Zum Inhalt springen

Header

Video
Tabakkonsum – Milliardenkosten wegen lascher Gesetzgebung
Aus ECO vom 18.01.2021.
abspielen
Inhalt

Folgen von Tabakkonsum Der Preis des Rauchens: Viele Tote, hohe Kosten

Jedes Jahr sterben in der Schweiz 9500 Menschen an den Folgen von Tabakkonsum. Die volkswirtschaftlichen Kosten summieren sich auf 3.9 Milliarden Franken. Das müsste nicht sein: Grossbritannien hat es – anders als die Schweiz – geschafft, die Zahl der Raucherinnen und Raucher signifikant zu senken.

Tabakkonsum in der Schweiz: Das bedeutet 9500 Tote jedes Jahr und hohe volkswirtschaftliche Kosten. Eine kürzlich publizierte Studie im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit BAG rechnet mit 3.9 Milliarden Franken pro Jahr.

«Einerseits sind das die medizinischen Behandlungskosten, die fast drei Milliarden ausmachen», sagt Michael Anderegg, Projektleiter Tabakproduktegesetz beim Bundesamt für Gesundheit. «Andererseits weitere Kosten von etwas mehr als 800 Millionen im Zusammenhang mit Abwesenheiten am Arbeitsplatz, wenn die Leute krank sind oder weil sie gestorben sind.»

«Volkswirtschaftliche Kosten von Sucht»

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

«Sucht verursacht im Jahr 2017 in der Schweiz volkswirtschaftliche Kosten in der Höhe von rund 7.9 Milliarden Franken. Wird für die Berechnung der Produktivitätsverluste der Humankapitalansatz anstatt des Friktionskostenansatzes verwendet, liegen die Gesamtkosten für Sucht mit 11.7 Milliarden Franken um gut die Hälfte höher. Von den insgesamt 7.9. Milliarden Franken verursacht Tabak mit 3.9 Milliarden Franken den grössten Anteil der Kosten, gefolgt von Alkohol mit knapp 2.8 Milliarden und Drogen mit 0.9 Milliarden. Die zusätzlich teilweise erhobenen Kosten von Spielsucht belaufen sich auf 221 Millionen Franken. Weitere Süchte wurden aufgrund fehlender Daten nicht berücksichtigt.»

Polynomics-Studie im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit, publiziert im November 2020.

Covid-19: Schlechtere Prognose für Raucher

Die Pandemie verschlimmert die Situation: Eine Studie der Stiftung «Sucht Schweiz» kommt zum Schluss, dass während des ersten Shutdowns vergangenes Jahr «der tägliche Tabakkonsum tendenziell zugenommen hat».

Laut Philippe Luchsinger, Präsident der Haus- und Kinderärzte, zeigten erste Beobachtungsstudien, dass Rauchen die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken, zwar nicht erhöhe. Doch sei die Prognose bei einer Infektion deutlich schlechter: «Grund dafür ist die Beeinträchtigung des Immunsystems durch das Rauchen, die sich auch bei anderen Infekten auswirkt.» Covid-19 finde in Raucherlungen mehr Andockstationen vor als bei Nichtrauchern, sodass bei einem Infekt die Lunge rascher und häufiger in die Krankheit miteinbezogen werde.

Weniger Raucher in Grossbritannien

27 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer rauchen laut dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium. Grossbritannien dagegen hat es gemäss britischem Gesundheitsamt geschafft, den Anteil der Raucherinnen und Raucher auf 14 Prozent zu senken. Laut Martin Dockrell, Leiter Tabak der britischen Gesundheitsbehörde, fusst der Erfolg auf einem umfassenden Plan, den Grossbritannien vor 20 Jahren in Angriff nahm.

