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Wirtschaft Fatale Finanzflüsse: Wenn Milliarden einfach verschwinden

Rund eine Billion – also eine Eins mit zwölf Nullen – US-Dollar fliessen jährlich aus Entwicklungs- und Schwellenländern ab. Dies geschieht illegal oder zumindest unlauter, und häufig in Industrieländer wie die Schweiz; ein wirtschaftlicher Aderlass für die betroffenen Staaten, sagen Experten.

Unlautere Finanzflüsse sind Gelder, die versteckt über Grenzen verschoben werden. Also einerseits Gelder aus illegalen Machenschaften, die geheim gehalten werden, damit der Waffenhandel oder der Drogenschmuggel selbst nicht auffällt. Andererseits auch Gelder aus legalen Geschäften, die versteckt verschoben werden, um Steuern zu sparen.

Statistiken über unlautere Finanzflüsse gibt es selbstverständlich nicht, dank der NGO Global Financial Integrity aber grobe Schätzungen, wie Geschäftsführer Tom Cardomone erklärt.

Nach einer in der Wissenschaft bewährten Methode vergleicht Global Financial Integrity offizielle Statistiken des internationalen Währungsfonds zum internationalen Handel mit Zahlen zum Zahlungsverkehr zwischen den einzelnen Ländern.

Lücken oder eher Lecks in den Zahlungsbilanzen, die nicht mit irgendwelchen Handelsaktivitäten begründet werden können, zählen als unlautere Finanzflüsse, sagt Cardamone.

Aderlass für betroffene Länder

Global Financial Integrity schätzt, dass allein im Jahr 2012 rund eine Billion Dollar aus Entwicklungsländern abgeflossen sind, Tendenz seit Jahren steigend. Eine Billion Dollar, das ist rund zehn Mal mehr als in Form von Entwicklungshilfe in die Länder hineinfliesst.

Die unlauteren Finanzflüsse seien deshalb das zentrale ökonomische Problem vieler Entwicklungsländer, betont Cardamone: «Mit dem Abfluss verlieren die Länder viel von ihrem Potenzial.» Einerseits fehlten den Staaten wichtige Steuereinnahmen – zum Aufbau des Gesundheits- und Bildungswesens beispielsweise. Andererseits leide die Wirtschaft unter mangelnden privaten Investitionen.

Eine Frage des politischen Willens

Was tun? Eine ganze Reihe von Massnahmen stehen für Cardamone im Vordergrund: «Transparentere Behörden, eine stärkere Zivilgesellschaft, eine freie und kritische Presse – all dies hilft, die Korruption und damit die unlauteren Geldflüsse zu reduzieren.»

Ein Mann trinkt Wasser in Kalkutta, Rauch steigt hinter ihm auf
Legende: Allein aus Indien werden im Jahr durchschnittlich fast 50 Milliarden Dollar ausser Landes geschafft. Keystone

Wichtig und bisher viel zu wenig beachtet sei aber die Tatsache, dass rund drei Viertel der unlauteren Gelder auf Grund falsch deklarierter Preise fliesse. Wer beim Wert eines Produkts untertreibt, zahlt weniger Steuern – so der Geschäftsführer von Global Financial Integrity.

Die Zollbehörden müssten deshalb gestärkt werden, so dass sie den effektiven Wert der Waren, die über die Grenzen verschoben werden, feststellen können. Technisch sei das nicht sehr anspruchsvoll, sondern mehr eine Frage des politischen Willens, den Handel über die eigenen Grenzen genau zu überprüfen. Und es wäre sehr effektiv im Kampf gegen unlautere Finanzflüsse, ist Cardamone überzeugt.

Lob für Schweizer Weissgeldstrategie

Natürlich seien auch die Länder gefordert, die Ziel der Flüsse sind, sagt er – und erwähnt die Schweiz, die lange als einer der grossen sicheren Häfen für unlauteres Geld gegolten hat.

Cardamone erwähnt die Schweiz heute lobend. Denn mit dem Einschwenken auf die Weissgeldstrategie der Banken und den Bemühungen hin zum automatischen Informationsaustausch mit anderen Ländern sei die Schweiz inzwischen beispielhaft.

Das Ziel müsse sein, die unlauteren Finanzflüsse weltweit um die Hälfte zu reduzieren, meint Cardamone. Bestärkt sieht er sich durch die Tatsache, dass sich auch die UNO in ihren Nachhaltigkeitszielen, die diese Woche die Milleniumsziele ersetzen, die Bekämpfung der unlauteren Finanzflüsse auf die Fahnen geschrieben hat.

2 Kommentare

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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    H.K: Da haben Sie völlig recht. Das wäre die beste Lösung für alle. Ich befürchte aber, dass ihr Vorschlag viel zu gut ist, dass je einer der "Trickser" darauf eingehen wird. Es ist ja gerade der Kick den diese "Multis" brauchen, so viele wie möglich zu täuschen und zu hintergehen. Unsere Kinder brauchen ja auch so komische Kicks, die können sich vielleicht am ehesten vorstellen, was das bedeutet, davon zu leben.
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  • Kommentar von H. K. (Input)
    Wie sagt doch die Landeslotterie so schön:"Wir machen die meisten Millionäre!" Das kann ja nicht der Job der Regierungen und der Entwicklungshilfe-Organsationen sein! Wäre es vielleicht besser, an Stelle von "Geldern", "Leistungen" zu spenden!? Das würde gleichzeitig Arbeitsplätze, reale Hilfe und Wohlstand zur Folge haben! Wird doch auch so mit Brunnenbau gemacht!
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