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Machtspiele in der Baubranche
Aus ECO vom 29.03.2021.
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Machtgefälle im Baugewerbe Wachsende Kritik am Totalunternehmer-Modell

Handwerksbetriebe behaupten: Totalunternehmer würden Preise systematisch drücken und ihre Macht ausspielen.

Ernst Bringold hat sich mit einem Anwalt gewehrt: Der Verwaltungsrat des 45-köpfigen Gipserbetriebs Göpfert und Friedel aus Basel hat darauf bestanden, dass er den Lohn für geleistete Gipserarbeiten auf der Baustelle eines Totalunternehmers erhalte.

Nach monatelangem Schweigen machte der Totalunternehmer plötzlich Gegenforderungen geltend: Der Gipser habe die Baustelle verschmutzt.

Ausbleibende Zahlungen, Gegenforderungen und juristische Spielchen. So würden gewisse Totalunternehmen ihre Marktmacht ausspielen und Handwerksbetriebe unter Druck setzen, sagen mehrere Handwerksbetriebe, mit denen «ECO» gesprochen hat.

Margendruck wegen «Abgebotsrunden»

Bei grossen Bauvorhaben übernimmt der Totalunternehmer viel Risiko und baut oft zu einem Pauschalpreis auf einen festen Termin hin für einen Investor. Zu einem Zeitpunkt, zu dem noch vieles unklar ist.

Totalunternehmen in der Schweiz

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Diese 16 Totalunternehmen treten im Verband Entwicklung Schweiz gemeinsam auf:

  • Alfred Müller
  • Anliker
  • BAM Swiss
  • C. Vanoli Generalunternehmung
  • Eberli
  • Eiffage Suisse
  • Frutiger
  • Gross Generalunternehmung
  • HRS Real Estate
  • Implenia Schweiz
  • Leuthard Baumanagement
  • Losinger Marazzi
  • Marti Gesamtleistungen
  • P-Vision
  • Rhomberg Bau
  • Steiner

Bei ihnen sind knapp 3000 Personen angestellt. Die Firmen haben 2020 einen Gesamtumsatz von 4,5 Milliarden Franken erzielt (im Jahr zuvor mehr als 6 Milliarden). Ihr aktueller Auftragsbestand liegt bei mehr als 8 Milliarden Franken.

Im Umsatz eingerechnet ist noch die Firma Halter, die Ende 2020 aus dem Verband ausgetreten ist.

Darin liege das Problem, sagt Markus Mettler, Geschäftsführer von Halter, selbst als Totalunternehmer tätig: «Heute ist die Planungsindustrie von der Bauindustrie getrennt.» Zuerst werde geplant, dann ausgeführt.

Dieser extrem serielle Ansatz führe dazu, dass bis kurz vor Baubeginn bis ins Detail geplant würde. Die ausführenden Handwerksbetriebe können sich dann nur noch über den Preis in sogenannten «Abgebotsrunden» gegenseitig unterbieten.

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So arbeiten Totalunternehmer
Aus ECO vom 29.03.2021.
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Dies drücke auf die Margen der Handwerksbetriebe, was wiederum dazu führe, dass manche unsauber arbeiteten, sagt Stefan Cadosch, Präsident Schweizerischer Ingenieur und Architektenverein (SIA): «Jeder muss auf der Baustelle so effizient wie möglich funktionieren. Wenn man unter derartigem Druck steht, ist die Gefahr gross, dass man anfängt zu betrügen. Oder dass man gewisse Sachen nicht macht, von denen man hofft, dass es niemand merkt.»

Juristenabteilungen statt Baufachleute

Gegen unfachmännische Arbeitsausführung sichern sich die Totalunternehmungen juristisch ab. So müssen ausführende Handwerksbetriebe teils hundertseitigen Werksverträgen zustimmen.

