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Q&A zum «Generationengraben» «Ist man mit der Gen Z nicht zu streng?»

Julia Onken, Magdalena Erni und Michael Hermann haben von 10:00 bis 11:30 Ihre Fragen beantwortet – live im Chat.

Nach dem Ja-Votum zur Abschaffung des Eigenmietwerts wächst der Vorwurf der Gerontokratie: Generationengerechtigkeit wird zum Reizwort. Ob beim Klima oder bei der Altersvorsorge: Entscheiden Ältere egoistisch oder engagiert sich die Jugend zu wenig? Wie gross sind die Gräben? Und welche Fragen haben Sie zu den Generationen in der Schweiz?

Die im Chat wiedergegebenen Aussagen entsprechen nicht zwingend der Position von SRF. Sie stammen von den Gästen des «SRF Club».

Gäste im Chat

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Julia Onken
Psychologin und Autorin
Frauenseminar Bodensee

Magdalena Erni
Co-Präsidentin
Junge Grüne Schweiz

Michael Hermann
Geschäftsführer
Sotomo

Chat-Protokoll:

Es wird immer behauptet, dass die Jüngeren die Alten finanzieren. Was mE. vernachlässigt wird, dass die Pensionierten viel mehr Steuern zahlen als zum Beispiel 20–30-Jährige. Seit unserer Pensionierung zahlen wir 50% mehr Steuern als vorher. Wieso wird dies nie erwähnt und Statistiken aufgestellt? Es wäre ein leichtes, dies beim BfS einzufordern. Besten Dank

Magdalena Erni: Mit der Aussage, dass die Jüngeren die Älteren finanzieren, wird insbesondere auf die Sozialabgaben Bezug genommen. So bezahlen Junge via Lohnprozente die AHV-Beiträge der Pensionierten. Auch die Gesundheitskosten von jungen Menschen sind meist deutlich tiefer als die von älteren Menschen.

Frage an Frau Erni: Stellen Sie fest, dass sie aufgrund Ihres Alters in der Politik weniger ernst genommen werden? Wie gehen Sie damit um?

Magdalena Erni: Ja, das ist tatsächlich eine Anschuldigung, mit der ich mich öfters konfrontiert sehe. Mir hilft es dabei jeweils, mir Statistiken vor Augen zu führen, die aufzeigen, wie stark unterrepräsentiert junge Menschen in Parlamenten und öffentlichen Diskursen sind – und da liegt es auch in meiner Verantwortung als Co-Präsidentin einer Jungpartei, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Ausserdem bin ich zutiefst davon überzeugt, dass diejenigen, die besonders von den heute gefällten Entscheiden betroffen sind, auch in die Entscheidungsfindungsprozesse miteinbezogen werden müssen – und diese Überzeugung hilft mir, die Kritik wegzustecken.

Unterscheidet sich der heutige «Generationenkampf» von dem vor x Jahren? Was denken Sie?

Michael Hermann: Der heutige Generationenkampf ist ein «Kämpfli» im Vergleich zu der Zeit von zirka 1965 bis 1985. Damals gab es viel fundamentalere Auseinandersetzungen zwischen der Kriegsgeneration und den Nachgeborenen, welche die engen Normen und Rollenbilder infrage stellten.

Sind sie auch der Meinung, dass der ursprünglich aus der Statistik stammende Begriff der «Überalterung» heute in Politik und öffentlichem Diskurs immer stärker als diskriminierenden Kampfbegriff gegen ältere Menschen eingesetzt wird, um damit von den gesellschaftlichen Leistungen der Älteren (bspw. die enormen freiwilligen Leistungen der miterziehenden Grosseltern) abzulenken und auch um zu verschleiern, dass es sich bei der solidarischen Finanzierung der Alters- und Krankenvorsorge vielmehr um soziale, politisch lösbare als um generationelle Herausforderungen handelt?

Julia Onken: Ich bin Ihrer Meinung. Der Begriff «Überalterung» weist auf ein ZUVIEL hin, das eliminiert werden sollte. Hier wäre die Stimme der Vernunft einzuschalten: Ohne die Leistung der Älteren, die zum Teil in für heute beinahe unzumutbaren Arbeitsverhältnissen lebten, wäre der Wohlstand der Jungen nicht möglich. Nun, hier ist nur eines angesagt, die Gewissheit, dass auch die heute Jungen irgendwann ins Alter kommen und dann ihre Rechnung zu begleichen haben.

