprobieren. Das kann bedeuten, mal das Setting zu verändern oder ganz neue Facetten an sich und dem anderen zu entdecken, statt nur das bekannte Programm abzuspulen. Ein wesentlicher Schlüssel ist die Kommunikation. Offen über Bedürfnisse und Wünsche zu sprechen, verhindert, dass es zu einem emotionalen Stillstand kommt. Das erfordert natürlich ein tiefes Sicherheitsgefühl in der Beziehung und die Bereitschaft zur Selbstreflexion. Es lohnt sich, auch mal bei sich selbst nachzufragen: Wie steht es eigentlich um meine eigene Lust, ganz unabhängig vom Partner oder der Partnerin? Wenn man die Sexualität als ein Feld begreift, das man jederzeit neu erweitern und entdecken darf, bleibt die Verbindung lebendig. Es geht nicht darum, etwas «abzuliefern», sondern gemeinsam neugierig zu bleiben.
Ich bin Mitte zwanzig und hatte noch nie eine wirkliche Beziehung zu jemandem. Ich verspüre eine grosse Unsicherheit und ein leicht beklemmendes Gefühl, wenn es um das Thema Beziehung geht. Auf der anderen Seite ginge ich gerne mal eine Beziehung ein. Ich lasse mich jeweils sehr verunsichern und habe ein grösseres Misstrauen Personen gegenüber (allenfalls eine Folge von Mobbing in der Schulzeit). Häufig scheitert es an der Zeit, dass das Gegenüber die Geduld nicht aufbringt und ich mich doch nicht überwinden kann. Das Dating ist demzufolge für mich relativ schwierig. Gibt es hier irgendwelche Tipps und Tricks, wie man offen auf andere Personen zugeht und schlussendlich auch jemanden an sich heranlässt? Wie kann man sich selbst überlisten oder gelassener an die Sache herangehen?
Tamara Altermatt: Dein Erleben ist gut nachvollziehbar: Du hast einerseits ein echtes Beziehungsbedürfnis – und gleichzeitig schützt dich ein Teil in dir vor möglicher Verletzung. Gerade nach Mobbing kann sich ein inneres «Alarmsystem» entwickeln: Nähe wird dann unbewusst mit Risiko verknüpft. Das ist kein Defizit, sondern eine sinnvolle, erlernte Schutzstrategie. Ein paar Ansatzpunkte:
- Tempo selbst definieren – aber transparent machen: Viele Unsicherheiten entstehen, wenn dein Gegenüber dein Zögern als Desinteresse interpretiert. Es kann entlastend sein, früh zu sagen: «Ich brauche etwas mehr Zeit, um Vertrauen aufzubauen.» Das schafft Verständnis statt Druck.
- Kleine statt grosse Schritte: Du musst dich nicht «überwinden», sondern kannst dich dosiert annähern: ein Treffen, ein ehrlicher Satz mehr, ein kleines persönliches Detail teilen. Vertrauen entsteht schrittweise, nicht auf Knopfdruck.
- Misstrauen verstehen statt bekämpfen: Dein Misstrauen ist vermutlich eine alte Schutzreaktion. Hilfreich ist die Frage: Ist die aktuelle Person wirklich unsicher – oder reagiert mein System auf frühere Erfahrungen? Diese Unterscheidung stärkt deine Selbststeuerung.
- Körper ernst nehmen: Das beklemmende Gefühl ist ein wichtiger Marker. Statt es wegzudrücken, kannst du lernen, es zu regulieren (z.B. über Atmung, kurze Pausen, inneres Benennen: «Ich bin gerade unsicher, aber nicht in Gefahr»). Das hilft, handlungsfähig zu bleiben.
- Beziehung als Lernraum sehen, nicht als Prüfung: Du musst nicht «bereit genug» sein, um eine Beziehung zu führen. Beziehung ist der Ort, an dem Vertrauen wächst – auch mit Unsicherheiten.
- Geduld gezielt wählen: Achte beim Dating bewusst auf Menschen, die emotional verfügbar sind und dein Tempo respektieren. Das ist kein Bonus, sondern eine Voraussetzung. Wenn du merkst, dass die Angst dich stark blockiert, kann es sehr unterstützend sein, das Thema therapeutisch aufzuarbeiten – gerade die Verbindung zwischen früheren Erfahrungen und heutiger Nähe.
Der wichtigste Punkt: Du musst dich nicht überlisten. Es geht eher darum, Sicherheit in dir aufzubauen, während du dich vorsichtig öffnest.
Wie organisiert man Zeit fair zwischen mehreren Partnern, ohne dass jemand sich dauerhaft zu kurz gekommen fühlt? Gibt es Modelle, die sich in der Praxis bewährt haben?
Tamara Altermatt: Kein Modell ist per se überlegen – entscheidend sind Passung und Kommunikation. Eine hilfreiche Leitfrage für alle Beteiligten: «Was brauche ich, um mich gesehen und sicher zu fühlen – und was ist realistisch gebbar?» Zeit fair zu verteilen, ist weniger eine Frage von «Gleichheit» als von erlebter Stimmigkeit. In nichtmonogamen Settings zeigt sich: Menschen fühlen sich dann nicht zu kurz gekommen, wenn Bedürfnisse gesehen, planbar berücksichtigt und emotional eingeordnet werden. Bewährte Prinzipien:
- Transparenz statt impliziter Erwartungen: Offen besprechen: Wie viel Zeit braucht jede Person ungefähr, was bedeutet «genug»? Unterschiedliche Bindungsbedürfnisse sind normal.
- Planbarkeit und Flexibilität kombinieren: Viele nutzen einen Grundrhythmus (z.B. fixe Abende oder Wochenenden pro Person) und ergänzen ihn durch flexible Zeiten. Das gibt Sicherheit und lässt Raum für Spontanität.
- Qualität vor Quantität: Feste «Quality Time» ohne Ablenkung wirkt oft stärker als viele halbe Treffen. Rituale (z.B. wöchentlicher Check-in) stabilisieren zusätzlich.
- Regelmässige Beziehungs-Check-ins: Kurz klären: Fühlt sich jemand vernachlässigt? Hat sich etwas verändert? Früh nachjustieren verhindert aufgestauten Frust.
- Umgang mit Vergleich und Eifersucht: Nicht alles muss symmetrisch sein. Entscheidend ist, ob jede Beziehung für sich stimmig ist. Gefühle wie Eifersucht werden ernst genommen, aber nicht automatisch durch mehr Zeit «repariert».
