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Wirtschaft «Das ist kein Ausverkauf von Schweizer Firmen»

Chinesische Syngenta, schwedischer Kuoni: An die geplanten Verkäufe von diesen Schweizer Unternehmen muss man sich erst gewöhnen. Experten betonen allerdings: Wirklich «schweizerisch» sind diese Konzerne längst nicht mehr.

Erst Kuoni, dann Syngenta – gleich zwei traditionelle Schweizer Unternehmen haben diese Woche bekanntgegeben, dass sie sich auf Übernahmeangebote aus dem Ausland einlassen wollen.

Dabei war zuletzt zu vernehmen, dass Arbeitsplätze in der Schweiz aufgrund der schwächelnden Wirtschaftslage vor Auslagerungen bedroht sind.

Doch gilt es den geplanten Besitzerwechseln bei der Kuoni Gruppe und Syngenta vorauszuschicken: Deren Geschäftsleitungen und -zweige sind längst so stark global ausgerichtet, dass die Übernahme durch ausländische Investoren nichts Aussergewöhnliches ist.

Folgen einer globalen Ausrichtung

Man müsse sehen, dass diese Unternehmen bereits heute ihre Absatzmärkte weitgehend im Ausland haben, betont Martin Frey, Leiter Corporate Finance von PwC Schweiz. Auch gehe es weder bei Kuoni noch bei Syngenta darum, eine Schweizer Nachfolgeregelung zu finden. «Diese Übernahmen sind marktorientierte und entsprechend emotionslose Entscheide», betont Frey.

Diese Übernahmen sind marktorientierte und entsprechend emotionslose Entscheide
Autor: Martin FreyLeiter Corporate Finance PwC

«Letztlich entscheidet das Aktionariat der Unternehmen», erklärt Ronald Sauser, Leiter M&A von EY Schweiz. Und bei den meisten grossen und börsenkotierten Unternehmen «wäre es naiv zu behaupten, hier handle es sich noch um reine Schweizer Unternehmen». Zentral bleibe jedoch, dass auch im Falle von Übernahmen solch international ausgerichteter Unternehmen die Schweiz eine wichtige Rolle im neuen Setup spielen könne, sagt Sauser weiter.

Arbeitsstellen hängen nicht nur von den Käufern ab

Beide Experten gehen nicht davon aus, dass die geplanten Übernahmen für die hiesigen Arbeitsplätze Risiken darstellen würden. Es sei denn, die übernommene wirtschaftliche Verfassung einer Firma hätte früher oder später so oder so zu einem Stellenabbau geführt: «Ob durch solche Übernahmen Arbeitsplätze in der Schweiz verloren gehen, hängt weniger vom Käufer ab, als von der operativen Konstellation der übernommenen Unternehmen», betont Martin Frey von PwC.

Der Vorsitzende von Chem China, Ren Jianxin, bei seiner Ankunft am Basler Hauptsitz von Syngenta.
Legende: Syngenta soll an den chinesischen Staatsbetrieb ChemChina gehen: dessen Vorsitzender Ren Jianxin am Basler Hauptsitz. Reuters

Im Falle der Syngenta hat sich die Konzernleitung im Vergleich zum ehemaligen amerikanischen Interessenten Monsanto für eine weniger einschneidende Lösung entschieden. SRF-Wirtschaftsredaktor Reto Lipp erklärt zum auserwählten chinesischen Staatsbetrieb ChemChina: «Die Chinesen – anders als etwa US-Firmen – gehen sehr vorsichtig zu Werk, sie müssen sich auch nicht beeilen, denn sie denken langfristiger als westliche Manager, die vor allem den nächsten Quartalsbericht vor Augen haben.»

Im Falle der Kuoni Gruppe kann es laut Aussagen der Experten durch eine Übernahme nur aufwärts gehen. «Der Verwaltungsrat ist offensichtlich zum Schluss gekommen, dass das Unternehmen bei EQT besser aufgehoben wäre», fasst Sauser von EY die Ausgangslage zusammen. Man könne ausserdem davon ausgehen, dass die Schweizer Gründungsstiftung als Minderheitsaktionärin im Verwaltungsrat verbleibe, so Sauser weiter.

Hohes Interesse an Schweizer Marken

Alle drei Experten sind sich einig, dass die zuletzt angekündigten Übernahmen nicht im Zusammenhang mit der angespannten Exportsituation in der Schweiz stehen. «Das ist kein Ausverkauf von Schweizer Firmen», betont Martin Frey von PwC. Doch sei insbesondere das Interesse von Firmen aus dem asiatischen Raum und den Golfstaaten an Schweizer Unternehmen stark gestiegen, sagt der Experte von PwC.

