Zum Inhalt springen

Öffentlicher Verkehr App statt Billett: Kann das gut gehen?

Seit Juli testen die SBB, BLS und Postauto Schweiz eine App, die das Reisen im öffentlichen Verkehr einfacher machen soll. Lezzgo Plus verspricht, automatisch den günstigsten Tarif bei Reisen in der ganzen Schweiz zu finden. Das funktioniert technisch einwandfrei – hat aber andere Tücken.

Eine Hand hält ein Smartphone auf dem die Lezzgo-Plus-App geöffnet ist.
Legende: Die App Lezzgo Plus soll das Reisen im öffentlichen Verkehr unkomplizierter machen. Im Test gab es auch Schwierigkeiten. Keystone/Fotomontage SRF
  • Mit der App Lezzgo Plus wollen die SBB, BLS und Postauto Schweiz das Reisen mit dem ÖV einfacher machen.
  • Die App soll automatisch den günstigsten Tarif finden und von der in der App hinterlegten Kreditkarte abbuchen.
  • Im Test hat Lezzgo Plus gut funktioniert, doch das nötige Abmelden am Ende der Reise ging regelmässig vergessen.
  • Die App erfasst die Bewegungsdaten ihrer Benutzerinnen und Benutzer. Das Vorgehen sei mit dem eidgenössischen Datenschützer abgestimmt.
  • Nach dem auf 250 Personen beschränkten Testbetrieb soll die App jetzt für alle Smartphone-Benutzer zugänglich werden.

Mit Lezzgo Plus reist sich tatsächlich einfach: Vor dem Einsteigen in den Bus oder Zug wische ich einen Regler der App nach rechts und schon ist das Billett gelöst. Meine Reiseroute wird automatisch erkannt und soll stets zum günstigsten Tarif abgerechnet werden. Dabei spielt es keine Rolle, wie oft ich während meiner Fahrt umsteige und welche Verkehrsverbünde ich alles benutze.

Rein technisch funktionierte das im Test einwandfrei (abgesehen von ein paar Abstürzen, die einer Beta-Version wohl zu verzeihen sind). Dagegen scheiterte ich regelmässig an der Gewohnheit – denn mit Lezzgo Plus kommt eine neue Mechanik in den Ticketkauf: Heute muss ich nur zu Beginn der Reise ans Billett denken. Danach kann ich es getrost vergessen, ausser der Kontrolleur kommt vorbei.

Nicht so bei Lezzgo Plus: Dort muss ich zu Beginn meiner Reise ans Billett denken und auch am Ende wieder, um mich per Wischgeste nach links wieder abzumelden. Dumm nur: In meinem mehrwöchigen Test habe ich das in geschätzt 90 Prozent aller Fahrten vergessen.

Zusätzliche Kilometer

Ohne Abmeldung zeichnet die App meinen Weg weiter auf und rechnet ihn zur Fahrtstrecke. Das ist nicht schlimm, wenn ich nach dem Aussteigen direkt nach Hause gehe und dort bleibe. Denn nach einer Weile erinnert mich ein Popup-Fenster daran, dass ich noch eingeloggt bin. Und nach längerer Inaktivität meldet mich Lezzgo Plus schliesslich von selber ab.

Geht meine Reise nach dem Aussteigen aber per Auto weiter, können zur eigentlichen Fahrtstrecke noch viele Kilometer dazukommen, die mir die App in Rechnung stellt. In einem solchen Fall muss ich darauf hoffen, dass das Support-Team den Fehler bemerkt und nachträglich korrigiert (was bei mir auch passiert ist). Doch wer weiss, ob das auch noch so gut funktioniert, wenn die App ihre Testphase beendet hat und von weit mehr Leuten als heute genutzt wird.

Niemand will ständig überwacht werden

Gut 150 Test-Benutzer hätten der BLS bis jetzt Feedback gegeben, sagt die Lezzgo-Projektleiterin Silvia Kandera. Von ihnen habe sich niemand über Probleme beim Abmelden beschwert.

Das Logo der BLS über einem Zug-Fenster.
Legende: Die BLS ist für das Projekt Lezzgo Plus verantwortlich, auch die SBB und Postauto Schweiz machen mit. Keystone

Trotzdem stellt sich die Frage, ob nicht eine Version der App möglich wäre, bei der das An- und Abmelden automatisch geschieht. Schliesslich kennt Lezzgo Plus stets meinen Standort und kann ihn mit den Haltestellen des öffentlichen Verkehrs abgleichen. Und dank des Beschleunigungssensors des Smartphones kann die App auch sehen, ob ich per Bus oder Bahn unterwegs bin oder zu Fuss oder per Auto.

Doch so ein Automatismus hätte Nachteile, gibt Roman Bertolami zu bedenken, der als Ingenieur am Projekt mitarbeitet. Zum einen müsste die App im Hintergrund immer laufen, was am Smartphone-Akku zehren würde. Und der Batterieverbrauch sei jetzt schon die meistgemeldete Kritik der Tester (mein iPhone 6s hatte damit keine Probleme). Ausserdem müsste die App ununterbrochen meinen Standort erfassen, um mich automatisch an- und abzumelden – aus Sicht des Datenschutzes kein schönes Szenario.

