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Aus Tagesschau vom 02.07.2020.
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Busse gegen Novartis Die Selbstregulierung von Big Pharma ist zur Farce verkommen

Über Jahre hat Novartis in den USA zehntausende Ärzte bestochen, die als Gegenleistung ihren Patienten Novartis-Medikamente unter anderem gegen Bluthochdruck und Diabetes verschrieben haben.

Solche Nachrichten sind nichts Aussergewöhnliches, und der Basler Pharmamulti ist sicher auch kein Einzelfall. Seit Jahrzehnten bewegt sich die enge Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pharmakonzernen in einer rechtlichen Grauzone. Es liegt an den Pharmafirmen, für Transparenz zu sorgen. Doch das tun sie nicht.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Es war ein Paukenschlag, als die Schweizer Pharmaindustrie 2004 ihren revidierten Verhaltenskodex vorstellte: Interessenskonflikte zwischen Herstellern und Ärzten sollte es nicht mehr geben. Der Kodex schwor, die Mitglieder hielten sich an «ethische und lauterkeitsrechtliche» Standards - unabhängig der Pflicht, staatlich anwendbares Recht einzuhalten.

Es war eine lautstarke Imagekampagne der Pharmalobby – auch als Antwort auf die bereits überlaute, weltweite Kritik an der korrumpierenden Geschäftspraxis der Heilmittelbranche. Eine zelebrierte Selbstregulierung – denn seit jeher bekämpfte Big Pharma weltweit Transparenzbemühungen auf Gesetzesebene, wo sie nur konnte.

Bussen zeigen wenig Wirkung

Trotz Marketinganstrengungen der globalen Pharmamultis kam es in den vergangenen 15 Jahren immer wieder zu Schmiergeldzahlungen an Ärzte. Die Bussen, die diese zur Folge hatten, entfalteten kaum eine abschreckende Wirkung.

Inzwischen ist die Selbstregulierung in diesem Geschäftsbereich weltweit zur Farce verkommen. Pharmafirmen – auch in der Schweiz – zahlen Jahr für Jahr Millionen an Ärzte, Organisationen und Spitäler. Sie laden Ärzte zu Kongressen, bezahlen Beraterhonorare, kommen für Reisespesen, Übernachtungen oder Essen auf. Nicht immer ist der Hintergrund dieser Zahlungen klar. Transparenz geht anders.

In den USA hatte die Regierung unter Barack Obama ein Gesetz beschlossen, das die Veröffentlichung der Pharmazahlungen an Ärzte zwingend festschreibt. Seit 2013 ist dieses Gesetz in Kraft. Firmen müssen Zahlungen an Ärzte offenlegen. Patienten können auf einer Website nachschauen, welches Unternehmen wie viel an welchen Arzt bezahlt.

Auf öffentlichen Druck hin werden diese Zahlungen gemäss Pharma-Kooperations-Kodex (PKK) seit ein paar Jahren in der Schweiz veröffentlicht. Jedes Unternehmen macht das für sich. Nicht immer ganz übersichtlich und nicht überprüfbar.

Die Selbstregulation der Branche hat versagt

In der Schweiz hat das Parlament das Heilmittelgesetz mittlerweile massiv verschärft. Um Korruption zu verhindern, regelt es die Zusammenarbeit zwischen Pharmavertretern und Ärzten bis ins letzte Detail – übertriebenermassen, muss man sagen. Es trat im Januar in Kraft. Offenbar geht es nicht anders.

Das neue Heilmittelgesetz ist eine Bankrotterklärung für die Selbstregulierung der Pharmabranche. Sie hätte es all die Jahre in der Hand gehabt, für ausreichende Transparenz zu sorgen. Im Übrigen wird aufgrund des neuen Heilmittelgesetzes auch der Verhaltenskodex der Pharmabranche auf Januar 2021 erneut angepasst. Auch Novartis hat diesen Kodex mitunterzeichnet.

Pascal Schumacher

Pascal Schumacher

Wirtschaftsredaktor

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Pascal Schumacher ist Jurist und Historiker. Er arbeitet seit 15 Jahren als Wirtschaftsreporter für das Schweizer Fernsehen.

Tagesschau, 2.7.2020, 12:45 Uhr

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Martin Keller  (Martin98765)
    Wäre vielleicht fair zu erwähnen, dass es sich um Aktivitäten in den Jahren 2002-2011 handelt und Novartis bei seinen Mitarbeitern massiv die Schrauben angezogen hat, damit sich das hoffentlich nie mehr wiederholt.
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  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Ich denke was in der Wirtschaft wirklich läuft entgeht uns zur Zeit allen. Die Welt wird von der USA aus gelenkt(manipuliert). Bernard L. Madoff sitzt vermutlich in seiner Zelle vor dem Bildschirm und reibt sich nur noch die Augen.
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  • Kommentar von Olaf Schulenburg  (freier Schweizer)
    Und wieder versagt die Wirtschaft. Und wieder wird der Satz "der Markt regelt das selber" ad absurdum geführt. Und trotzdem glauben noch immer viele Bürger an solche Aussagen der Politik und wählen diese und diese wiederum bereitet der Wirtschaft den Boden auf dem sie sich in dieser Weise austoben können. und beide, Wirtschaft und rechte Politik bereichern sich daran.
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    1. Antwort von Erich Kästli  (swisspioneer)
      Genau das Gegenteil ist der Fall: Das System versagt, weil es im Gesundheitswesen keinen freien Markt gibt. Zwangsprämien, Patente, Zulassungen, Rezeptpflicht etc. verhindern einen freien Markt. Wenn jeder seine Medis im Migros kaufen könnte, würde es nichts bringen, die Ärzte zum Golfen einzuladen.
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    2. Antwort von Olaf Schulenburg  (freier Schweizer)
      Freier Markt mit freiem Verkauf, dass kennen wir aus den USA. Freier Markt im Gesundheitswesen ist gleich bedeutend mit Versorgung für die Oberklasse und darausfolgend Selbstmedikation aller Anderen mit den ja bekannten Folgen mit z.B. höchsten Abhängigkeits - und Suchtzahlen. Im Gegenteil, der Gesundheits Markt muss durchgehend und stringend reguliert werden. Jeder einzelne darin beteilgte Player.
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    3. Antwort von Hans Bernoulli  (H.Bernoulli)
      Patentierbarkeit von Medikamenten abschaffen, eine unabhängige Forschung und es bräuchte viel weniger Regulierungen im Gesundheitswesen. Patente - so sinnvoll sie erscheinen mögen - wenn damit Missbrauch zur Bereicherung durch Monopole betrieben wird, sind Gift für die Wirtschaft und die Entwicklung.
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    4. Antwort von Erich Kästli  (swisspioneer)
      Planwirtschaftliche Regulierungen sind ein gefundenes Fressen für Pharma-Lobbyisten, um die Allgemeinheit zu schröpfen.
      Demgegenüber bedingt Freiheit auch die Verantwortung, sich zu informieren. Man kann nicht auf Fox News die Pillenwerbung schauen und direkt in den nächsten Drug Store rennen.
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    5. Antwort von Delmar Lose  (DeLo)
      Am Ende des Tages ist es das Gesamtsystem was versagt uund solche Machenschaften mit sich bringt!
      Eine Gesundheitswesen das von Konkurentzkampf und Börsenspielen getrieben wird wird nie den Konsumenten also den Patienten als wichtigstes Glied ansehen sondern den Profit.
      Schon interesant das wir Menschen es zulassen das unsere Körper von solchen Firmen und Ärzten behandelt werden.
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