- Realistische Kapazität: Zeit, Energie und Care-Arbeit sind begrenzt. Lieber weniger Beziehungen, die gut versorgt sind, als viele, in denen dauerhaft Mangel entsteht.
Typische Modelle aus der Praxis: Hierarchisch (Primär-/Sekundärbeziehung mit klaren Prioritäten), nicht-hierarchisch/egalitär (keine formalen Rangordnungen, oft mehr Aushandlung nötig), Anker- oder Nesting-Partnerschaft (gemeinsamer Alltag, andere Beziehungen drumherum), Solo-Poly (keine zentrale Paarstruktur, Zeit wird individueller verteilt).
Ist Monogamie eher gesellschaftlich geprägt oder biologisch «natürlich» und woran merkt man, welches Beziehungsmodell wirklich zu einem passt?
Ursina Donatsch: Wir sind mit der Monogamie sozialisiert worden. Ich glaube nicht, dass ein Modell (Mono oder nicht-Mono) natürlicher ist als das andere. Beide Modelle haben ganz klar ihre Vor- und auch ihre Nachteile. Wichtig ist die Frage, wie Sie sie stellen: Was passt zu mir? Und was passt jetzt zu mir und was passt zu meiner Beziehung, sprich zu uns? Das bedeutet: Was wünsche ich mir (emotional, sexuell, Verbindlichkeit, Sicherheit, Freiheit…), was sind meine Bedürfnisse und was sind meine Grenzen?
Wie wichtig ist Sex für eine langfristige Beziehung und kann eine Beziehung ohne Sex funktionieren?
Daniel Arnold: Wie wichtig Sexualität ist, lässt sich nicht pauschal beantworten, da dies sowohl für jedes einzelne Paar als auch für die beteiligten Individuen sehr unterschiedlich sein kann. Für die einen ist Sex ein elementarer und zentraler Bestandteil ihrer Verbindung, während er für andere eher nebensächlich oder sogar völlig unwichtig ist. Beide Perspektiven haben ihre absolute Berechtigung. Eine Beziehung ohne Sex kann dann hervorragend funktionieren, wenn diese Form der Intimität für beide Partner stimmig ist. Das Wichtigste ist hierbei die offene Kommunikation. Es lohnt sich, in der Partnerschaft über Wünsche, Erwartungen und Freuden zu sprechen, aber eben auch über Ängste, Grenzen und Bedenken. Nur durch diesen Austausch lässt sich herausfinden, wo man sich trifft und wie man mit unterschiedlichen Bedürfnissen umgeht. Es gibt hier kein «Richtig» oder «Falsch»: Keinen Sex haben zu wollen, ist genauso legitim wie der Wunsch, ihn täglich zu erleben. Entscheidend für eine langfristige Partnerschaft ist nicht die Häufigkeit der sexuellen Begegnungen, sondern dass die Form der gelebten Intimität für beide Menschen in der Beziehung passt und sich niemand übergangen oder unter Druck gesetzt fühlt. Was für beide stimmt, ist letztlich stimmig für die Beziehung.
Gibt es grundlegende Regeln oder Tipps, wie Polyamorie «am besten» funktioniert? Vor allem dann, wenn die Beteiligten in unterschiedlichen Situationen sind, wie z. B. ein Ehepaar mit Kindern und ein Teil des Ehepaars für eine weitere emotionale Beziehung zu einer Single-Person?
Ursina Donatsch: Für alle Konstellationen gibt es spezifische Herausforderungen, die zu beachten sind, z. B. Transparenz, wenn Kinder im Spiel sind, Verantwortungsflut bei zwei Partnern usw. Bei allen Konstellationen gilt: Reden Sie regelmässig und festgelegt darüber, wie es allen Beteiligten geht, was sie brauchen, wünschen und was gerade schwierig ist. Mehr Tipps finden Sie in meinem Buch «Verbunden und trotzdem frei».
Ich hätte gerne eine polyamore Beziehung, aber ich denke, meine Familie würde das nie akzeptieren, und deshalb tue ich es nicht... Was denken Sie, müsste sich ändern, damit das endlich akzeptiert wird? Und noch was anderes für die Zukunft: Wie würde eine polyamore Beziehung mit Kindern funktionieren? Verstehen das Kinder, dass es mehrere Mamis und Papis gibt?
Tamara Altermatt: Die Hauptfrage hierbei ist: Kann ich ein Umfeld schaffen, das für alle Beteiligten – besonders für Kinder – emotional sicher, verbunden und nachvollziehbar ist? Ich denke, die gesellschaftliche Akzeptanz entsteht langsam und nicht primär durch «Überzeugen», sondern durch Sichtbarkeit, Aufklärung und gelingende Beispiele. Wichtig ist aber: Du musst nicht warten, bis alle einverstanden sind. Entscheidend ist, ob du für dich stimmig und verantwortungsvoll leben kannst – und wie viel Gegenwind du tragen willst. Zur Familie: Oft verändert sich Akzeptanz, wenn Angehörige sehen, dass eine Beziehungsform stabil, respektvoll und nicht destruktiv ist. Klare Kommunikation («Das ist kein Chaos, sondern bewusst gestaltet») hilft mehr als Rechtfertigung. Polyamorie mit Kindern: Kinder brauchen vor allem Verlässlichkeit, Klarheit und sichere Bindungen, also nicht ein bestimmtes Beziehungsmodell. Studien und Praxis zeigen: Mehrere Bezugspersonen können ressourcenreich sein. Wichtig sind klare Rollen, transparente Kommunikation und wenig Geheimhaltung. Kinder verstehen Vielfalt meist gut, wenn sie altersgerecht erklärt wird («Menschen können mehrere lieben»). Herausfordernd wird es eher durch äusseren Druck (Schule, Familie) oder instabile Konstellationen – nicht durch die Polyamorie bzw. das Beziehungsmodell an sich.
Wieso ist das Thema Sex und Sexualität so mit Scham verbunden?