«Chinesen und andere asiatische Investoren würden gerne vermehrt Schweizer Unternehmen kaufen, inbesondere wenn diese über interessante Technologien und/oder starke Marken verfügen», erklärt Frey. Als Beispiel nennt er die Hersteller von Nahrungsmitteln und anderen Konsumgütern, denn solche Firmen und deren Produkte hätten in China und Asien allgemein ein riesiges Marktpotenzial. Doch die Besitzverhältnisse vieler solcher Firmen reduziere die Wahrscheinlichkeit von Übernahmen aus emotionalen Gründen, da die Schweizer Wurzeln der Kernaktionäre nach wie vor stark seien.

Laut Reto Lipp ist denn auch die Versorgung der Bevölkerung ausschlaggebend dafür, dass ein chinesischer Staatsbetrieb Syngenta für 44 Milliarden übernehmen will: «Dass China jetzt in der Schweiz einkauft, hat vor allem damit zu tun, dass die Chinesen unbedingt ihre Landwirtschaft effizienter machen müssen, um die grosse Bevölkerung mittel- bis langfristig zu ernähren. Diese Überlegung hat eindeutig Priorität vor anderen eher ökonomischen Motiven», so der SRF-Wirtschaftsredaktor.

Kennzahlen

Kennzahlen
Syngenta Als eines der international führenden Agrarunternehmen verfügt Syngenta über 28‘000 Mitarbeitende verteilt auf 90 Länder. In der Schweiz beschäftigt das Unternehmen über 3'200 Angestellte. Der Konzern ging aus einer Fusion der Agrargeschäfte von Novartis und AstraZeneca Im Jahr 2000 hervor. Der Unternehmenssitz ist in Basel. 2015 erreichte Syngenta einen Umsatz von 13,411 Milliarden Dollar.
Kuoni Gruppe Die Kuoni Gruppe bietet weltweit ausschliesslich Reisedienstleistungen für Geschäftskunden wie Reisebüros, Onlineportale, Reiseveranstalter sowie Regierungen an und ist nicht mehr im traditionellen Endkundengeschäft für klassische Ferienreisen tätig. Kuoni Schweiz wurde im September 2015 an die deutsche REWE Gruppe verkauft. Die Gruppe besteht derzeit noch aus der Visa-Sparte VFS Global, dem Gruppenreisegeschäft GTS und dem online Vertriebspartner für Unterkünfte und weitere Dienstleistungen an Destinationen GTD. In der Schweiz beschäftigt die Gruppe aktuell rund 300, weltweit um die 8000 Mitarbeitende. Kuoni wurde 1906 von Alfred Kuoni gegründet. 1957 wurde die Kuoni-und-Hugentobler-Stiftung gegründet: Diese hält 25 Prozent der Stimmrechte. Der Unternehmenssitz ist in Zürich. 2014 erzielte die Kuoni Gruppe einen konsolidierten Umsatz von 3,4 Milliarden Franken.

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Bolliger (robo)
    Vorallem das NICHT-EU-Land Schweiz braucht überall auf der Welt freier Marktzugang (Import und Export). Die in letzter Zeit markant zugenommenen "Verschacherungen" von bekannten (alten) Wirtschafts-Unternehmen, machen auch einem 76-jährigen "Grufti" (Rentner) trotzdem aber grosse Sorgen: Schnell bauen die "fremden Käufer" viele Arbeits-Stellen bei uns ab und verlegen sie in ihre viel billigere Arbeitswelt! Sie befehlen, was zu tun und nicht zu tun ist, bei uns, im Land ohne Bodenschätze!
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  • Kommentar von Thomas Ofner (Thomas Ofner)
    Kapital in China, Technologie und Arbeitsplätze in der Schweiz? Wer's glaubt wird selig. Welches Interesse sollte ein chinesischer Konzern langfristig am Standort Schweiz haben? Was soll das Geschwätz von der strategischen Partnerschaft mit China (Bundesrat Schneider-Ammann). Die Geschichte von David und Goliath blieb historisch gesehen eher ein Einzelfall, oder? Und was ist mit den Schweizer Investoren los? Wollen die sich nur noch aufs Altenteil setzen und Gewinne kassieren?
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Wenn das Unternehmen global ausgerichtet ist, dann ist es nicht logisch, dass es in ausländische Hände gerät, denn es entspricht ja auch nicht den Traditionen der neuen "ausländischen" Eigentümers. Das Problem ist, dass CH-Wirtschaftsvertreter, wie Politik unheimlich naiv und lasch denken. Die CH-Denkweise ist wohlstandskrank, nicht mehr innovativ. Denn wieso sollte ein CH-Manager nicht das gleiche Werk vollbringen als ein Chinese? Den unterstützenden Hintergrund hat man ja.
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