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Food-Kurier-Report: Unterwegs für Mini-Lohn
Aus Rundschau vom 17.02.2021.
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Boom in der Pandemie Food-Kuriere: Unterwegs für einen Mini-Lohn

Die Pandemie lässt das Geschäft mit Lieferdiensten explodieren. Die Schweizer Kurier-Firma Smood verzeichnete 2020 nach eigenen Angaben doppelt so viele Bestellungen als im Jahr zuvor. Just Eat Takeaway, zu dem der Schweizer Ableger Eat.ch gehört, steigerte seinen Umsatz weltweit um 50 Prozent, wie das Unternehmen im Januar mitteilte.

«Kaum Sozialleistungen»

Für die Kuriere selbst hingegen bedeutet die Coronakrise vor allem eines: mehr Stress. Und das bei teils sehr tiefen Löhnen und kaum Sozialleistungen. David Roth von der Gewerkschaft Syndicom findet klare Worte: «Die Arbeitsbedingungen der Lieferkuriere sind am unteren Rand von dem, was wir in der Schweiz antreffen.»

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Gewerkschafter David Roth: «Der Job als Kurier ist mit tiefem Lohn und hohem Risiko verbunden»
Aus News-Clip vom 16.02.2021.
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Dominic Milloud, Geschäftsführer von Eat.ch, sieht das anders. Seine Kuriere würden über dem Genfer Mindestlohn von 23 Franken bezahlt. «Dazu kommen noch Ferien- und Feiertagsentschädigung – und Trinkgeld», sagt Milloud.

SRF hat neben Eat.ch auch Angaben zu den Löhnen und Sozialleistungen bei drei weiteren grossen Schweizer Lieferfirmen eingeholt: Uber Eats, Smood und Mosis.

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Eat.ch-Geschäftsführer Dominic Milloud: «Wir bezahlen mehr als den Mindestlohn»
Aus News-Clip vom 16.02.2021.
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Eat.ch, Mosis und Smood stellen ihre Lieferkuriere mit einem Arbeitsvertrag an. Damit sind die Kuriere entsprechend bei der AHV und IV versichert und haben eine Unfall- und Krankenversicherung. Eat.ch und Smood bezahlen ihre Kuriere pro Stunde. Mosis an den meisten Standorten ebenfalls, doch in Zürich werden Kuriere am Abend pro Lieferung vergütet.

Nicht bezahlte Wartezeiten

Der Lieferdienst Mosis gibt einen Durchschnittslohn von 23 bis 35 Franken pro Stunde an. Während der ersten Welle arbeitete Philippe Stalder als Autokurier für Mosis. Er sagt dazu: «35 Franken pro Stunde kann man vergessen!»

Pro Lieferung zahle das Unternehmen 12 bis 18 Franken, je nach Distanz. «Bei guter Planung schafft man maximal zwei Lieferungen mit kurzer Distanz. Häufig hat man aber auch Wartezeiten, in denen man gar nicht bezahlt wird», erklärt Stalder.

Hinzu kämen Abzüge für das Auto und die Feiertage. Stalders Fazit: «Wenn man alles durchrechnet, schaut nicht viel dabei heraus.»

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Ex-Kurier Philippe Stalder: «Wenn man es durchrechnet, springt nicht viel dabei raus»
Aus News-Clip vom 16.02.2021.
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Cyril Schneider, Leiter operatives Geschäft bei Mosis, verteidigt trotzdem das Unternehmensmodell: «Ich bin ehrlich, es gibt schnellere und weniger schnelle Kuriere und es gibt Abende, wo man Pech hat. Man muss ein bisschen Glück haben oder man muss dementsprechend schauen.»

Bezahlung pro Lieferung

Neben Mosis bezahlt auch Uber Eats pro Lieferung. Gewerkschafter David Roth kritisiert dieses System scharf: «Eine Bezahlung pro Lieferung ist absolut unhaltbar. Das heisst alleine, dass das Risiko vom Unternehmen, das Aufträge reinholen soll, auf den Arbeitnehmer abgewälzt wird.»

Auch was die Sozialleistungen angeht, schneidet Uber Eats am schlechtesten ab. Zwar bietet das Unternehmen seinen Fahrern eine kostenlose Unfallversicherung. AHV und IV jedoch sind nicht gedeckt. Im angegeben Durchschnittslohn von 21 Franken sind Benzin, Auto und Pausen nicht einberechnet.

Uber Eats kontert

Uber Eats verteidigt das Konzept auf Anfrage: «Der Hauptgrund, warum sich Menschen für eine Partnerschaft mit Uber Eats entscheiden, ist die Flexibilität, selbst zu bestimmen, ob, wann und wo sie die Uber-Eats-App verwenden möchten.»

David Roth und die Gewerkschaft Syndicom arbeiten aktuell an einem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) für Kuriere und versuchen, die Lieferfirmen ins Boot zu holen. Laut Roth soll damit verhindert werden, dass der Preiskampf der Unternehmen auf Kosten der Lieferkuriere stattfindet.

Rundschau, 17.02.2021, 20:05 Uhr

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21 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    Wenn das Lohnniveau in vielen Bereichen gleichzeitig angehoben wird (Minimallohn), ist ein Ausweichen schwierig, insbesondere für Tätigkeiten, die nicht ins Ausland verlagert werden können. Zudem besteht die Chance, den Anteil der unteren Lohneinkommen auf Kosten von Gewinnen und der oberen Lohneinkommen zu erhöhen. Die relativ hohen Konsumausgaben der Minimallohnempfänger*innen kurbeln die Konjunktur an, was die Verdienstmöglichkeiten aller Arbeitnehmenden wieder erhöht.
  • Kommentar von Michael Sablotny  (Hans M. Sablotny)
    Ich arbeite seit längerer Zeit bei Mosi und muss sagen, dass es für mich finanziell reicht. Natürlich wird man als Kurier nicht reich, aber so wie das der junge Mann im Video erzählt ist es bei Mosi überhaupt nicht. Man muss natürlich auch während der Arbeitszeit am Ball bleiben und ganz klar den Fokus auf die Lieferungen richten. D.h.: Nicht trödeln oder neben her private Dinge erledigen. Der Kunde ist wichtig. Für weitere Inputs kann man mich ja gerne kontaktieren.
  • Kommentar von Andreas Morello  (Andreas Morello)
    Ich bestelle meist einmal im Monat etwas zu Essen nach Hause, zumindest seit der aktuelle Shutdown gilt.

    Der Kurier bekommt von mir gerundet 10% des Bestellwertes als Trinkgeld dazu.

    Was aus meiner Sicht fehlt ist eine Gewerkschaft und ein GAV für die Lieferkuriere. Das würde ihre Position stärken.
    1. Antwort von Peter Kovacs  (Bese)
      Ich schlage ihnen vor. Im Internet suchen, saftplätzli mit Kartoffelnstock. Rezept ausdrucken und nachmachen. Dann rechnen Sie mal aus, was kostet 200 Gramm Rindfleisch und 3 Kartoffel und ein bisschen Butter und Zutaten. Bis die Bestellung da ist habe ich schon lange gekocht, es ist heiss und schmeckt auch Gut. Schöne Tag noch