Daniel Arnold: Das ist eine sehr gute und mutige Frage, die unglaublich viele Menschen beschäftigt. Dass Sexualität so oft mit Scham belegt ist, hat viel mit der eigenen Geschichte zu tun. Es spielt eine Rolle, wie wir aufgeklärt wurden, welche Erfahrungen wir gesammelt haben und wie wir zu uns selbst und unserem eigenen Körper stehen. Oft tragen wir tief sitzende Glaubenssätze und Überzeugungen in uns, die uns sagen, was «sich gehört» und was nicht. Letztlich ist Sexualität für die meisten Menschen eines der intimsten Themen überhaupt, weshalb eine gewisse Vorsicht im Umgang damit völlig verständlich ist. Ob wir offen über Sex sprechen oder das Thema lieber verstecken möchten, hängt stark von unserem Gefühl der Sicherheit ab. Wenn wir uns unsicher fühlen, reagiert unser System oft mit Scham. Dabei darf man nicht vergessen: Scham hat auch einen sehr schützenden Charakter. Sie fungiert wie eine Art Wächterin über unsere Integrität. Sie lässt uns unsere Grenzen spüren und verteidigt unsere Intimität. Wenn wir Scham empfinden, ist das oft ein Signal unseres Körpers, dass wir vielleicht noch nicht bereit sind, eine bestimmte Erfahrung zu machen oder über ein sehr privates Detail zu sprechen. In einem sicheren Rahmen und mit wachsendem Selbstvertrauen kann diese Scham jedoch weichen und Platz für eine selbstbestimmte Offenheit machen. Es geht darum, diesen schützenden Anteil zu respektieren, statt ihn abzuwerten.
Was ist der Schlüssel zu einer gesunden Beziehung?
Tamara Altermatt: Ich denke: sich selbst zu kennen und eigene Bedürfnisse zeigen zu können... und dann in diesen gesehen zu werden.
Was das konkret trägt:
Offene, ehrliche Kommunikation (auch über Unangenehmes), Konfliktfähigkeit statt Konfliktvermeidung, Verlässlichkeit und Vertrauen, gegenseitige Verantwortungsübernahme (statt Schuldzuweisungen), Lebendigkeit: Nähe, Sexualität, gemeinsame Entwicklung
Gesunde Beziehungen sind nicht konfliktfrei, sie sind reparaturfähig.
Sind die jungen Generationen zunehmend beziehungsunfähig? Nach meiner Erfahrung wollen sich nur die wenigsten binden, man liest immer wieder von einer «Male Loneliness Epidemic»…
Tamara Altermatt: Ich denke, es geht weniger um die Frage «Können sie sich binden?», sondern:
Haben sie gelernt, Nähe auszuhalten, Konflikte zu regulieren und sich verbindlich einzulassen?
Der Befund «beziehungsunfähig» greift zu kurz. Was wir sehen, ist eher ein Wertewandel: weniger Pflicht, mehr Anspruch an Passung, Sinn und Selbstentwicklung. Das macht Bindungen nicht unmöglich, aber anspruchsvoller.
Gleichzeitig gibt es reale Herausforderungen:
Mehr Optionen (Apps) → mehr Vergleich, weniger Verbindlichkeit, höhere Sensibilität für Red Flags → schnellere Abbrüche, bei vielen Männern tatsächlich Einsamkeit und weniger soziale Einbindung.
Das ist keine Unfähigkeit, sondern oft eine Mischung aus Unsicherheit, fehlenden Beziehungskompetenzen und strukturellen Veränderungen.
Ich (38, w) bin seit 15 Jahren verheiratet. Nebenbei führe ich immer wieder Beziehungen mit anderen Männern, die mir das geben, was mir in der Ehe fehlt. Mein Mann wäre nicht damit einverstanden. Aber an der Ehe etwas verändern, das bekommen wir nicht hin. Uns trennt auch nichts, denn wir lieben uns ja eigentlich. Ist das eine Art von Polyamorie?
Ursina Donatsch: Nein, das ist keine Polyamorie. Nichtmonogame Beziehungsmodelle beruhen auf Konsens, also auf dem aller Beteiligten.
Ich denke, die Betitelung von dem Modell, das Sie gewählt haben, ist nicht so ausschlaggebend. Sondern vielmehr, ob es so für Sie stimmt und ob Sie das so beibehalten möchten. Aus meiner Erfahrung als Paartherapeutin gibt es in solchen scheinbar ausweglosen Patt-Situationen mit etwas Hilfe immer Wege, die Prozesse anstossen, in denen sich plötzlich neue Dynamiken ergeben.
Wie kann man erkennen, ob Konflikte in einer Beziehung normale Entwicklungsprozesse sind oder ein Zeichen dafür, dass grundlegende Bedürfnisse dauerhaft nicht erfüllt werden?
Daniel Arnold: Das lässt sich oft am Charakter des Konflikts erkennen. Wenn sich Streitigkeiten ständig in den gleichen Mustern wiederholen, liegt meist ein tieferes, unerfülltes Bedürfnis darunter. In solchen Momenten geht es dann eigentlich gar nicht mehr um den Abfall, der nicht rausgebracht wurde, oder um andere Kleinigkeiten im Alltag – das sind nur die Auslöser.
Ein hilfreicher Schlüssel zum Verständnis ist die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Emotionen. Oft zeigen wir nach aussen hin eine sekundäre Emotion wie Wut oder Trotz. Darunter liegt aber fast immer eine verletzlichere, primäre Emotion. Man ist vielleicht vordergründig wütend, weil man sich in Wahrheit nicht ernst genommen fühlt oder Angst hat, dem Gegenüber nicht mehr wichtig zu sein. Auch Gefühle von Einsamkeit oder Unzulänglichkeit verstecken sich oft hinter einem lauten Vorwurf.
Entwicklungsprozesse in einer Beziehung zeichnen sich dadurch aus, dass man genau diese tieferen Schichten gemeinsam anschaut. Wenn man es schafft, diese Bedürfnisse richtig anzugehen, können Konflikte die Bindung sogar stärken.
Ein hervorragender «Eisbrecher», um aus einem destruktiven Streitzyklus auszubrechen, ist es, sich mitten im Konflikt zu trauen, genau diese Frage zu stellen: «Fühlst du dich gerade eigentlich unverstanden, und fehlt es dir an einem ganz grundlegenden Bedürfnis?» Das verändert die Dynamik sofort. Man hört auf, gegeneinander zu kämpfen, und beginnt stattdessen ein Gespräch über das eigentliche emotionale Befinden. So wird aus einem starren Muster ein Prozess, in dem beide wieder lernen, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen.
Dürfen polyamore Paare in der Schweiz heiraten und Kinder adoptieren?
Tamara Altermatt: Kurz gesagt: Nein.