Schwarzfahrer werden erkannt

Bewegungsdaten werden auch jetzt schon erfasst. Allerdings nur, solange die App aktiv ist. Das ist nötig, um für jede Reisestrecke den günstigsten Tarif zu bestimmen. Und die Daten müssen aufbewahrt werden, um Reklamationen nachzugehen und allfällige Rechnungsfehler zu korrigieren. So lässt sich zum Beispiel erkennen, ob sich ein Passagier zu früh abgemeldet hat und trotzdem im ÖV weitergefahren ist. Einem solchen Schwarzfahrer wird im Nachhinein der richtige Tarif in Rechnung gestellt, im Wiederholungsfall kann er auch gesperrt werden.

Aus Revisionsgründen müssen die Daten für ein Jahr gespeichert werden. Danach bleiben sie in anonymisierter Form bestehen und sind keiner bestimmten Person mehr zugeordnet. Diese anonymen Daten können den Verkehrsbetrieben dazu dienen, Verbesserungen am Lezzgo-Plus-System als vorzunehmen. Sie geben auch Auskunft über die zeitliche Auslastung des Streckennetzes und könnten für entsprechende Optimierungen genutzt werden. Das sei derzeit aber nicht geplant, heisst es von Seiten der BLS-Verantwortlichen.

Wie weiter?

Eine Frauenhand bedient einen SBB-Billett-Automaten
Legende: Wenn sich der Billett-Verkauf auf das Smartphone verlagert, können ÖV-Unternehmen Unterhaltskosten für Automaten sparen. Keystone

Weil sich mit Angeboten wie Lezzgo Plus Ticket-Käufe auf das Smartphone verlagern, könnten die Betreiber auch Kosten für den Unterhalt von Billett-Automaten sparen. Das sei aber kein Thema, sagt Silvia Kandera. Vom Datenschützer gibt es ausserdem die Auflage, dass die Verkehrsbetriebe auch in Zukunft Möglichkeiten anbieten müssen, mit denen sich Billetts anonym beziehen lassen.

Was längerfristig mit Lezzgo Plus passiert ist aber nicht klar. Bei mangelndem Interesse kann die App auch wieder verschwinden. Es ist auch möglich, dass sie in eine andere App integriert wird. Zum Beispiel in SBB Mobile, die Ticket-App der SBB. Dort könnten Kunden dann wählen, ob sie auf herkömmliche Art ein Ticket kaufen oder lieber Lezzgo Plus benutzen. Und darauf hoffen, am Ende der Reise nicht zu vergessen, sich auch wieder abzumelden.

28 Kommentare

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Beat Frick (Beat Frick)
    Danke für den Bericht. Ich nutze Lezzgo Plus wann immer die Reise Route nicht bereits beim Start fix ist. Das primäre Feature ist für mich die Abrechnung nach der Reise, dazu ist eine Ortung nicht erforderlich. Ortung ist hilfreich wenn man sich in der Region nicht auskennt. Mein Wunsch wäre die zwei Funktionen, Abrechnungsmodus und Ortung, unabhängig aktivieren zu können.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Werner Caviezel (Angemeldet)
      Dass ich nicht im voraus weiss was es kosten soll ist ein Grund, sowas gar nicht erst in Betracht zu ziehen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Das ist jetzt aber nur als Spass gedacht oder, Hr. Caviezel? Denn wenn Sie, wie Hr. Frick vorausgeschickt hat einen Reise antreten dessen Route noch nciht klar ist, wissen Sie auch ohen Lezzgo nicht wie viel es kosten wird. Sie werden unter Umständen unterwegs nochmals ein Billett kaufen müssen. Umgekehrt wenn ich Halbtax habe und Lezzgo benutze kann ich losfahren und es wird mir an dem Tag nie mehr als eine Tageskarte verrechnet.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    3. Antwort von Werner Caviezel (Angemeldet)
      @ Reuteler Wie oft kommt es vor, dass man nicht weiss wohin die Reise geht? Wohn nicht sehr häufig, ich weiss es eigentlich immer. In der Regel weiss man es beim Billettkauf, sonst kann man ja kein Billett kaufen. Dann kennt man auch den Preis. Wir haben zudem eine Preisbekanntgabeverordnung die vorschreibt, dass der Preis im voraus bekannt gegeben werden muss. Das haben die Airlines auch lange nicht begriffen...... . Wollen wir zu diesen Zuständen zurück?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Hat Jürg Tschirren, SRF Digital, noch nicht begriffen, dass man die Ortungsfunktion beim Handy auch einfach abschalten kann? Oder das Handy überhaupt. Danach kann man locker schwarz fahren bis man schwarz ist, denn damit ist dann auch die App sicher abgestellt ;-)
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von A. Vögeli (avoegeli)
      Eine Ortung ohne GPS ist zwar weniger genau, aber dennoch einfach. Man müsste das Telefon ausschalten, aber dies macht sehr träge, wenn dann unvermittelt ein Controlleur kommen würde. Ausserdem wäre bei eingeschaltenem Handy die App wieder an. Und whs geht diese App nur mit eingeschalteter Ortung. Und wenn man dann die App an und ausschaltet, fällt dies auf.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Paul Moser (PaulM)
    Solange das freiwillig bleibt für diejenigen, denen Daten- und Persönlichkeitsschutz schnuppe ist, ist es mir egal. Wenn man aber als fleissiger ÖV-Benutzer zu so etwas gezwungen wird (wie zum leidigen Swisspass), dann ist für mich fertig lustig. Ein solches App kommt niemals auf mein Handy. Ich habe fertig.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen