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Wirtschaft Das duale Bildungssystem als Exportschlager

Die Jugendarbeitslosigkeit in Europa erreicht Rekordwerte. Das duale Bildungssystem der Schweiz gilt als ein möglicher Weg aus der Misere. Ekkehard Ernst, Experte bei der International Labour Organization der UNO, erklärt, dass das allein aber nicht reicht.

Spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 zeigte sich: Die Schweiz hat sich gut durch die wirtschaftlichen Turbulenzen manövriert. Die Schweiz hat so wenige arbeitslose Junge wie kein anderes Land in Europa. Zahlreiche Experten begründen das unter anderem mit dem dualen Berufsbildungssystem – dem Modell mit Lehre und Berufsschule. Die praktische Ausbildung sorgt dafür, dass Lernende vom ersten Tag in der Arbeitswelt mitwirken.

Der Erfolg des dualen Systems zeigt sich auch darin, dass es die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einem kürzlich veröffentlichten Bericht als sehr guten Weg aus der Krise bezeichnet hat. In Italien, Spanien und Portugal wird bereits an der Entwicklung eines dualen Berufsbildungssystems gearbeitet.

Damit das System auch in den Krisenländern, brauche es Zeit, sagt Ekkehard Ernst von der International Labour Organization, einer Sonderorganisation der UNO. Ernst hat sich eingehend mit dem Thema Jugendarbeitslosigkeit beschäftigt – und kennt die Probleme.

SRF News Online: Über die Hälfte der Jugendlichen in Griechenland und Spanien ist ohne Arbeit, in Italien und Portugal sind über 40 Prozent betroffen. Was lief falsch?

Ekkehard Ernst: Süd-europäische Krisenländer sind vor allem von einem dramatischen Abfall des Wirtschaftswachstums betroffen. Griechenland hat seit 2009 fast 20 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verloren. Das hinterlässt unweigerlich Spuren auf dem Arbeitsmarkt. Dazu kommt: Die jetzige Sparpolitik in diesen Ländern und die Überschuldung von Banken und Privatunternehmen hat die Investitionstätigkeit stark reduziert, was die Nachfrage nach Beschäftigung weiter drückt.

Wieso liegt die Erwerbslosenquote bei uns in der Schweiz nur bei circa 2,9 Prozent?

Die Schweiz profitiert wie einige Nachbarländer von einer guten internationalen Verflechtung. Die hat es ihr erlaubt, rasch aus der Krise zu erwachsen. Ausserdem wurde das Instrument der Kurzarbeit massvoll und zielgerichtet eingesetzt, um Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt abzufangen. Wichtig für junge Menschen ist aber auch, dass mit dem dualen Ausbildungssystem ein Instrument zur Verfügung steht, das junge Menschen schnell und effizient von der Schule in die Arbeitswelt einbindet.

Wo liegen die Probleme bei einer Adaption eines solchen Systems?

Damit ein solches System funktionieren kann, muss erst einmal eine entsprechende Nachfrage gerade bei Klein- und Mittelständischen Unternehmen vorhanden sein. Dies ist im Moment in den Krisenländern aber nicht der Fall. Ausserdem werden die einzelnen Länder Anpassungen in den Ausbildungsplänen vornehmen müssen. Das braucht notgedrungen seine Zeit und setzt voraus, dass Akteure des privaten Sektors mit einbezogen werden. Und dann muss natürlich auch ein Anreiz für junge Menschen bestehen, eine solche Ausbildung aufzunehmen. Wenn dieses System nicht zu einer Verbesserung der Arbeitsmarktchancen führt, wird es sich nicht durchsetzen können.

Ihre Lösungsvorschläge?

Neben den direkten Massnahmen für junge Menschen ist es wichtig, das allgemeine wirtschaftliche Klima zu verbessern. Nur wenn Unternehmen wieder verstärkt investieren, können neue Jobs entstehen – für alle Arbeitnehmer. Das kann aber nur geschehen, wenn die jetzige Sparpolitik ausgesetzt und eine nachhaltige Bekämpfung der Bankenkrise angegangen wird. Andernfalls werden sich die Krisensymptome weiter verschärfen, was die Jugendarbeitslosigkeit dauerhaft verfestigen wird.

Darüber hinaus müssen flankierende Massnahmen ergriffen werden, um eine bessere Integration junger Menschen in den Arbeitsmarkt zu garantieren – etwa durch Verbesserung der Ausbildungssysteme und eine frühe Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt schon während der Schulzeit.