Gibt es diesen 'Generationenkampf' überhaupt? Ich selbst habe das Gefühl, ich lese nur in der Zeitung etwas darüber

Magdalena Erni: Ich bin auch der Meinung, dass die grösseren Konfliktlinien in unserer Gesellschaft an anderen Orten liegen – beispielsweise zwischen Arm und Reich oder zwischen den Geschlechtern. Das sieht man jeweils auch in den Nachbefragungen zu Abstimmungsresultaten. Politische Entscheide haben auf die verschiedenen Generationen aber unterschiedliche Auswirkungen. So sind junge Menschen besonders von abgelehnten Klimavorlagen betroffen oder profitieren erst in einigen Jahrzehnten von einer 13. AHV. Diese sollten meiner Meinung nach auch im öffentlichen Diskurs behandelt werden.

Warum gehen so wenig junge Stimmberechtigte abstimmen? Hat das vielleicht etwas mit unserem Wohlstand zu tun?

Michael Hermann: Interessant ist, dass zum Beispiel in Deutschland die Kluft in der Stimmbeteiligung zwischen Jung und Alt wesentlich kleiner ist als in der Schweiz. Dort gibt es alle vier Jahre einen grossen Showdown. Das weckt das Interesse auch der Jungen. In unserer Abstimmungsdemokratie geht es um oft Spezialthemen. Den Stimmenden wird einiges zugemutet. Ältere sind da offenbar eher bereit, sich auf das einzulassen.

Ich bin Vater einer 14-jährigen Tochter und wir haben die immer wiederkehrenden Diskussionen in diesem Alter. Wie schaffe ich es, dass sie mehr Verständnis für mich hat? Ich will eigentlich nur ihr bestes...

Magdalena Erni: Ich denke, da ist eine Kommunikation auf Augenhöhe zentral – beispielsweise indem sie ihrer Tochter offen und ehrlich erklären, weshalb sie eine Entscheidung von ihr nicht als sinnvoll erachten, ihr dann aber auch den Raum geben, um ihre Gedankengänge zu erörtern und Verständnis für diese zeigen.

Welche Generation hat auf die aktuelle politische Lage den grössten Impact?

Julia Onken: Vielleicht müsste die Frage nach dem Intelligenzquotienten gestellt werden: Es sind wohl nicht die Klügsten – auch nicht unter den Politikern und Politikerinnen – die an vorderster Front Ihren Unsinn verbreiten.

Was halten Sie von der Aussage, dass die Gen Z faul sei?

Michael Hermann: Gar nichts. Als Arbeitgeber erlebe ich viele junge Menschen, die unglaublich engagiert sind. «Faule» gibt und gab es in jeder Generation. Wenn ich nur an meine Lehrer und Lehrerinnen denke. Da gab es die Engagierten und jene, die Jahrzehntelang dasselbe Mäppli mitgebracht haben.

Denken Sie es sollte auch junge im Bundesrat haben oder ist das nur eine Aufgabe für die Älteren?

Michael Hermann: Grundsätzlich ist es anzustreben, dass im Bundesrat verschiedene Perspektiven (nicht nur politisch) vertreten sind: Sprachregionen, Frauen, Männer... Zugleich ist Bundesrat ein Amt, das an der Spitze der Karriereleiter seht. Jede Karriereleiter muss erst erklommen werden und das braucht meistens Zeit und Erfahrung. Deshalb ist es nicht zu vermeiden, dass der Altersdurchschnitt eher höher ist.

Welche Generation ist in den Zeitungen am wenigsten repräsentiert? Was denken Sie?

Julia Onken: Einleitung Frauen ab 50! Sie verschwinden, es sei denn, sie lassen sich nochmals die Lippen aufspritzen!

Inwiefern ist ein System demokratisch, wenn bestimmte Altersgruppen/Generationen strukturell mehr Einfluss haben als andere?

Julia Onken: Zuerst geht es einmal darum, allen Stimmen ein Gehör zu verschaffen – siehe Deutschland im Umgang mit der AfD. Demokratie hat nichts mit Ausgrenzung zu tun, sondern im Gegenteil, alle sollen zu Wort kommen.

