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Zweifel an Wirtschaftsaufschwung nach Corona-Ende
Aus Echo der Zeit vom 04.02.2021.
abspielen. Laufzeit 06:05 Minuten.
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Leben nach der Pandemie Folgen auf Corona die «Roaring Twenties»?

Die Goldenen 1920er-Jahre waren geprägt von einer Aufbruchstimmung. Der Erste Weltkrieg war vorbei, die Spanische Grippe mit Millionen Toten ebenso. Hundert Jahre später stehen die Chancen gut, dass die Pandemie besiegt werden kann. Steht uns ein blühendes Jahrzehnt bevor? Ein Wirtschaftshistoriker hat seine Zweifel.

Hans-Joachim Voth

Hans-Joachim Voth

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Der deutsche Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Voth ist seit 2014 Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Zürich.

SRF News: Kommt mit dem Ende der Pandemie der grosse wirtschaftliche und gesellschaftlichen Aufschwung?

Hans-Joachim Voth: Eher nicht. Es gibt zwar viel aufgespartes Geld und ein aufgestautes Konsumbedürfnis. Dieses wird sich sicher in den nächsten sechs bis zwölf Monaten entladen, nachdem das Schlimmste der Pandemie vorbei ist. Ich wage aber zu bezweifeln, dass das zu einem breiten und lange andauernden Wirtschaftsaufschwung führt, wie ihn die Produktivitätsentwicklung im letzten Jahrhundert ermöglicht hat.

Die «Roaring Twenties» werden oft verklärt. Wer profitierte von der Zwischenkriegszeit – vor allem die Elite?

Die Elite hat natürlich profitiert. Viele sind reich geworden, vor allem mit den gestiegenen Aktien. Die meisten haben die Aktien behalten und alle Papiergewinne in der Weltwirtschaftskrise wieder verloren. Aber auch andere Gruppen haben ihre Lage verbessert: Ein Grund ist die Einführung der Acht-Stunden-Woche in vielen Ländern. Vielerorts wurden zudem die Gewerkschaften anerkannt. Die Arbeitsbedingungen wurden deutlich besser. Die Lohnquote stieg überall. Ganz in Gegensatz zu dem, was wir in den letzten 15 Jahren in den meisten OECD-Ländern gesehen haben.

Könnte man gewisse Parallelen zwischen damals und den Neuerungen im Arbeitsleben mit dem Homeoffice ziehen?

Zweifellos gibt es Neuerungen. Die Einführung der Fliessbandproduktion in den Zwanzigern war vielleicht ein Umbruch ähnlich dem Homeoffice, in dem Sinne, dass die Arbeit ganz anders organisiert wird. Mit ganz spezifischen Eigenheiten, die für manche Leute besonders gut sind und für andere eher herausfordernd. Ob das Homeoffice ein Riesenvorteil für die Bevölkerung ist, wage ich zu bezweifeln. Der Acht-Stunden-Tag bei gleichem Lohn war es.

Auf die «Goldenen Zwanziger» folgten in Deutschland das Ende der Weimarer Republik und der Aufstieg der Nationalsozialisten – es gab viele Verlierer. Wer werden in der jetzigen Pandemie die Verlierer sein?

Das weiss man noch nicht genau. Es ist aber ziemlich klar, dass der technische Fortschritt, auch wenn er für die Produktivität gar nicht so viel bringt, in den letzten 15 Jahren viele Leute stark abgehängt hat. So gab es eine ganze Reihe von Bürojobs, die nun von Computern übernommen werden. Ob diese Leute alle eine neue Tätigkeit finden werden, ist offen.

In den Zwanzigern zerstörte zudem nicht der technische Fortschritt die Stellen, obwohl er relativ stark war. Es war der enorme Wirtschaftseinbruch, der die Nachfrage einbrechen liess und in einigen Ländern zu Diskontinuitäten führte. Nicht nur zum Schlechten, wenn man etwa an den New Deal in den USA denkt. Er schuf die Basis des amerikanischen Wohlfahrtsstaats und einen sozialen Konsens, der dem Land für 100 Jahre sehr gut bekommen ist.

Wäre es an der Zeit für einen neuen New Deal mit Wirtschafts- und Sozialreformen wie zwischen 1933 und 1938?

Vielleicht. Für diverse Länder wäre ein neuer New Deal mit mehr sozialen Rechten eine gute Idee. Ob das in Europa der richtige Ansatz ist, darüber lässt sich streiten. Da gibt es auch Bremsspuren bei dem, was wir in den letzten 100 Jahren an immer neuen Dimensionen des Sozialstaats draufgelegt haben.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.

Echo der Zeit, 4.2.2021, 18 Uhr;

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28 Kommentare

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  • Kommentar von Norbert Zeiner  (ZeN)
    Situation ist In keiner Weise vergleichbar mit 1920. Nach jedem Krieg gab es viel neu zu erschaffen was zerstört war, im Krieg sehr erfinderisch mit neuen Techniken, die nun zivil auch brauchte (Mobilität mit Motor anstelle Pferd). Noch wichtiger: ein zurückgedrängter und zerschlagener Staatsapparat, pragmatisches Selbertun waren gefragt, nicht zentralistisches Planwirtschaften. Von dem allem ist nichts ersichtlich am heutigen Horizont, im Gegenteil, Staatapparat meint unersetzlicher zu sein.
  • Kommentar von Hans Meuri  (hmeuri)
    Namhafte Ökonomen von SECO, KOF, UBS, CS, .. gehen davon aus, dass die Wirtschaft nach der Pandemie stark zulegen wird und nach 2-3 Jahren stärker als je zuvor zurück sein wird. Bereits jetzt suchen viele Firmen Leute um genug Ressourcen zu haben, wenn der Aufschwung losgeht.
    1. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Ob es viele sind kann ich nicht beurteilen, aber einige schon. Den grössten Nachholbedarf spüren wir aktuell in Industriezweigen die in irgend einer Art dem Med Tech Sektor nahe stehen. An 2-ter Stelle stehen Europäische Konzerne die Versuchen den Rückstand im Bereich Akku-Technologie oder PhotoVoltaik aufzuholen. Auch der Bereich Forschung und Entwicklung bewegt sich, es gibt z.B. grosse Anstrengungen bei der Brennstoffzellen-Technologie.
    2. Antwort von Norbert Zeiner  (ZeN)
      Reuteler: Wunsch ist wieder mal Ursprung des Gedankens. Fotovoltaik ist vor Jahren schon nach China abgewandert, aus graviereden Kosten- und Effizienzgründen. Wer da noch investiert, dem ist nicht zu helfen. Akkutechnik: das war schon in Asien, bevor in Europa auch nur "Potential" gesichtet wurde, gross geredeter Hype der bald in sich zusammenfällt: China ist am Stoppen der Förderung, sie setzen wieder auf hoch-effiziente Verbrennungsmotoren.
  • Kommentar von Jörg Kaufmann  (jka)
    Es sind wirklich keine signifikanten Parallelen vorhanden.
    In den Zwanziger Jahren lag der erste Weltkrieg erst wenige Jahre zurück und die Folgen der Spanischen Grippe waren hart. Es traf damals Leute im besten arbeitsfähigen Alter. Wer das überstand wurde in den Zwanziger Jahren vorerest als Arbeitskraft gebraucht und daraus war Potential für Reformen gegeben.
    Covid-19 bremst uns, lässt Nachholbedarf, aber keinen Boom erwarten. Mal sehen.
    1. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Ja. In unserer Firma spüren wir den Nachholbedarf bereits und wir arbeiten am Anschlag.