Das Gespräch führte Sharon de Wolf

Zur Person

Zur Person

Ekkehard Ernst studierte Volkswirtschaft. Seit 2008 arbeitet er bei der International Labour Organization. Zuvor war während mehrerer Jahre bei der OECD und der Europäischen Zentralbank tätig. Er ist Mitautor der UNO-Studie zum Thema Jungendarbeitslosigkeit.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Hansi Dragoner, Drachenstein
    Da wird wieder mal nur die CH angepriesen, die natürlich diesbezüglich keinen Pfennig Geld in die Hand nimmt, um Europa zu helfen. Das ist sozusagen in übertragenem Sinne der Eunuche Europas Helfen tun in Wort und Tat seit Jahren wieder mal nur die Deutschen. Die D-Arbeitsministerin und deutsche Gewerkschaften nehmen da Geld in die Hand und rühren direkt in diesen Ländern die Werbetrommel. Fraglich allerdings, ob man in den Ländern bereit ist dazu zulernen, dort gibt es zuviel Akademiker
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    1. Antwort von jo term, zürich
      Ihr Neid ist beste Anerkennung des CH Systems.
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    2. Antwort von Hansi Dragoner, Drachenstein
      @term: wieso Neid? dürfte wohl Ihrer Aufmerksamkeit entgangen sein, dass es in Deutschland, nun etwas größer als Ihr Westentaschenland das duale System PAR EXCELLENCE gibt und viel für deren Verbreitung in Europa tut. Sie in der Schweiz dagegen können nichts anderes als prahlen
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    3. Antwort von E.Waeden, H
      Lieber Herr Dragoner....richtig, wir Schweizer nehmen keinen Pfennig in die Hand um Europa zu helfen! Es sind aber ziemlich viele Schweizer-Rappen, die wir an die EU zahlen! :-) Und betr. hoher Arbeitslosigkeit in EU-Ländern tun wir ja viel! Wir nehmen sie Dank PFK alle! Entlassen dafür sogar gute Schweizer-Fachleute um EU-Bürger einzustellen. Und betr. Asylanten hat die kleine Schweiz mehr Menschen aufgenommen als das grosse Deutschland! Und jetzt behaupten Sie noch weiter, dass wir nix tun!
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    4. Antwort von Hans Haller, Kölliken
      Hansi Dragoner aus Drachenstein, wir kennen das "deutsche duale Plagiats-System" bestens und wissen es inzwischen auch realistischer einzuschätzen. - Könnte Ihnen Fälle mit Namen und Ort nennen, tu es aber anstandshalber nicht.
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    5. Antwort von Hansi Dragoner, Drachenstein
      @Haller: Was soll der bösartige Quatsch mit "deutschem Plagiatssystem". WIR in DEUTSCHLAND haben es nicht nötig hier abzukupfern, von der Schweiz schon gleich gar nicht. Sie in der Schweiz haben offentsichtlich keinen Geschichtsunterricht genossen, das duale Bildungssystem der deutschen Nation hat jahrhundertealte Wurzeln und hat sich aus Zünften, Gaffeln, Corporationen etc. entwickelt Aber Ihnen ist wohl allgmein gesehen an Verdrehungen gelegen.
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    6. Antwort von Hansi Dragoner, Drachenstein
      @Waeden: Mir kommen ja gleich die Tränen ob dieser selbstlosen Menschenfreundlichkeit der Schweiz. Und wen Sie in der Schweiz aufnehmen oder nicht das bekümmert mich wenig. Im gleichen Verhältnis wie die Zahl der Migranten steigt, steigt bei Ihnen wohl auch die Fremdenfeindlichkeit, siehe Initiativen gewisser "Volks"partei Ihres Landes.
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  • Kommentar von Alexander Moser, Interlaken
    Hoffentlich lesen unsere Politiker - allen voran diejenigen der SP - diesen beitrag auch... die sind nämlich drauf und dran, das duale Bildungssystem zunichte zu machen, indem es einerseits immer schwieriger, teurer und aufwändiger wird, Lehrlinge auszubilden, und andererseits in diesen Kreisen Studieren absolut IN ist - wie wenn wir nicht schon genug studierte Theoretiker und zuwenig fähige Praktiker hätten!!
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    1. Antwort von Michael Hunziker, 4456
      Lieber Herr Moser. Wettern Sie weiter gegen die Linken; auch wenn die Bürgerlichen seit Jahrzehnten in den meisten Parlamenten unseres Landes die Mehrheit haben. Ausserdem; es gibt Theoretiker, die den Handwerkern den Boden bereiten, damit diese erfolgreich arbeiten können. Es gibt auch "Praktiker", die gut daran tun würden, einmal über Sinn und Unsinn ihrer Werke "theoretisch" nach zu denken. Es braucht Beides. Geistige und körperliche Arbeit sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden.
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  • Kommentar von Dr. Wolfgang Klietmann, Boston
    In den deutschsprachigen Ländern (CH, AU, D) wird die Ausbildung in der Lehre mit wenigen Ausnahmen von der Privat-Industrie erbracht, aber von der staatlichen Aufsicht reguliert und kontrolliert, und mit der öffentlichen Berufsschule integriert. Neben der akademischen Ausbildung produziert dieses duale System den Nachwuchs für viele Berufe und Industrie mit anerkannten Diplomen bis zum Meisterbrief. Diese Ausbildung hat sich bestens an die Bedürfnisse der modernen Wirtschaft adaptiert.
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