Denken Sie, dass die Alten die Politik lenken, und wie kann man das ändern? Fehlt einfach das Vertrauen in die Jungen?

Julia Onken: Wenn sich die Alten politisch einschalten, dann sind die meisten nicht so blöd und blenden das Wohl ihrer Kinder, Enkel, Neffen und Nachbarskinder aus. Sie urteilen aus dem Erfahrungskaptital eines langen Lebens. In beruflichen Bereichen ist Erfahrung ein kostbares Gut.

Was denken sie, wie und wo kann der Generationengraben am einfachsten überwunden werden?

Julia Onken: Miteinander sprechen, lernen sich gegenseitig zu verstehen.

Wie realistisch, fair, angebracht ist eine Altersobergrenze beim Wählen? Eine Altersgrenze haben wir ab 18 Jahren, macht absolut Sinn! hat jemand eine Schlüssige Antwort dazu?

Michael Hermann: Ich persönlich fände einen Entzug des Stimmrechts ab einem bestimmten Alter höchst unfair. Bei der Untergrenze geht es um Mündigkeit (und die wäre meines Erachtens auch schon mit 16 Jahren erreicht). Eine Obergrenze würde gewissermassen eine Entmündigung bedeuten. Im frühen Bundesstaat durften Personen, die über kein Einkommen verfügten, nicht stimmen. Wenn persönliche Merkmale über die Mündigkeit bzw. über das Stimmrecht entscheiden, wird es problematisch.

Was halten Sie von der Idee, dass Bewerbungsgespräche der Generation angepasst sind. Zum Beispiel soll für jüngere Menschen auch eine jüngere Person das Gespräch durchführen und umgekehrt bei älteren Menschen. Würde das helfen, gewisse Generationsrisse zu flicken?

Julia Onken: Genarationsrisse ist ein Hirngespenst! Sich hinsetzen, miteinander sprechen und zuhören.

Was halten Sie von Stereotypen unter den Generationen? Also dass man einer Person anmerkt, zu welcher Generation sie gehört?

Julia Onken: Ziemlicher Schwachsinn!

Ich will nicht per se sagen, dass die GenZ faul ist, da erlebe ich alltäglich anderes. Sehr fleissige Leute! Aber ist es nicht so, dass die jüngeren Generationen vermehrt 80% oder Teilzeit arbeiten und so viel Wohlstand verloren geht?

Michael Hermann: Teilzeit hat nicht nur bei den Jüngeren zugenommen. Zugleich ist die Erwerbsbeteiligung der Frauen gestiegen. Ausserdem: In der Boomer-Generation sind Frühpensionierung sehr verbreitet, auch dadurch gegen Fachkräfte verloren.

Warum herrscht so wenig Verständnis zwischen den Generationen?

Julia Onken: Drei Affen-Symptom: nicht hören, nicht sehen, nicht sprechen

Wie können junge begeistert werden mehr zu wählen und abzustimmen?

Magdalena Erni: Da gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die alle einen kleinen Einfluss haben können. Einerseits braucht es eine Stärkung der politischen Bildung in der Schule, sodass Schüler*innen nicht nur lernen, wie unsere Bundesrätinnen und Bundesräte heissen, sondern auch wie man politisch aktiv werden kann, debattiert oder an verständliche Informationen gelangt. Mehr junge Parlamentarier*innen würden dazu führen, dass andere Junge das Gefühl haben, dass ihre Anliegen vertreten und sie wirklich repräsentiert werden. Auch eine Senkung des Stimmrechtes auf 16 oder 14 Jahre würde Sinn ergeben. Allein die Wahlteilnahme steigert das politische Interesse, das erste Mal gewählt werden könnte in der Schule, sodass die Jugendlichen auch alle Fragen stellen können und Parteien interessieren sich mehr für jugendpolitische Anliegen, weil es sich bei ihnen um potenzielle Wähler*innen handelt, was wiederum das Interesse der Jungen erhöht. Der Kanton Glarus macht mit dem Stimmrechtsalter 16 seit Jahren gute Erfahrungen.

