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Corona verstärkt Graben zwischen Arm und Reich
Aus Rendez-vous vom 04.01.2021.
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Corona verschärft Ungleichheit Wenn die Reichen reicher und die Armen ärmer werden

Das Coronavirus unterscheidet nicht zwischen Arm und Reich? Das stimmt höchstens aus medizinischer Sicht.

Ungleichheit gab es auch schon vor Corona. Doch die Pandemie verstärkt sie noch. Beispiel Arbeitsplätze: Die Pandemie treffe Leute in schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen viel mehr als solche in gut bezahlten, sagt Florian Scheuer, Ökonom und Ungleichheitsforscher an der Universität Zürich.

Vor allem Kontakt-intensive Branchen seien getroffen worden – etwa das Gastgewerbe und der Tourismus, führt Scheuer aus. «Dort arbeiten viele Leute mit relativ niedrigen Löhnen und temporären, saisonalen Arbeitsverhältnissen. Sie haben ohnehin ein geringeres finanzielles Polster.»

Wir beobachten einen langfristigen Trend: Die Vermögensungleichheit am ganz oberen Ende hat in den letzten Jahren massiv zugenommen.
Autor: Florian ScheuerÖkonom an der Universität Zürich

Die Folge: Die Pandemie lässt die Einkommensschere noch weiter aufgehen. Das bestätigt auch eine repräsentative Umfrage des gewerkschaftsnahen deutschen Forschungsinstituts WSI mit mehr als 6000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern: Im November hatten bereits 40 Prozent der Befragten Corona-bedingt weniger Einkommen als zu Beginn der Pandemie. Die meisten Einbussen erlitten Geringverdiener.

«Ich nehme an, dass in der Schweiz dieselben Gesetzmässigkeiten am Werk waren. Die Länder sind ja relativ symmetrisch betroffen gewesen von der Pandemie», sagt Ökonom Scheuer. Schon die Kinder von Geringverdienern leiden stärker unter den Folgen der Corona-Pandemie als die Kinder von Besserverdienern.

Homeschooling hängt Ärmere ab

Laurence Boone, Chefökonomin der Industrieländer-Organisation OECD, verweist auf die teils monatelangen Schulschliessungen. In ärmeren Bevölkerungsschichten sei der Anteil der Kinder, die Internetzugang haben, sehr klein. «Viele von ihnen haben dadurch keinen Zugang zum Schulstoff gehabt», sagt Boone. Der Graben zu Kindern aus bessergestellten Familien, die zu Hause auch sonst mehr Hilfe bekämen, sei riesig.

Enorme Dimension des Problems

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Schülerinnen in Simbabwe
Legende: Schülerinnen in Simbabwe Keystone

Als Folge von Corona gingen 1.6 Milliarden Kinder auf der Welt derzeit nicht in die Schule, sagt Jaime Saveedra, der Bildungsdirektor der Weltbank. Er spricht von einer grossen Krise. Kommt hinzu: «In ärmeren Ländern werden viele dieser Kinder nie wieder in die Schule zurückkehren. Denn wegen Corona haben viele Eltern kein Geld mehr übrig.»

Eine Bildungslücke mit Langzeitfolgen. Schlecht ausgebildete Jugendliche kommen schlechter in den Arbeitsmarkt hinein, wie OECD-Studien zeigen. Und niedrig Qualifizierte waren nach der Finanzkrise auch die ersten, die ihren Job wieder verloren. Sie blieben für lange Zeit arbeitslos. Das könnte sich nach Corona wiederholen, sagt OECD-Chefökonomin Boone.

Das verlangsamt die wirtschaftliche Erholung. Und vergrössert die Einkommensungleichheit noch mehr. «Es wird dann auch schwieriger für die nächsten Generationen, wieder aufzusteigen, wenn man in eine arme Familie geboren wird», sagt Ungleichheitsforscher Scheuer.

Schere geht weiter auseinander

Auch die Vermögensungleichheit wird durch Corona noch weiter verstärkt. Während Millionen von Menschen ihre Arbeit durch die Pandemie verloren, hat sie Ultra-Reiche wie Amazon-Chef Jeff Bezos noch viel reicher gemacht. Allein in den USA wuchs das Vermögen der Reichen um gut 1000 Milliarden Dollar – ein Viertel mehr als vor der Krise.

