Zum Inhalt springen

Header

Video
Florian Altermatt, Forum Biodiversität Schweiz: «500 bis 2500 Millionen Franken pro Jahr»
Aus ECO vom 07.12.2020.
abspielen
Inhalt

Agrarpolitik 22+ Zu viel Ammoniak kostet Millionen – ein Ende ist nicht absehbar

Der Bundesrat will die Ammoniak-Belastung mit der neuen Agrarpolitik reduzieren. Doch der Bauernverband blockt.

Ammoniak ist eine Stickstoff-Verbindung, die die Umwelt massiv schädigt und zu über 90 Prozent aus der Landwirtschaft stammt.

Die Schweiz leidet unter zu viel Stickstoff. Er entsteht zwar nicht nur in der Landwirtschaft, doch sie steht besonders schlecht da.

Ziel verfehlt

Der Stickoxid-Ausstoss von Verkehr, Industrie, Gewerbe und Haushalten ging in den vergangenen 20 Jahren um ein Drittel zurück.

Grafik mit den Stickoxid-Emissionen in der Schweiz: Verkehr, Industrie, Gewerbe und Haushalte sowie Landwirtschaft
Legende: Stickoxid-Emissionen Schweiz Die Landwirtschaft stösst zu viel Stickoxid aus. EKL/BAFU

Die Ammoniak-Emissionen der Landwirtschaft dagegen verharren heute fast auf dem gleich hohen Niveau wie im Jahr 2000: Zuletzt auf 42'300 Tonnen. Vorgeschriebenes Ziel sind 25'000 pro Jahr.

Im Mittelland hat man Überschreitungen vom bis zum Dreissigfachen des Wertes, der verträglich wäre.
Autor: Florian AltermattPräsident Forum Biodiversität Schweiz

Die Situation ist für Florian Altermatt nicht tragbar. Er präsidiert das Forum Biodiversität Schweiz. Zusammen mit weiteren Wissenschaftlern hat er für die Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften die Stickstoff-Situation aktuell untersucht: Nur gerade im Alpenraum würden die Belastungsgrenzen für Ammoniak nicht überschritten.

Ammoniak

Textbox aufklappenTextbox zuklappen

Ammoniak (NH3) ist eine gasförmige reaktive Stickstoffverbindung. Sie wird zu über 90 Prozent von der Landwirtschaft verursacht. Ammoniak-Emissionen führen zu einer Überdüngung von Ökosystemen wie Wäldern, Mooren und Magerwiesen und schädigen diese so.

Auch im internationalen Vergleich steht die Schweiz schlecht da: Nur Belgien und die Niederlande stossen mehr Ammoniak pro Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche aus.

Ammoniak-Emissionen der Schweiz im internationalen Vergleich
Legende: Ammoniak-Emissionen im internationalen Vergleich Nur Belgien und die Niederlande stossen pro Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche mehr Ammoniak aus als die Schweiz. EKL/Eurostat/BAFU/BLW Erhebung für das Jahr 2016

Deutschland, Italien, Österreich und Frankreich haben deutlich weniger Ammoniak-Emissionen pro Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche.

Allgemeinheit trägt Kosten

Die Kosten der Stickstoff-Emissionen aus der Landwirtschaft liegen zwischen 500 Mio. und 2,5 Mrd. Franken pro Jahr. Sie werden von der Allgemeinheit getragen.

Florian Altermatt: «Das sind nur die direkt quantifizierbaren Kosten. Es gibt noch sehr viele indirekte Kosten – beispielsweise, wenn Organismen verschwinden, wenn die Biodiversität zurückgeht – das ist etwas, das sehr schwer in Geldwert zu fassen ist.»

Auch die Eidgenössische Kommission für Lufthygiene schlägt Alarm: «In den kommenden agrarpolitischen Etappen, zum Beispiel der AP22+, sind verbindliche Massnahmen zur Erreichung der Umweltziele Landwirtschaft bezüglich Ammoniak- und Klimagasreduktionen unbedingt nötig.»

Die Agrarpolitik «AP22+», die am 14. Dezember im Ständerat beraten wird, sieht Massnahmen gegen Ammoniak-Emissionen vor: «Mit der Massnahme zur Reduktion der Ammoniakemissionen sollen Anreize für landwirtschaftliche Betriebe geschaffen werden, ihre Ammoniakemissionen gezielt zu senken.»

Das sieht die «AP22+» vor

Textbox aufklappenTextbox zuklappen

Am 12. Februar 2020 hat der Bundesrat die Botschaft zur Weiterentwicklung der Agrarpolitik ab 2022 («AP22+») verabschiedet.

Darin sind von 2022 bis 2025 jährliche Zahlungen in der Höhe von 13,8 Milliarden Franken für die Landwirtschaft vorgesehen.

In der Botschaft heisst es:

«Die «AP22+» enthält auch ein Massnahmen-Paket als Alternative zur eidgenössischen Volksinitiative «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung – Keine Subventionen für den Pestizid- und den prophylaktischen Antibiotika-Einsatz» (Trinkwasserinitiative).

Im Landwirtschaftsgesetz wird ein verbindlicher Absenkpfad für die Verluste an Stickstoff und Phosphor (Reduktion um 20 % bis 2030) verankert. Werden die Ziele nicht erreicht, so wird der Bundesrat verpflichtet, Korrekturmassnahmen zu ergreifen.

Nährstoff-Lieferungen an landwirtschaftliche Betriebe müssen transparent festgehalten werden. Im Gewässerschutzgesetz wird die maximal erlaubte Hofdünger-Ausbringung reduziert.

Im ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN) werden Pflanzenschutzmittel mit erhöhtem Umweltrisiko nicht mehr zugelassen und der Verzicht auf Pflanzenschutzmittel verstärkt mit Direktzahlungen gefördert.

Wenn trotzdem regional zu hohe Stoffeinträge in Gewässern festgestellt werden, sollen Bund und Kantone im Rahmen von regionalen landwirtschaftlichen Strategien regionsspezifische Massnahmen fördern und gezielt die Anforderungen regional verschärfen können.»

Doch der Bauernverband will, dass die «AP22+» sistiert wird. Er verlangt, dass der Bundesrat «die Ernährungswirtschaft als Ganzes anschaut».

Martin Rufer, Direktor des Bauernverbands, sagt, Massnahmen gegen Ammoniak-Emissionen könnten auch ohne eine Gesetzesänderung ergriffen werden. Der Bundesrat habe im November Massnahmen in einer Verordnung verankert.

Zudem würden in vielen Kantonen Ammoniak-Reduktionsprogramme laufen: «Wir nehmen das Thema sehr ernst und setzen das um – unabhängig von der ‹Agrarpolitik 22+›.»

Video
Martin Rufer, Bauernverband: «Wir nehmen das Thema sehr ernst.»
Aus ECO vom 07.12.2020.
abspielen

Die Massnahmen, welche die Bauern ergriffen hätten – Gülle mit Schleppschläuchen ausbringen, gedeckte Güllenbehälter – würden zunichtegemacht durch moderne Tierhaltungssysteme wie Laufhofställe: In diesen seien die Ammoniak-Emissionen höher als in den alten Anbindeställen.

Für Florian Altermatt ist klar, dass dringend gehandelt werden muss. Auch die Konsumentinnen und Konsumenten könnten viel zur Verbesserung der Situation beitragen: indem sie auf eine mehr pflanzenbasierte Ernährung umstellen würden, also weniger Fleisch essen und weniger Milchprodukte konsumieren würden.

ECO, 7.12.2020

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

62 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.