Falscher Alarm bei VW? Abgas-Skandal betrifft viel weniger Autos

Leichtes Aufatmen bei Volkswagen. Von der Manipulation bei CO2-Werten sind nur etwas mehr als 35'000 Fahrzeuge betroffen. Doch von Entwarnung kann keine Rede sein. Für den Betrug bei Stickoxid-Werten drohen den Wolfsburgern noch immer Zahlungen in Milliardenhöhe.

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VW gibt teilweise Entwarnung

1:02 min, aus Tagesschau am Mittag vom 10.12.2015

Mehr als einen Monat trug Volkswagen die Zahl von 800'000 Autos mit falschen Angaben zum Klimakiller Kohlendioxid vor sich her. Am Ende wohl weitgehend grundlos: Die Unregelmässigkeiten sollen weniger Autos betreffen und auch gar nicht so schlimm sein.

Von den falschen CO2-Abgaswerten und damit falschen Spritverbrauchsangaben bei VW sind dem Konzern zufolge deutlich weniger Autos betroffen als befürchtet. Statt rund 800'000 Fahrzeugen könnten nach erneuter Prüfung durch das Kraftfahrt-Bundesamt, das Bundesverkehrsministerium und VW nur noch rund 36'000 betroffen sein.

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«Abweichungen wurden in den internen Messungen nur bei neun Modellvarianten festgestellt», teilte VW in Wolfsburg mit. Der Verdacht auf rechtswidrige Veränderung der Verbrauchsangaben habe sich nicht bestätigt. Zuvor hatte bereits die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» darüber berichtet.

Die internen Messergebnisse sollen nun bis Weihnachten nochmals unter behördlicher Aufsicht bei einem neutralen Technischen Dienst überprüft werden. Anschliessend könnten alle Fahrzeuge, bei denen die Richtigkeit der Angaben bestätigt werde, «uneingeschränkt angeboten und verkauft werden».

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Behörden relativieren

Die deutschen Behörden haben zurückhaltend auf die Mitteilung des VW-Konzerns reagiert. Es handle sich um interne Untersuchungen, betonte ein Sprecher. Nach dem Bekanntwerden der Unregelmässigkeiten haben die Behörden neue Messungen des CO2-Ausstosses angeordnet – diese würden «auch jetzt weiter in vollem Umfang durchgeführt», so der Sprecher.

Für alle anderen müssten die Genehmigungswerte im Rahmen «üblicher Prozesse» zunächst noch angepasst werden. Ähnliche Fälle habe es in der Vergangenheit auch bei VW und anderen Autoherstellern bereits gegeben.

Hochrechnungen von 800'000 betroffenen Autos viel zu hoch

Nach Angaben von Volkswagen stossen die besagten neun Modellvarianten entsprechend des gültigen Europäischen Prüfzyklus auf dem Prüfstand «im Mittel nur wenige Gramm CO2» mehr aus als bislang angegeben. Dies entspreche zugleich einer Erhöhung des Verbrauchs im Messzyklus von etwa 0,1 bis 0,2 Liter auf 100 Kilometer.

Für den Einsatz auf der Strasse bleibe aber alles beim alten: «Die Realverbrauchswerte der Kunden ändern sich nicht, zudem sind keine technischen Massnahmen an den Fahrzeugen notwendig», hiess es weiter.

«Es gab anfangs Unplausibilitäten», sagte ein VW-Sprecher, «und es gab Mitteilungen von Mitarbeitern, die sich nicht sicher waren, ob bei Messungen alles mit rechten Dingen zugegangen war.» Eine Hochrechnung habe dann ergeben, dass 800'000 Autos betroffen sein könnten. Der Verdacht habe sich aber nun nicht bestätigt.

Noch immer drohen Strafzahlungen von 30 Milliarden

Damit dürften auch die von VW zunächst auf zwei Milliarden Euro geschätzten Kosten für die Kohlendioxid-Unregelmässigkeiten deutlich geringer ausfallen. Die ursprüngliche erwartete Ergebnisbelastung habe sich damit nicht bestätigt, betonte VW. Unklar sei aber, ob dennoch wirtschaftliche Belastungen entstünden. Dies hänge von den Nachmessungen ab.

Am 3. November hatte der Konzern erstmals von den Unregelmässigkeiten berichtet. Zumindest am Aktienmarkt stiess die Nachricht umgehend auf positives Echo: Die Aktie legte zwischenzeitlich um knapp fünf Prozent zu.

Nach wie vor ungeklärt sind die finanziellen und strafrechtlichen Konsequenzen der Manipulationen von Stickoxidwerten bei weltweit mehr als elf Millionen Diesel-Fahrzeugen aus dem VW-Konzern. Schätzungen für die Kosten des Abgas-Skandals für den Konzern beginnen bei 20 bis 30 Milliarden Euro.