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Resistenzen als Gefahr Super-Unkräuter: Schweizer Bauern erleiden immer mehr Verluste

Pflanze Ackerfuchssschwanz.
Legende: Der Ackerfuchsschwanz, Sorge der Landwirte. Seine Ausbreitung führt zu Ertragseinbussen. SRF

Am stärksten betroffen sind die Kantone Genf, Waadt, Bern und Schaffhausen. Die landwirtschaftliche Forschungsanstalt Agroscope verzeichnet bei vier Gräsern und Unkräutern Resistenzen gegen verschiedenste Pestizide. Am meisten Probleme bereitet der Ackerfuchsschwanz.

Legende: Video Bauer Jürg Friederich: «Glyphosat hilft als Einziges» abspielen. Laufzeit 00:18 Minuten.
Aus ECO vom 23.04.2018.

Ein Gras, das bei Bauer Jürg Friederich aus Suberg vor 2 Jahren zum ersten Mal zu massiven finanziellen Schäden geführt hat. Der Ackerfuchsschwanz hat sein Getreidefeld regelrecht überwuchert. «Wir hatten rund 10'000 Franken Ertragseinbussen. Man hat das Getreide fast nicht mehr gesehen. Es war alles grün.»

Glyphosat wirkt – noch

Auch dieses Jahr macht sich der Ackerfuchsschwanz auf seinem Feld breit. Jürg Friederich hat noch ein letztes Mittel zur Verfügung. Allerdings ein höchst umstrittenes. «Glyphosat ist das einzige, mit dem man den Ackerfuchsschwanz noch behandeln kann.»

Im Ausland bereits immense Probleme

Bei Bauer Friederich wirkt Glyphosat noch. Anders im norddeutschen Schleswig-Holstein und Ostfriesland. Dort ist der Ackerfuchsschwanz bereits auch gegen das Totalherbizid resistent. Zu intensiv haben Bauern in den vergangenen Jahren das Pestizid verspritzt. Grund: Es war bequem und billig. Jetzt ist der Ackerfuchsschwanz resistent und verursacht Ertragseinbussen.

Im umliegenden Ausland kämpfen Landwirte mit resistenten Unkräutern. Auf französischen, italienischen und spanischen Äckern: Überall entwickeln sich die Superunkräuter zu einem immer grösseren Problem. In den USA hat sich resistenter Fuchsschwanz gemäss US-Medien bereits auf einer Fläche ausgedehnt, die sechs Mal so gross ist wie die Schweiz. Dort ist der Einsatz von Glyphosat besonders hoch, weil das Pestizid Jahr für Jahr in Kombination mit Gentech-Soja zum Einsatz kommt.

In der Schweiz sind erst wenige Bauern betroffen, weil viele auf eine gute Fruchtfolge achten und keine Monokultur betreiben. Doch das Problem nimmt auch hier zu. In den Waadtländer Weinbergen hat der Bund erste resistente Gräser gegen Glyphosat nachgewiesen.

Chemische Unkrautbekämpfung in der Sackgasse?

Die Superunkräuter bringen nicht nur Bauern, sondern auch Agrochemie-Unternehmen in Bedrängnis. Hans Aeberhard, Verkaufsberater von Syngenta, berät Bauer Jürg Friederich schon seit Jahren in der Unkrautbekämpfung. «Das ist eine schwierige Situation für den Pflanzenschutzmittelberater. Man will dem Kunden eine möglichst gute Strategie empfehlen, um eine möglichst gute Wirkung zu erzielen. Aber das Resistenzproblem macht uns grosse Sorgen.»

Bund mit zweifelhaften Anreizen

Das resistente Unkraut macht sich auf den Feldern von Jürg Friederich erst breit, seit er nicht mehr pflügt. Seit einigen Jahren spritzt er gegen das Unkraut Pestizide und bringt die Saat danach – ohne zu pflügen – direkt in den Boden.

Der Bund fördert diese Anbaumethode, die sogenannte «Direktsaat», mit Subventionen, mit 250 Franken pro Hektar. Die Direktsaat schützt vor Bodenerosion, sie fördert aber auch den Einsatz von Pestiziden. Ein falscher Anreiz?

Legende: Video Victor Kessler, Bundesamt für Landwirtschaft: «Bund ist nicht alleine verantwortlich» abspielen. Laufzeit 00:42 Minuten.
Aus ECO vom 23.04.2018.

Das zuständige Bundesamt für Landwirtschaft wehrt ab. Victor Kessler, Leiter Direktzahlungsprogramme: «Der Bund ist nicht alleine verantwortlich. Die Betriebsleiter haben eine grosse Eigenverantwortung, indem sie Herbizidgruppen und Wirkstoffgruppen selber wählen.»

Bauer Jürg Friederich aus Suberg betont die Bedeutung der Direktzahlungen: «Die Bevölkerung hat mal entschieden, man soll weniger pflügen, man solle die Programme mitmachen mit dem Bund, um Direktzahlungen zu bekommen. Das haben wir immer alles gemacht nach dem Büchlein, wie sie es fordern.»

Legende: Video Hans Aeberhard, Syngenta, über den Frust, weil nichts in der Pipeline ist abspielen. Laufzeit 00:11 Minuten.
Aus ECO vom 23.04.2018.

Das Resultat dieser Förderung sind nun heikle Resistenzen und Ertragsausfälle. Was, wenn auch das letzte Mittel nicht mehr wirkt?

Syngenta-Verkaufsberater Hans Aeberhard sagt dazu: «Dann hoffen wir, dass aus der Pipeline etwas Neues kommt. Unsere Firma ist dran, die haben uns versprochen, dass einiges geht in dieser Beziehung. Aber man darf das ruhig sagen: Seit 20 Jahren gibt es keine neuen Produkte, die gegen den Ackerfuchsschwanz eine sehr gute Wirkung zeigen.»

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51 Kommentare

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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Die intensive Nutzung landwirtschaftlicher Flächen – in der Schweiz ist das etwa im Tiefland der Fall – reduziert die Artenvielfalt der Insekten massiv. Insekten zählen zum Fundament eines Ökosystems. Sie ernähren Vögel, Fische und Frösche – und die Vogelwelt ist bereits am Schwinden. Alle Vögel von Insekten abhängig. Marienkäfer und Schlupfwespen etwa regulieren die Bestände jener Insekten, die unserer Ernte schaden können. Das Ökosystem leidet immer mehr durch Insektizide der Landwirtschaft.
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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Seit Jahrzehnten werden Böden mit üblesten Giften bearbeitet, solche Böden sind krank. Das Insektensterben ist Realität, hat es sich in der Schweiz bald ausgesummt? Bei den Vögeln stehen fast 1500 Arten auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere. Das sind weltweit 13 Prozent aller Vogelarten. In der Schweiz sind dreimal so viele Vogelarten vom Aussterben bedroht sind wie im Rest der Welt. Die LW mit ihren vielen Giften vernichtet immer mehr Arten. Vögel ohne Insekten überleben nicht
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  • Kommentar von Bruno Hochuli (Bruno Hochuli)
    War schon lange abzusehen, dass die Menschheit sich selber vergiftet. Die Pflanzen werden Resistent auf die Gifte, wie der Mensch auf Antibiotika. Die Dummheit und Überheblichkeit der Menschen ist eben nicht zu überbieten. Der Kreis schliesst sich immer schneller. Alle Warnungen wurden als Blödsinn abgetan.
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