Meine Eltern und viele in Ihrem Umfeld sind pensioniert. Sie haben Haus, Auto, Pensionskasse, Erspartes, gehen mehrmals pro Jahr in die Ferien und nun bekommen sie auch noch die 13. AHV. Ist das für mich und meine Generation nicht unfair, wenn wir die ältere Generation subventionieren, obwohl sie es gar nicht bräuchten? Wir jungen könnten das Geld sonst sparen und unsere Wirtschaftlichen Bedingungen werden schlechter, wenn wir mehr Mwst. zahlen müssen?

Julia Onken: ich gehe davon aus, dass Ihre Eltern ein Leben lang gearbeitet haben, vielleicht sogar sehr hart. und ich kann Ihnen sagen, die Arbeitsbedingungen waren nicht wie heute! Weshalb sollten Ihre Eltern nicht das, was sie erworben haben, geniessen. Und was die 13. AHV betrifft: beruhigen Sie sich, damit lassen sich keine grossen Sprünge machen.

Was motiviert Sie, sich für eine andere Generation und nicht nur die eigene einzusetzen?

Julia Onken: ich blicke über den eigenen Schrebergarten hinaus. Mir geht es um das Gedeihen des Weltgartens.

Warum haben junge und ältere Menschen oft unterschiedliche politische Prioritäten?

Julia Onken: Es ist das recht junger Menschen, Bestehendes kritisch zu hinterfragen und sich zu äussern. Was die Umsetzung betrifft, muss allerdings eine realistische Einschätzung erfolgen, und da kommen die Alten ins Spiel. Ihre Erfahrung zählt schliesslich.

Warum engagieren sich junge Menschen oft anders politisch als ältere (z. B. Demos statt Abstimmungen)?

Julia Onken: Es wäre ja doch sehr beunruhigend, wenn jungen Menschen der politische Gestaltungswille bereits abhandengekommen wäre. Junge haben neue Ideen, das ist gut. die Umsetzungen allerdings stehen dann auf dem Prüfstand.

Welche Rolle spielen Krisen (z. B. Pandemie, Klimawandel) für den Generationenkonflikt? Ich habe das Gefühl, dass alte Menschen viele dieser Probleme bsp. Klimawandel leugnen

Michael Hermann: Krisen können eine Rolle spielen. So hat die Covid-Pandemie durchaus Gräben aufgerissen: Zwischen Älteren, die geschützt werden sollten und Jüngeren, die sich in ihren Freiräumen eingeschränkt sahen. Anders als die soziale Bewegung der 1970er (Hippies, Anti-AKW) hat dagegen die Klimajugend viel Wohlwollen von Älteren erfahren (erst die Klimakleber haben dann zu einem Backlash geführt). Heute gibt es auch viele Junge, die beim Klimawandel eher fatalistisch sind und wieder Fliegen ohne Scham.

Wiederholen sich jetzt alle Namen wieder, da wir bei Gen Alpha «wieder» begonnen haben?

Magdalena Erni: Seit der Generation Alpha wird das griechische Alphabet für die Bezeichnung von Generationen benutzt, die drei Generationen zuvor wurden mit Buchstaben des lateinischen Alphabetes benannt. Deshalb werden sich die Namen der Generationen auch nicht direkt wiederholen.

Wie beeinflusst Bildung den Generationenkonflikt?

Julia Onken: ich bin nicht sicher, ob intellektuelle Bildung wirklich hilfreich ist. Vielleicht geht es einfach darum, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, miteinander in Beziehung zu treten und einander verstehen lernen.

Ich habe eher den Eindruck, dass der untere Mittelstand anteilig am meisten zur Kasse gebeten wird. Warum kann die AHV nicht durch eine Börsentranaktionssteuer finanziert werden? Auch Grundstückgewinne sollten angemessen besteuert werden. Warum wird Lohnarbeit stärker besteuert als Gewinn?

Julia Onken: Sie könnten Ihre Vorschläge noch mit Eigentumsenteignung weiterführen – SP lässt grüssen.

Gibt es etwas, das Sie an Ihrer eigenen Generation kritisch sehen, aber selten offen aussprechen?

Julia Onken: ja, es gibt viele Alte, die mich nerven. Vor allem wenn sie jammern und ständig von ihrem hohen Bluthochdruck reden und wie schlecht die Kinder sind, die sich zu wenig um sie kümmern. Ehrlich, ich hätte auch keine Lust jemanden zu besuchen, der immer nur um seine eigenen Verdauungsbeschwerden herumjammert.

