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Wirtschaft «Externe Kinderbetreuung sollte zum Service public werden»

Während Bund und Arbeitgeber auf die Erfolge der vor fünf Jahren lancierten Fachkräfteinitiative hinweisen, üben die Arbeitnehmer Kritik: Es werde zu wenig dafür getan, das inländische Potenzial auch tatsächlich auszuschöpfen, so der Präsident von Travailsuisse.

Symbolbild: Kinder mit Betreuerin an einem Mittagstisch.
Legende: Die externe Kinderbetreuung sei quasi eine Staatsaufgabe, findet Gewerkschafter Wüthrich. Keystone Archiv

SRF News: Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Probleme der Fachkräfteinitiative?

Adrian Wüthrich: Es hapert bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie bei den älteren Arbeitnehmern.

Gerade im Bereich Beruf/Familie ist der Bund ja durchaus aktiv, indem er die Schaffung von neuen Kinderkrippen unterstützt.

Zum Glück macht das der Bund. Doch die 100 Millionen Franken, verteilt über fünf Jahre, erachten wir als zu wenig. Es braucht mehr Geld, wenn wir mehr Frauen und Männer in den Arbeitsmarkt bringen wollen.

Ist es nicht auch Sache der Betroffen, sich selber besser zu organisieren, wie das etwa vom Gewerbeverband zu hören ist?

Die vergleichsweise sehr hohe Erwerbsquote der Schweiz zeigt tatsächlich, dass bereits viel möglich ist. Aber wir sprechen davon, die Erwerbsquote noch mehr zu erhöhen und dazu braucht es einen zusätzlichen Effort, der über das Normale hinaus geht. Und da braucht es zusätzliche Massnahmen im Bereich der familienergänzenden Kinderbetreuungs-Infrastruktur. Das Ziel in der Schweiz müsste sein, dass die externe Kinderbetreuung und Tagesschulen zum Service public werden. Die Betreuungsstrukturen müssten vom Staat zur Verfügung gestellt werden, denn davon hätte die ganze Gesellschaft einen Nutzen.

Welche griffigeren Massnahmen schlagen Sie vor?

In der ganzen Schweiz muss dort, wo es nötig ist, die familienergänzende Kinderbetreuung flächendeckend angeboten werden. Leute, die mehr arbeiten möchten, sollen das auch können. Hier gibt es offenbar ein Potenzial von einigen tausend Stellen. Allerdings ist bei den Gesprächen im Rahmen der Fachkräftetagung klar geworden, dass es die Schweiz ohne Zuwanderung aus dem Ausland nicht schaffen kann, die gesamte Nachfrage nach Fachkräften bereitzustellen.

Die Fachkräfteinitiative listet insgesamt 43 Massnahmen auf. Wäre es besser gewesen, weniger, aber dafür konkretere Massnahmen zu definieren?

Tatsächlich kritisieren wir dies: Der Bund hat 43 Massnahmen definiert, die aus allen Politikbereichen genommen wurden und unter die Fachkräfteinitiative subsummiert wurden. Allerdings gibt es aktuell keine einzige gesonderte Massnahme, die der Bund zur Steigerung des Arbeitskräftepotentials getroffen hat. Wir aber fordern, dass es mindestens einen Sonderkredit für die Weiterbildung der älteren Arbeitnehmenden gibt. So würde die Fachkräfteinitiative tatsächlich etwas Fleisch am Knochen erhalten.

Das Gespräch führte Samuel Burri.

Adrian Wüthrich

Adrian Wüthrich

Der Berner Adrian Wüthrich ist Präsident der Gewerkschaft Travailsuisse. Er sitzt für die SP im Grossrat und in der Berner Gemeinde Huttwil im Gemeinderat.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Philipp Etter (Philipp Etter)
    Zeugung extern, Ernährung mit Nestle-Produkten, Betreuung extern, Erwachsenenleben intern oder extern, Betreuung/Pflege meist extern, Schluss?
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  • Kommentar von Samuel Nogler (semi-arid)
    Da wird ständig vom Kindwohl gesprochen und dann wird die Trennung der Kinder von ihrer Eltern gefördert, unverständlich. Der richtige Weg wäre, dass Unternehmen Home-Office fördern oder die Arbeitsplätze von arbeitenden Eltern so einrichten, dass sie dort ihre Kinder mitnehmen können und während der Arbeit betreuen können. Es gibt viele wissenschaftliche Studien die zeigen, dass mit Ausnahme von einige wenige unfähige Eltern, niemand mit Kindern besser umgeht als deren Eltern.
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    1. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Gemäss geltender CH-Arbeitsrecht dürfen die Eltern sogar im Home Office keine Kinderbetreuung betreiben. Und das ist gut so. Stellen Sie sich vor, Eltern würden in 100% Arbeitszeit offiziell viel weniger Leistung erbringen, als andere. Da wäre die eine oder die andere Arbeitnehmerin ganz schnell weg vom Fenster. Und ihre Stelle wäre für eine frei, die ihre Kinderbetreuung in Griff hat. Und das ist auch gut so.
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    2. Antwort von Samuel Nogler (semi-arid)
      Nein, Frau Fitzi, dies ist nicht gut. Eine schlechtere Leistung von Eltern, die ihre Kinder bei der Arbeit mit dabei haben, müsste zuerst einmal nachgewiesen werden - eine solche Studie wäre interessant. Normalerweise lenkt es ja auch kaum ab, wenn Kinder in einem Raum spielen und jemand im Nebenraum arbeitet. Es gibt viele Kulturen auf dieser Welt bei der die gesamte Familie zusammen ist und die Eltern arbeiten, während die Kinder spielen. In Afrika wird dies vielerorts vorgelebt.
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Wenn das so kommt, dann sollte auch die Gesetzgebung dahingehend geändert werden, dass die Mütter bis zu einem gewissen Alter des Kindes (ich glaub bis zum 6 LJ) nicht zum Arbeiten gezwungen werden könnten, auch nicht im Fall von Sozialhilfeabhängigkeit. Wenn die Kinderbetreuung zum Service Public wird, dann müssten die Familien/alleinerziehende Elternteile dies wirklich nutzen müssen, um ihr eigenes Geld zu verdienen. So wäre es fair gegenüber der Allgemeinheit.
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    1. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Jetzt sehe ich, ich habe widersprüchlich formuliert: Also die aktuell geltende Gesetzgebung, demnach Mütter nicht zur Arbeit gezwungen werden können, müsste dann aufgehoben werden. Also die Mutter müsste gezwungen werden können, im Ernstfall (Sozialhilfe, Schulden usw.) auch arbeiten zu gehen, wenn schon die Kinderbetreuung staatliche Aufgabe wäre.
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