Wir haben der Industrie die Möglichkeit genommen, ihre Produkte anzupreisen.
Autor: Martin DockrellLeiter Tabak Gesundheitsbehörde Grossbritannien

Wichtig seien Gesetze: «Ein komplettes Werbeverbot für Tabakprodukte, also keine Anzeigen in Zeitschriften, keine TV-Werbung, keine Kino-Werbung, keine Plakate. Darauf haben wir aufgebaut.» Wer heute in Grossbritannien einen Tabakladen betrete, sehe keine Zigarettenpäckchen mehr in der Auslage. Und selbst wenn: Sie seien neutral verpackt und mit einem Warnhinweis versehen. «Wir haben der Industrie die Möglichkeit genommen, ihre Produkte anzupreisen. Und – welch Überraschung! – wenn die Tabakindustrie sie nicht anpreist, interessiert sich niemand dafür», so Dockrell weiter.

Video
Martin Dockrell vom britischen Gesundheitsamt: Wie es Grossbritannien gelang, die Zahl der Rauchenden zu senken.
Aus ECO vom 18.01.2021.
abspielen

Von einer solchen Gesetzgebung ist die Schweiz weit entfernt. Seit Jahren ringt das Parlament um ein Tabakproduktegesetz.

Das Hin und Her beim Tabakproduktegesetz

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

2004 unterzeichnet die Schweiz die Konvention der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Eindämmung des Tabakkonsums. Sie sieht ein umfassendes Verbot von Werbung, Verkaufsförderung und Sponsoring von Tabakprodukten vor.

2015 legt der Bund 2015 einen Gesetzesentwurf vor, um die WHO-Konvention ratifizieren zu können. Die wichtigsten Verbote sind: Plakatwerbung, Werbung in Printmedien, Werbespots im Kino und im Internet, Sponsoring internationaler Anlässe, Werbung an Verkehrsmitteln, in öffentlichen Gebäuden, Sportplätzen und Sportveranstaltungen. Das Parlament lehnt den Gesetzesentwurf als zu weitgehend ab.

2018 legt der Bundesrat einen neuen Gesetzesentwurf vor, der alle Einschränkungen des bisherigen Entwurfs zurücknimmt.

2019 bringt der Ständerat wieder Verschärfungen ein, unter anderem ein Verbot von Werbung in Printmedien und im Internet.

2020 schwächt der Nationalrat den Gesetzesentwurf wieder ab. Er streicht unter anderem: Das Verbot von Werbung in Printmedien und im Internet, ausser wenn sie an Kinder gerichtet ist.

Die WHO-Konvention hat die Schweiz bisher nicht ratifiziert.

Grosse Tabakkonzerne haben Niederlassungen in der Schweiz. Laut einer von Philip Morris in Auftrag gegebenen Studie schafft die Tabakbranche mehr als 10'000 Arbeitsplätze und trägt mit rund sechs Milliarden Franken Umsatz ein Prozent zum Schweizer Bruttoinlandprodukt bei. Entsprechend intensiv ist das Lobbying.

Video
Michael Anderegg über das Seilziehen rund um das Tabakprodukte-Gesetz im Parlament
Aus ECO vom 18.01.2021.
abspielen

Michael Anderegg, Projektleiter Tabakproduktegesetz BAG: «Wir wissen bereits seit der ersten Vernehmlassung, dass sich die Geister scheiden rund um das Tabakproduktegesetz. Die Vertreterinnen und Vertreter des Gesundheitssektors sind der Meinung, dass wir Tabakprodukte deutlich strenger regeln sollten. Die Vertreterinnen und Vertreter der Tabakbranche hingegen sind der Meinung, dass man mit den Massnahmen nicht zu weit gehen sollte, weil man am Tabak auch noch verdienen will.»

Lasche Gesetzgebung

Swiss Cigarette schreibt, der Zigarettenverband wehre sich nicht gegen umfassende Gesetze. Mitglieder des Verbands sind British American Tobacco Switzerland, Japan Tobacco International und Philip Morris. Werbung für Zigaretten und Alternativprodukte richte sich an erwachsene Raucher: «Sie stellt eine Orientierungshilfe dar und lässt Preise und Leistungen vergleichen. Werbung dient der Information und Aufklärung.»