Heirat: In der Schweiz ist die Ehe rechtlich nur zwischen zwei Personen möglich. Polyamore Konstellationen (mehr als zwei) können nicht heiraten. Mehrfach-Ehen sind verboten.
Adoption: Gemeinsame Adoption ist nur für verheiratete Paare zu zweit erlaubt. Einzelpersonen dürfen ebenfalls adoptieren. Mehr als zwei rechtliche Eltern sind nicht vorgesehen.
Polyamore Beziehungen können gelebt werden, aber das Rechtssystem bleibt aktuell auf Zweierbeziehungen ausgerichtet – sowohl bei der Ehe als auch bei der Elternschaft.
Ich (Mann) habe beim Sex das Problem, dass ich zu schnell komme (< 1 min). Dies beeinträchtigt unser Sexualleben enorm und führt auch dazu, dass unser Sexleben nicht gut ist (Mühe, auch einfach loszulassen beim Sex, da Angst, zu schnell zu kommen). Gibt es da ein Go-to? Evidenzbasierte Übungen – oder was sind ihre Ratschläge?
Ursina Donatsch: Ja, es gibt spezifische Übungen, um zu lernen, die Erregungssteigerung zu steuern. Das kann man lernen. Ich empfehle Ihnen eine Sexualtherapie nach dem Sexocorporel-Ansatz. Vergewissern Sie sich, dass die Fachperson ausgebildet ist für die «Behandlung von Ejaculatio Präcox».
Ich habe das Gefühl, dass Männer früher viel romantischer gegenüber Frauen waren als heute. Wieso ist das so? Ich habe das Gefühl, dass diese ganze Alpha-Male-Bewegung den jungen Männern so ein falsches Bild vermittelt und sie denken, dass sich Frauen unterwerfen müssen?!
Tamara Altermatt: Das Gefühl haben viele, aber es ist weniger ein «Verlust von Romantik» als ein Wandel von Rollenbildern.
Früher war Romantik oft Teil eines klaren Skripts: Männer werben, Frauen wählen. Heute sind Beziehungen gleichberechtigter und unsicherer, feste Rollen fallen weg – und damit auch manche klassischen romantischen Gesten.
Gleichzeitig wirken neue Einflüsse: Dating-Apps fördern Unverbindlichkeit und Austauschbarkeit Teile der «Alpha-Male»-Szene vermitteln tatsächlich ein vereinfachtes, macht-orientiertes Bild von Männlichkeit. Viele Männer sind verunsichert: Was ist heute überhaupt noch erwünscht?
Wichtig: Das ist kein einheitlicher Trend. Viele Männer wünschen sich Nähe, sind aber vorsichtiger oder weniger skriptgeleitet.
Romantik verschwindet nicht – sie verändert ihre Form. Heute entsteht sie oft weniger aus Rollen, mehr aus bewusster Entscheidung, Präsenz und echter Verbindung.
Konkrete Tipps:
- Sprich offen aus, was du dir wünschst, viele Männer sind dankbar für Klarheit
- Achte weniger auf grosse Gesten und mehr auf Verlässlichkeit und echtes Interesse
- Bestärke Verhalten, das dir gefällt, statt nur zu kritisieren. Wähle bewusst Männer, die emotional verfügbar sind, nicht nur solche, die souverän wirken
- Schaffe selbst Momente von Nähe und Initiative, Romantik ist keine Einbahnstrasse ;)
Wieso liegt auf Frauen immer so ein Druck, den Männern sexuell gerecht zu werden?
Daniel Arnold: Dieses Gefühl, sexuell «funktionieren» zu müssen, ist eine Last, die tatsächlich sehr viele Frauen empfinden. Ein grosser Teil davon ist gesellschaftlich bedingt: Es hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass regelmässiger Sex zwingend zu einer funktionierenden Beziehung gehört. Wer dann weniger Lust verspürt, gerät oft fast automatisch unter Druck, eine Art Bringschuld zu erfüllen.
Hinter diesem Druck steht oft ein Missverständnis der gegenseitigen Bedürfnisse. Für viele Menschen – das gilt für Männer wie für Frauen – ist Sexualität ein zentraler Weg, um emotionale Nähe und Sicherheit zu spüren. Wenn dieser Kanal nicht fliesst, entsteht beim Gegenüber Unsicherheit. Die entscheidende Frage sollte daher nicht sein: «Wie kann ich ihm gerecht werden?», sondern vielmehr: «Was brauchen wir beide, um uns in dieser Beziehung sicher und geliebt zu fühlen?»
Wichtig ist, dass man sich weder in der Sexualität noch in anderen Bereichen der Partnerschaft für das Gegenüber aufgibt. Sex «ihm zuliebe» zu haben, führt oft in ein aufopferndes Muster, das die eigene Lust auf Dauer eher erstickt als fördert. Man darf sich von der Verantwortung befreien, die Lust des anderen allein managen zu müssen.
Ein heilsamer Weg kann sein, die Sexualität gemeinsam ganz neu zu erfinden. Statt nach alten Drehbüchern zu funktionieren, kann man erforschen, was für beide wirklich lustvoll ist und wo die eigenen Grenzen liegen. Wenn man den Fokus weg vom «Müssen» hin zur gemeinsamen Entdeckung verschiebt, kann der Druck weichen und Raum für echte, freiwillige Begegnung entstehen.
Was denken Sie, hat Pornografie für einen Einfluss auf unser Beziehungsdenken?
Daniel Arnold: Pornografie kann einen Einfluss darauf haben, wie wir über Sex und Beziehungen denken, da Sexualität eben oft ein Teil unserer Partnerschaften ist. Ein wichtiger Aspekt ist dabei, dass dort häufig Bilder vermittelt werden, die unrealistisch sein können. Das betrifft nicht nur die körperliche Darstellung, sondern oft auch ein Machtgefälle, das mit der gelebten Realität in einer wertschätzenden Beziehung wenig zu tun hat.
Pornografie muss jedoch nicht für alle etwas Negatives sein. Wenn ein Paar sie gemeinsam als stimmig betrachtet, kann sie als lustvolle Vorlage oder Inspiration dienen. Schwierig wird es oft dann, wenn man sie alleine konsumiert und dabei – vielleicht auch unbewusst – beginnt, die gezeigten Szenen als Massstab für die Realität zu nehmen. Das kann zu Erwartungen an sich selbst oder an das Gegenüber führen, die Druck erzeugen.
