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Mutiger Schritt in die berufliche Selbständigkeit
Aus Echo der Zeit vom 23.07.2021.
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Firmengründungen mit über 50 Nicht alle Jungunternehmer sind jung

Hans-Ulrich Siegenthaler verliert mit 51 den Job und gründet eine eigene Firma. Mit Erfolg – dank Netzwerk und Ausdauer.

Der graue Bart verrät sein Alter. Hans-Ulrich Siegenthaler ist 56-jährig. Der studierte Maschinen- und Kunststoff-Ingenieur ist Experte für Verfahren zur Herstellung verschiedenster Materialien: Kunststoffe, Pharmaprodukte, Lebensmittel. Er machte Karriere in einem Industrie-Unternehmen, arbeitete sich hinauf bis in die Geschäftsleitung.

«Ein Schock»

Er war verantwortlich für das Innovations-Management. Aber weil man sich über die Unternehmensstrategie nicht einig war, musste er gehen. «Ein Schock für mich, meine Ehefrau und unsere vier Kinder», sagt er. Er meldete sich beim Arbeitsvermittlungszentrum RAV an, um eine neue Anstellung zu finden. Er dachte nicht daran, sich selbständig zu machen.

Legende: Hans-Ulrich Siegenthaler bereut dein Schritt in die Selbständigkeit nicht. SRF/Iwan Lieberherr

Erst als frühere Kunden sagten, er solle sie wissen lassen, wohin er gehe, denn sie könnten sich vorstellen, auch in Zukunft mit ihm zusammenzuarbeiten. «Da merkte ich: Das könnte doch ein Geschäftsmodell sein.» So wagte Siegenthaler vor sechs Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit als Entwickler von Anlagen und Produktionsverfahren und Berater – in seinem angestammten Metier also, um sein Wissen und seine Erfahrungen weiterzugeben.

Siegenthaler ist kein Einzelfall. Immer häufiger machen sich ältere Berufstätige als Beraterin oder Berater selbständig, wie eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) zeigt. Demnach ist bereits jeder vierte Firmengründer, jede vierte Firmengründerin älter als 50.

Ohne Kredite

Zuerst brauchte Siegenthaler Geld zur Überbrückung, bis die ersten Aufträge kamen. Dank eines Erbvorbezugs konnte er die Startphase finanzieren, mit einem kleinen, sechsstelligen Betrag. So musste er sein Pensionskassenkapital nicht antasten und brauchte keine Bankkredite.

Legende: Als Startkapital konnte er auf einen Erbvorbezug zurückgreifen. SRF/Iwan Lieberherr

Acht Monate Zeit gab er sich, dann sollte er genügend Aufträge haben, um aus eigener Kraft überleben zu können. Die Rechnung ist aufgegangen. Vor allem dank seines grossen Beziehungsnetzes, das er sich in den Jahrzehnten davor aufgebaut hatte – ein Vorteil, den Senior Entrepreneurs gegenüber jungen Gründerinnen und Gründern haben.

Allein zuhause

Anfänglich arbeitete Siegenthaler von zuhause aus. «Das war eine grosse Herausforderung, allein zu sein, ohne Kollegen, um sich auszutauschen. Das war ein schwieriger Start.» Schon bald fiel ihm die Decke auf den Kopf, und er half mit, in Aarau einen Co-Working-Space aufzubauen.

In dem hat er heute sein Büro eingerichtet – neben 40 anderen Leuten verschiedensten Alters, aus verschiedensten Branchen. «Leute, mit denen ich Ideen entwickeln, von denen ich lernen kann», sagt er.

Digitale Defizite

Als Senior Entrepreneur bringt er zwar viel Wissen und Erfahrung mit. Aber als Selbständiger sind teils neue Fähigkeiten gefragt; etwa, wenn man selber neue Kunden akquirieren oder sich mit IT-Fragen herumschlagen muss. Hier haben manche Ü50-Jungunternehmer Defizite, die ihnen die Arbeit erschweren, wie die FHNW-Studie bestätigt.

Abstriche gibt es beim Lohn. Siegenthaler verdient heute knapp 80 Prozent seines früheren Lohns als Geschäftsleitungsmitglied. Und er muss rund um die Uhr erreichbar sein, um keinen Auftrag zu verpassen: «Am Wochenende, in den Ferien: Ich schalte das Telefon nie mehr aus.»

Legende: Im Co-Working-Space ist Siegenthaler wohler als im Homeoffice. SRF/Iwan Lieberherr

Dennoch bereut er den Schritt in die Selbstständigkeit nicht, denn er habe ihm auch Freiheiten gebracht. «Ich kann Kunden und Aufträge aussuchen. Manchmal arbeite ich zehn Tage an einem Projekt. Dann unternehme ich aber auch einmal mitten in der Woche eine Skitour.»

