In der Schweiz steigt die Arbeitslosigkeit weiter an. Ende Dezember waren rund 147'000 Menschen als arbeitslos gemeldet; übers Jahr 2025 lag die Arbeitslosenquote bei 2.8 Prozent. Die Arbeitslosenversicherung schreibt deshalb rote Zahlen, erstmals seit Längerem wieder. Doch beunruhigend sei die Lage nicht, sagt Jérôme Cosandey, der beim Staatssekretariat für Wirtschaft Seco die Direktion für Arbeit leitet.
SRF News: Wie bewerten Sie die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt?
Jérôme Cosandey: Die Arbeitslosenquote ist über die letzten zwei Jahre leicht gestiegen. Nach der Covid-Pandemie boomte die Wirtschaft extrem und wir hatten darum eine sehr tiefe Arbeitslosenquote. Mit 2.8 Prozent liegen wir jetzt wieder im langjährigen Durchschnitt der Arbeitslosenquote.
Die Arbeitslosenzahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco
Gegen Ende des Jahres ist die Quote wieder gestiegen, und fürs nächste Jahr sagen Sie 3.1 Prozent Arbeitslosigkeit voraus. Was sind die Gründe?
Die schwache Nachfrage in wichtigen Exportmärkten, etwa in China, hat Konsequenzen für die Uhrenindustrie. Zudem spielt auch der Konflikt mit den USA mit hinein. Die angedrohten Zolltarife von 39 Prozent setzten die Industrie unter Druck. Jetzt haben wir eine Lösung gefunden. Aber die Zölle sind nach wie vor höher als vor der Krise, die Unsicherheit bleibt.
Die ALV ist immer noch sehr solide aufgestellt.
Die Arbeitslosenversicherung ist in die roten Zahlen gerutscht, weil die Arbeitslosigkeit höher war als im Jahr zuvor. 300 Millionen Franken Defizit – wie stark beunruhigt Sie das?
Das ist nicht nichts – aber wenn wir diese 300 Millionen in Bezug setzen zu unseren jährlichen Ausgaben von rund acht Milliarden oder den Reserven, die ebenfalls etwa bei acht Milliarden liegen, dann ist die ALV immer noch sehr solide aufgestellt. Die ALV ist genau dafür so aufgebaut: In guten Zeiten kann sie einen Puffer anlegen für schlechtere Zeiten. So kann sie über einen Konjunkturzyklus hinweg ihre Leistung erbringen, ohne dass man strukturelle Massnahmen ergreifen muss. Sprich: Lohnbeiträge erhöhen oder die Leistungen zu kürzen – das ist zurzeit kein Thema.
Also sind Sie gut gerüstet, nicht nur finanziell, sondern auch organisatorisch?
Ja, wir haben nun über Neujahr ein neues IT-System eingeführt, damit die Angestellten auf den RAVs, auf den Regionalen Arbeitsvermittungszentren, effizienter arbeiten können. Sie gewinnen damit Zeit, um diejenigen Arbeitslosen besser zu betreuen, die wegen ihres Alters oder ihrer Qualifikationen mehr Mühe haben, eine neue Stelle zu finden.
Wir arbeiten beim Seco direkt für die Menschen, unsere Arbeit wirkt sich sofort aus und ist konkret fassbar.
Sie kommen aus der Privatwirtschaft, von Avenir Suisse, dem liberalen Thinktank der Wirtschaft. Nun sind Sie seit einem halben Jahr in der Verwaltung tätig. Wie fühlt sich das an?
In meiner vorherigen Funktion habe ich die Schweiz von morgen entwerfen dürfen. Das ist auch spannend. Aber hier beim Seco sind wir mit Themen konfrontiert, die wir sofort, heute lösen müssen. Wir arbeiten direkt für die Menschen, unsere Arbeit wirkt sich sofort aus und ist konkret fassbar.
Wie erleben Sie den Austausch mit den Sozialpartnern, mit den Arbeitgebern und Gewerkschaften?
Wir arbeiten etwa beim Lohnschutz oder bei der Sicherheit und der Gesundheit am Arbeitsplatz eng mit den Sozialpartnern zusammen. Das ist eine anspruchsvolle Dynamik. Die Interessen und die Prioritäten sind nicht immer die gleichen, aber das ist gerade eine Stärke der Schweiz, die ich täglich erleben und prägen kann: dass wir miteinander reden und gemeinsam Lösungen suchen. Das braucht manchmal etwas Zeit, aber wenn wir einen Konsens gefunden haben, dann «verhebt» er auch.
Das Gespräch führte Klaus Bonanomi.