Ein bewusster Umgang damit beginnt bei der Selbstreflexion. Man darf sich fragen, was das Gesehene in einem auslöst und ob man das Gefühl hat, dass Sex so aussehen «muss». Die grösste Hilfe ist hier das offene Gespräch. Wenn Paare darüber sprechen, was sie konsumieren und wie sie dazu stehen, hilft das dabei, die Fiktion auf dem Bildschirm von der echten, menschlichen Intimität zu trennen. Es geht darum, gemeinsam herauszufinden, was sich für die eigene Beziehung richtig anfühlt.
Gibt es Polyamorie eher bei homosexuellen oder heterosexuellen Paaren?
Ursina Donatsch: Queere Menschen leben häufiger in nichtmonogamen Beziehungen als heterosexuelle Cis-Menschen. Ganz einfach aus dem Grund, dass sie sich gezwungenermassen und früh aktiv damit auseinandersetzen müssen, wie und wen sie begehren. Und demnach bereits gewohnt sind, sich out-the-box zu bewegen, ihren eigenen Weg zu finden und auch mit Vorurteilen umzugehen.
Wie wichtig ist Religion in einer Beziehung? Kann eine Beziehung eines streng religiösen Mannes mit einer atheistischen Frau funktionieren?
Daniel Arnold: Das ist eine sehr spannende Frage. Religion bildet oft das Fundament für die Sicht auf die Welt: Sie prägt Vorstellungen davon, was richtig oder falsch, was wertvoll oder unwichtig ist. Damit verbunden sind häufig spezifische Erwartungen und Wünsche an die Lebensgestaltung und die Partnerschaft. Insofern kann der Glaube – oder dessen Abwesenheit – einen grossen Einfluss auf die Beziehungsdynamik haben.
Ob eine Beziehung zwischen einem streng religiösen Mann und einer atheistischen Frau funktionieren kann, lässt sich nicht pauschal mit Ja oder Nein beantworten. Es kommt sehr darauf an, wie die Beteiligten ihren Glauben oder ihre Weltanschauung im Alltag leben. Auch innerhalb religiöser Gemeinschaften gibt es sehr unterschiedliche Einstellungen gegenüber dem Leben und anderen Überzeugungen.
Wichtig ist hier das direkte Gespräch. Was genau bedeutet «streng religiös» für die betroffene Person? Welche Werte sind nicht verhandelbar, und wo gibt es Spielraum? Eine solche Partnerschaft kann gelingen, wenn man offen über diese Themen spricht und feststellt, dass man trotz unterschiedlicher Herleitungen in den wesentlichen Werten des Zusammenlebens übereinstimmt oder die Differenzen zumindest nicht als unüberwindbares Hindernis empfindet.
Wenn Sie Bedenken oder Unklarheiten spüren, ist es ratsam, diese Fragen direkt zu adressieren. Es geht darum, herauszufinden, ob ein gemeinsamer Weg möglich ist, der die Integrität beider Personen achtet, ohne dass sich jemand für den anderen verbiegen muss. Gegenseitiger Respekt für die jeweilige Überzeugung ist dabei ein wichtiges Fundament.
Vielen Dank für die spannende Diskussionsrunde! Wir sind seit 6 Jahren zusammen und haben eigentlich seit Tag 1 gesagt, dass wir polyamor leben möchten. Faktisch leben wir nun aber seit 6 Jahren monogam. Die Beziehung läuft wunderbar, was sehr schön ist, es fehlt auch nichts. Gleichzeitig sind wir dadurch aber auch etwas in der Komfortzone gefangen. Wir beide würden gerne andere Menschen kennenlernen, aber der «Aufwand» dafür ist dann irgendwie doch zu gross. Wir arbeiten beide und wohnen zusammen. Der Faktor Zeit spielt sicher eine Rolle, ist aber evtl. auch einfach eine Ausrede. Und plötzlich kommen Unsicherheiten zum Vorschein à la «Wie funktioniert das mit dem Daten schon wieder?», Angst vor dem Auf-die-Schnauze-fallen, evtl. doch die schöne Beziehung zu gefährden. Wir sprechen über alles sehr offen und de facto steht wirklich nichts im Weg. Wie können wir uns denn einen Ruck geben, es doch wirklich mal zu versuchen?
Ursina Donatsch: Ich lese, dass Sie sich gut mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Es scheint, als wäre der Schritt in die Nicht-Monogamie eine Art Hürde zu sein. Ich empfehle Ihnen entsprechend ein schrittweises Vorgehen. Polyamorie ist nicht ein Status, sondern ein Prozess. Sehen Sie es als eine Art Reise – der Weg ist das Ziel.
Tauschen Sie aus: Was wäre ein erster Schritt? Eine Dating-App, ein gemeinsamer Besuch einer sexpositiven Party/eines Anlasses, ein Flirt in der Disco – oder, oder. Auch nur schon hypothetisch eine solche Situation durchspielen.
Setzen Sie von Anfang an ein Zeitfenster eines regelmässigen Austausches fest, in dem Sie besprechen: Wie fühlt sich dieser erste Schritt an, was brauchen Sie, um sich sicher zu fühlen, was fühlt sich gut an, was löst schwierige Gefühle aus und was würde helfen?
Achtsam bleiben 😁 und viel Freude auf dem Weg!
Guten Tag. Meine erste sexuelle Erfahrung mit meinem damaligen Freund entstand durch viel verbalen Druck seinerseits, nicht aus eigenem Willen. In den darauffolgenden Beziehungen hatte ich nie Mühe mit Sexualität, auch nicht in der jetzigen Beziehung, bis vor Kurzem. Nach einer persönlichen Krise jedoch tauchen ab und an unangenehme Gefühle und Ängste auf, wenn es um Sexualität geht. Bei meiner Psychotherapeutin habe ich es bereits angesprochen. Es ging dort vor allem ums Aussprechen, Abladen, Gehört-werden, was jedoch noch nicht alles behoben hat. Ist eine spezifischere Beratung/Therapie ratsam?
Ursina Donatsch: Ja, ich empfehle Ihnen eine spezifische Sexualtherapie – am besten nach dem Sexocorporel-Ansatz.
Ich kämpfe seit Jahren mit Eifersucht und möchte lernen, meinem Partner wirklich zu vertrauen. Meine eigentliche Angst ist nicht das Alleinsein, sondern betrogen oder enttäuscht zu werden und damit meine Zeit zu verschwenden. Was kann ich tun?