Was macht Ihnen persönlich am meisten Sorgen in Bezug auf die Zukunft der jungen Generation?

Julia Onken: ich bin zuversichtlich. Die Zeit wirds richten. Der Alltag mit den vielen Herausforderungen, die es zu meistern gilt, ist Lehrmeister. Zudem die Liebe: die grösste Lektion, um lieben zu lernen.

Frau Onken, wenn es nicht an der intellektuellen Bildung liegt – wie kann man als Gesellschaft dann Empathie für andere Generationen «lernen»?

Julia Onken: sich auf sich selbst zurückbesinnen, die Natur beobachten und vor allem Dankbarkeit zu lernen.

Ist es wirklich ein Generationenproblem und nicht eher ein Problem Kapital-gegen Arbeitseinkommen

Magdalena Erni: Gemäss Nachwahlbefragungen zu Abstimmungen ist tatsächlich meist das Einkommen ausschlaggebender für einen Stimmentscheid als das Alter.

Was denken Sie, wer war die rebelligste Generation bisher?

Michael Hermann: Meines Erachtens die späten Boomer. 68er / Hippies / Anti-AKW / Friedensbewegung / Love, Sex & Rock'n'Roll / lange Haare / Globuskrawalle / Züri brännt usw. Wobei da ja längst nicht alle mitgemacht haben. Und viele von ihnen haben dann später eine konservative Wende hingelegt. Heute reagieren einige der ehemaligen Rebellen empfindlich, wenn die Gen Z «Ok Boomer» ruft.

Für wen wurde «Generationengerechtigkeit» denn ein Reizwort? Persönlich sehe ich, dass die Leute, die einen Beruf gelernt oder studiert haben, der in der Gesellschaft wirklich benötigt wird (d.h. Berufe, die unsere physische, technische oder soziale Infrastruktur am Laufen halten) hier weniger ein Problem sieht. Personen aus dem Milieu der Geisteswissenschaften sehen hier aber vielmehr ein Problem. Ist das nicht schlicht auf die Erkenntnis zurückzuführen, dass ihr Lebensweg eine Luxuserscheinung ist, die der Staat bzw. die Allgemeinheit ermöglicht und dass sie die ersten sind, die in Zukunft ihr Einkommen verlieren, wenn das Geld nicht mehr da ist? Kurz: Die Fähigkeiten eines Linguisten, den Zerfall einer Brücke zu beschreiben ist wohl weniger nützlich als die Fähigkeit, die Brücke zu reparieren.

Julia Onken: Es ist noch nicht lange her, da war der Abschluss einer Berufslehre der Garant für eine gesicherte Zukunft. inzwischen will niemand mehr die Schaufel in die Hand nehmen. Das wird irgendwann dazu führen, dass wir in undichten Häusern sitzen, weil niemand mehr weiss, wie man ein Dach repariert. Mit anderen Worten: unsere Bildungssystem ist aus den Fugen geraten. Da würde es sich lohnen auf die Barrikaden zu steigen.

Warum gibt es diese komische Spanne zwischen Millennials und Gen Z, die weder den einen noch den anderen zugehören?

Michael Hermann: Gibt es die? Die eine geht bis zirka 1996 und dann beginnt die andere. Ohnehin sind diese klaren Zuweisungen künstlich. Es gibt keine scharfe Grenzen zwischen den Generationen. Ausserdem unterscheiden sich die Menschen sehr stark innerhalb jeder Generation.

Wie kann man sich besser verstehen mit jemandem aus einer anderen Generation?

Magdalena Erni: Indem man zuhört, Verständnis für andere Ansichten zeigt und sich (selbst-)kritisch mit Vorurteilen auseinandersetzt.

Fühlen sich junge Menschen politisch genug vertreten?

Julia Onken: Viele beklagen sich darüber, bleiben aber im Kindersessel sitzen und warten, dass ihnen der Griessbrei serviert wird.

Wie kann sich der Generationengap in den nächsten Jahren noch weiterentwickeln? Wird er eher grösser oder kleiner oder bleibt er bestehen, wie er heute ist?