Freiheit statt Sicherheit

Ihm fehle manchmal die Sicherheit, die er als Angestellter gehabt habe, räumt Siegenthaler ein. Das musste er während der Corona-Pandemie erfahren. Die allermeisten Aufträge erhält er aus dem Ausland, er reist zu Kunden rund um den Globus. Doch von einem Tag auf den anderen war das nicht mehr möglich, das Geschäft brach vorübergehend ein.

Er lässt sich aber nicht beirren. «Ich habe Ausdauer», sagt der Marathon-Läufer. «Und ich bin motiviert – auch, weil ich nicht für irgendwelche Aktionäre arbeiten muss, sondern für mich und meine Familie.»

Endlich frei! Die Gründe für die Selbständigkeit

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Der Anteil an Gründerinnen und Gründern in der Altersklasse 50+ steigt. Heute ist jeder vierte Gründer, jede vierte Gründerin über 50 Jahre alt. Vor 20 Jahren war es nur jede sechste Gründerperson. Hier einige Gründe, weshalb sich ältere Berufstätige selbständig machen:

  • Arbeitslosigkeit oder drohende Arbeitslosigkeit ist ein wichtiges Motiv für den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit. Das zeigt eine Umfrage der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW bei rund 300 Leuten, die zwischen 2014 und 2019 eine eigene Firma gegründet haben.
  • Andere Motive sind der Wunsch, unabhängig zu sein, sich selbst zu verwirklichen. Ältere Leute wollen oft auch nicht mehr in schwerfälligen Hierarchien eingebunden sein. Oder sie kommen nicht klar mit Entscheiden von – teils jüngeren – Vorgesetzten, die sie für falsch erachten.
  • Die älteren Gründerinnen und Gründer streichen hervor, dass sie mehr Erfahrung und mehr Vorwissen auf praktisch allen Gebieten mitbringen als jüngere Gründer, ebenso ein grosses Beziehungsnetz. Defizite sehen sie aber im Bereich Marketing und Kundenakquisition. Auch im Umgang mit IT-Problemen und sozialen Netzwerken räumen sie Nachholbedarf ein.
  • Die typischen Senior Entrepreneurs – es sind immer noch vor allem Männer – bleiben ihrer bisherigen Branche treu. Mit knapp einem Drittel machen sich die meisten in ihrem angestammten Metier als Berater selbständig. Dieser Anteil ist bei jüngeren Gründern nur halb so gross.
  • Ü50-Jungunternehmer arbeiten meist allein, ohne Angestellte. Ihre Firmen wachsen weniger stark. Das wird zumeist auch nicht angestrebt.
  • «Volkswirtschaftlich ist dieser Trend zur späten Selbstständigkeit zu begrüssen», sagt Wirtschaftsprofessor Rolf Meyer von der FHNW, Co-Autor der Studie über Senior Entrepreneurs. Es sei sinnvoll, dass erfahrene Leute ihr grosses Know-how an andere Unternehmer und Unternehmerinnen weitergeben.

Echo der Zeit, 23.07.2021, 18:00 Uhr

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Beatrice Kern  (Mikado1965)
    Das habe ich (56) auch so gemacht. Hatte mit 40 eine 2. Lehre gemacht und gleich nach der LAP bei der Jobsuche die Antwort bekommen, dass man mit ü40 für diese Berufssparte (Grafik) zu alt und zu lange (?) von der Ausbildung entfernt ist. Habe mich dann ein paar Jahre von Job zu Job gehangelt, noch vieles dazu gelernt/abgeschaut und mich dann selbstständig gemacht. So nach dem Motto: «Wenn ihr mich nicht als Angestellte wollt, bekommt ihr mich nun als Konkurrenz … selber schuld!» … und es läuft!
  • Kommentar von Rolf Schmid  (mezan)
    Das ist ein schönes Beispiel. Auch viel Respekt für den Herrn dass er es geschafft hat. Aber fragen Sie doch mal die, die napp um die 5 bis 6000 Franken verdienen pro Monat und nichts erben. Selbständigkeit ist dann nahezu ausgeschlossen. Hilfe vom Amt gibt es nämlich keine.
  • Kommentar von Hans Peter Waldvogel  (Uhu52)
    Mit 50+ einen neuen Job zu finden ist fast unmöglich. Eine Firma zu gründen ist oft der einzige Ausweg.
    Und von rechts kommen immer wieder Forderungen, das Rentenalter höher zu schrauben. Wer soll das verstehen?
    1. Antwort von Thomas Hanhart  (Thomas63)
      Die letzten Babyboomer gehen 2029 in Pension, zwanzig Jahre später werden die meisten davon diese Erde verlassen haben. Alles was es braucht ist eine gescheite und gerechte Sonderfinanzierung dieses Effekts. Eine Rentenaltererhöhung wäre unfair gegenüber den Generationen X und Y, weil diese davon hauptsächlich betroffen wären und jetzt schon am meisten die Nachteile der Umverteilungseffekte tragen. Mit einer MwSt-Erhöhung hingegen leisten alle Generationen ihren Anteil, auch Babyboomer wie ich.