Tamara Altermatt: Wenn die Eifersucht stark bleibt, lohnt sich ein Blick auf frühere Erfahrungen mit Täuschung oder Kontrollverlust. Oft liegt dort die eigentliche «Wunde». Hier können Beratung und Therapie viel bewirken.
Die Frage ist: Will ich meine Energie darauf verwenden, etwas zu verhindern – oder darauf, gut wählen und reagieren zu können?
Dein Fokus ist zentral: Es geht weniger um Verlustangst, mehr um Kontrollverlust und Enttäuschung. Eifersucht ist oft der Versuch, Unsicherheit vorwegzunehmen.
Was hilft konkret:
- Vertrauen neu definieren: Vertrauen heisst nicht: «Es passiert nichts», sondern: Ich kann damit umgehen, auch wenn etwas passiert. Das verschiebt dich von Kontrolle zu Selbstwirksamkeit.
- Gedanken prüfen statt glauben: Typische Schleife: «Ich verschwende meine Zeit.» Gegenfrage: Woran würde ich früh merken, dass etwas nicht stimmt? → Fokus auf Realitätschecks statt Worst Case.
- Klare Beziehungsabsprachen: Was ist für euch Treue? Was sind No-Gos? Konkrete Vereinbarungen reduzieren Interpretationsspielraum.
- Sicherheit aktiv einfordern: nicht durch Kontrolle, sondern durch Transparenz und Verlässlichkeit im Alltag: ehrliche Updates, eingehaltene Absprachen, emotionale Präsenz.
- Eigenen Wert entkoppeln: Ein möglicher Betrug sagt mehr über den anderen als über deinen Wert. Diese Trennung ist zentral, damit Vertrauen überhaupt möglich wird.
- Dosierte Exposition: Vertrauen wächst durch Erfahrung: bewusst kleine Situationen zulassen, in denen du nicht kontrollierst, und erleben, dass nichts passiert.
Viel Erfolg damit!
Haben Menschen mit ADHS mehr Mühe mit langfristigen Beziehungen? Welche Tipps und Tricks haben Sie?
Daniel Arnold: Menschen mit ADHS bringen oft eine ganz eigene, lebendige Energie in eine Partnerschaft, die sehr bereichernd sein kann. Gleichzeitig werden bestimmte Charakteristiken wie Impulsivität oder Konzentrationsschwierigkeiten heute vermehrt als Herausforderung für Langzeitbeziehungen thematisiert. Da ADHS ein Spektrum ist, äussern sich diese Merkmale bei jedem Menschen sehr unterschiedlich, was den Einfluss auf die Paardynamik sehr individuell macht.
In der Praxis zeigt sich oft, dass Verhaltensmuster nicht immer bewusst gesteuert werden können. Wenn Absprachen im Alltag aufgrund der Neurobiologie vergessen werden, kann das auf das Gegenüber sehr verletzend oder wie Desinteresse wirken. Hier ist es entscheidend, die Themen offen zu adressieren, ohne dass ADHS als Schutzschild oder generelle Entschuldigung für Fehltritte genutzt wird. Die Verantwortung für das eigene Handeln bleibt bestehen, aber das Verständnis für das «Warum» hilft dabei, Frust abzubauen.
Ein hilfreicher Ansatz ist es, vermehrt mit klaren Strukturen und Geduld zu arbeiten. Gemeinsame Strategien für den Alltag entlasten die Beziehung und schaffen Raum für die positiven Seiten: Viele Menschen mit ADHS sind ausserordentlich begeisterungsfähig, kreativ und bringen eine spontane Herzlichkeit in die Verbindung. Wenn man lernt, die neurobiologischen Unterschiede nicht als persönlichen Angriff, sondern als Teil der gemeinsamen Realität zu begreifen, kann die Beziehung eine enorme Tiefe und Lebendigkeit entwickeln. Es geht darum, als Team zu agieren und die gegenseitigen Eigenheiten konstruktiv in den Alltag einzubauen.
Passiert bei Frauen und Männern beim Sex hormonell das Gleiche und fühlt es sich für beide gleich an?
Ursina Donatsch: Beides «nein». Nicht nur hormonell, körperlich, sexuell, sondern auch emotional passieren unterschiedliche Prozesse. Aber diese Unterschiede sind gar nicht so fest auf das Geschlecht zurückzuführen, sondern sind bei jedem einzelnen Menschen total unterschiedlich, und individuell. Das ist das Schöne! Es gilt für jeden Menschen und mit jedem Gegenüber/Partnerperson neu zu entdecken, wie und wo und wann und was sich wie anfühlt.
Wie lernt man bisexuelle Menschen kennen, die für eine feste Beziehung zu dritt offen sind (2 Männer, eine Frau), wenn man sich bisher nur mit monogamen Beziehungen auskennt?
Tamara Altermatt: Aus der Praxis weiss ich, dass sich viele Menschen über Dating-Apps, Plattformen oder aus persönlichen Umfeldern kennenlernen. Ich würde queere und offene Communitys nutzen oder spezifische Apps wie Feels, OkCupid.
Wichtig hierbei finde ich immer, zuerst die Beziehung zu bauen, dann Struktur zu gestalten. Und dabei den Fokus auf einzelne stabile Bindungen statt Dreiersuche zu legen.
In welcher Altersgruppe wird sexuelle Aktivität am meisten hormonell unterstützt?
Daniel Arnold: Die hormonelle Unterstützung der Sexualität folgt keiner einfachen Linie, sondern wandelt sich über die Jahrzehnte massiv. Die stärkste hormonelle Flutwelle erleben wir in der Pubertät, wenn Testosteron und Östrogene den Körper fluten. In dieser Phase wird das sexuelle Interesse oft erst geweckt, was bei Jungen durch das Testosteron häufig zu einer sehr drängenden, spontanen Lust führt, während bei Mädchen die körperliche Reifung im Vordergrund steht.
Zwischen 20 und 30 Jahren erreichen die Hormonspiegel meist ihr stabiles Maximum. Bei Frauen ist die Lust in dieser Zeit oft zyklusabhängig und steigt rund um den Eisprung spürbar an, während Männer von einem hohen, konstanten Testosteronspiegel profitieren, der eine schnelle Erregung begünstigt. Mit zunehmendem Alter sinken diese Spiegel zwar, aber das bedeutet keineswegs das Ende der Sexualität. Frauen erleben in der Menopause durch das sinkende Östrogen zwar körperliche Veränderungen wie Trockenheit, gewinnen aber oft eine neue psychische Freiheit. Bei Männern sinkt das Testosteron ab 40 schleichend, was meist nur bedeutet, dass die Erregung mehr direkte Stimulation braucht.
Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass viel Hormon nicht automatisch viel Lust bedeutet. Hormone wirken eher wie ein unterstützender Rückenwind oder der Treibstoff im Tank. Ob wir tatsächlich Lust empfinden, hängt viel stärker von unserer psychischen Verfassung, dem Vertrauen in der Beziehung und dem aktuellen Stresslevel ab. Sexualität ist ein komplexes Zusammenspiel, bei dem die Biologie zwar die Basis legt, unsere emotionale Offenheit und die Qualität der Begegnung aber den Ausschlag geben.
Gibt es eine Anlaufstelle im Kanton ZH, um sich über Polyamorie auszutauschen?
Ursina Donatsch: Ich empfehle polyamorie.ch, dort gibt es alle Infos.
Ab wann empfehlen Sie eine Paartherapie? Gibt es auch ein «Zu spät» dafür?
Tamara Altermatt: Ich empfehle eine Paartherapie ab Start der Beziehung. Die meisten Paare suchen sich leider erst in einer Krise Unterstützung, dabei wäre es von Vorteil, die Muster in Beziehungsdynamiken schon früh zu erkennen, bevor sie sich verfestigen.
Dabei lohnt es sich sehr, eine dritte Partei dazuzunehmen (da reichen auch schon einzelne Sitzungen).
Auch empfehle ich dazu niederschwellige Angebote wie Workshops zu versch. Beziehungsthemen oder Formate wie «Sex over Dinner» von luft und liebe oder das Beziehungslabor von anundpfirsich.
Ist es ok, wenn man eine psychisch angeschlagene Freundin oder einen psychisch angeschlagenen Freund in sehr jungen Jahren hat, oder ist diese Art von Beziehung dann zu belastend? Wie sollte man damit umgehen?
Tamara Altermatt: Es ist grundsätzlich okay, eine Beziehung mit einem psychisch belasteten Menschen zu haben – auch in jungen Jahren. Entscheidend ist nicht die Diagnose oder Belastung, sondern die Frage: Ist die Beziehung für beide tragfähig?
Wichtig hierbei:
- Du bist Partnerin, nicht Therapeutin
- Eigene Grenzen ernst nehmen
Fragen, die wichtig sind:
- Fühle ich mich oft überfordert oder verantwortlich?
- Muss ich meine eigenen Bedürfnisse stark zurückstellen?
- Bleibt genug Raum für Leichtigkeit und Entwicklung?
Wenn ja, wird es schnell unausgeglichen. Dann empfehle ich, die Stabilität auf mehrere Schultern zu verteilen. Eine gesunde Konstellation braucht meist mehr als eine Beziehung als Halt: Freundeskreis, Familie, ggf. professionelle Hilfe.
Und natürlich Offenheit über die Belastung. Wichtig ist, dass ihr darüber sprechen könnt: Was ist für dich machbar, was nicht? Ohne Schuldgefühl auf beiden Seiten.
Auch der Zeitpunkt der Beziehung zählt. In sehr jungen Jahren fehlt oft noch Erfahrung im Umgang mit emotionaler Belastung. Dann ist die Gefahr höher, dass sich Abhängigkeiten oder Überforderung entwickeln.
Wie finde ich heraus, welche Sexualität ich habe?
Tamara Altermatt: Sexualität ist weniger ein fester «Typ», den man entdeckt, sondern eher ein Spektrum aus Anziehung, Verhalten, Fantasie und emotionaler Bindung, das sich auch über die Zeit verändern kann.
Hilfreiche Fragen zur Orientierung:
- Zu wem fühle ich Anziehung? körperlich (Begehren), romantisch (Verliebtheit, Nähe), emotional (Bindung). Diese Ebenen können zusammenfallen oder unterschiedlich sein.
- In welchen Fantasien tauchen welche Personen auf? Fantasien sind oft ein ehrlicherer Hinweis als Verhalten im Alltag.
- Mit wem fühle ich mich lebendig, neugierig, sexuell aktiviert? Weniger «Label», mehr Körperreaktion.
- Was fühlt sich stimmig an, wenn ich es mir ohne Bewertung erlaube? Viele Verunsicherungen entstehen durch gesellschaftliche Erwartungen, nicht durch innere Klarheit.
- Muss ich mich überhaupt festlegen? Für viele Menschen ist ein Label hilfreich, für andere eher ein Druck. Beides ist legitim.
Wichtig finde ich, dass Sexualität nicht nur «gefunden» wird, sondern oft auch durch Erfahrungen, Sicherheit und Beziehungskontexte mitgeprägt ist. Und: Sie verändert sich ein Leben lang!
Wie viele 80-jährige Männer und Frauen haben noch Geschlechtsverkehr in der Schweiz?
Daniel Arnold: In der Altersgruppe der über 80-Jährigen zeigt sich in der Schweiz ein spannendes Bild: Während etwa ein Drittel der Männer noch sexuell aktiv ist, liegt die Zahl bei den Frauen mit rund 15 % bis 20 % etwas niedriger, was oft auch damit zusammenhängt, dass Frauen in diesem Alter häufiger alleinstehend sind. Wenn Paare jedoch zusammenbleiben, erlischt das Bedürfnis nach Nähe keineswegs, es wandelt sich lediglich in seiner Form.
Dabei spielen körperliche Veränderungen eine zentrale Rolle. Es kann sein, dass eine Frau aufgrund hormoneller Umstellungen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr empfindet oder den Partner nicht mehr so einfach lustvoll aufnehmen kann, wie das früher der Fall war. Auch beim Mann kann die Erektion an Stabilität verlieren. Das bedeutet jedoch nicht das Ende der Intimität, sondern ist oft der Startpunkt für eine Neuentdeckung. Viele Paare lösen sich in dieser Phase vom Fokus auf die Penetration und finden stattdessen zu einer sehr fürsorglichen, zärtlichen Sexualität.
Wenn man sich traut, diese körperlichen Grenzen offen anzusprechen, entsteht Raum für neue Wege. Sexualität im hohen Alter wird dann oft zu einer sehr bewussten Form der Zuwendung, die durch Streicheln, Halten und gegenseitige Wertschätzung geprägt ist. Wer bereit ist, die Sexualität den aktuellen Möglichkeiten anzupassen und sie gemeinsam neu zu erfinden, kann bis weit über den 80. Geburtstag hinaus eine erfüllende und lustvolle Verbindung erleben, die auf tiefer emotionaler Vertrautheit basiert.