Darin würden Totalunternehmen den Handwerksbetrieben oft nachteilige Zahlungsfristen und Konventionalstrafen für Verzögerungen auferlegen, sagt SIA-Präsident Stefan Cadosch.

Er kritisiert diese Entwicklung. «Es ist verheerend fürs Bauen, dass sich fast mehr Juristen ums Bauen kümmern als am Schluss Baufachleute.» Dennoch glaubt er, dass es Einzelne unter den Totalunternehmen seien, die gezielt Druck auf die ausführenden Unternehmer ausübten.

Ausführende Unternehmen früher einbeziehen

Damit es nicht so weit kommt, will Markus Mettler von Halter die ausführenden Unternehmen bereits viel früher im Planungsprozess einbeziehen.

Denn wenn nicht integriert geplant werde, führe das automatisch dazu, dass Friktionen und Fehler sich bis zum letzten Dienstleister im Bau auswirkten, sagt er.

Digitale Planungshilfen wie das «Building Information Modeling», kurz BIM, würde die Arbeitsweise von Totalunternehmern verändern, sagt Markus Mettler. «Man kann Kreise früher schliessen, schneller und früher innovative Ideen einbringen und ein Bauunternehmer kann schneller mitreden.»

Bis es so weit ist, lassen viele Handwerksbetriebe wie das Gipsergeschäft von Ernst Bringold die Finger von Aufträgen, bei denen ein Totalunternehmer im Spiel ist.

Er meint: «Am Schluss läuft es sowieso auf einen faulen Kompromiss hinaus. Und bei einem solchen Vergleich blutet meistens der Unternehmer.»

Steiner AG gibt Totalunternehmer-Geschäft in Deutschschweiz auf

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Im Februar gab die Steiner AG bekannt, dass sie das Totalunternehmer-Geschäft in der Deutschschweiz aufgeben werde. Ob dies in Zusammenhang mit Bauprojekten steht, bei denen es zu Konflikten zwischen Investor und Steiner kam, ist unklar.

Auf Nachfrage von «ECO» schreibt Steiner: «Der Verwaltungsrat der Steiner Gruppe hat entschieden, in denjenigen Geschäftsfeldern zu wachsen, wo das grösste Potenzial liegt. Die Steiner AG will […] sich phasenweise über die nächsten Jahre zu einem Entwickler mit Baukompetenz transformieren.»

ECO, 29.3.21

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Aufmerksamer Beobachter  (homo-politicus)
    Liebe SRF-Redaktoren
    Warum "Totalunternehmer"?
    Das Wort "Generalunternehmer" ist langjährig bekannt in der CH.
    Mir kommt es (auch hier) vor, wie wenn (einmal mehr) in der CH auf bundesdeutsche Wortgepflogenheiten umgestellt würde - unnötiges falsches Appeasement.
    (Anm: In D sind Wörter, die auch nur entfernt an Militär erinnern (könnten) sehr unbeliebt. Historisch nachvollziehbar, aber in der CH unzutreffend.)
    So ist die GV auch in der CH zur MV mutiert, der LW zum LkW etc.
    Warum?
    Stopp!
  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Es hat lange gedauert bis der Aufstand gekommen ist. Aber der Mensch ist einfallsreich und schon
    bald kommt eine Kuh mit längeren Hörner. Geschäft ist Geschäft aber bitte auf gleicher Augenhöhed
  • Kommentar von Stefan Eisele  (sae500)
    Als ehemaliger Mitarbeiter eines der grössten Ingenieurbüros der Schweiz kann ich die Situation nur bestätigen. Von dem besagten Unternehmen Steiner erhielten wir Rechnungen für unsere Leistungen zurück mit vermerken wie "zur Stornierung" / "abgelehnt". Für Rückfragen wurde Ping-Pong gespielt und jeweils maximal unqualifizierte Personen ans Telefon gelassen.
    Schlussendlich gab es ein Verbot Steiner Angebote zu machen und mit ihnen zusammen zu arbeiten.