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Neue Arbeitsformen Gefährliche Freiheit

Für Freelancer ist die Digitalisierung ein Paradies. Doch sie sind oft schlecht abgesichert. Ein Risiko für den Staat.

Junge Frau am PC
Legende: Freiheit und Flexibilität als Pluspunkte: Cathrin Michael arbeitet als Einzelunternehmerin. SRF

Cathrin Michael ist 35 Jahre alt und seit vier Jahren selbständig als Texterin und Bloggerin.

Sie empfindet ihre Art zu arbeiten als grosse Freiheit: «Ich mache gerne Nachtschichten, arbeite gerne nachts bis morgens um zwei. Dafür gehe ich mit meiner Schwester einen Kaffee trinken, wenn die Sonne scheint. Diese Freiheit gibt mir sehr viel zurück.»

Immer mehr Freelancer

25 Prozent aller Berufstätigen in der Schweiz gehen haupt- oder nebenberuflich einer Freelance-Tätigkeit nach, besagt die Studie «Der Arbeitsplatz der Zukunft» des Beratungsunternehmens Deloitte Schweiz. Ebenso viele überlegen sich diesen Schritt.

International wünschen sich 82 Prozent der heute 18-26-jährigen Erwachsenen flexible Arbeitsverhältnisse. Dies ergab eine Umfrage sowie eine Analyse des Personaldienstleisters Adecco und der Social-Media-Plattform Linkedin in 38 Ländern, publiziert in der Stude «Flexible Working».

13 Prozent der Berufstätigen in der EU sind nicht gegen Arbeitslosigkeit versichert. 8 Prozent erhalten im Krankheitsfall keinen Lohn oder Lohnersatz, schreibt Adecco in der Studie «Time to act».

Gegen längere Arbeitsausfälle wegen Krankheit oder Unfall hat sich Cathrin Michael versichert.

Wenn es um die Altersvorsorge geht, gesteht sie ein, weniger vorausschauend zu sein: «Altersvorsorge ist ein Thema, das ich ein bisschen von mir wegschiebe. Ich bezahle seit kurzem in die 3. Säule ein. Die Pensionskasse fällt ja bei Einzelfirmen weg, das geht leider nicht. Das ist definitiv etwas, worüber ich mir mehr Gedanken machen muss.»

Wir müssen unser System der Sozialversicherungen reformieren.
Autor: Christoph KoellreuterInitiant Fondation CH2048

Die digitalen Möglichkeiten verändern die Arbeitswelt. «Mal ist man selbständig, mal unselbständig, mal arbeitslos. Man muss sich länger weiterbilden. Vielleicht hat man mehrere Jobs gleichzeitig», erklärt Christoph Koellreuter. Er entwickelt mit seiner «Fondation CH2048» Reformideen für die Sozialpartnerschaft.

«Und wenn wir immer mehr eine solche Welt haben, dann müssen wir unser System der Sozialversicherungen reformieren. Den Unterschied zwischen Selbständigen und Unselbständigen müssen wir möglicherweise aufheben.» Denn wer nicht ausreichend versichert ist, kann im Falle eines Falles rasch in die Sozialhilfe abrutschen.

«Dringenden Handlungsbedarf» ortet auch Guy Ryder. Der Brite ist Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation ILO mit Sitz in Genf. Sie existiert seit 1919 und ist die einzige UNO-Organisation, in der Politik, Arbeitnehmer und Arbeitgeber gemeinsam vertreten sind.

Er sagt: «Einige Selbständige sind stark benachteiligt – was ihr Einkommen betrifft, ihre soziale Sicherheit und auch ihre künftige Altersvorsorge. Wir müssen uns um diesen blinden Fleck kümmern.»

Legende: Video «These people suffer»: Guy Ryder über Freelancer und über die Schweizer Sozialpartnerschaft abspielen. Laufzeit 02:21 Minuten.
Aus ECO vom 22.10.2018.

Lösungsversuch: Adeccos App «Adia»

Der Personaldienstleister Adecco will mit seiner App «Adia» den neuen Arbeitsformen gerecht werden. Damit können sich Erwerbstätige und Unternehmen für Temporärjobs finden.

«Sie haben über diesen Marktplatz einen Arbeits- und Einsatzvertrag, der sicherstellt, dass die Sozialleistungen richtig bezahlt werden», sagt Adecco-Schweiz-Geschäftsführerin Nicole Burth.

Die App ist eine Lösung für Temporärarbeiter. Die Probleme von selbständig Erwerbenden wie Cathrin Michel löst sie allerdings nicht.

Eine Arbeitswelt, in der die Menschen keinen festen Arbeitgeber mehr wünschen, stellt die Sozialpartnerschaft vor neue Herausforderungen. Sie ist ein hohes Gut in der Schweiz und hat das Land weit gebracht.

