«Es fehlt am Vertrauen in die Wirtschaft»

Seit Jahresbeginn geht es für den Rubel nach unten, allein in den vergangenen fünf Tagen um 14 Prozent. Der sinkende Ölpreis sowie die Sanktionen machen dem Rubel zu schaffen. Gemäss SRF-Korrespondent Peter Gsyling merken das auch die Russinnen und Russen. Protest regt sich aber kaum.

Der Kreml in Moskau. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Russland bezieht rund 40 Prozent seiner staatlichen Einnahmen aus dem Öl-Export. Das drückt den Rubel. Keystone

Der Preiseinbruch am Rohölmarkt setzt die Währung des ölreichen Russlands immer stärker unter Druck. Erstmals mussten mehr als 50 Rubel für einen Dollar gezahlt werden – so viel wie nie zuvor. Dasselbe beim Euro: Für einen Euro müssen derzeit 64,8 Rubel gezahlt werden, ebenfalls ein Rekordhoch.

Der Rubel im freien Fall

4:20 min, aus SRF 4 News aktuell vom 01.12.2014

Ein Grund für die Talfahrt des Rubels sind die massiv fallenden Ölpreise. Wegen des hohen weltweiten Angebots bei zugleich verhaltener Nachfrage sinkt der Ölpreis seit diesem Sommer. Verschärft wurde die Entwicklung durch die Entscheidung des Ölkartells Opec vom vergangenen Donnerstag: Die Opec will die Ölproduktion nicht kürzen.

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Peter Gysling

Porträt von Peter Gysling.

Peter Gysling arbeitet seit 1980 als Journalist für SRF. Während des Mauerfalls war er Korrespondent in Deutschland. Von 1990 bis 2004 und erneut seit 2008 ist er Korrespondent in Moskau.

Kaum Investitionen in Russland

Für SRF-Korrespondenten Peter Gysling hängt die Rubelschwäche aber nur teilweise mit den fallenden Ölpreisen zusammen. «Die Russen verkaufen ihr Öl in US-Dollar, so wie andere Staaten auch.» Weil das Öl, wie andere Exportgüter in Dollar vergütet werde, bringe ein verdienter Dollar nun eben mehr Rubel ein.

Trotzdem schwäche der niedrige Preis des Rohstoffs die erwarteten Gewinne für den russischen Staatshaushalt um etwa 90-100 Milliarden Dollar pro Jahr. Zudem wird gemäss Gysling in der russischen Wirtschaft kaum mehr investiert. «Es fehlt am Vertrauen in die Wirtschaft und in die Rechtssicherheit».

Eigene Gegensanktionen schaden auch

Russland leide aber auch unter den westlichen Sanktionen und an den selbst erlassenen Gegensanktionen gegen den Westen. Das Land sei von Kapitalflucht betroffen, weil viele reiche Russen ihr Vermögen im Ausland in Sicherheit bringen.

Die Sanktionen aus dem Westen spüren laut Gysling vor allem die Grossunternehmen, die Oligarchen und die grossen Geldinstitute, wenn sie beispielsweise hohe Kredite aufnehmen wollen.

Auch die Konsumenten bekommen die Strafmassnahmen und den schwachen Rubel zu spüren. Viele Produkte kommen aus dem Ausland und sind in Rubel jetzt sehr viel teurer geworden. «Die Leute werden ja nicht besser bezahlt, wenn der Rubel an Wert verliert.» Zudem würden viele Taxen aufs neue Jahr erhöht und neue Steuern – zum Beispiel für Wohneigentum – erhoben.

Protestbewegung in die Ecke gedrängt

Mit grossen Protesten gegen die Regierung sei jedoch nicht zu rechnen, sagt der Korrespondent. Zwar gebe es hinter vorgehaltener Hand Kritik von den Ministern für Wirtschaft und Finanzen, doch die grosse Protestbewegung sei durch Propaganda und repressive Gesetze zurückgedrängt worden.

Der Grossteil der russischen Bevölkerung sei ohnehin wenig besorgt. Denn: «Wenn jemand schuld ist am schlechten Gang der russischen Wirtschaft, so ist das ausschliesslich der Westen mit seinen Sanktionen.» Mit dem Hinweis darauf lasse sich sehr vieles erklären. Die russische Regierung gibt sich darum laut Gysling eher gelassen. Die Kritik, dass die Krise auch selbst verschuldet ist, wird weit zurückgewiesen.

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