Julia Onken: ich kann nicht hellsehen. Aber ich weiss, dass sich alles immer in irgendeiner Weise prozesshaft entwickelt und dass das Pendel einmal auf die eine, dann auf die andere Seite ausschlägt und sich vielleicht einmal in der Mitte einpendelt.

Wo sehen sie die beste Zusammenarbeit verschiedener Generationen?

Julia Onken: Augen auf und Teams beobachten. Oft klappt es hervorragend, gelegentlich fliegen die Fetzen und das ist gut so. So ist eben das Leben.

These: Die aktuellen „Jungen“ haben bisher historisch beste allgemeine Schweizer Umwelt. Die älteren werden systemisch ausgesteuert (und sterben im Zeitverlauf weg). Hier die Frage: Sind beide allgemeinen Aussagen empirisch richtig?

Julia Onken: Es ist wohl eher eine persönliche Einschätzung: mit ist keine systematische Datenerhebung bekannt.

Warum reagieren gewissen Leute so empfindlich, wenn man sie auf ihre Generationen-Zugehörigkeit anspricht? Es ist doch nur ein Label…

Michael Hermann: Empfindlich reagieren die meisten wohl erst dann, wenn das Label mit negativen Attributen verbunden wird: Wenn bei der Gen Z Verweichlichung und Faulheit mitschwingt oder bei den Boomern Rechthaberei und Egoismus. Oft reagieren allerdings gerade jene besonders gereizt, bei denen das Vorurteil vielleicht nicht ganz falsch ist.

Wieso muss man überhaupt zwischen Generationen abgrenzen?

Michael Hermann: Muss man nicht und die Abgrenzungen sind auch etwas künstlich. Dennoch helfen sie, gewisse Merkmale, die sich in der Tendenz unterscheiden, besser fassbar zu machen. Es gibt aber andere Unterscheidungen wie Bildung oder politische Orientierung, die viel mehr über eine Person aussagen als ihre Generation.

Was denken Sie, warum fühlen sich junge Menschen oftmals nicht respektiert von der älteren Generation und hat es auch etwas Wahres an diesem Gefühl?

Julia Onken: Ja, der Respekt lässt auf beiden Seiten zu wünschen übrig!

Ist man mit der Gen Z nicht zu streng, wenn man sie immer als ‘faul’ abstempelt? Sie müssen sich mit so vielen Krisen auseinandersetzen und dabei noch versuchen erwachsen zu werden, da scheint mir eine Überforderung nur logisch

Magdalena Erni: Diese Einschätzung teile ich! Aufwachsen inmitten einer Pandemie, der Klimakrise und Kriegen in einer zunehmend autoritär regierten Welt ist äusserst herausfordern. Ausserdem sind Dinge wie Leistungsdruck und Pessimismus eben auch Symptome unserer Zeit und nicht bloss Probleme von Individuen.

Denken Sie, dass ältere teils die jüngeren auch als faul usw. beleidigen, da die jüngeren mehr Möglichkeiten haben als sie früher?

Michael Hermann: Ich würde sagen, die heutigen Älteren (Boomer) hatten auch schon viel mehr Möglichkeiten als ihre Eltern (Silent-Gen). Ich denke, zum Teil ist es auch der Umgang mit diesen Themen. Mein Eindruck ist, dass Jüngere diese Dinge vermehrt Artikulieren und Reflektieren und deshalb wird das sichtbarer und damit können Ältere zum Teil nicht so gut umgehen.

Michael Hermann: Ein Boomer ruft zurück (den Generation Zugewandten) Zoomer. Und die Mentale Gewichtsschale ist im Gleichgewicht. Nein. Da geht es wohl tiefer. Der Generationsgraben ist insbesondere eine Sache der Medien. Die Realität sieht nicht so krass aus – wie die Medien den Graben sehen möchten.

Michael Hermann: Durchaus. Wie gesagt, sind diese Gen-Etiketten zu einem grossen Teil auch Zuschreibungen. Diese Zuschreibungen werden jedoch vor allem von der Werbung und dem Marketing gepflegt und nicht primär von den Medien. Dennoch: Wenn man nicht zu viel in die Label hineininterpretiert, können sie aber durchaus nützlich sein.

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SRF Club, 17.03.2026, 22:25 Uhr ; 

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