Tatsache ist: Mit ihrer laschen Gesetzgebung steht die Schweiz weitgehend alleine dar.

Schweizer Tabakprodukte-Gesetzgebung im internationalen Vergleich

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Aussenwerbung für Tabakprodukte ist in fast allen europäischen Ländern verboten. Deutschland hat ein Verbot beschlossen. Die Schweiz kennt dagegen auf nationaler Ebene kein Verbot.

In allen europäischen Ländern ist Tabakwerbung in Printmedien verboten. Nicht so in der Schweiz.

Zudem gibt es keine schweizweite Altersgrenze für den Verkauf von Tabakprodukten an Jugendliche unter 18 Jahren. Die meisten Kantone kennen ein Abgabealter 16 oder 18 Jahre.

In den meisten europäischen Ländern ist Tabaksponsoring auf nationaler Ebene verboten. Erlaubt ist es dagegen in der Schweiz, in Deutschland, Italien, Rumänien und Griechenland.

Die Konsequenz: Beim Ranking von 36 europäischen Ländern der europäischen Krebsligen erreicht die Schweiz den zweitletzten Rang vor Deutschland.

Ende Januar wird sich die Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit des Ständerats erneut mit dem Tabakproduktegesetz befassen. Im März wird es in der Frühlingssession einmal mehr im Parlament debattiert.

Nahaufnahme Mann mit Zigarette in der Hand vor Gesicht
Legende: SRF

ECO vom 18. Januar 2021

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

73 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Michael Arnold  (Lyonel)
    Eine blödsinnige Studie. Beziehungsweise eine sehr sehr undurchsichtige. Hohe Steuern auf legale sucht Mittel, werden die in der Studie berücksichtigt, was ist mit den ganzen Dicken, denen die in den Alpen Sport betreiben, und überhaupt, was kostet das Leben. Für die Allgemeinheit ist es schädlich wenn ich auf die Straße gehe, ich könnte ja von einem Auto erfasst werden!
  • Kommentar von Franz NANNI  (Aetti)
    Die Summe der Laster bleibt sich gleich.... sagt man...
    1. Antwort von Andy Gasser  (agasser)
      Rauchen ist aber kein "Laster" sondern eine ernsthafte Suchterkrankung. Raucher rauchen nicht, weil es Ihnen spass macht oder weil es irgend einen positiven Effekt hätte. Nein, sie rauchen einzig weil Sie durch ihre Suchtanamnese dazu getrieben werden. Zwischen Rauchpausen länger als 60 Minuten entstehen bereits spürbare Entzugserscheinungen. Es wäre an der Zeit Rauchen endlich als Krankheit und nicht mehr als "Laster" oder "Gewohnheit" zu kategorisieren.
  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    Eine Studie im Auftrag des BAG schätzt die volkswirtschaftlichen Kosten der Süchte (inkl. Geldspielsucht) in der CH für das Jahr 2017 auf 7,9 Milliarden Franken (Fischer et al. (2020). Der grösste Kostenfaktor ist Tabak mit 3,9 Milliarden Franken. An 2. Stelle folgt Alkohol mit 2,8 Milliarden Franken. Darin enthalten sind einerseits direkte Kosten, die durch Leistungen im Gesundheitssystem und in der Strafverfolgung entstehen. Andererseits entstehen indirekte Kosten durch Produktivitätsverluste.
    1. Antwort von Juerg Wyss  (PandemaTikEr)
      Sie benutzen falsche Worte.
      1. Das BAG schätzt die Kosten der Süchte, die sind aber nicht volkswirtschaftlich. Die tragen die Krankenkassen, sowie die Kranken.
      2. die Volkswirtschaft gibt an, welche Einnahmen das Volk erwirtschaftet hat. Somit sind Aufwände, die einzelne erbringen in der Volkswirtschaft als Einnahmen zu verzeichnen, und nicht als Kosten.
      3. In der Produktivität sind die Verluste bereits eingerechnet, Sie meinen Produktionsverluste.