Legende: Video Kurze Geschichte der Sozialpartnerschaft abspielen. Laufzeit 01:44 Minuten.
Aus ECO vom 22.10.2018.

Vergangene Woche haben die Sozialpartner und Bundesrat Johann Schneider-Ammann eine so genannte «Tripartite Erklärung zur Zukunft der Arbeit und der Sozialpartnerschaft in der Schweiz im Zeitalter der Digitalisierung der Wirtschaft» in Bern unterschrieben.

Der Wirtschaftsminister sagte am Anlass im Interview mit «ECO»: «Das ist die Bestätigung, dass die Vergangenheit gut war, und dass wir mit den gleichen Werten und gleichen Methoden in neuem Zeitalter erfolgreich sein wollen. Ich bilde mir ein, dass das sehr wohl möglich ist.»

Sechs Personen mit unterschriebenem Dokument.
Legende: Wenig visionäre Erklärung: die Sozialpartner, der Wirtschaftsminister und ILO-Chef Guy Ryder in Bern. SRF

Der Bundesrat glaubt, mit Altbewährtem in die Zukunft gehen zu können. Doch die neuen Arbeitsformen sind eine fundamentale Veränderung. Freelancer verleiten Unternehmen dazu, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Und für Gewerkschaften sind diese Menschen kaum mehr erreichbar.

Dennoch sind die Sozialpartner noch weit davon entfernt, innovative Lösungen zu haben. Das zeigen die Interviews.

Gewerkschafterin Vania Alleva

Gewerkschafterin Vania Alleva

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Vania Alleva vertritt als Vize-Präsidentin des Schweizerischen Gerwerkschaftsbunds die Interessen der Arbeitnehmer. Sie ist gleichzeitig Präsidentin der grössten Schweizer Gewerkschaft Unia.

SRF: Was müssen Gewerkschaften machen, um Freelancer auch in Zukunft schützen zu können?

Vania Alleva: Sie sind ja nach wie vor Arbeitnehmende, und es ist wichtig, dass wir sie als Gewerkschaft erreichen, dass sie sich organisieren. Es ist umso wichtiger, weil das extrem prekäre Arbeitsbedingungen sind. Gewerkschaftliches Engagement braucht es nach wie vor.

Gelingt es Ihnen überhaupt noch, sie zu erreichen?

Im ersten Moment kümmern sich diese Freelancer nicht gross drum, aber sobald Probleme auftauchen, wird es dann zum Thema. Und ja, wir sprechen sie an, wir haben jetzt zum Beispiel auch Uber-Fahrer organisieren können, sie sich auch mobilisiert haben. Also ja, es ist eine Herausforderung, aber ich denke, wir müssen diese Herausforderung stemmen.

Müssten Sie als Gewerkschaft nicht über neue Angebote nachdenken statt über Gesamtarbeitsverträge?

Es muss über Gesamtarbeitsverträge laufen, denn das ist eine nachhaltige Form einer Regelung von Arbeitsbedingungen. Aber es ist klar: Die Arbeitgeber müssen sich auch entsprechend organisieren. Es braucht natürlich ein Gegenüber für die Gesamtarbeitsverträge, und die Herausforderung für uns als Gewerkschaft ist natürlich, die Arbeitnehmenden auch zu erreichen und zu mobilisieren.

Was fordern Sie von den Arbeitgebern?

Es ist wichtig, dass man sie immer noch als Arbeitgeber wahrnimmt. Es sind nämlich Arbeitgeber. Sie versuchen im Moment, ihre Verantwortung abzuschaufeln, indem sie die Verantwortung und das Risiko auf die Arbeitnehmenden abwälzen. Es wird entscheidend sein, dass die Arbeitgeber Sozialversicherungen bezahlen, gerechte Löhne, damit die Arbeitnehmenden auch entsprechend leben können.

Arbeitgeber-Präsident Valentin Vogt

Arbeitgeber-Präsident Valentin Vogt

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Seit 2011 ist Valentin Vogt Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands. Er vertritt die Interessen der Unternehmen. Gleichzeitig ist er Verwaltungsrats-Präsident des Maschinenbauers Burckhardt Compression.

Valentin Vogt, für Sie Arbeitgeber sind Freelancer eine super Situation. Sie müssen keine Verantwortung mehr übernehmen.

Valentin Vogt: Wenn man von Freiheit spricht, spricht man auch von Verantwortung. Wir Arbeitgeber haben auch eine Verantwortung, und die Verantwortung besteht darin, dass wir mithelfen, sicherzustellen, dass die Leute – wenn sie irgendwann mal mit 65/70 in Pension gehen – überhaupt eine Pension und auch eine AHV haben.

Wie wollen Sie diese Verantwortung wahrnehmen?

Das muss man von Branche zu Branche anschauen. Einen Uber-Fahrer kann man nicht vergleichen mit einem normalen Selbständigerwerbenden. Wir müssen uns auch darum kümmern, denn Wegschauen ist aus meiner Sicht keine Option.

