Maria (Name geändert) hat in Brasilien Pflege studiert und dort über zehn Jahre an einem Unispital gearbeitet. Heute arbeitet sie in einem Schweizer Pflegeheim als Pflegehilfe. Dafür ist sie eigentlich massiv überqualifiziert. Vor drei Jahren hat sie sich entschieden, ihr Diplom in der Schweiz anerkennen zu lassen. Dafür hat sie ihren Job gekündigt, um sich auf die Deutschprüfung vorzubereiten.
Ein Jahr später hat sie den Anerkennungsprozess beim Schweizerischen Roten Kreuz SRK gestartet: Diplome organisiert und übersetzen lassen. Der Prozess kam nur schleppend voran: Immer wieder hat sie sich gemeldet und musste sie ein weiteres Dokument nachreichen. Vorwärtsgegangen ist der Prozess erst, als sie sich mit ihrem Schweizer Mann beim SRK beschwert hat.
Immer wieder gefälschte Dokumente
So ein Verfahren sei aufwendig und kompliziert, sagt Mark Bieri. Er leitet die Abteilung Gesundheitsberufe beim SRK: «Ich verstehe, dass das nicht einfach ist.» Aber 90 Prozent der Gesuchstellenden seien zufrieden mit dem Prozess, das zeigten die Befragungen des SRK.
«Für die Patientensicherheit und die Qualität im Schweizer Gesundheitswesen ist es zentral, dass wir diese Arbeit sorgfältig machen,» sagt Bieri. Sie begegneten auch immer wieder gefälschten Dokumenten.
Maria ist kein Einzelfall
Maria sei kein Einzelfall, sagt Christine Bally vom Berufsverband für Pflegefachpersonal: «Bei mir melden sich immer wieder Pflegefachkräfte, die im Verfahren feststecken und beim SRK niemanden erreichen.» Das erstaunt Bieri, das SRK biete täglich während vier Stunden eine Hotline an: «Wir sind für alle erreichbar.» Zudem gibt es Begleitprogramme. Die meisten wollten aber keine Begleitung, sondern einfach das Diplom.
Der Weg dahin sei aber zu kompliziert, sagt Olga Schibli. Sie forscht an der Fachhochschule Nordwestschweiz zu digitaler Innovation. Zu viel werde noch manuell gemacht, künstliche Intelligenz könnte die Prozesse beschleunigen und transparenter machen.
Die Situation ist auch für Betriebe schwierig
«Spitäler und Heime berichten von Wartezeiten von 6 bis 8 Monaten, das ist zu lang.» Schibli hat dreissig Akteure aus der Nordwestschweiz für eine Studie zum Fachkräftemangel befragt. Es sei jeweils völlig offen, ab wann man mit einer Person, die im Anerkennungsverfahren stecke, rechnen könne. Das erschwere die Planung für den Betrieb und auch für die Mitarbeitenden.
Es gibt auch Verfahren, die mehrere Jahre dauern.
Verschiedenste Arbeitgeber bestätigen diese Erfahrung gegenüber SRF. Das führe dazu, dass immer wieder Pflegefachpersonen voll eingesetzt werden, obwohl deren Qualifikation vom SRK noch nicht überprüft worden ist.
Arbeitgebende können Gesuchstellende unterstützen
Das SRK anerkennt jährlich über 4000 Diplome allein in der Pflege. 60 bis 70 Prozent davon seien nach einem Monat abgeschlossen, sagt Mark Bieri vom SRK: «Aber es gibt auch Verfahren, die mehrere Jahre dauern.» Vor allem, wenn Bildungsmodule oder Praxiserfahrung nachgeholt werden müssten. Wenn die Arbeitgebenden die Gesuchstellenden begleiteten, könne die Verfahrensdauer massiv verkürzt werden.
Maria hat kürzlich den Entscheid des SRK erhalten. Trotz brasilianischem Bachelor und langjähriger Berufserfahrung in Brasilien müsste sie ein Jahr lang Bildungsmodule besuchen und ein Praktikum machen. Oder sie müsste eine Eignungsprüfung bestehen. Für sie ist beides im Moment keine Option. Sie hat keine Kraft mehr, noch mehr zu investieren.