Toshiba will sich scheiden Landis und Gyr – eine wechselvolle Geschichte

Das Zuger Traditionsunternehmen sucht einen neuen Besitzer – nicht zum ersten Mal, wie der Blick ins Firmenarchiv zeigt.

Drei Arbeiter stehen in der Versuchswerkstatt an Werkbänken. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 1914: Landis und Gyr wird im Zuge des ersten Booms der Elektroindustrie zum wichtigsten Arbeitgeber im Kanton Zug. ETH Archiv für Zeitgeschichte

1896 gründeten der Konstrukteur Richard Theiler und der Unternehmer Adelrich Gyr in Zug die Firma Theiler & Co. Sie produzierte Stromzähler, die Theiler selbst entwickelt hatte. 1904 übernahm Ingenieur Heinrich Landis den Betrieb und holte 1905 Karl Heinrich Gyr als Teilhaber dazu. Das Unternehmen beschäftigte damals 55 Angestellte.

Das Werk mit den Shedhallen aus der Vogelperspektive. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 1928: Landis und Gyr dürfen auf der Herti-Allmend in Zug ein neues Werk bauen, das dann auch der Hauptsitz wird. ETH Archiv für Zeitgeschichte

Boom der Elektroindustrie

Unter Landis und Gyr setzte es zu einem ersten Höhenflug an: Die Zahl der Angestellten stieg auf 800, und 1914 wurde Landis und Gyr zudem in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Den Schritt ins Ausland hatte man schon hinter sich. In Berlin führte das Unternehmen ein Verkaufsbüro, und im Elsass besass es eine Zählerfabrik.

In den 1920er-Jahren expandierte Landis und Gyr weiter ins Ausland, übernahm Konkurrenten und stieg so zu einem globalen Technologiekonzern auf.

Ein weisser, runder Stromzähler mit fünf Zifferblättern und kleinen Zeigern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 1906: Landis und Gyr entwickelten den Wechselstromzähler von Richard Theiler, dem ursprünglichen Firmenbesitzer, weiter. ETH Archiv für Zeitgeschichte

Stromzähler die einzige Konstante

Heute sind die Stromzähler von Landis und Gyr grau und haben eine Digitalanzeige. Früher waren sie weiss und hatten ein analoges Zählwerk.

Eine Grundfunktion ist aber seit über einem Jahrhundert unverändert geblieben: Die Zähler messen den Stromverbrauch. Selbstredend können die heutigen Geräte viel mehr und sorgen inzwischen dafür, dass das Stromnetz stabil bleibt.

Besitzer wechseln immer schneller

Verändert haben sich in den vergangenen Jahrzehnten auch die Besitzer von Landis und Gyr: 1987 verkauften die Erben von Karl Heinrich Gyr ihre Anteile an den Industriellen Stephan Schmidheiny.

Porträtaufnahme. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 1988: Der neue Besitzer von Landis und Gyr, Stephan Schmidheiny, an seiner ersten Generalversammlung. Keystone

«Ich möchte zunächst von Kontinuität sprechen und sagen, dass es unser Ziel ist, dieses Unternehmen als selbständiges Unternehmen in die Zukunft zu führen und seine Basis zu stärken», sagte der spätere Eternit-Gruppen-Chef Schmidheiny.

Australier zeigten Weitsicht

1995 übernahm die Beteiligungsgesellschaft Elektrowatt das Zepter, später Siemens und eine Reihe von Finanzgesellschaften, darunter Bayard Capital aus Australien. Die australischen Investoren setzten bei Landis und Gyr bereits Mitte der 2000er-Jahre auf die damals neuartigen, intelligenten Stromzähler.

Ein vorausschauender Entscheid, wie Rolf Wüstenhagen Professor für Energiemanagement in St. Gallen ein paar Jahre später sagte: «Der CEO Cameron O'Reilly aus Australien, der schon vor einigen Jahren eine quasi grüne Vision für Landis und Gyr entwickelt hat, lag damit nun offenbar richtig.»

Eine Frau in weisser Schürze besteckt eine Platine. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 2005: Unter den australischen Investoren wird Landis und Gyr zum Schrittmacher der ganzen Zählerindustrie. Keystone

Für 2,4 Milliarden nach Japan verkauft

Weil die Australier den richtigen Riecher hatten, konnten sie Landis und Gyr für den stolzen Preis von 2,4 Milliarden an den japanischen Technologiekonzern Toshiba weiter verkaufen.

Das Aktienpaket wollen die Japaner jetzt aber abstossen. Michael Düringer, Mediensprecher bei Landis und Gyr: «Toshiba prüft zurzeit verschiedene strategische Möglichkeiten. Das eine ist ein Verkaufsprozess, das andere ist der Börsengang. Für Landis und Gyr steht als Unternehmen der Börsengang klar im Vordergrund.»

Rückkehr an die Schweizer Börse?

Ganz freiwillig tut das Toshiba nicht: Die Japaner haben im vergangenen Jahr über acht Milliarden Euro Verlust gemacht und brauchen jetzt dringend neues Geld. Selbst wenn Landis und Gyr einen Börsengang favorisiert – und es nach über 20 Jahren eine Rückkehr an die Schweizer Börse wäre –, das Unternehmen ist nicht mehr dasselbe.

Eine Frau in weisser Schürze steht vor einer Werkbank mit Stromzählern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 1972: Landis und Gyr beschäftigt 14'000 Leute, 5200 davon in Zug. Danach geht es wegen der Wirtschaftsflaute bergab. ETH Archiv für Zeitgeschichte

Nebst Strom messen die Geräte von Landis und Gyr heute beispielsweise auch den Gas- und Wasserverbrauch. Zudem ist das Traditionsunternehmen deutlich kleiner geworden. In 1970er Jahren, den besten Zeiten, haben am Hauptsitz in Zug über 10'000 Menschen gearbeitet – heute sind es noch wenige hundert. Die restlichen der über 6000 Angestellten sind rund um den Globus tätig.