«Die Vermögensungleichheit am ganz oberen Ende hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Das hat sich dieses Jahr fortgesetzt, weil sie mit ihren Unternehmen von der Pandemie wenig betroffen waren», sagt der Ökonom Scheuer.

Jeff Bezos
Legende: Amazon-Chef Jeff Bezos hat von der Pandemie profitiert, weil wegen der Ansteckungsgefahr viel mehr online bestellt wurde. Auch die boomenden Aktienmärkte mehren vor allem das Vermögen der Reichen. Keystone

Die wachsende Ungleichheit birgt politischen Sprengstoff. Sie könne dazu führen, dass es zu «Polarisierung und starkem Auseinanderdriften in politischen Ansichten kommt. Es könnte zur Gefahr werden, dass die Superreichen politisch zu viel Einfluss haben», warnt Scheuer.

Das verstärkt soziale Spannungen. Und schürt das Misstrauen der Abgehängten in die Regierungen. Ein gefährlicher Cocktail – erst recht in Krisenzeiten wie diesen.

Video
Schuldenfalle Pandemie: Was tun, wenn das Geld nicht mehr reicht?
Aus Kassensturz vom 22.12.2020.
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SRF 4 News, Rendez-vous vom 4.1.2021, 12.30 Uhr

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66 Kommentare

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  • Kommentar von Roger Ebischer  (RO.Ebi)
    Es ist doch krass wie sehr gewisse Geschäftsmodelle in dieser Zeit profitiert, während andere darunter leiden müssen. Auch wenn ich die Arbeit der Regierung nicht kritisieren möchte, ist die Wettbewerbsfähigkeit einiger um vielfaches besser als bei denen, die alles paar Monate Ihren Laden dicht machen müssen.
  • Kommentar von Stefan Pfister  (Stefan Pfister)
    Als die UBS selbstverschuldet vor dem Konkurs stand, wurde sie mit 68 Milliarden vom Staat gerettet. Jetzt, wo zig Firmen unverschuldet vor der Pleite stehen, behauptet der Staat schon nach halb so viel Geld, er könne sich die Rettung nicht leisten und die Ideologen in NZZ & Co. fordern den Verzicht auf irgendwelche Hilfe und schwafeln von "reinigendem Feuer". Corona ist Natur. Der Umgang damit zeigt, dass die (bürgerliche) Politik nur den Grossen hilft, von denen sie Spenden kriegt.
    1. Antwort von Paolo Berwert  (FamPapi)
      @Pfister, ich stimme ihnen grössten Teils zu. To big to fail dürfte es nicht geben und speziell in der Finanzindustrie nicht. Dieses Tor wurde aber schon vor vielen Jahrzenten in den USA geöffnet und hat leider weltweit schule gemacht. Aber hier nur die bürgerlichen Politiker an den Pranger zu stellen greift zu kurz. Es sind alle Politiker, unabhängig ihrer Couleure.
    2. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      Wir wollen doch bitte nicht vergessen, dass die Bundeskasse dabei mehrere Milliarden verdient hat und jeden einzelnen geliehenen Franken zurück bekam!
  • Kommentar von Roger Ebischer  (RO.Ebi)
    Man spricht immer davon, dass der Staat sich nicht in Private Angelegenheiten einmischen soll. Nun aber werden gewisse Geschäfte wie zb. Restaurant (man könnte auch andere Beispiele nehmen) benachteiligt. Fakt ist aber, dass durch die Benachteiligung, andere Geschäfte wie Shoppingmalls und weiteres, trotzdem besser aus dieser Kriese herauskommen. Wäre es deshalb nicht fair, wenn nun die bevorzugten Business einen Ausgleich bezahlen müssen?
    1. Antwort von Paolo Berwert  (FamPapi)
      @RO.Ebi ich stimme ihnen zu, den betroffenen Branchen/Firmen muss schon geholfen werden. Es ist aber nicht ganz so einfach. Es hat auch viele Firmen die einfach schlecht wirtschaften, die wären früher od. später sowieso gestorben. Die Allgemeinheit soll die nun sanieren?
      Und wie kann man Profiteure genau ausmachen, wenn doch die Grössten in der USA sind (Amazon, Alphabet, Microsoft). Was für eine Tür stoffen wir auf, wenn in Krisen die Gewinner den Verlierern geben müssen? Sehr verzwickt...