Ich (m, 22) bin ständig hin- und hergerissen. Einerseits geniesse ich die innige Beziehung zu meinem Freund (m, 24), andererseits vermisse ich die sexuellen Freiheiten, das Adrenalin von der Zeit vor der Beziehung (ONS und so). Mein Freund möchte grundsätzlich keine sexuell offene Beziehung. Allenfalls mal mit einer Person dazu zu dritt Sex haben und dann schauen, was es mit ihm macht. Mir ist auch wichtig, dass eine allfällig einseitig-offene Beziehung konsensuell ist und nicht gezwungen konsensuell (weil er Angst hat, mich zu verlieren). Ausserdem weiss ich auch nicht, inwiefern gesellschaftliche Körpernormen mit reinspielen. Auch Männlichkeitsnormen bzgl. Körper aus der Schwulen-Szene. Mein Freund entspricht in einigen Punkten nicht diesen Kriterien und ich weiss nicht, ob ich mich auch deshalb nach Sex mit anderen Männern sehne.
Ursina Donatsch: Was Sie beschreiben, ist aus meiner Erfahrung sehr häufig und völlig normal bei Paaren: unterschiedliche Wünsche, was sexuelle Abwechslung, Vielseitigkeit und sexuelle Bedürfnisse angeht. Entsprechend empfehle ich Ihnen, genau darüber mit Ihrem Freund im Gespräch zu bleiben. Sich auch bewusst zu sein, dass in der partnerschaftlichen Sexualität nie alles abgedeckt werden kann. Das entlastet. Ihr Partner (und auch Sie) muss gar nicht «perfekt» sein, und auch der Sex nicht. So können Sie dann gemeinsam herausfinden, wie viel und was sie allenfalls ausserhalb abdecken möchte (auch das darf unterschiedlich sein) und die grosse Frage: Was würde ihr Partner für seine Sicherheit brauchen, damit ein solches Modell für ihn stimmen würde? Und was hätte er allenfalls davon?
Ich möchte so gern viel mehr explorativ sein im Sex. Wie kann ich selbstbewusster werden?
Tamara Altermatt: Sexualität ist tatsächlich eine Kompetenz, die wir lernen. Und sie zu verstehen, ist weniger ein einmaliges «Herausfinden» als ein Prozess aus Wahrnehmung, Erfahrung und Einordnung.
Ich empfehle neugierigen Menschen neben dem Kontakt mit sich selbst (siehe unten) auch gern sichere Räume, z.B. Beratungen (körperorientiert, z.B.), Workshops (zwischenwelten.ch, «Fucking Confident» von luftundliebe), Angebote von verschiedenen Therapeutinnen oder Angebote im Bereich Theater und Tanz. Dabei geht es oft nicht sofort darum, definieren zu müssen, sondern die eigene sexuelle Wahrnehmung zu stärken, sich zu erlauben, zu spüren, und daraus allmählich Klarheit zu gewinnen.
Spannend dabei ist, zu erforschen, wo und wann du körperliche Anziehung spürst (zu wem reagiert mein Körper?). Was ist der Unterschied zu romantischer Anziehung (zu wem entstehen Gefühle von Verliebtheit/Nähe) oder emotionaler Bindung (mit wem fühle ich mich sicher und verbunden)?
Praktisch hilft es, sich zu beobachten statt zu bewerten: Mit welchen Menschen entsteht Neugier oder Lust? Welche Fantasien tauchen wiederholt auf? Wo fühle ich mich entspannt und gleichzeitig lebendig?
Wichtig ist auch: Unsicherheit ist in diesem Thema sehr häufig. Viele Menschen versuchen früh, sich festzulegen, obwohl Sexualität sich entwickeln darf.
Wie gestalten Sie Diskussionen zu Privatsphäre/Individualität versus Offenheit und Transparenz?
Ein Beispiel aus meiner Erfahrung: In einer vergangenen Beziehung hat mir mein Partner erzählt, dass er einen gewissen Umgang in einer Situation hat, die hauptsächlich meinen Partner betraf. Später habe ich zufällig (!) mitgekriegt, dass sich dieser Umgang geändert hatte. Das war und ist für mich kein Problem. Wenn mir mein Partner allerdings kein Update gibt und ich merke, dass meine Informationen nicht mit der Realität übereinstimmen, nagt das für mich am Vertrauen zur offenen Kommunikation. Würden Sie solche Situationen ansprechen? Falls ja, wie sprechen Sie diese an, und machen gleichzeitig deutlich, dass es nicht um Kontrolle/fehelendes Vertrauen geht, sondern darum, dass man die erhaltenen Informationen mit den zufällig erfahrenen abdecken möchte?
Ursina Donatsch: Unbedingt ansprechen. Das ist die Basis! Wie ansprechen: indem Sie das Bedürfnis hinter dem «Wissen wollen» beschreiben und auch die Bedeutung, die es für Sie hat, zum Beispiel: «Es ist für mich wichtig zu wissen, weil ich dann das Gefühl habe, dass ich dir nicht egal bin, dass meine Gefühle dir wichtig sind, oder es gibt mir Sicherheit in unserer Beziehung… oder…»
Was kann man tun, wenn in einer Beziehung der Partner viel mehr Lust auf Sex verspürt als die Frau?
Tamara Altermatt: Das ist ein klassisches Phänomen. Unterschiedliche Lustniveaus sind in Beziehungen sehr häufig und kein «Problem an sich», sondern ein Passungs- und Umgangsthema.
Ich empfehle, den Druck rauszunehmen, den Unterschied zwischen spontaner und responsiver Lust zu verstehen, den Kontext zu prüfen statt die Person zu bewerten (also Stress, mentale Last, Schlaf, Beziehungskonflikte oder fehlende emotionale Verbindung sind häufig stärkere Faktoren als «Libido») und daraus die Sexualität zu erweitern.
Wichtig: Verantwortung teilen: Beide sind zuständig – die eine Person für das eigene Lustempfinden, die andere für ein nicht druckvolles Beziehungsumfeld.
Wenn das Thema länger belastet oder zu Rückzug führt, ist Paartherapie sehr wirksam, weil genau diese Dynamiken gut veränderbar sind – oft reichen wenige Sitzungen.