Was machen Sie konkret?

Wir haben beim Arbeitgeberverband eine Studie gemacht und geschaut, wie könnte eine Arbeitswelt 2030/2035 aussehen. Wir sind jetzt konkret dran, genau diese Fragen zu beantworten, zu überlegen, was müssen wir jetzt konkret machen, damit die Rahmenbedingungen da sind, damit der Wandel auch stattfinden kann?

Was fordern Sie von den Gewerkschaften?

Wir müssen zusammenarbeiten. Es funktioniert nicht, einfach Extrempositionen zu fordern. Diese Veränderung hilft ja nicht nur den Arbeitgebern. Auch für den Arbeitnehmer kommen neue Freiheiten wie Home Office. Ich glaube, es braucht einfach Kompromissbereitschaft und auch lösungsorientiertes Handeln.

Die Interviews führte Andreas Kohli.

Legende: Video Neue Arbeitswelt verändert die Gesellschaft abspielen. Laufzeit 17:07 Minuten.
Aus ECO vom 22.10.2018.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    Eine kapitale Klasse will uns einhämmern, dass Arbeitsverträge keine arbeitsrechtliche und soziale Sicherheit garantierenden Instrumente sind. Das Kapital, die Geber zeichnet dadurch aus, es will anonym sein und in keiner Weise Arbeitgeber. Die Quadratur des Kreises meinen Internetplattformen-Anbieter zu haben. Unterschlagen wird dabei, Arbeitsverträge waren die Errungenschaft einer selbstbewussten Arbeiterschaft, die die kapitale Klasse zwang, sich zu outen und zu verantworten.
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  • Kommentar von Kurt E. Müller (KEM)
    "Cathrin Michael: Ich bezahle seit kurzem in die 3. Säule ein. Die Pensionskasse fällt ja bei Einzelfirmen weg, das geht leider nicht." Das stimmt nicht. Es ist zwar nicht obligatorisch, aber Sie können sich freiwillig einer Pensionskasse anschliessen (z.B. bei der Stiftung Auffangeinrichtung BVG) , was ich Ihnen sehr empfehlen würde. Im Gegensatz zu 3. Säule Beiträgen können Sie das nämlich sogar als Geschäftsaufwand verbuchen.
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  • Kommentar von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
    Freelancer sind ein Teil der privatwirtschaftlichen und freien Wirtschaftsordnung, die unsere Bundesverfassung unter Artikel 94 garantiert. Es ist schon unglaublich, dass SRF-Journalisten und von Steuergeld bezahlte Beamte wider der Bundesverfassung solcherlei Mumpitz von sich geben. DDR-Tendenzen sondergleichen. Es reicht, dass die Steuerbehörden mit ihrer Machtwillkür (speziell im Aargau) fleissigen Leuten das Leben schwer machen!
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    1. Antwort von Bendicht Mühlethaler (Rhenus)
      Ja klar, Monsieur Ducrey. Aber die "DDR" gibt es seit genau 29 Jahren nicht mehr. Etliche Freelancer haben gar keine andere Möglichkeit als diese Form der Beschäftigung. Jenen, die Erfolg haben, oder einfach Glück, gönne ich das sehr! Es geht in diesem Beitrag um die vielen anderen. Bei denen läuft es eine Zeit lang gut. Und dann nicht mehr, dann wird es prekär. Darauf weist SRF in diesem Beitrag hin, und interviewt auch Leute (nicht "DDR") die dafür kreative Lösungen entwickeln.
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    2. Antwort von Jean-Philippe Ducrey (Jean-Philippe Ducrey)
      @Mühlethaler: Oberflächlich gesehen haben Sie recht. Fakt ist aber, dass ein "erfolgreicher" Freelancer locker die "Kosten der öffentlichen Hand" von 100 "gescheiterten" Freelancern wettmacht. Hier nun zusätzliche staatliche Regulierungen (=DDR) anzudenken ist vergeudete Zeit und ein Bürokratiemonster, welches völlig unnötige Zusatzkosten verursacht. Die DDR ist gescheitert, weil es zuviel staatliche Regulierungen und zuwenig Privatwirtschaft und Risikobereitschaft gab.
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    3. Antwort von Bendicht Mühlethaler (Rhenus)
      @Monsieur Ducrey: Ich glaube nicht, dass ein Experte wie Christoph Koellreuter aus dem Filmbericht "DDR-Tendenzen" nacheifert. Er ist auch kein "Beamter", so wenig wie die Leute von SRF. Die Leistungen unserer Sozialversicherungen sind nicht luxuriös. Aber anders als reguläre Arbeitnehmer/-innen haben Freelancer oft nicht einmal das. Mit der Schliessung dieser Lücke gäbe es eine minimale Absicherung, und mehr Leute, die den Schritt in diese Form der Selbstständigkeit riskieren könnten.
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