Drohender Rückfall der Medizin Dringend gesucht: Neue Antibiotika

Viele Krankheitserreger haben Resistenzen gegen Antibiotika entwickelt. Das ist fatal. Es gibt nämlich keine neuen antibiotischen Wirkstoffe. Denn die Pharmafirmen forschen lieber an Krebsmedikamenten. An denen verdienen sie mehr.

Wieso sind Antibiotika in der Medizin so wichtig? Marc Gitzinger, Chef der kleinen Firma Bio-Versys in Basel, die an neuen Antibiotika forscht, sagt: «Der medizinische Fortschritt hängt zu einem grossen Teil von Antibiotika ab.» Es könnten kaum Operationen durchgeführt werden, Frühgeborene würden nicht so gut überleben, fast alle Krebstherapien, bei denen das Immunsystem ausgeschaltet wird, benötigten auch Antibiotika, führt er aus. «Unsere gesamte Palette des Fortschritts liegt an dieser Medikamentenklasse.»

Was macht Antibiotika-Resistenzen gefährlich? 25‘000 Patientinnen und Patienten sterben jedes Jahr alleine in Europa, weil sie mit Erregern, die resistent gegen Antibiotika sind, infiziert waren. Die Zahl dürfte sich in den kommenden Jahren noch erhöhen. Seit 20 Jahren kam kein neues Antibiotika auf den Markt.

Forschen auch grosse Pharmafirmen an neuen Antibiotika? Nach einer Erhebung des Beratungsunternehmens EY (vormals Ernst & Young) konzentrieren sich die 21 grössten Pharmakonzerne der Welt auf das viel einträglichere Geschäft mit Krebsmedikamenten. 1800 Krebsprojekten stehen gerade mal 500 Projekte für Infektionskrankheiten gegenüber. Und von diesen 500 dürften die allermeisten auf Hepatitis C fallen. Forschungsprojekte für neue Antibiotika bleiben trotz aller Aufrufe eine Rarität. Das zeigen die EY-Zahlen eindeutig.

«  Unsere gesamte Palette des Fortschritts liegt an dieser Medikamentenklasse. »

Marc Gitzinger
CEO der Firma Bio-Versys in Basel

Warum wird nicht intensiv an neuen Antibiotika geforscht? «Mit Antibiotika lässt sich etwas weniger verdienen», sagt Gitzinger. Eine Therapie mit Antibiotika dauert ungefähr eine bis vier Wochen. Danach ist der Patient in der Regel gesund. Da Antibiotika alles alte Medikamente ohne Patentschutz sind, kostet eine Therapie im teuersten Fall 5000 Franken. Käme ein neues Antibiotika auf den Markt, müsste die Pharmafirma es in diesem Preisumfeld positionieren. Ganz anders sieht die Situation bei Krebsmitteln aus. Zum einen dauert die Therapie viel länger, was den Umsatz antreibt. Weil es viel weniger Krebsmedikamente mit abgelaufenem Patent gibt, können die Pharmaunternehmen zudem viel mehr verlangen, meist mehrere zehntausend Franken.

Was droht der Medizin ohne neue Antibiotika? Erst kürzlich sagte eine Studie in Grossbritannien, dass ohne neue Antibiotika ab 2050 wieder mehr Menschen an bakteriellen Infekten als an Krebs sterben werden.

Wie will man Abhilfe schaffen? International wird diskutiert, ob es ausreiche, wenn die öffentliche Hand Forschung an neuen Antibiotika finanziell unterstützt oder ob es gar Preisgarantien für ein erfolgreiches Medikament bräuchte.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Resistente Bakterien – Wie gefährlich sind die Ferien-Souvenirs?

    Aus Puls vom 22.8.2016

    Bakterien, die gegen mehrere Antibiotika unempfindlich sind: Ein wachsendes Problem für die moderne Medizin. Besonders oft fängt man sich solche «Superbugs» in Spitälern ein. Sie können aber auch unbemerkt von Auslandreisen mit Heim gebracht werden – ohne Spitalbesuch im Ferienland. In einer Studie der Universität Bern waren drei von vier Indien-Reisenden mit multiresistenten Bakterien besiedelt. «Puls» fragt nach, was das für die Betroffenen selbst und für ihr Umfeld bedeutet.

  • Neue Antibiotika: Wenig Anreize für Big Pharma

    Aus ECO vom 1.2.2016

    Es ist eine tickende Zeitbombe: Resistente Bakterien sind weltweit im Vormarsch und verursachen immer mehr tödliche Infekte. Das Problem: Die Grossen der Pharmabranche haben sich weitgehend aus der Forschung nach neuen Antibiotika zurückgezogen. Denn die Renditeaussichten sind weit weniger rosig als bei der Entwicklung neuer Krebsmedikamente. Für kleinere Pharmaunternehmen ist es sehr schwierig, die Forschung überhaupt finanzieren zu können.