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Gemütlich zu Hause einkaufen Weshalb die Schweizer Versandhäuser verschwanden

Legende: Audio Die Höhenflüge des Versandhandels abspielen. Laufzeit 4:03 Minuten.
4:03 min, aus Rendez-vous vom 20.02.2018.

Für 8,6 Milliarden Franken haben sich Schweizerinnen und Schweizer im vergangenen Jahr Pakete nach Hause schicken lassen. Wollpullover, Spiegelreflexkamera, Winterstiefel. Der Umsatz online eingekaufter Ware ist noch einmal um satte 10 Prozent gestiegen, wie die neusten Zahlen des Verbandes des Schweizerischen Versandhandels zeigen.

Modisches aus dem Katalog

In den 1960er- und 1970er-Jahren hatte der Versandhandel schon einmal eine Blütezeit. Hunderte Seiten dicke Kataloge lagen in den Haushalten: Kleider, Schuhe, Haushaltsgeräte. Auch Schweizerinnen und Schweizer haben eifrig aus dem Katalog bestellt.

Charles Veillon, Ackermann, Spengler und Jelmoli waren die Grössten im hiesigen Versandhandel. Die Firmen waren damals zum Teil schon 100 Jahre alt, doch eine bessere Logistikinfrastruktur und vor allem der wirtschaftliche Aufschwung nach dem zweiten Weltkrieg liess das Einkaufen aus dem Katalog erst aufblühen.

Im Bekleidungsbereich hatten die Grossen zehn bis dreizehn Prozent Marktanteil.
Autor: Thomas HochreutenerDetailhandelsexperte beim Forschungsinstitut GFK

Vor allem Kleider seien gekauft worden, sagt Detailhandelsexperte Thomas Hochreutener vom Forschungsinstitut GFK: «Der Versandhandel hatte damals eine gute Phase. Im Bekleidungsbereich hatten die Grossen zehn bis dreizehn Prozent Marktanteil. Sie waren hauptsächlich in Schweizer Hand.»

Dann kam die ausländische Konkurrenz

Bald wurden die Schweizer aber von ausländischen Versandhändlern konkurrenziert. Die Folge waren Zusammenschlüsse und Übernahmen in den 1980er-Jahren. Und in den 1990er-Jahren war der Versandhandel-Boom endgültig vorüber. Die Umsätze schrumpften. Viele Versandhändler sahen im EWR-Nein von 1992 den Grund für die Flaute.

Für Detailhandelsexperte Hochreutener gab es aber einen weiteren, gewichtigen Grund: Dass die Versandhäuser sich dem Markt nicht anpassen wollten. «Und wer sich nicht anpasst, verschwindet. Genau das ist geschehen.»

Ein Blick in das Lager des ehemaligen Versandhändlers Ackermann.
Legende: Ein Blick in das Lager des ehemaligen Versandhändlers Ackermann. Keystone

Ackermann und Charles Veillon wehrten sich und versuchten mit noch dickeren Katalogen, die Kunden zu halten. Doch in der neuen Internetwelt entwickelte sich eine weit gewaltigere Kraft, die den Versandhandel umwälzen sollte. 1994 war das Gründungsjahr des heutigen Internetgiganten Amazon.

Auch die Kooperation im Versand, ein weiterer Rettungsversuch der alten Versandhändler Anfang des neuen Jahrtausends, scheiterte. Weitere Kündigungswellen folgten. Es war ein Abschied des alten Versandhandels auf Raten, während die neuen Onlinehändler immer stärker wurden. Der einst grösste Schweizer Versandhändler, Ackermann, war 2010 am Ende. Die Namensrechte wurden ins Ausland verkauft. So wie bei den anderen grossen Schweizer Versandhändlern.

Wieder dominieren Schweizer Firmen den Markt

Wer heute bei Ackermann und Charles Veillon einkauft, kauft online und kauft im Ausland ein. Den hiesigen Online-Versandhandel dominieren aber wiederum Schweizer Firmen: Digitec-Galaxus, Brack.ch, Microspot.

Aber wie damals bei den Katalog-Versandhändlern drängen ausländische Onlinehändler wie Amazon, Zalando und Alibaba immer stärker in den Markt und bedrängen die Schweizer Online-Platzhirsche.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von marlene Zelger (Marlene Zelger)
    Viele der älteren Generation kennen sicher noch den Werbeslogan im damaligen TV Spot: : "Bei Ackermann kauft jedermann, der Gutes sucht und rechnen kann."Tja, das waren noch Zeiten.
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  • Kommentar von Klaus Waldeck (kdwbz)
    Die Firma Brack macht es vor: ein reiner CH-Onlinehandel ist möglich (ich denke auch bei Textilien) , aber Preis-Leistung und Sortiment müssen stimmen und den CH-Bedürfnissen entsprechen. Ein Onlineeinkauf in der Schweiz hätte auch den Vorteil das die Umtausch- und/oder Rückgabe-Ware nicht allzugrosse Distanzen zum Lieferanten zurücklegen muss (DHL und Konsorten sehen das wahrscheinlich mit einer anderen Brille ...)
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  • Kommentar von Peter Zurbuchen (drpesche)
    Trotz allem landen immer noch viel zu viele gedruckte Kataloge in den Briefkästen und nach kurzer Zeit im Altpapier. Wenn wenigstens diese Flut zurückgehen würde, hätte der Online-Einkauf immerhin eine positive Seite.
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    1. Antwort von Alfons Bauer (frustriert)
      Ikea ist so ein Weltmeister. Vor Jahren den Katalog über die Webseite abbestellt (korrekte Wohnadresse eingegeben, aber Fake-Mail um Spam zu entgehen). Nach zwei Jahren hatte ich den Katalog (auch als "Altpapier" bekannt) trotzdem wieder im Briefkasten.
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